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Der Diesseitsbund - Gottgesandt

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Summary

London, 1869. In den ärmeren Vierteln der Stadt herrscht Unruhe. Gräber werden geöffnet, Menschen verschwinden. Der Detektivsergeant Thomas Carpenter und seine Männer tappen im Dunkeln. Eines Abends erhält Thomas eine kuriose Einladung. Helen Moore, die Tochter eines Völkerkundlers, behauptet zu wissen, was hinter den Vorgängen steckt. Aber ihre Vorgehensweise macht Thomas misstrauisch. Dasselbe gilt für ihren Haushalt. Es sind Personen mit seltsamen Hintergründen und Fähigkeiten. Trotzdem erklärt er sich dazu bereit, in die kleine Gruppe eingeführt zu werden, denn es gibt zu viele Dinge, die ihm keine Ruhe lassen - und da wäre noch dieser eine geheimnisvolle Mann, Miss Moores engster Begleiter, der Thomas schon bald völlig in seinen Bann zieht.

Status
3h ago
Chapters
2
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1

I.

„Achtunddreißig Jahre“, sagte der Mann. Er nahm seine Kappe ab. „Achtunddreißig Jahre bin ich bei der Gemeinde beschäftigt. Da erlebt man ’ne Menge. Aber so eine Schweinerei wie das da ist mir noch nie untergekommen.“

Einer der Konstabler räusperte sich.

Der Friedhofswärter ignorierte ihn. Mit einer Hand zerdrückte er seine Kopfbedeckung, mit der zweiten Hand fuhr er sich durch die schütteren Haare. Beide Hände zitterten.

Sie standen zu fünft vor den Überresten des Grabs - ein Detektivsergeant, zwei Konstabler, der Gehilfe des Friedhofswärters und der Friedhofswärter selbst. Wo sich ursprünglich eine Grabplatte befunden hatte, bedeckten jetzt Steinbrocken, Holzsplitter und dünne Wurzeln die Erde, wild durcheinandergeworfen am Rand eines Lochs, das keinen Sarg mehr enthielt.

Manche Menschen verstummten im Angesicht des Unerwarteten. Andere begannen zu plappern. Offenbar zählte der Friedhofswärter zur letzteren Sorte.

„Kann mir schlecht erklären, wer sowas tun sollte“, fuhr er fort und wandte sich an seinen Gehilfen. „Noch gestern haben wir über St. Giles geredet, stimmt’s, Jacob? Wo auch Gräber aufgebrochen worden sind, und da hab’ ich zu dir gemeint, dass muss ein Verrückter gewesen sein. Einer, wo sich ’nen Scherz erlaubt. Hab ich’s zu dir gemeint oder nicht, he?“

Der Gehilfe, ein uraltes, gebeugtes Männlein in zerlumpten Hosen, murmelte in seinen Bart, die Augen niedergeschlagen. Er war merklich nicht interessiert an einer Rekapitulation der gestrigen Unterhaltung.

„Denken Sie das nicht auch, Sir?“ Der Friedhofswärter versuchte es bei Thomas. „Dass sich da einer ’nen Scherz erlaubt?“

Thomas verlagerte sein Gewicht auf das andere Bein. „Schon möglich“, hörte er sich sagen.

Seine Konstabler, die gelernt hatten, seinen Tonfall und seine Körpersprache zu lesen, kümmerten sich um den Wärter. Sie brachten ihn und seinen Gehilfen weg, um sie woanders noch einmal zu befragen. Ihre Stiefel hinterließen tiefe Abdrücke im Friedhofsschlamm.

Es regnete seit dem Morgen.

Thomas warf einen letzten Blick auf das zerstörte Grab. Anschließend betrachtete er die nähere Umgebung. Alles, was weiter entfernt war als zweihundert Schritte, verschwamm in Dunkelheit und klassischem Spätwinternebel. Der Mond versteckte sich hinter graugelben Wolken.

Er erinnerte sich an seinen Vater - nicht an den Trinker, sondern an den Mann aus früheren, friedlicheren Tagen -, der ihm erzählt hatte, woher der Nebel stammte.

,Sperr die Ohren auf, Junge. Möchtest du wissen, wo sie herkommt, diese dicke Suppe da draußen? Die kommt daher, dass das Land unter unseren Straßen Sumpfland ist. Die Nässe steigt aus dem Boden hoch, und wer das nicht glaubt, braucht bloß zu den Kanalbauern zu gehen, oder zu den armen Hunden, die unsere Toten verbuddeln.’

Während sein sumpfiger Untergrund London seit jeher zu schaffen machte, waren die Toten ein neueres und ziemlich ernstes Problem.

Das sah man zum Beispiel am St. Mary’s Friedhof. Obwohl er zu den jüngeren Anlagen gehörte, gab es kaum noch Platz für frische Gräber.

Die Geländemitte starrte vor Mausoleen, Denkmälern und meterhohen Steinkreuzen. Dieser Bereich wurde selten angerührt. Dafür lagen die Toten an den Rändern des Friedhofs schon zu zweit oder zu dritt in ihren Gräbern, wie Thomas vom Priester der Gemeinde erfahren hatte - übereinander, mit je einer dünnen Schicht Erde zwischen den Särgen, falls man sie denn in Särgen beerdigt hatte.

Auf die obersten Verstorbenen schaufelte man noch eine Schicht. Das reichte, um sie dem Auge zu entziehen. Um die Verwesungsgerüche im Boden zu halten, war diese Schicht nicht dick genug. Deshalb stanken die Straßen ringsum, so wie bei den meisten Friedhöfen.

Die Stadt erstickt an ihren eigenen Toten, dachte Thomas. Er ging ein Stück in Richtung Geländemitte. Sie hatte sich eine gewisse Schönheit bewahrt, mit ihren Heiligenstatuen, mit den Nachbildungen berühmter Bürger, mit den zahllosen Engeln.

Thomas’ Gedanken verließen den Friedhof. Es hatte nichts zu sagen, dass der Abend längst angebrochen war. London kannte keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht.

In ein paar Stunden würden sie aufstehen, die ersten Heerscharen von Arbeitern. Sie würden ihre Winkel und Hauseingänge verlassen und die Wohnungen, in denen häufig mehrere Familien auf engstem Raum zusammenlebten. Sie würden auf die Straße treten und ihre allmorgendliche Wanderung einläuten - zum Kaffee- und Suppenverkäufer an der nächsten Ecke, danach zu den großen Höfen und Lagern oder zur Themse, wo Frachtkähne mit Lastenwinden um die Wette ächzten.

Auf viele dieser Menschen warteten zwölf, vierzehn, manchmal sechzehn Stunden Schufterei. Bei Morgengrauen verstopften Fuhrwerke die Gassen, Viehtreiber und ihre Tiere, durchmischt mit Kindern, die Jungen unterwegs zu Werkstätten und Fabriken, die Mädchen mit Henkelkörben über dem Arm, aus denen sie Blumen, Gemüse, Kresse, Seife oder Papierschleifen verkauften.

Sie waren tatsächlich eine Armee, ahnungs- und schutzlos. Und jetzt vergriff sich irgendein kriminelles Element auch noch an ihren Verstorbenen.

Um sich von seiner düsteren Stimmung loszureißen, winkte Thomas einem seiner Konstabler.

„Nehmt die Berichte des Priesters und der Gemeindeangestellten auf“, wies er ihn an. „Danach sollen die Männer Feierabend machen.“

Der Konstabler arbeitete seit Jahren unter Thomas. Das erklärte seine Antwort. „Aye, Sergeant. Übrigens, wir wollen nach dem Dienst los ins ,Lambs and Candles’, was trinken. Kommen Sie mit?“

„Danke, nein.“ Ihm stand der Sinn nicht nach Gesellschaft.

Das ,Lambs and Candles’ wurde traditionell von Vertretern seiner eigenen Berufsgruppe besucht. Wenn er sich seinen Untergebenen anschloss, würde er nicht bloß mit ihnen reden müssen, sondern auch mit Konstablern, Sergeanten und Inspektoren anderer Bezirke. Darauf hatte er heute Abend keine Lust.

„Na schön. Dann eine gute Nacht, Sergeant.“

„Dir ebenso, Ralph.“

Nachdem er die restlichen Männer der Truppe und die Polizeikräfte von North Kensington verabschiedet hatte, kehrte Thomas dem Friedhof den Rücken. Da der Regen an Stärke zulegte, nahm er sich an der Harrow Road eine Droschke, obwohl er lieber gelaufen wäre.

Eine Dreiviertelstunde später erreichte er seinen Dienstbezirk, City of London. Als er aus der Droschke stieg, schlug es von St. Paul’s her elf.

Um diese Zeit war es schwierig, mitten in der Stadt einen ungestörten Platz zu finden. Zum Glück entdeckte Thomas im ,The Old Bell Tavern’ einen freien Fenstertisch. Er bestellte einen Pint Ale, schob den zweiten Stuhl in eine Ecke, damit nur ja niemand auf die Idee kam, ihm Gesellschaft zu leisten, und setzte sich. Seine Hosen waren bis zu den Knien hinauf regennass, seine Stiefel mit Schlamm bespritzt.

Im Verlauf der nächsten Minuten stellte sich heraus, dass sein Plan, sich in der Stadt abzulenken, gründlich fehlschlug. Vielleicht war er zu sehr Polizist.

Den Posten eines Detektivsergeanten im Dienst Ihrer Majestät hatte er seit zwei Jahren inne. Sein Monatslohn erlaubte ihm eine bescheidene Unterkunft, Ausflüge in jeden Winkel Londons und genügend Pints, um sich standesgemäß zu betrinken. Bei den niedrigeren Rängen war er beliebt - bei den höheren Rängen nicht unbedingt. Sie vertraten ihre eigene Ansicht zu unerklärlichen Vorfällen.

Erst letzte Woche hatte ihn der Chefsuperintendent der drei Reviere London-Stadt, Whitechapel und Limehouse beiseite genommen und ihm mitgeteilt, so viele Konstabler für ,nebensächliche Fälle’ abzustellen, könne nicht länger bewilligt werden. Die Entführungen von Prostituierten und Einwanderern müsse man später bearbeiten, solange namhafte Bürger dringende Anliegen hätten. Außerdem seien die Grabschändungen auf den Armenfriedhöfen zwar bedauerlich, aber wohl kaum wichtig genug, damit Polizisten durch aufgewühlte Erde stapften, vor Toren herumlungerten und lauter Aufgaben erfüllten, die es mit sich brachten, dass ebendiese Polizisten an anderen Schauplätzen fehlten.

Thomas hatte den Chefsuperintendent gefragt, ob ihm - mit Verlaub - klar sei, dass allein in diesem Monat auf dem Kirchfriedhof von St. Giles an die zwanzig Gräber geöffnet worden seien und man keine Spur ihrer Insassen gefunden habe, und ob er wisse, dass wöchentlich an die vierzig Vermisstenmeldungen bei den drei Revieren eingingen.

Der Chefsuperintendent hatte sich im Gegenzug danach erkundigt, ob der Herr Detektivsergeant Zeitung lese. Falls ja, so werde ihm sicherlich aufgefallen sein, dass sich die Obrigkeit inzwischen über die Aufgabenverteilung in den Revieren wundere. Namen seien bislang keine genannt worden, doch bis es dazu komme, vergehe wahrscheinlich nicht mehr viel Zeit. Dann stehe er, der Chefsuperintendent, als ein Idiot da, der sich von seinen Sergeanten das Heft aus der Hand nehmen ließ.

Im ,The Old Bell Tavern’ schwatzten die Gäste. Ja, vielleicht war er zu sehr Polizist. Natürlich rückte ihm die Stadt auf den Pelz, wenn er in ihr herumstromerte, wo er friedlich auf seinem Zimmer hätte hocken sollen.

Denn er hing an London, zum Guten oder zum Schlechten. Hinterbliebene darüber zu unterrichten, jemand habe ihre Toten weggeschafft, war falsch. Weinende Prostituierte und Zugereiste mit der verlogenen Aussage wegzuschicken, man tue alles, um ihre entführten Freunde und Angehörigen wiederzufinden, war noch falscher.

Thomas wischte einen Tropfen ab, der am Glas hinunterlief. Dann fasste er den Ausschankraum ins Auge. Der Betrieb hatte zugenommen. Er schätzte die Zahl der Gäste auf mindestens achtzig.

Die meisten kamen aus der Nachbarschaft, von der Isle of Dogs und vom Themseufer - einfache Händler, Ladenbesitzer und Handwerker, ergänzt um leicht verwahrloste, mechanisch offenherzige Frauen und ein buntes Sammelsurium aus Zuhältern und Matrosen.

Zwei, drei Dutzend Gesichter waren Thomas bekannt. Er vermutete, dass das umgekehrt genauso galt. Die Gefahr, dass ihn irgendjemand störte, wuchs mit jeder Minute. Er würde austrinken, zahlen und sich auf den Heimweg machen.

Das ,The Old Bell Tavern’ lag in der Fleet Street, an die fünfhundert Meter vom Fluss entfernt. Er brauchte nur südwärts zu gehen, über die Themse, und wäre binnen einer halben Stunde daheim in seinem Zimmer in Southwark.

Morgen früh um sieben begann seine Schicht. Er musste Konstabler von ihren Posten abziehen. Er musste die eingetroffenen Verbrechensmeldungen durchlesen und die Männer neu verteilen. Und vor allem musste er sich darum bemühen, die innere Unruhe niederzuhalten, die ihm seit Wochen erklären wollte, dass in der Stadt etwas vor sich ging, etwas Größeres, noch Schlimmeres als Grabschändungen und das Verschwinden von Prostituierten und Immigranten.

Ein grüner, abgewetzter Rock strandete an seinem Tisch. „So ganz allein?“, fragte eine Frauenstimme.

Thomas schaute an der Trägerin des Rocks hinauf. „Beth.“

Die Prostituierte war ungefähr fünfzehn Jahre älter als er. Man kannte einander, das bewies Beths Mangel an Zurückhaltung. Sie hatte anscheinend eine Menge getrunken. Ihre Stimme klang verwaschen. „Immer noch der ehrbare Herr Polizeigesandte, was? Gibt ein paar Mädchen unter meiner Fittiche, die Tür an Tür mit dir aufgewachsen sind. Aber der Herr Polizeigesandte ist sich ja zu fein für unsereins.“

Er lächelte flüchtig. „Unsinn.“

„Kein Unsinn.“ Sie stemmte eine Faust auf seinen Tisch und beugte sich vor. Ihr Busen quoll ihr fast aus dem Ausschnitt. Ihr Gesicht, im Kontrast dazu, war stahlhart. „Ich weiß Bescheid. Ich weiß, welche Art von Gesellschaft der feine Herr Polizeigesandte bevorzugt.“

Der Geräuschpegel im Ausschankraum überdeckte ihr Gespräch. Trotzdem spürte Thomas, wie sich sein Puls beschleunigte.

Beth musterte ihn. Dann richtete sie sich auf, zog die Nase hoch und spuckte ihm gekonnt neben die übereinander gelegten Stiefel. Sie schaffte es, eine geradezu königliche Drehung zu vollführen, und schlenderte zurück zur Bar.

Thomas folgte ihr mit den Augen. Er hätte nicht herkommen dürfen, das begriff er jetzt. Als er wieder auf seine Umgebung achtete, stand der nächste Besucher da.

Der Mann war wie aus dem Nichts herangeflossen. Sein Alter ließ sich schlecht bestimmen. Er trug einfache, aber saubere Sachen - einen dunklen Hausanzug samt kurzem Überrock und Halstuch. Seine Körpergröße war nicht der Rede wert, sein Gesicht braun, bartlos, mit hohen Wangenknochen und schmalen Augen, sein zum Nackenzopf zusammengebundenes Haar so schwarz, dass es einen bläulichen Schimmer hatte. Er wartete in einer Haltung, die nachgiebig wirkte, ohne unterwürfig zu sein.

Thomas unterdrückte den Impuls, sich im Stuhl aufzusetzen. Irgendetwas an diesem kleinen Mann beunruhigte ihn.

„Kann ich Ihnen helfen?“, fragte er, nachdem Sekunden verstrichen waren und sein Besucher kein Anzeichen dafür gegeben hatte, sich demnächst erklären zu wollen.

Der Mann neigte den Kopf. „Sie sind Sir Thomas Carpenter?“, erkundigte er sich mit einem zähen Akzent und einer hohen, fast kindlichen Stimme.

„Wer möchte das wissen?“, entgegnete Thomas.

Er hatte erst einen Dreiviertelpint intus und war bei weitem zu nüchtern, um die Begegnung dem Zufall zuzuschreiben.

„Es wünscht Sie jemand zu sprechen“, sagte der Mann.

Thomas verzog den Mund zur Parodie eines Lächelns. „Gern. Ich habe noch ein paar Schluck Ale im Glas. Bis die ausgetrunken sind, werde ich sitzen, wo ich sitze, und mir meinetwegen anhören, was Ihr Auftraggeber von mir will.“

Er war neugierig darauf, wie sein Gegenüber die Sätze auffassen würde. Tatsächlich bewegte sich der kleine Mann nervös. Sein Unbehagen wurde sicherlich durch die Tatsache verstärkt, dass die ersten Gäste des Pubs ihn stirnrunzelnd beäugten. „Es wünscht Sie jemand zu sprechen“, wiederholte er.

„Na, das weiß ich ja nun schon.“

Sie starrten einander an. Thomas bemühte sich, aus den merkwürdig alterslosen Zügen eine Absicht herauszulesen. Er hatte keinen Erfolg damit.

Jetzt griff der kleine Mann in seine Jackentasche. Er legte eine Karte auf den Tisch, wandte sich ab und verschwand im Gästepulk vor dem Eingang.

„Ärger?“, fragte der Barkeeper und baute sich neben Thomas auf.

Auch diesmal kannte man sich. Die Pubbesitzer und die Londoner Polizisten pflegten notgedrungen einen pragmatisch-höflichen Umgang, weil die Interessen - möglichst geordnete Verhältnisse, möglichst geringe Risiken durch Banden, Trickbetrüger und Diebe - ähnlich gelagert waren.

„Schwer zu sagen“, antwortete Thomas.

Dann holte die Situation ihn ein. Er fischte die Karte von der Tischplatte, erhob sich, zahlte und drängte sich an Trauben palavernder Gäste vorbei zur Tür.

Draußen empfing ihn eine Szenerie, mit der er aufgewachsen war. Mindestens dreistöckige, leicht nach vorn geneigte Häuser säumten die Straße, auf der es trotz der späten Stunde vor Menschen wimmelte. Fußgänger wanderten herum. Ladeninhaber verbarrikadierten ihre Fenster und Durchreichen für die kurze nächtliche Verkaufspause. Angestellte, unter ihnen Jungen im Alter von durchschnittlich acht bis zehn Jahren, fegten die Pflastersteine, auf denen die Pferde hunderter Kutschen dampfenden Unrat hinterlassen hatten. Letzte Dienstboten wichen den Besen und dem aufgestapelten Kot genauso aus wie den angetrunkenen Prostituierten.

Es stank nach Mist, nach verfaultem Gemüse, nach Holzlack, nach Urin und aus den Türen der offenen Pubs nach Zigarrenrauch und schalem Bier. Der Atem der Menschen hing als Dunst in der Winterkälte. Abfallhaufen dampften. Alles zusammen stieg gemächlich himmelwärts, um sich über den Dächern mit Londons gewaltigem Miasma zu vereinigen.

Thomas musterte die Straße. Eine gedrungene Gestalt im dunklen Anzug entdeckte er nirgendwo. Er lehnte sich neben der Tür des ,The Old Bell Tavern’ an die Hauswand und überlegte, dass es vermutlich das Klügste war, endlich heimzugehen.

Da fiel ihm in einem der Hauseingänge rechter Hand ein Umriss auf. Es war bloß ein Schatten unter Schatten. Doch Thomas hatte auf einmal das sichere Gefühl, beobachtet zu werden.

Er rannte los.

Vor ihm, Meter entfernt, huschte der Schatten auf die Straße. Er war unglaublich schlecht zu sehen. Vielleicht hatte er dieselbe lästige Fähigkeit, mit der Umgebung eins zu werden, wie viele Beutelschneider.

Drei Straßenecken und viele angerempelte Passanten weiter hielt Thomas an, in dem Wissen, dass er seinen Beobachter nicht einholen würde. Die Gassen, die von der Fleet Street aus ins Gedärm des Viertels führten, hatten zahllose pechschwarze Winkel für einen Gauner im Angebot, der sich verstecken wollte.

Er erinnerte sich daran, dass er etwas in der Hand hielt. Er konnte die Karte wegwerfen. Er konnte sie zu einem knittrigen Ball zusammendrücken und wegwerfen und in sieben, acht Stunden ausgeruht und innerlich gesammelt zum Dienst erscheinen.

Unter den Fenstern eines eleganteren Pubs war das Licht am besten. Hier studierte Thomas die Karte. Sie trug die gedruckte Aufschrift ,H. Moore, Belgrave Lane 26, Knightsbridge’.

Er drehte sie um. Auf ihrer Rückseite las er in engen, handgeschriebenen Buchstaben ,Mittwoch, sieben Uhr dreißig. Wenn Sie an die Gräber und die Vermissten denken, Mr. Carpenter, und sich Ihrer Stadt verpflichtet fühlen, so kommen Sie.’

Nach einer Weile merkte er, dass er die Brauen fest genug zusammengezogen hatte, damit es wehtat. In London lebten nicht nur normale Leute, sondern auch Exzentriker, Huren mit einem Sinn für verbotene Vorlieben, kleine Diener mit Kinderstimmen, und huschende Schatten. Unter ihnen gab es bestimmt Platz für einen Polizisten im gehobenen Dienst, der Gespenster sah und sich deshalb vor Gott und der Welt zum Narren machte.

Ein Flüstern hob an, hinter seiner Stirn. Etwas stimmt nicht, Thomas, sagte ihm dieses Flüstern. Wenn du eben erst aufwachst und alles um dich herum noch dem Reich der Träume oder der alten Legenden entspringen könnte, bist du einen Schritt näher an der Wahrheit. Dann aber schließt der Tag zu dir auf und will dir einreden, dass du dich irrst, dass es sich um die Hirngespinste eines im Grunde lächerlich ungebildeten Kerls handelt, der sich anmaßt, Zusammenhänge aufzudecken, wo gar keine sind.

Minuten krochen vorbei. Er starrte auf die betriebsame Straße, auf all diese Menschen, deren Schutz und Wohl er sich verschworen hatte. Schließlich steckte er die Karte ein.

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