JENNY
Der kalte Wind blies durch die Schluchten von New York. Schneeregen peitschte mir ins Gesicht. Ich zog meine viel zu dΓΌnne Jacke enger zusammen. Meine Schuhe taugten absolut nicht fΓΌr den matschigen Schnee auf dem BΓΌrgersteig, der die Stadt kurz vor den Feiertagen im Griff hatte.
Vor mir ragte der Vance Tower in die HΓΆhe. Ein gigantischer Palast aus Glas und dunklem Stahl. Die Spitze verschwand irgendwo oben in den grauen Winterwolken.
Ich drΓΌckte die schwere GlastΓΌr auf. Die KΓ€lte blieb drauΓen.
Im Inneren empfing mich eine Wand aus warmer Luft. Es roch nach frischem Bohnenkaffee, teurer Seife und β passend zum Dezember β einem Hauch von Zimt und TannengrΓΌn. Trotz der riesigen, eleganten Weihnachtstanne in der Mitte der Halle wirkte das GebΓ€ude alles andere als besinnlich.
Der weiΓe Steinboden glΓ€nzte so stark wie ein Spiegel. Γberall hasteten MΓ€nner und Frauen in dunklen DesignerkostΓΌmen und MaΓanzΓΌgen aneinander vorbei. Alle starrten stur auf ihre Handys oder die AufzΓΌge. Niemand lachte. Jeder Schritt hallte von den meterhohen WΓ€nden zurΓΌck. Hier herrschte das pure, kalte Business.
Ich nahm den groΓen Becher mit dem Chai Latte fest in beide HΓ€nde. Die Pappe fΓΌhlte sich heiΓ an. Der Duft von Zimt und warmem Milchschaum stieg mir in die Nase. Das weihnachtliche GetrΓ€nk beruhigte mein rasendes Herz ein wenig.
Unter meinem Arm klemmte ein schwarzes Klemmbrett. Darin lagen meine Event-Konzepte, mein Lebenslauf und die Budgetberechnungen fΓΌr meine letzten Projekte. Ich hatte die ganze Nacht an diesen BlΓ€ttern gearbeitet, um das perfekte Weihnachtskonzept fΓΌr die exklusiven First-Class-FlΓΌge der Firma zu entwerfen.
Mein Erspartes war komplett aufgebraucht. Die Miete fΓΌr meine kleine Wohnung war ΓΌberfΓ€llig. Wenn ich diese Stelle als Event-Beraterin bei Vance Aero heute nicht bekam, war mein eigenes Weihnachtsfest ruiniert und ich hatte ein riesiges Problem.
Ich lief zu dem Empfangsschalter in der Mitte der Halle. Dahinter saΓ ein Mann in einer tiefblauen Uniform.
βGuten Tag. Ich habe einen Termin bei Mr. Millerβ, sagte ich.
Der Mann blickte nicht einmal auf. Seine Finger tippten in mΓΆrderischem Tempo auf die Tastatur. Nach ein paar Sekunden reichte er mir ein Schild aus Plastik an einem schwarzen Band.
βSechzehnte Etage. Aufzug B. Halten Sie das Schild an die Schrankeβ, sagte er im Kommandoton.
βDanke.β Ich hΓ€ngte mir das Band um den Hals.
An der weiΓen Schranke hielt ich das Plastik vor den Leser. Ein Signal piepte. Die Metallsperre gab den Weg frei. Ich ging durch die LΓΌcke und stellte mich in den Wartebereich vor Aufzug B.
An der Wand hing eine Digitaluhr. Rote Zahlen zeigten 8:51 Uhr an. Ich hatte noch genau neun Minuten Zeit.
Ich blickte in das spiegelnde Glas der Schranke. Drei Tage lang hatte ich mich auf dieses GesprΓ€ch vorbereitet. Ich hatte die Internetseite der Firma studiert und Dutzende Zeitungsartikel gelesen. Das Bild des Chefs hatte sich in mein GedΓ€chtnis eingebrannt: ein unnahbares, makelloses Gesicht auf dem Titelblatt eines groΓen Wirtschaftsmagazins. Der KΓΆnig der LΓΌfte.
Ruhig bleiben, dachte ich. Du weiΓt, was du kannst. Deine Weihnachtskonzepte sind die besten.
Ich stellte mich exakt hinter die gelbe Sicherheitslinie auf dem Boden. Ich nahm den Becher wieder mit beiden HΓ€nden. Warmes Holz und frische Kiefernnadeln β so roch es hier drinnen.
Ein Pfeil ΓΌber der TΓΌr von Aufzug 4 leuchtete weiΓ auf. Ein heller Ton ertΓΆnte. Die TΓΌr aus Metall schob sich zur Seite.
Ich hob den FuΓ, um einzusteigen.
In diesem Moment schoss ein Mann aus der Kabine.
Er schaute nicht auf den Weg. Er trug eine Ledermappe unter dem Arm und rannte einfach los. Seine Schulter knallte mit voller Wucht gegen meine Seite.
Der StoΓ schleuderte mich nach hinten. Mein FuΓ rutschte auf dem glatten Steinboden aus. Das Klemmbrett entglitt meinen Fingern und flog in hohem Bogen durch die Luft. Die Klemme lΓΆste sich. Die weiΓen Zettel mit meinen Konzepten segelten ΓΌber den feuchten, schmutzigen Boden.
Gleichzeitig flog der Deckel von meinem Becher. Der heiΓe Chai Latte kippte nach vorn β und ergoss sich direkt ΓΌber die Brust des Mannes.
Ein riesiger, dunkler Fleck breitete sich sofort auf seinem hellgrauen Mantel aus. Die Milch tropfte auf seine Hose und auf seine dunklen Lederschuhe. Der sΓΌΓe Geruch von WeihnachtsgewΓΌrzen stieg intensiv auf.
βWas zur HΓΆlle!β, zischte er.
Ich hielt mich gerade noch am TΓΌrrahmen fest, um nicht ganz zu stΓΌrzen, und ging in die Knie. Meine Finger zitterten, als ich die nassen Papiere vom Boden aufhob. Die RΓ€nder saugten sich sofort mit dem Kaffee-Matsch-Gemisch voll. Meine Skizzen fΓΌr die weihnachtliche Kabinendekoration waren ruiniert.
βDas tut mir leidβ, sagte ich hastig. Ich suchte in meiner Tasche nach einem Taschentuch. Ich fand nur einen alten Kassenzettel. βAber Sie rennen auch einfach aus der Kabine heraus!β
Der Mann blieb stehen. Er starrte fassungslos auf seinen Mantel hinab. Dann sah er mich an.
Ich blickte auf. In diesem Augenblick erkannte ich die scharfen GesichtszΓΌge sofort wieder. Die kalten, dunklen Augen. Das makellos rasierte, markante Kinn. Die konzentrierte Stirn. Es war das Gesicht vom Foto der Firmen-Website. Das Gesicht vom Titelblatt des Magazins.
Vor mir stand Julian Vance. Der Besitzer des gesamten Imperiums.
Er schaute mich von oben herab an. Seine Augen verengten sich zu gefΓ€hrlichen Schlitzen.
βHaben Sie keine Augen im Kopf?β, fragte er. Seine Stimme klang leise, aber schneidend scharf. βIch habe ein wichtiges Telefonat mit London.β
In mir zog sich alles zusammen. Die nackte Angst schnΓΌrte mir die Kehle zu. Aber seine unfassbar arrogante Art weckte plΓΆtzlich meinen Stolz. Ich sammelte das letzte, vΓΆllig ruinierte Blatt auf und stand auf. Ich richtete meinen RΓΌcken gerade auf.
βUnd ich habe ein VorstellungsgesprΓ€ch!β, entgegnete ich laut. Ich zeigte mit dem Finger auf die Markierung am Boden. βIch stand hinter der Linie. Sie sind aus dem Aufzug gerannt, ohne zu schauen. Sie haben mich gerammt, Mr. Vance.β
Er zog eine Augenbraue nach oben. Anscheinend widersprach ihm in diesem GebΓ€ude selten jemand. Wenn ΓΌberhaupt jemals.
Sein Blick wanderte herab zu den nassen, braun gefleckten Papieren in meiner Hand.
βVance Aero schΓ€tzt PΓΌnktlichkeit und Strukturβ, sagte er knapp und sah angewidert auf das weihnachtliche Chaos zu unseren FΓΌΓen. βSie bringen Unordnung.β
Er griff in sein maΓgeschneidertes Sakko. Er zog eine schwarze Karte aus Plastik hervor. Er schob die Karte vor und drΓΌckte sie mir direkt gegen meine HandflΓ€che.
βReinigen Sie den Mantelβ, befahl er kalt. βGeben Sie die Rechnung in meinem BΓΌro ab. Morgen frΓΌh um acht Uhr erwarte ich Ersatz.β
Das Plastik fΓΌhlte sich eiskalt an. Er sprach mit mir wie mit einer Bettlerin auf der StraΓe. Er sah mich nicht einmal richtig an, wΓ€hrend er den Befehl erteilte.
Mein Gesicht wurde glΓΌhend heiΓ. Meine Sorge wegen des Termins verflog in einer Sekunde. Was ΓΌbrig blieb, war reine, kochende Wut.
Ich nahm die Plastikkarte. Und drΓΌckte sie ihm mit Schwung zurΓΌck gegen die Brust. Genau auf den feuchten, weihnachtlich duftenden Fleck.
βIch brauche Ihr Geld nicht, Mr. Vanceβ, sagte ich laut und ΓΌbertrieben deutlich. βIch bin keine Hilfskraft. Ich bin Event-Beraterin. Waschen Sie Ihren Mantel selbst.β
Sein Mund blieb einen Spalt breit offen stehen. Er schwieg.
Ich drehte mich auf dem Absatz um, drΓΌckte auf den Knopf im Aufzug und stieg in die Kabine. Die TΓΌren aus Metall schob sich langsam zu.
Im schmaler werdenden Spalt sah ich ihn ein letztes Mal. Julian Vance stand regungslos da. Die schwarze Karte hielt er lose in den Fingern. Der braune Fleck prangte mitten auf seiner Brust. Er schaute durch die LΓΌcke direkt in meine Augen.








