Das Mädchen im Wald
Eine Welt zwischen Mensch und Drache
In dieser Welt waren Drachen keine gewöhnlichen Tiere. Sie waren Wesen, die zwischen zwei Gestalten wechseln konnten. In ihrer menschlichen Form sahen sie aus wie gewöhnliche Menschen, doch in ihrer wahren Gestalt waren sie mächtige Drachen. Jeder von ihnen wurde als Mensch geboren und entwickelte irgendwann die Fähigkeit, sich zu verwandeln. Manche entdeckten diese Gabe bereits als Kinder, andere erst viele Jahre später.
Unter den Drachen gab es drei große Clans: den Jorvik-Clan, den Caldrek-Clan und den geheimnisvollen Mortis-Clan. Zwischen ihnen herrschte seit Generationen Misstrauen, und besonders Jorvik und Caldrek standen sich feindselig gegenüber. Doch von all dem wusste ein kleines Mädchen noch nichts. Elaria war gerade einmal fünf Jahre alt und kannte weder die Namen der Clans noch die Geschichten, die zwischen ihnen geschrieben worden waren. Sie wusste nur, dass sie ihre Mutter verloren hatte.
Elaria rannte so schnell sie konnte durch den Wald. Ihre kleinen Beine wurden mit jedem Schritt schwerer, während Äste gegen ihre Arme schlugen und feuchte Blätter unter ihren Schuhen wegrutschten. Immer wieder drehte sie sich um, in der Hoffnung, ihre Mutter hinter sich zu sehen.
„Mama!“
Nichts.
Nur der Wind rauschte durch die Baumkronen.
Elaria blieb stehen und rang nach Luft. Tränen sammelten sich in ihren Augen, als sie sich langsam um ihre eigene Achse drehte. Die Bäume sahen alle gleich aus. Hohe, dunkle Stämme ragten vor ihr auf, und zwischen ihnen hing dichter Nebel. Sie wusste nicht mehr, aus welcher Richtung sie gekommen war.
Vor einer Weile war ihre Mutter noch bei ihr gewesen. Sie hatte Elaria durch den Wald geführt und dabei kaum ein Wort gesagt. Elaria hatte immer wieder gefragt, wohin sie gingen, doch ihre Mutter hatte nur ihre Hand fester gedrückt.
„Du musst mir vertrauen.“
Das waren die letzten Worte gewesen, die sie gehört hatte.
Dann hatte ihre Mutter sie an einer Stelle im Wald zurückgelassen.
„Warte hier.“
„Wie lange?“, hatte Elaria gefragt.
Ihre Mutter hatte sie lange angesehen, bevor sie geantwortet hatte.
„Nicht lange.“
Elaria hatte ihr geglaubt. Natürlich hatte sie das. Sie war fünf Jahre alt. Für sie war ihre Mutter die Person, die immer wusste, was zu tun war. Also hatte sie sich auf einen Baumstamm gesetzt und gewartet. Eine Minute. Zwei. Zehn. Irgendwann war die Angst größer geworden als ihr Vertrauen. Sie hatte angefangen zu weinen und war schließlich losgelaufen, um ihre Mutter zu suchen.
Jetzt wusste sie nicht einmal mehr, wo sie war.
„Mama ...“
Ihre Stimme war kaum zu hören. Elaria wischte sich mit dem Ärmel über die Wangen und zwang sich weiterzugehen. Mama hatte gesagt, sie solle mutig sein. Also musste sie mutig sein. Sie setzte einen Fuß vor den anderen und versuchte, nicht darüber nachzudenken, wie allein sie war.
Dann blieb ihr Fuß an einer Wurzel hängen.
„Ah!“
Elaria stolperte und verlor das Gleichgewicht. Ihre kleinen Hände griffen ins Leere, bevor sie nach vorne fiel. Ihre Knie schlugen hart auf dem feuchten Waldboden auf. Einen Moment blieb sie einfach liegen. Dann hob sie langsam die Hände und sah den Schlamm an ihren Fingern.
Es tat weh.
Sehr weh.
Elaria setzte sich auf und betrachtete ihre aufgeschürften Knie. Ihre Unterlippe begann zu zittern. Sie versuchte, die Tränen zurückzuhalten, doch es funktionierte nicht. Die erste Träne lief über ihre Wange, dann die nächste.
„Mama ...“
Elaria zog ihre Knie an die Brust und begann zu weinen. Diesmal versuchte sie nicht einmal mehr, leise zu sein.
„Ich will nach Hause.“
Doch der Wald gab ihr keine Antwort.
Was Elaria nicht wusste, war, dass sie längst nicht mehr allein war.
Zwischen den Bäumen stand ein Drache.
Seine dunklen Schuppen verschmolzen beinahe mit den Schatten des Waldes. Er hatte das kleine Mädchen schon eine Weile beobachtet. Seine Augen lagen fest auf ihr, während er langsam näher kam.
Roan.
Ein Drache des Caldrek-Clans.
Er wusste nicht, woher das Menschenkind gekommen war. Er wusste nur, dass es sich mitten in einem Gebiet befand, in dem es nichts zu suchen hatte. Ein Menschenkind, ganz allein und ohne jeden Schutz.
Roan blieb stehen und musterte Elaria. Seine Krallen bohrten sich in den feuchten Boden. Ein leises Knurren drang aus seiner Kehle, während er seinen Kopf senkte. Das Mädchen bemerkte ihn nicht. Sie weinte noch immer und hatte das Gesicht in ihren Armen verborgen.
Roan spannte seine Muskeln an.
Ein schneller Angriff.
Mehr würde es nicht brauchen.
Er ging einen Schritt nach vorne.
Dann noch einen.
Elaria hob plötzlich den Kopf. Ihre Augen waren rot vom Weinen, doch sie konnte im dichten Wald nichts erkennen. Sie hörte nur ein tiefes, fremdes Geräusch.
Roan öffnete sein Maul.
Tief in seiner Kehle begann es rot zu glühen.
Dann brüllte er.
Das Geräusch raste durch den gesamten Wald. Vögel schossen erschrocken aus den Baumkronen, Blätter wirbelten durch die Luft und Elaria presste sich mit einem Aufschrei gegen den Baum hinter ihr.
Zur selben Zeit befand sich Rory nicht weit entfernt.
Das Brüllen ließ sie augenblicklich erstarren.
Für einen Moment bewegte sie sich nicht.
Dann veränderte sich ihr Blick.
Sie kannte dieses Brüllen.
Sie kannte diese Stimme.
Roan.
„Nein ...“
Rory drehte den Kopf in Richtung des Waldes.
Noch bevor sie einen weiteren Gedanken fassen konnte, rannte sie los.
Ihre Schritte wurden schneller.
Der Wind peitschte ihr ins Gesicht.
Und dann spürte sie es.
Diese vertraute Kraft, die tief in ihrem Inneren schlummerte.
Rory schloss für einen kurzen Moment die Augen.
Sie atmete tief ein.
Dann ließ sie los.
Die Verwandlung begann.
Zuerst verkrampften sich ihre Finger. Ihre Hände zitterten, während sich die Knochen darunter verschoben. Ein schmerzhaftes Knacken durchfuhr ihre Finger, und ihre Nägel wurden länger, härter und schärfer, bis daraus kräftige schwarze Krallen geworden waren.
Rory keuchte auf.
Ihre Wirbelsäule bog sich nach hinten.
Ein weiterer Ruck ging durch ihren Körper.
Schuppen brachen aus ihrer Haut hervor. Erst vereinzelt an ihren Armen, dann immer schneller. Dunkelbraune Schuppen zogen sich über ihre Schultern, ihren Rücken und ihre Beine, bis kaum noch menschliche Haut zu sehen war.
Ihre Arme wurden länger.
Ihre Beine knickten kurz unter ihr weg und veränderten ihre Form, bevor sie sich wieder aufrichteten. Muskeln spannten sich unter den Schuppen an.
Rorys Atem wurde tiefer.
Schwerer.
Ein tiefes Grollen vibrierte in ihrer Brust.
Dann breitete sich ein brennender Schmerz über ihren Rücken aus.
Zwei gewaltige Flügel brachen aus ihrem Rücken hervor.
Sie rissen durch ihre Kleidung und schlugen mit solcher Kraft nach außen, dass Blätter und Äste durch die Luft geschleudert wurden.
Ihr Körper wuchs weiter.
Ihre Schultern wurden breiter.
Ihre Schnauze verlängerte sich.
Ihre Zähne wurden zu langen, scharfen Fangzähnen.
Die letzten Reste ihrer menschlichen Gestalt verschwanden unter den dunklen Schuppen.
Rory stieß sich vom Boden ab.
Ein gewaltiger Flügelschlag ließ die Bäume um sie herum erzittern.
Jetzt war sie kein Mensch mehr.
Sie war ein Drache.
Ein großer, dunkelbrauner Drache mit kräftigen Flügeln, scharfen Hörnern und goldenen Augen.
Und sie flog.

Das Brüllen hatte sie zu Roan geführt.
Rory schoss zwischen den Bäumen hindurch, bis sie die Lichtung erreichte.
Dann sah sie ihn.
Roan.
Und vor ihm—
ein kleines Mädchen.
Rorys Herz setzte für einen Moment aus.
Elaria saß auf dem Boden und presste sich mit dem Rücken gegen einen Baum. Ihr Gesicht war voller Tränen.
Roan stand direkt vor ihr.
Seine Klaue hob sich.
Rory dachte nicht nach.
Sie stürzte aus dem Himmel.
Mit einem gewaltigen Schlag ihrer Flügel schoss sie nach unten und landete zwischen Roan und dem Mädchen.
Der Boden bebte.
Erde und Blätter wurden aufgewirbelt.
Rory riss ihre Flügel auseinander und stellte sich schützend vor Elaria.
Ein tiefes Knurren drang aus ihrer Kehle.
Roan wich einen Schritt zurück.
Rorys Augen fixierten ihn.
„Wag es.“
Roan fletschte die Zähne.
„Geh mir aus dem Weg, Rory.“
Rory bewegte sich keinen Zentimeter.
Hinter ihr hörte sie das leise Schluchzen des Kindes.
Ihre Krallen gruben sich tiefer in die Erde.
„Nein.“
Roan knurrte.
„Du weißt nicht, wer sie ist.“
Rorys Augen verengten sich.
„Das ist mir egal.“
Roan sah an ihr vorbei zu Elaria.
„Das sollte es aber.“
Für einen Moment herrschte absolute Stille.
Nur der Wind bewegte die Blätter.
Rory blieb zwischen Roan und dem kleinen Mädchen stehen.
Sie wusste nicht, wer Elaria war.
Sie wusste nicht, woher sie kam.
Und sie wusste nicht, warum Roan sie töten wollte.
Aber eines wusste sie ganz sicher:
Er würde dieses Kind nicht bekommen.

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