Kapitel 1
Prolog - Jahre zuvor
Der Mond verbarg sein Antlitz.
Kein Wolkenschleier nahm ihm das Licht - der Himmel stand schwarz und leer, als hätte sich selbst die Nacht von der Lumea-Kapelle abgewandt.
Unter ihrem Dach brannten Kerzen. Ihr Schein reichte nicht bis in die versteckten Winkel. Dort, wo das Licht endete, begann etwas anderes — ein dunkles Summen, zu tief für menschliche Ohren, ein Zittern, das durch den Stein kroch wie eisigkaltes Wasser durch Wurzeln, das kein Leben spendete, sondern es nahm.
Stimmen erklangen. Ein Gesang, der monoton und eindringlich tief in die Körper zog. Ein Murmeln, das sich in sich selbst wand, in einer Sprache, älter als jedes bekannte Wort.
Wir bringen dir, was du forderst.
Nimm es, und lass die Ernte reifen.
Nimm es, und schweige nicht wieder.
Ein Stöhnen erklang, wild, fast unmenschlich. Der Leidensschrei einer Frau zerriss den monotonen Gesang. Das Stöhnen wurde wilder, der Atem hektischer, ein lautes Keuchen erfüllte die heilige Kapelle mit unheiligen, animalischen Lauten. Das helle Wehklagen verblasste unter den dunklen, gutturalen Geräuschen. Dann ein letzter Schrei, ein inbrünstiger Ruf.
Samen spritzte über den Altar. Blutbefleckt.
Atem stockte im Dunkel. Ein einzelner, heiserer Laut ertönte und verklang. Der Gesang brach ab. Schalen wurden gehalten, um das Blut aufzufangen. Das Tropfen unmenschlich laut in der grausamen Stille des vorherigen unsittlichen Geschehens.
Als der letzte Tropfen aufgefangen war, legte sich eine unheimliche Stille über die Kapelle. Sie kroch durch die Ritzen der Tür hinaus in den Wald, in dem kein Tier mehr rief, keine Eule mehr schrie. Nur ein Ast bewegte sich im Wind, als schaudere selbst der Baum angesichts der Freveltat. Ein Fetzen Stoff hing an einem Dorn, dunkel getränkt.
Über der Kapelle blieb der Himmel leer. Kein Mond. Kein Stern wagte es, sich in dieser dunkelsten Nacht zu zeigen.
Doch eine Stimme, kaum menschlich, sprach ein letztes Wort in die Dunkelheit. Einen Namen, den niemand außerhalb dieser Mauern je hören sollte.
Morvath.
Viele Meilen entfernt, in einem kleinen Haus am Rand von Moosweiler, schreckte eine Frau aus dem Schlaf. Ihr Herz hämmerte wild gegen ihren Brustkorb. Die Hände waren zu Fäusten geballt, ohne dass sie wusste, warum.
Doch sie ahnte, dass etwas geschehen war.
Wieder.

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