Das Reich der Hexe
Cara strich sich eine widerspenstige Strähne ihres flammend roten Haares hinter das Ohr und starrte auf das Display ihres Telefons. Schon wieder eine Absage. Genauer gesagt: die vierte Absage, die sie an das Vorzimmer von Maximilian De Luca geschickt hatte.
Sie mochte diese Sorte Patienten nicht. Männer, die dachten, man könne seelische Heilung wie eine Luxusaktie kaufen. Für diese arroganten Alphatiere gab es in Manhattan Dutzende Kolleginnen mit sterilen, weiß glänzenden Praxen im dreißigsten Stock, in denen leise Klaviermusik lief.
Ihre eigene Praxis war das genaue Gegenteil. Sie lag im Erdgeschoss eines alten Backsteingebäudes in Greenwich Village, geerbt von ihrer irischen Großmutter. Wenn man die Tür öffnete, trat man nicht in ein Wartezimmer, sondern in eine andere Welt. An den Wänden aus dunklem, unbehandeltem Holz hingen getrocknete Kräuterbündel aus Lavendel und Eukalyptus. Überall wucherten saftig grüne Farne und Efeuranken aus töpfernen Gefäßen. Der Raum verströmte eine beruhigende Mischung aus Erde, Regen und Zimt. Mit den tiefen Waldtönen, den schweren Samtsesseln und den flackernden Kerzen glich die Praxis eher einer mittelalterlichen Hexenhütte als einem Ort der modernen Schulmedizin. Es war ihr Heiligtum. Ein Ort, der absolut nicht zu einem Milliardär passte.
Die Glocke über der schweren Eichentür schlug an.
Cara blickte auf. Der Mann, der hereintrat, schien den Raum allein durch seine Präsenz zu sprengen. Maximilian De Luca.
Er hatte nicht auf ihre Absage gehört. Mit seinen 1,93 Metern musste er den Kopf leicht neigen, um den hölzernen Türrahmen zu passieren. Seine Statur war einschüchternd – unter dem perfekt geschneiderten, dunklen Designeranzug zeichneten sich muskulöse, breite Schultern ab. Er wirkte wie ein Fremdkörper zwischen all den organischen Pflanzen und dem weichen Licht. Ein Raubvogel im Unterholz.
Seine Gesichtszüge waren wie aus dunklem Marmor gemeißelt: eine messerscharfe Kieferpartie, hohe, unnahbare Wangenknochen und Augen, die so dunkelbraun waren, dass sie fast schwarz wirkten. Er trug ein wissenschaftliches Magazin in der Hand – die renommierteste Fachzeitschrift für Psychologie.
Max sah sich im Raum um, und ein kaum merkliches, arrogantes Zucken veränderte seine Lippen. „Ich habe Ihre Absagen bekommen, Dr. Rossi. Aber ich pflege nicht zu gehen, wenn ich noch nicht bekommen habe, was ich will.“ Seine Stimme war ein tiefes, dominantes Bariton, das die Luft im Raum vibrieren ließ.
Cara erhob sich. Obwohl sie mit ihren 1,62 Metern fast zwei Köpfe kleiner war, stand sie kerzengerade. Ihr athletischer Körper spannte sich an. Sie fixierte ihn aus ihren großen, smaragdgrünen Augen, die wütend blitzten. Auf ihrem elfenbeinfarbenen Nasenrücken zeichneten sich die feinen Sommersprossen ab – ein sicheres Zeichen dafür, dass ihr irisches Temperament hochkochte.
„Ich habe Ihnen deutlich gesagt, dass ich keine Kapazitäten habe, Mr. De Luca“, entgegnete sie kühl und presste die Lippen zusammen. „Ich habe Sie an Dr. Sterling weitergeleitet. Seine Praxis entspricht eher... Ihrem Standard.“
Max trat einen Schritt näher. Der Duft von seinem teuren Holz-Parfüm vermischte sich mit dem Duft ihrer Kräuter. Er legte das Magazin auf ihren hölzernen Schreibtisch. Die Titelseite zeigte einen großen Artikel über ihr Abschlussarbeit-Projekt.
„Das 24-jährige Genie: Wie Cara Rossi die Konfrontationstherapie revolutioniert“, prangte in fetten Buchstaben auf dem Papier. Der Text lobte sie als außergewöhnlich kluge Neulinge der Wissenschaft, der eine glänzende, erfolgreiche Zukunft bevorstand.
„Dr. Sterling ist ein Idiot, der mir Pillen verschreiben will“, sagte Max, und das erste Mal arbeitete ein kleiner Muskel an seinem kantigen Kiefer. Seine dunklen Augen fixierten sie mit einer Intensität, die ihr eine Gänsehaut über die Arme jagte. „Hier steht, dass Ihre unkonventionellen Methoden selbst die tiefsten Blockaden in Rekordzeit brechen können. Ich brauche keine elegante Praxis. Ich brauche Ergebnisse. Und ich habe genau drei Monate Zeit.“
Cara verschränkte die Arme vor der Brust, was ihre weiblichen Kurven unter der sportlichen Kleidung betonte. Sie ahnte noch nicht, dass dieser Mann nicht gekommen war, um zu bitten. Er war gekommen, um ihr Leben in Trümmer zu legen.
„Meine Forschung befindet sich in der Testphase, Mr. De Luca. Ich wende diese Methoden nicht an Patienten an. Schon gar nicht unter Zeitdruck. Die Sitzungen erfordern absolute Professionalität und Zeit.“
Ein kaltes, gefährliches Lächeln stahl sich auf Max’ Gesicht. Er griff in seine Innentasche und zog ein dünnes, schwarzes Tablet heraus. „Dann ist es ein Glück, dass wir ab jetzt auf jede Professionalität verzichten werden, Dr. Rossi. Lassen Sie uns über Ihren Vater sprechen...“
Max legte das schwarze Tablet sanft auf das Magazin. Das leise Klacken des Geräts auf dem Holz wirkte in der Stille der Praxis wie ein Peitschenknall.
Cara rührte sich nicht. Ihre Augen verengten sich, während ihr Herz unwillkürlich schneller schlug. „Was hat mein Vater mit meiner Arbeit zu tun, Mr. De Luca?“
„Alles“, erwiderte Max. Er trat noch einen Schritt näher, bis seine dominante Gestalt sie komplett in den Schatten stellte. Der maskuline, teure Duft seines Parfüms verdrängte das beruhigende Aroma von Lavendel und Zimt völlig. „Ihr Vater, Dr. Arthur Rossi. Ein angesehener Mann. Bis vor vier Jahren, als er einen fatalen Behandlungsfehler bei einer Herzoperation im St. Jude’s vertuscht hat. Ein Fehler, der durch gefälschte Protokolle und Schmiergelder tief unter den Teppich gekehrt wurde.“
Cara spürte, wie ihr das Blut in den Adern fror. Das kalte Lächeln auf den gemeißelten Lippen des Milliardärs schien die Luft aus der kleinen, gemütlichen Praxis zu saugen.
„Mein Vater?“, wiederholte sie, und ihre Stimme klang flacher, als ihr lieb war. Sie hob stolz das Kinn, während ihre smaragdgrünen Augen vor Zorn blitzten. „Ich weiß nicht, welches Spiel Sie hier spielen wollen, Mr. De Luca. Aber mein Vater ist ein ehrbarer Mann. Er würde niemals etwas tun, womit man ihn – oder mich – erpressen könnte. Ihr Geld mag Ihnen in der Finanzwelt Türen öffnen, aber hier drin hat Ihre Arroganz keine Macht. Verlassen Sie meine Praxis.“
Max rührte sich nicht. Er wirkte unerträglich gelassen, fast schon gelangweilt von ihrem Widerstand. Seine breiten Schultern blieben entspannt, doch in seinen dunklen Augen lag eine absolute, unerschütterliche Gewissheit. Er tippte einmal auf den Bildschirm des schwarzen Tablets und schob es ihr über das raue Holz des Schreibtischs entgegen.
„Sehen Sie selbst, Dr. Rossi“, sagte er mit seiner tiefen, dominanten Baritonstimme. „Ich spiele keine Spiele. Wenn ich investiere – und in diesem Fall investiere ich in Ihre außergewöhnlichen Methoden –, verlasse ich mich nur auf Fakten.“
Cara zögerte, doch der intensive Blick des Milliardärs zwang sie fast dazu, auf das Display zu schauen. Als ihre Augen die Dokumente überflogen, spürte sie, wie die Farbe aus ihrem Gesicht wich. Ihre elfenbeinfarbene Haut wurde aschfahl, sodass die feinen Sommersprossen auf ihrem Nasenrücken noch deutlicher hervortraten. Es waren Bankauszüge, versiegelte Gerichtsdokumente und Verträge, die den Namen ihres Vaters trugen. Dinge, die ihn für den Rest seines Lebens hinter Gitter bringen könnten.
„Das... das ist unmöglich“, flüsterte sie. Ihre Brust hob und senkte sich in schnellen, flachen Atemzügen, während ihr Körper vor unterdrücktem Zittern spannte. Sie schüttelte heftig den Kopf, wodurch ihre langen Haare wild um ihre Schultern flogen. „Das ist gefälscht. Mein Vater würde das nie tun!“
„Er hat es getan, cara mia“, entgegnete Max kühl. Er trat einen Schritt näher, und seine schiere Größe überragte sie völlig. Ein Muskel an seinem Kiefer zuckte kurz, als er die Zähne zusammenbiss. „Und ich habe die Originale. In genau drei Monaten brauche ich eine Ehefrau, um mein Imperium zu sichern. Aber davor muss ich in der Lage sein, eine Frau zu berühren, ohne dass mein Körper rebelliert. Sie werden Ihre ungetestete Schocktherapie an mir anwenden. Sie werden mich funktionstüchtig machen. Und danach werden Sie mich heiraten.“
Cara starrte ihn fassungslos an. Dieser Mann war völlig verrückt. Er wollte sie zwingen, eine ethische Grenze zu überschreiten, ihre Karriere zu riskieren und sich an ein Monster zu ketten. Ihr irisches Temperament flammte auf, gemischt mit blankem Hass. „Niemals. Ich werde mich eher an die Ärztekammer wenden, als mich von Ihnen zwingen zu lassen, meine Hände unprofessionell einzusetzen!“
Max’ dunkle Augen verengten sich zu Schlitzen. Seine dominante Aura wurde erdrückend. Er nahm das Tablet wieder an sich und steckte es langsam in seine Anzugjacke.
„Sie werden es tun, Cara. Weil Sie Ihren Vater lieben“, sagte er, und das erste Mal lag eine gefährliche Schärfe in seiner Stimme. Er wandte sich zur Tür, blieb im Rahmen stehen und blickte noch einmal über die Schulter zu ihr zurück. „Ich bin kein ungeduldiger Mann, meine Zeit ist knapp. Ich gebe Ihnen genau einen Tag. Reden Sie mit Ihrem Vater. Fragen Sie ihn nach der Wahrheit. Morgen um dieselbe Zeit erwarte ich Sie in meinem Penthouse. Wenn Sie nicht auftauchen, gehen die Dokumente an die Staatsanwaltschaft.“
Die Glocke über der schweren Eichentür schlug ein weiteres Mal an, als er die Praxis verließ und sie in der plötzlichen, drückenden Stille ihrer „Hexenhütte“ zurückließ.
Cara sank auf ihren Samtsessel, die Knie zitternd. Ihre Hand umklammerte das Telefon. Sie musste ihren Vater anrufen. Sie musste wissen, ob der Teufel im maßgeschneiderten Anzug die Wahrheit gesagt hatte.








