Kapitel 1 (Aufbruch Teil 1)
„Verdammt, Lydia, warum gehst du nicht ans Telefon?“ Erschrocken zuckte ich zusammen, als meine Bürotür mit diesen Worten aufgerissen wurde.
„Und warum kannst du nicht anklopfen wie jeder hier?“, antwortete ich mit einer Gegenfrage. Marc hielt kurz inne und hielt die Türklinke mit einer Hand immer noch fest, bevor er noch lauter lospolterte: „In meiner Agentur kann ich jede Tür öffnen, wie ICH es für richtig halte.“
„In der Agentur deines Vaters, Marc“, berichtigte ich meinen Verlobten.
„Wann landen morgen die Schweden?“, entgegnete er, ohne auf meinen Seitenhieb einzugehen.
„12:10 Uhr, am Flughafen Dresden. Das Taxi ist informiert und das Hotel ist gebucht. Du brauchst dich nur noch um das Buffet zu kümmern.“
Mein aufgesetztes Lächeln übersah Marc glücklicherweise, während ich mich vom Bürostuhl erhob und zum Sideboard schlenderte, um ihm die Unterlagen für die morgige Veranstaltung zu reichen.
„Hier, die Checkliste“, sagte ich emotionslos. Ich wollte nichts mehr hinzufügen, in der Hoffnung, dass er schnell die Tür wieder schließen würde. Von außen. Marc nahm das Dokument an sich und war wirklich gerade im Begriff zu gehen, als er sich nochmals zu mir umdrehte.
„Sag mal, trägst du schon wieder keinen BH unter deiner Bluse?“, bemerkte er fast beiläufig. Etwas verdutzt schaute ich ihn an, dann an mir herab und atmete erst einmal tief ein.
„Ach Liebling, müssen wir denn ständig dieses Thema ausdiskutieren?“, erwiderte ich jetzt sichtlich genervt und fuhr fort: „Erstens weißt du, dass ich diese Teile nicht mag, und zweitens hat es dir früher immer sehr gut gefallen.“
„Tzzz, früher …“, schnaubte Marc, „früher warst du auch zehn Jahre jünger.“
Mit diesen Worten verließ er das Büro und zog die Tür geräuschvoll hinter sich zu. Ich stand wie angewurzelt zwischen Sideboard und Schreibtisch. Langsam hob ich meine Hände und führte sie unbewusst an meinen Busen. Dabei versuchte ich den Stoff meiner Garderobe wie ein Kissen aufzuschütteln, in der Hoffnung, dass die Bluse nicht so eng an meinen Körper anliegt. Ich drehte mich zum Fenster, betrachtete mein Ebenbild, was sich dezent spiegelte und zog die Bluse wieder straff.
Krone richten, dachte ich nur schnell, schnappte mir die restlichen Unterlagen für morgen, verließ das Büro und klopfte nebenan bei Andreas an die Tür. Andi war der Herr der Zahlen in unserer kleinen Werbeagentur, unser Buchhalter. Nach einem freundlichen „Bitte“ trat ich ein.
„Andi, könntest du bitte final schauen, ob für morgen alles überwiesen ist?“, fragte ich mit immer noch zittriger Stimme. Andreas schaute von seinem Monitor auf, wartete kurz und meinte: „Hatte er wieder einen …? Na, du weißt schon.“
„Anfall, ja“, entgegnete ich kurz und knapp, etwas peinlich berührt, dass Andreas meinen Disput mit Marc scheinbar mitbekommen hatte. „Ich bin echt am Überlegen, ob ich morgen überhaupt aufkreuze, um schön brav seine loyale und aufrichtige Geschäfts- und Lebenspartnerin zu spielen“, fuhr ich fort.
Andi schniefte. „Jetzt hast du so viel Arbeit und Zeit investiert, da wirst du doch nicht auf der Ziellinie aufgeben?“
Ich seufzte, wohlwissend, dass er recht hatte. „Ich komme mit dieser selbstgefälligen überheblichen Art nicht mehr klar.”
„Für was bezahle ich euch eigentlich?“ Marcs Gesichtsfarbe hatte einen gefährlichen Rotton angenommen, als er plötzlich neben der Tür auftauchte und losschrie. Er hatte scheinbar einen Teil unserer Worte mitbekommen. “Und wir beide sprechen uns noch unter vier Augen”, fauchte er mich direkt an.
„Marc, nun beruhige dich“, versuchte Andreas ihn zu beschwichtigen und fuhr fort: „Ohne deine Frau …“
„Meiner Verlobten!“, fiel ihm Marc ins Wort.
„Ohne die kreativen Einfälle von Lydia hätten wir die Schweden niemals ins Boot bekommen, geschweige denn hätten wir die Werbekampagne so erfolgreich abgeschlossen“, begann Andreas erneut.
„Ohne mich würde sie noch im Krankenhaus Ärsche abwischen!“, platzte es aus Marc heraus.
„Den Blutdruck messen, den Blutdruck, Marc“, grätschte ich dazwischen, aber Marc bekam es nicht mehr mit, da er sich schon umgedreht hatte und mich und Andreas einfach zurück ließ.
Ich blickte noch mal zu Andi, flüsterte ein Danke und verließ dann sein Büro. Andreas war einst ein stiller Verehrer, welcher dann nach einigen erfolglosen Flirtversuchen echt zu einem loyalen Kollegen und Freund wurde. Er sprach mir immer Mut zu. Doch an diesem Tag reichte seine Überzeugungskraft nicht. Frustriert fuhr ich meinen Computer herunter, griff mir den Wagenschlüssel und schloss das Büro hinter mir zu.
***
Die Wälder des heimischen Erzgebirges zogen an mir vorbei, während ich nach Hause fuhr und mal wieder über Marc und mich sinnierte. Mein Blick fiel auf diesen kitschigen Herz-Anhänger am Innenspiegel. Ich berührte ihn mit meiner Hand, ließ das Glas durch meine Finger gleiten. Vierzehn Jahre begleitete mich diese Kugel schon. Erst am Schlüsselbund, später im Auto. Als er mir den Anhänger schenkte, war unser erstes Date gerade acht Stunden her. Wie charmant er damals doch war, so anders als die Typen, die ich kannte. Und jetzt? Ich wollte unbedingt vor ihm daheim sein. Doch das Klingeln meines Telefons riss mich abrupt aus meinen Gedanken. Ich drückte auf den Knopf der Freisprechanlage am Lenkrad meines Wagens.
„Hej deutsche Kollegin“, erklang eine fröhliche Frauenstimme in gebrochenem Deutsch im Lautsprecher meines Wagens.
„Hej Maria, meine schwedische Sonnenblume“, erwiderte ich und versuchte so glücklich wie möglich zu klingen.
„Ich freue mich, dich morgen endlich persönlich kennenzulernen“, sprach sie weiter. Ihr Deutsch klang so niedlich. Ich mochte diesen schwedischen Akzent, ich mochte ihre nordisch unkomplizierte, leichte Art. „Ich habe die Buchungsbestätigung für das Hotel soeben von Andreas erhalten, das wollte ich dir nur schnell mitteilen. Das wird bestimmt ein denkwürdiger Abend.“ Maria klang fast schon euphorisch.
„Du Maria, ich weiß nicht, ob ich morgen anwesend sein werde“, bremste ich Maria aus.
„Waaas?“, schallte es durch die Boxen. „Bist du krank?“
„Nein, das ist es nicht, ich fühle mich nur nicht wohl“, erwiderte ich leicht zögernd.
„Marc! Du hast dich wieder mit Marc gestritten“, stellte Maria nüchtern fest. „Komm schon, Liebes, das ist es nicht wert. Das wird unser Abend. Die schwedischen Schmuckdesigner brennen darauf, mit dir deine genialen Konzepte für ihren Markteintritt persönlich zu erörtern“, fuhr sie ungeachtet meines Einwurfs fort.
„Es war deine Idee“, fiel ich ihr ins Wort.
„Und es war deine Umsetzung“, korrigierte mich Maria sofort.
„Du, ich bin gleich daheim. Wir telefonieren heute Abend noch mal, ja?“ Ich wollte jetzt gerade nicht weiter darüber sprechen, und Maria hatte ein Einsehen mit mir. Und so beendeten wir vorerst das Gespräch mit einem „Hej då“, dem schwedischen Auf Wiedersehen.
Maria arbeitete für eine schwedische Werbeagentur. Sie betreute den deutschen Markt und unsere beiden Agenturen arbeiteten hin und wieder in Kooperation zusammen. Besonders sie war mir echt ans Herz gewachsen, obwohl wir uns noch nie persönlich begegnet waren. Und weil wir uns so gut verstanden, hatte ich in der Vergangenheit verstärkt meinen Ärger bei Maria am Telefon abgeladen. Auch ihre Beziehung war nicht mehr die Beste, zwar nicht so toxisch wie bei mir, aber so hatten wir auch immer ein Gesprächsthema, das über den beruflichen Alltag hinausging. Als Running Gag meldete sie sich bei meinen Anrufen mitunter nicht mit ihrem Namen, sondern mit der Frage: „Na Liebling, trägst du heute einen BH?“ Der Gedanke daran entlockte mir sogar wieder ein kleines Lächeln.
Daheim angekommen, sortierte ich bei einem Kaffee erst mal meine Gedanken. Die Koffer für morgen standen schon gepackt im Foyer. Etwas betrübt stellte ich mich daneben, schaute mich in dem bodentiefen Spiegel an und atmete zwei-, dreimal tief ein und wieder aus. Marc würde ich heute nicht noch mal sehen. Per Sprachnachricht teilte er mir kurz und bündig mit, dass er mit dem Firmenwagen schon nach Dresden gefahren ist, um vor Ort den letzten Feinschliff zu erledigen. Müde lächelnd hörte ich die Nachricht ab. Als ob er irgendwas zu der Vorbereitung beigetragen hätte.
Mir sollte es recht sein. Ich ging ins Bad, entledigte mich meiner Bürokleidung und ließ mir Wasser in die Wanne ein. Mit einem Glas Sekt ließ ich mich anschließend in die schaumig schöne Wärme gleiten. Parallel griff ich wieder nach meinem Telefon, wählte die Nummer mit der +46 als Vorwahl und schaltete den Lautsprecher ein. „Hej Maria, da bin ich wieder.“








