Chapter 1
Anfang Oktober war Graz noch nicht richtig kalt, aber der Sommer hatte sich endgültig verabschiedet. Finn merkte es vor allem auf dem Rad. Im Schatten zog die kühle Luft unbarmherzig durch seine offene Jacke, auf dem noch feuchten Asphalt klebten die ersten braunen Blätter, und sobald die Sonne kurz zwischen den historischen Hausfassaden hervorkam, schlug die Härte des Herbstes in fast trügerische Wärme um.
Rund um die Universität war der Semesteranfang nicht zu übersehen: Erschöpfte Fahrräder drängten sich an jedem freien Ständer, kalte Hände klammerten sich um Kaffeebecher, und überall liefen neue Gesichter vorbei, deren Blicke gebannt auf ihren Handy-Displays hingen, weil offenbar niemand genau wusste, wo er eigentlich hinmusste.
Finn kam gerade aus seiner letzten Lehrveranstaltung vor der Mittagspause und war felsenfest davon überzeugt gewesen, mehr als genug Zeit zu haben.
Bis ihm unten im Foyer einfiel, dass seine Trinkflasche noch oben im Hörsaal stand.
Also der ganze Weg wieder zurück.
Als er ein paar Minuten später endlich sein Rad aufsperrte, hatte Phoebe ihm längst geschrieben. Punktgenau fünf Minuten vor ihrem Treffpunkt.
Sein Blick blieb kurz am Sperrbildschirm hängen. Ein Kater lag dort, halb eingerollt auf seiner dunkelblauen Decke, und strahlte eine Selbstverständlichkeit aus, als würde ihm nicht nur die Decke, sondern gleich die gesamte Wohnung gehören. Dann erst überflog Finn Phoebes Nachricht:
bin da und hungrig
Finn tippte im Stehen eine rasche Antwort auf das kalte Display:
fahr schon. bitte nicht ohne mich verhungern
Ihre Reaktion ließ keine Sekunde auf sich warten:
ich geb mir mühe
Finn steckte das Handy ein und trat in die Pedale.
Der Weg zum RESOWI war kurz. Lang genug allerdings, dass Phoebe bereits ungeduldig bei den Fahrradständern wartete, während sich um ihre Schuhe herum neue Herbstblätter sammelten. Irgendwo aus den Tiefen des Campus zog der schwere Duft von frisch gebrühtem Kaffee herüber.
Phoebe stand da, das Smartphone haltend, die dunklen Locken zu einem halben Dutt aufgesteckt, während der Rest ihr wild über die Schultern fiel. Ihr heller Pullover hob sich scharf von ihrer warmen Haut ab. Auf ihrem Display leuchtete kurz der Name Mum auf. Phoebe musterte die Nachricht, verdrehte theatralisch die Augen und versenkte das Handy wieder in ihrer Tasche.
„Hi! Familie?“, fragte Finn, während er vom Rad stieg.
„Leider“, gab sie zurück. „Hey, vier Minuten. Geht ja noch als Pünktlichkeit durch. Die Vorlesung hat wohl länger gedauert?“
Finn strich sich die vom Fahrtwind völlig zerzausten blonden Locken aus der Stirn, schob sein Rad an den Ständer und zog das Schloss hervor. Natürlich fielen zwei Strähnen sofort wieder widerspenstig ins Gesicht. Die Sommersprossen über seiner Nase und den Wangen zeugten noch von den letzten Sonnenstrahlen des Sommers.
Phoebe hob erwartungsvoll eine Augenbraue.
Finn seufzte leise. „Und ich hab meine Trinkflasche vergessen.“
„Ah“, sie nickte wissend. „Da ist er.“
„Wer?“
„Der wahre Grund.“
Finn zog das Fahrradschloss geräuschvoll durch die Speichen. „Willst du jetzt eigentlich essen oder bloß meine organisatorische Kompetenz evaluieren?“
„Beides.“
„Wie sehr ich dich doch liebe.“
„Ich weiß“, erwiderte sie ungerührt.
Gemeinsam schoben sie sich durch die Eingangstüren. Drinnen schlug ihnen sofort die dicke, warme und verbrauchte Mittagsluft entgegen. Phoebe war in demselben Moment bereits mitten in der Nacherzählung eines theoretischen Textes über Geschlecht, Macht und gesellschaftliche Institutionen. Sie besaß die seltene Gabe, sich in solche Themen so tief zu versenken, dass es beinahe ansteckend wirkte – vorausgesetzt, man war selbst schon halbwegs wach.
„Du weißt schon, dass du offiziell noch gar nicht in Gender Studies eingeschrieben bist?“, warf Finn ein.
Phoebe hob eine präzise geformte Braue. „Noch nicht. Aber grundlegende Vorarbeit hat noch niemandem geschadet.“
„Manchmal bewundere ich echt deine unerschütterliche Verbissenheit.“
„Ich lese mich nur ein bisschen ein.“
„Für den Master?“
„Für die Revolution.“
Zur Mittagszeit schrumpfte das riesige RESOWI zu einer Kulisse aus Stimmengewirr und dem stetigen Klappern der Mensatabletts. Ein Stück weiter zerlegten ein paar Erstsemestler lautstark eine Belegarbeit, auf die vermutlich keiner von ihnen wirklich vorbereitet war.
Sie fanden ein ruhiges Eckchen. Finn saß Phoebe gegenüber, das Besteck schon halb in der Hand, die Augen auf das Essen gerichtet, um den Kopf für einen Moment freizubekommen.
„Hast du eigentlich schon für Statistik angefangen?“, durchbrach Phoebe die kurze Pause.
Finn sah von seinem Teller auf. „Bitte nicht beim Essen!“
„Das ist keine Antwort.“
„Stimmt. Aber eine verdammt klare Grenze.“
„Ich will doch nur verhindern, dass du zwei Tage vor der Klausur panisch feststellst, dass Statistik überhaupt existiert.“
„Das würde ich nie tun.“
Phoebe hielt seinem Blick stand. Finn hielt dagegen, eine Sekunde lang, zwei.
„Okay. Vielleicht schon.“
Sie grinste triumphierend. „Danke.“
„Wofür?“
„Dass du mir meine unbegründeten Sorgen immer so zuverlässig bestätigst.“
„Gern geschehen.“
Später erreichten sie die Desserttheke. Phoebe schnappte sich entschlossen eine Banane aus dem Korb, während Finns Blick an der Auslage hängen blieb. Ein einziger veganer Schokomuffin lag dort noch. Genau einer.
Er beugte sich ein Stück vor, um das kleine Schild zu entziffern. „Weißt du, ob da Nüsse drin sind?“
Phoebe beugte sich ebenfalls hinüber. „Keine Ahnung.“
„Da steht absolut gar nichts.“
„Dann frag halt nach.“
Finn drehte sich halb zur Ausgabe um. „Wen denn—“
Eine Hand schoss von der Seite an ihm vorbei. Der Muffin war weg.
Finn starrte auf die plötzliche Lücke im Glas, dann zu dem Typen neben ihm, der das Dessert soeben auf sein eigenes Tablett verfrachtet hatte.
„Hey.“
Der Typ wandte sich langsam um. Finn kannte ihn vom Sehen. Alex. Dunkle, etwas längere Haare, markante Brauen, und dazu diese dunkle Jacke. Er stand völlig ungerührt da, das Tablett lässig in einer Hand balancierend. Oft genug war er ihm im RESOWI über den Weg gelaufen, als dass das Gesicht längst vertraut gewesen wäre. Mehr aber auch nicht.
„Den wollte ich“, sagte Finn, und es klang eine Spur schärfer, als er beabsichtigt hatte.
Alex blickte auf den Muffin. „Du hattest ihn aber eben noch nicht.“
„Ich war gerade dabei nachzusehen, ob Nüsse drin sind.“
Alex sah kurz auf das Gebäckstück. „Sind welche drin?“
„Keine Ahnung, genau deshalb wollte ich es ja wissen.“
„Tja. Zu lange geschaut.“
Finn starrte ihn einen Herzschlag lang verdattert an. Alex blickte ihn völlig unbeeindruckt zurück.
„Ernsthaft jetzt?“
„Was denn?“
„Ich stand direkt davor.“
Alex zuckte mit keiner Wimper. Sein Blick glitt kurz zu dem Schild und wanderte dann wieder zu Finn. „Allergisch?“
„Ja.“
„Dann wollen wir mal lieber nichts riskieren.“
Finn blinzelte ihn an. Für einen kurzen Moment fehlten ihm schlicht die Worte. Als er zu einer scharfen Erwiderung ansetzen wollte, hatte Alex sich bereits schweigend umgedreht und ging davon.
Finn blieb mit dem Blick an seinem Rücken hängen. „Was für ein arroganter Arsch.“
Phoebe schnaubte neben ihm leise. „Typisch.“
Finn musterte die verbliebenen Nachspeisen. Nichts davon sah auch nur annähernd so gut aus wie der verlorene Schokomuffin. Schließlich griff er frustriert nach einem Stück Apfelkuchen.
„Was meinst du mit ‚typisch‘?“
„Er nimmt sich einfach das Letzte und marschiert los. Warum auch mal fragen? Ihm gehört gefühlt die halbe Universität.“
„Er war eben schneller.“
Phoebe drehte sich zu ihm um. „Nein. Du standest direkt davor.“ Sie schob ihr Tablett resolut weiter. „Männer sehen etwas, das sie haben wollen, und denken sofort: Meins.“
Finn drehte den Kopf langsam zu ihr herüber. „Phoebe.“
„Was denn?“
„Ich bin zufällig auch ein Mann.“
Sie musterte ihn von oben bis unten. „Aber du gehörst zu den Guten, Schatz.“
Finn schüttelte lächelnd den Kopf. „Das klingt verdammt nach einem System ohne jegliche nachvollziehbare Kriterien.“
Phoebe grinste breit. „Ich habe sehr klare Kriterien.“
„Welche wären das?“
„Du klaust mir nichts von meinem Teller.“
„Das ist alles?“
„Nein. Aber es ist ein verdammt guter Anfang.“
Sie gingen weiter zur Kasse, wo Phoebe noch einmal unauffällig in Alex’ Richtung nickte. „Das war übrigens Alex.“
„Ich weiß.“
Jetzt sah sie ihn aus dem Augenwinkel an. „Woher?“
Er zuckte mit den Schultern. „So riesig ist die Uni nun auch wieder nicht.“
Phoebe zog eine Braue nach oben. „Du kennst den also vom Sehen.“
„Wie schätzungsweise die halbe Studentenschaft.“
Phoebe schob ihr Tablett über das Lesegerät. „Eine Bekannte von mir hatte mal was mit ihm.“
Finn legte seinen Studierendenausweis auf den Sensor. „Was genau heißt ‚was‘?“
Phoebe warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu. „Na, eben das Übliche.“
Finn wartete.
Sie verdrehte theatralisch die Augen. „Die haben miteinander gevögelt.“
„Okay.“
„Mehrfach, wenn ich mich recht erinnere.“
Finn blickte unwillkürlich wieder zu Alex hinüber.
Phoebe schob ihr Tablett weiter in den Essbereich. „Sie dachte wohl irgendwann, da wäre vielleicht mehr dahinter. Er offensichtlich nicht. Jedenfalls war die Sache ziemlich abrupt vorbei, als es auch nur ansatzweise kompliziert wurde.“
Finn nahm sein Tablett an sich. „Aha.“
Sie fanden einen freien Tisch im hinteren Bereich, etwas abseits des großen Trubels, wo der Lärmpegel zumindest ein wenig gedämpft wirkte. Kaum hatte sich Phoebe hingesetzt, sprach sie auch schon wieder weiter.
„…Und dann erzählt die Vortragende heute ernsthaft zehn Minuten lang, wie wichtig es ist, wer in Seminaren Raum bekommt, und fünf Minuten später unterbricht sie genau die Studentin, die versucht, etwas Sinnvolles beizubringen.“
Finn schnitt mechanisch ein Stück von seinem Apfelkuchen ab, obwohl er spürte, dass er eigentlich keinen Appetit darauf hatte. „Mhm.“
Phoebe redete unermüdlich weiter. „Und dann meldet sich so ein Typ zwei Reihen weiter hinten und fasst im Grunde exakt dasselbe in Worte. Nur eben mit doppelt so vielen Fremdwörtern.“
Finn nahm einen mechanischen Bissen. „Der absolute Klassiker.“
Phoebe verengte die Augen. „Finn.“
Er sah auf. „Was?“
„Du hörst mir gerade überhaupt nicht zu, oder?“
„Doch, klar.“
„Gut, was habe ich gerade gesagt?“
Finn kaute, dachte kurz nach und rief sich die Essenz ins Gedächtnis: „Ein Typ war mal wieder maximal anstrengend.“
Phoebe schwieg einen Moment lang. Dann nickte sie fast versöhnlich. „Okay. Das reicht als Beweis.“
Finn grinste schief.
Sein Blick wanderte abgelenkt durch den großen Raum. Alex saß ein paar Tische weiter. Jemand wollte gerade mit einem übervollen Tablett mühsam zwischen zwei engen Stühlen hindurchmanövrieren; Alex zog seinen Rucksack mit dem Fuß unter dem Tisch hervor und rückte geistesgegenwärtig zur Seite, noch bevor der andere auch nur ein Wort sagen konnte. Eine winzige, unaufgeregte Bewegung. Mehr nicht.
Finn wandte den Blick wieder Phoebe zu. Sie hatte inzwischen ihr Smartphone gezückt und tippte gedankenverloren, während sie von ihrer Banane abbiss. Finn nahm einen weiteren Bissen von dem zu süßen Kuchen.
Als er den Kopf abermals hob, traf ihn plötzlich Alex’ Blick. Alex hatte den geraubten Schokomuffin mittlerweile ausgepackt. Er sah Finn einen Moment lang unbewegt an.
Dann biss er hinein. Ganz bewusst. Er hielt Finns Blick stand, während er langsam und mit einer fast schon provokanten Selbstverständlichkeit zu kauen begann.
Finn zeigte ihm wortlos den Mittelfinger.
Alex hob daraufhin nur langsam eine einzelne Braue, als wollte er sagen, dass sich Finn gerade selbst lächerlich machte. Dann wandte er sich unbeeindruckt ab und sprach wieder mit seinen Leuten.
Finn starrte auf den verbliebenen Rest seines Apfelkuchens.
„Arschloch“, murmelte er leise vor sich hin.
„Was hast du gesagt?“, fragte Phoebe mit vollem Mund.
„Nichts.“
Phoebe wusste sofort, wem das galt. „Ärger dich doch nicht wegen so einem Idioten.“ Sie hielt ihm ihre Banane hin. „Willst du abbeißen?“
Finn starrte erst auf die Banane, dann zu seiner besten Freundin. „Du bist ein unglaublich empathischer Mensch.“
„Ich weiß“, sagte sie ungerührt. Dann deutete sie mit der Frucht auf ihn. „Kalium ist extrem wichtig für die Nerven.“
Finn nahm ihr das letzte Stück schmunzelnd aus der Hand. „Du bist wirklich eine von den Guten.“
Phoebe grinste. Finn biss in die Banane, während der Apfelkuchen unberührt auf dem Tablett liegen blieb.








