Kapitel 1 Die Schattengrenze des Hörsaals
London, November 1895. Das Institut für Anatomie.
Als Frau in den Rängen des Anatomischen Hörsaals zu sitzen, bedeutete vor allem eines: Unsichtbarkeit zu erlernen. Wenn mein Vater, Professor Gabriel, am Seziertisch die Skalpelle anreichte, ruhten die Blicke der fünfzig männlichen Studenten oft nicht auf den Präparaten, sondern auf mir. Ein Flüstern. Ein mitleidiges oder spöttisches Lächeln. Erst wenn ich auf ihre Fachfragen mit kühler, medizinischer Präzision antwortete, wich die Überheblichkeit dem Schweigen.
Es war ein nasskalter Abend. Der Nebel kroch wie flüssiges Blei durch die Ritzen der hohen Bogenfenster des Instituts. Nach dem Ende der Abendvorlesung hatte sich mein Vater in sein privates Arbeitszimmer im Obergeschoss zurückgezogen, um die Abhandlung von Professor Harmsworth – dem Leiter der chemischen Fakultät – durchzusehen. Ich verblieb im Vorraum, um meine sektionspathologischen Notizen zu ordnen.
Das schrille Scheppern von geborstenem Holz riss mich aus meinen Gedanken.
Ich schreckte auf. Das Geräusch kam aus dem Flur der Fakultätsleitung. Als ich durcheilte, sah ich den besorgten Hausmeister vor der wuchtigen Eichentür von Professor Harmsworths Studierzimmer stehen. Er hielt eine schwere Eisenstange in den Händen; das Türschloss war gewaltsam aufgebrochen.
„Dr. Alexandra!“, rief er bleich. „Gott sei Dank… Der Professor hat nicht geantwortet. Die Tür war von innen riegelfest verriegelt. Ich musste… sehen Sie nur!“
Ich trat durch die beschädigte Tür. Das Zimmer lag im Halbdunkel, nur erhellt vom Flackern einer einzelnen Gaslampe. Am massiven Schreibtisch saß Professor Harmsworth in seinem schweren Polstersessel. Der Kopf war ihm auf die Brust gesunken, die Arme lagen schlaff auf den Schnitzereien der Armlehnen.
Ich eilte zu ihm, legte zwei Finger an die Carotis-Ader an seinem Hals und öffnete vorsichtig seine Augenlider.
„Kein Puls. Die Pupillen sind geweitet, aber starr. Der Tod muss vor wenigen Minuten eingetreten sein“, stellte ich mit fester, geschulter Stimme fest.
„Ein Herzschlag, ganz eindeutig! Der alte Harmsworth hatte schon lange ein schwaches Herz!“, ertönte eine raue, polternde Stimme hinter mir.
Schwerfällige Schritte dröhnten auf den Dielen. Ein stämmiger Mann Mitte vierzig mit einem nassen Trenchcoat und einem breiten, narbigen Gesicht trat in den Raum. Inspector Croft von Scotland Yard – begleitet von zwei uniformierten Constables.
„Platz da, Miss Gabriel“, sagte Croft und winkte ab. „Ich kenne Ihren Vater, aber das hier ist kein Anschauungsunterricht für die Universität. Der Mann war alt, das Zimmer war von innen zugesperrt. Der Schlüssel steckt von innen im Schloss. Ein natürlicher Tod hinter verschlossener Tür. Fall erledigt.“
„Ein Herzinfarkt hinterlässt allerdings keine zyanotische Verfärbung am Nagelfalze und keine mikroskopische Punktierung direkt über der linken Brustwand, Inspector“, erklang eine kühle, erstaunlich ruhige Stimme aus den Schatten der Eckbibliothek.
Croft fuhr wütend herum. „Wer zum Teufel lässt hier eigentlich jeden rein? Wer sind Sie?“
Aus dem Halbschatten der hohen Bücherregale trat eine junge Frau. Sie trug eine schlichte, dunkelblaue Gehrock-Kombination, die zwar sauber, aber von unzähligen Fahrten durch die Stadt abgewetzt war. In der Hand hielt sie ein kleines Notizbuch aus schwarzem Leder. Ihre Augen – tief, wach und von einer erschreckenden Schärfe – wanderten ruhig über den Raum.
„Mein Name ist Elisabeth“, sagte sie gelassen. „Und während Sie darauf bedacht sind, den Fall vor dem Abendessen abzuschließen, Inspector, übersehen Sie, dass der Riegel dieser Tür nicht von Hand, sondern mechanisch von außen geführt wurde.“
Croft lachte auf – ein kurzes, hohles Bellen. „Hokuspokus! Wieder so eine Zeitungsleserin, die zu viele Geschichten über diesen Sherlock Holmes verschlungen hat! Hören Sie mal, Fräulein: Ein Schloss ist zu oder offen. Ich verlasse mich auf Dienstmarken und Zeugen, nicht auf Holmes-Märchen für die Oberschicht.“
Ich trat Schritt für Schritt an Elisabeth heran und blickte sie besonnen, aber prüfend an. „Sie sprechen von einer Mechanik. Als Medizinerin verlasse ich mich jedoch nur auf physische Befunde am Körper. Was lässt Sie glauben, dass ein Verbrechen vorliegt?“
Elisabeth sah mich an. Kein Spott lag in ihren Zügen, sondern eine stille Anerkennung meiner Skepsis.
„Betrachten Sie den Türrahmen auf Augenhöhe, Dr. Alexandra“, entgegnete sie ruhig. „Und fragen Sie sich, warum der feine Wachsfilm am Schlüsselloch noch frisch ist.“
In diesem Augenblick strich sie sich eine dunkle Haarsträhne aus der Stirn. Mein geschultes Auge erfasste sofort eine blasse, alte Narbe an ihrem Handgelenk – und in der Tasche ihres Mantels die Kontur einer samtgefütterten Schatulle mit einem schimmernden Silberknopf. Eine mysteriöse Geschichte, verborgen unter der Oberfläche.








