Die Schatten des Lykanerkönigs
Die Schatten im Thronsaal waren kein bloßer Mangel an Licht. Sie waren eine kriechende, beinahe klebrige Masse, die aus den jahrhundertealten Basaltklüften der Festung emporzusteigen schien. Sie fraß das zischende Knistern der Pechfackeln, die in schweren, eisernen Ringen an den hohen Wänden steckten, und erstickte die kargen Wärmewellen, die der wuchtige, düstere Kamin gegen den nackten Steinboden warf.
Draußen, auf dem zerklüfteten Hügel über den scharfkantigen Klippen, tobte der arktische Blizzard. Die Burg des Lykanerkönigs thronte dort oben wie ein stummes, im ewigen Eis eingefrorenes Raubtier.
Wer von den niederen Rudeln aus den Tälern den Blick hinaufwagte, sah nur die zackigen Umrisse von Wehrtürmen, die sich wie schwarze, abgebrochene Zähne in den schneeverhangenen Nachthimmel bohrten. Drinnen gab es keine Ruhe. Es gab hier seit zweihundert Jahren keinen Frieden mehr. Nur das unaufhörliche, schleifende Geräusch von Leder und Metall auf Stein.
König Thornak maß den Saal mit schweren, raubtierhaften Schritten aus. Das dumpfe Echo seiner Stiefel war das einzige Geräusch, das durch das permanente Heulen des Windes an den schmalen Schießscharten schnitt.
Fast zwei Meter pures Fleisch, schwere Knochen und unbändige Gewalt, verpackt in verkrustetes Rüstleder und die Felle von Bestien, die er mit bloßen Händen erwürgt hatte.
Seine Muskeln spannten sich bei jedem abrupten Richtungswechsel wie dicke Taue unter mörderischer Spannung. Die eisenblauen Augen starrten kalt ins Leere. Sie sahen weder die kunstvollen, aber verstaubten Wandteppiche noch die uralten Banner der unterworfenen Territorien, die von der Decke hingen wie die vertrockneten Häute besiegter Feinde.
Er war blind für die kalte Pracht seines eigenen Hofes, fixiert auf ein unsichtbares, quälendes Ziel. Zweihundert Jahre absolute Herrschaft ließen ein Herz nicht wachsen, sie brannten es aus, bis nur noch eine scharfkantige Schlacke übrig blieb. Unbesiegbar im Kampf, grausam in der Vergeltung und vom eigenen Blut verflucht.
„Eure Majestät.“
Aus den tiefen Schatten neben den kolossalen Portalen aus Eiche und Eisen brach die Stimme.
Lucien trat ins bernsteinfarbene Licht der Fackeln. Wo andere Rudelführer oder Gesandte vor Angst zitterten, den Atem anhielten und den Blick zu Boden senkten, stand der blonde Riese wie ein unerschütterlicher Fels.
Tiefe, weißliche Narben zogen sich durch sein markantes Gesicht – Souvenirs aus den großen Grenzkriegen, Schlachten, die das Reich des Königs erst geformt hatten. Lucien war kein einfacher Soldat, kein namenloser Wächter, den man nach Belieben austauschen konnte. Er war der Beta, die rechte Hand auf Thornaks blutigem Thron.
Seine bloße Präsenz in den Vorhöfen reichte aus, um den niederen Rängen der Wölfe den Atem abzuschnüren. Wenn der König der Hammer war, dann war Lucien der Amboss, auf dem die Knochen der Rebellen zerschmettert wurden. Er kannte Thornak besser als jeder andere lebende Wandler. Er kannte die Bestie!
„Die Kohorten sind an den nördlichen Pässen stationiert“, sagte Lucien. Er verschränkte die wuchtigen Arme über seiner zerkratzten Brustplatte. Seine Stimme war ein tiefes, trockenes Schaben, frei von jeglicher Unterwürfigkeit.
„Die Späher halten die Position im eisigen Wind. Sie erstarren fast im Sattel, die Pferde lahmen, aber sie weichen keinen Zoll. Sie warten auf ein Zeichen aus der Festung. Aber das Orakel… die Alte weigert sich weiterhin, den Mund aufzumachen. Sie sitzt in ihrer Höhle, spuckt Galle in die Asche und verlangt, dass wir den morgigen Blutmond abwarten, bevor wir die Grenze überschreiten. Sie sagt, die Geister seien sonst blind.“
Thornak hielt mitten im Schritt inne. Die Stille, die darauf folgte, war erstickender als der Sturm draußen vor den Mauern. Ein tiefes, gutturales Vibrieren stieg aus seiner Kehle auf, so dunkel und gewaltig, dass die schweren Kristallgläser auf der langen Eichentafel erzitterten.
In seiner Brust tobte Donovan. Der pechschwarze Lykaner, eine Bestie von monströser Statur, doppelt so groß wie jeder Alpha-Wolf der bekannten Welt, kratzte mit imaginären Krallen an den inneren Wänden seines Verstandes.
Donovan war nicht bloß wütend, er war wahnsinnig vor Einsamkeit. Der Hunger nach der einen, schicksalhaften Gefährtin hatte den König in den letzten Jahrzehnten durch unzählige brennende Städte getrieben.
Seine Tyrannei war keine durchdachte Expansion, keine imperiale Politik, um mehr Land zu gewinnen.
Sie war die nackte, blutige Frustration eines hungernden Wolfes, der die Fährte seines Schicksals nicht fand und deshalb alles niedertrat, was ihm in den Weg kam!
Thornak überwand die Distanz zwischen ihnen in einem einzigen Wimpernschlag. Seine gewaltige Pranke schoss vor, packte Lucien am metallenen Kragen seiner Rüstung und riss den schweren Krieger mit einer erschreckenden, beiläufigen Leichtigkeit vom Boden hoch, bis Luciens Stiefel hilflos über dem Basalt hingen.
„Sie ist geboren, Lucien! Das hat das Orakel unter Folter ausgespuckt, doch sie weigert sich weiterhin, ihren Aufenthaltsort preiszugeben!“, spie Thornak.
Sein heißer Atem bildete dichte, weiße Wolken in der schneidenden Kälte des Saales. „Heute Nacht! Jetzt, in diesem verdammten Moment! Das Orakel schweigt über den Ort! Die Alte faselt von magischem Schutz, von feuerrotem Haar, von Nebel und Trugbildern. Sie sagte, meine Gefährtin sei beschützt. Sie könnte ein wimmerndes Balg im Dreck sein, eine junge Frau im Bett eines anderen Mannes, eine Hure, die sich für Silber verkauft!
Donovan reißt mir die Eingeweide in Stücke, er will Fleisch, er will sie! Und du stehst hier und redest mir von Geduld und Blutmonden? Willst du mich etwa verhöhnen, Beta?“
Lucien blickte direkt in die glühenden Augen seines Königs. Trotz der lebensgefährlichen Situation, trotz der Krallen, die sich langsam durch das Leder an seinem Hals bohrten, zuckte er nicht einmal mit der Wimper. Seine Stimme blieb fest, flach und geschäftsmäßig.
„Wenn du jetzt blindlings Truppen hinter ihr herschickst oder die umliegenden Täler durchkämmst, treibst du deine Gefährtin nur noch tiefer in die Erde“, erwiderte Lucien kalt.
Keine Furcht trat in seinen Blick. Er blieb der unnachgiebige Anker der Vernunft in diesem von Wut erfüllten Raum.
„Donovan will sie, das weiß ich. Ich höre sein Knurren bis hierher. Aber ein toter Thron nützt deiner Gefährtin nichts, wenn das Reich im Chaos versinkt, weil du einen blinden Krieg anzettelst. Und wenn sie ein Neugeborenes ist? Was dann, Thornak? Willst du ein schreiendes Kind auf diesen Thron setzen, während die anderen Rudel an unseren Toren rütteln? Die Bestie in dir wird sich nicht kontrollieren können. Du wirst sie zerfetzen, bevor sie dein Bett teilen kann. Das weißt du.“
Die Worte trafen Thornak wie ein physischer Schlag. Einen langen Moment schien es, als würde er Luciens Kehle einfach zerdrücken.
Das Knurren in seiner Brust erreichte eine ohrenbetäubende Lautstärke, ein innerer Dialog zwischen dem König und dem Wolf, der den Raum mit einer fast physisch spürbaren Alpha-Aura flutete.
Schließlich stieß er den Beta von sich. Lucien landete schwer auf seinen beschlagenen Stiefeln. Das Eisen kratzte über den Stein, doch der blonde Riese taumelte nicht einen Zentimeter zurück. Er ordnete lediglich mit einer langsamen, fast provozierend ruhigen Bewegung das dunkle Leder seines Kragens und blickte den König abwartend an.
Thornaks Krallen brachen durch das eigene Fleisch seiner Handflächen, als er die Fäuste ballte. Dunkles, zähflüssiges Blut sickerte zwischen den Fingern hervor und tropfte in langsamen, schweren Abständen auf den gefrorenen Basalt, wo es fast augenblicklich zu dunklen Perlen erstarrte. Er spürte den Schmerz kaum. Der Schmerz in seinem Kopf, das permanente Jaulen von Donovan, war weitaus schlimmer.
„Ich bin die Rätsel leid. Ich bin die Spione leid, die mir nur Berichte über leere Dörfer und falsche Fährten bringen“, flüsterte Thornak.
Diese leise Stimme war weitaus unheimlicher als sein vorheriges Brüllen. Es war das Geräusch eines Mannes, der die Klippe zum Wahnsinn endgültig überschritten hatte und nun den freien Fall genoss.
„Das Orakel schweigt über ihr Alter. Sie könnte ein wimmerndes Neugeborenes sein, ein Kind im Dreck oder eine junge Frau kurz vor ihrer Reife. Doch eines ist sicher: Noch hat sie ihre Volljährigkeit nicht erreicht. Vielleicht trennen uns Jahre von ihr, vielleicht nur wenige Tage.“
Er wandte sich langsam wieder um und blickte zum Kamin, in dem die Flammen wie wild sterbende Geister tanzten. Seine Augen waren nun vollständig im Schwarz der inneren Bestie ertrunken. Das Weiß war verschwunden, Donovan war an der Oberfläche und forderte seinen Tribut von der Welt der Sterblichen.
„Schick die Befehle raus, Lucien. An jeden Stamm, jedes elende Grenznest, jedes abtrünnige Rudel, das unseren Namen auch nur zu flüstern wagt“, befahl der König, und seine Stimme hallte wie dumpfer Donner von den Wänden wider.
„Ab dem heutigen Tag wird jeder Stamm und jedes Dorf dazu gezwungen, mir jedes Jahr jede einzelne rothaarige Jungfrau an meinen Hof zu liefern, sobald sie ihr achtzehntes Lebensjahr vollendet. Keine Ausnahmen. Keine Ausreden. Sie werden hierhergebracht, in Ketten oder freiwillig, das ist mir gleich. Wer versucht, eine von ihnen zu verstecken, wer auch nur eine einzige Nacht zögert oder die Truppen belügt – den frisst die Erde samt seinem gesamten Rudel. Ich werde diese Welt brennen sehen, Dorf für Dorf, bis Donovan wittert, was ihm gehört. Geh, Lucien. Bring mir meine Gefährtin.“
Lucien legte eine Hand auf die schwere Brustplatte. Seine Kiefermuskeln waren starr wie Eisen, die Lippen zu einem schmalen Strich verzogen. Er wusste genau, was dieser Befehl bedeutete. Es war das Todesurteil für tausende Unschuldige, ein Freifahrtschein für die Vollstrecker, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Doch die Loyalität zu seinem König stand über allem, tief in seine Knochen eingebrannt seit dem Tag, an dem sie gemeinsam im Blut ihrer Feinde gestanden hatten.
„Es wird geschehen, wie Ihr befehlt, Eure Majestät“, erwiderte der Beta kühl. „Die Maschinerie läuft an. Bis zum letzten Haar!“
Der Beta trat rückwärts in die Schatten und verschwand mit schweren, hallenden Schritten durch das schwere Portal.








