das Buch der Welt
Aus dem Buch der Welt –
Zwillinge der Welt
Am Anfang war nichts. Kein Licht. Kein Schatten. Nur Stille.
Und in dieser Stille lag Nhar’Zhul, die Ungebundene. Formlos. Wortlos. Allein.
Doch dann geschah das Erste Erwachen.
Aus der Stille erhoben sich zwei Kräfte, geboren aus einem einzigen Impuls:
Aelun, das Licht, das erschafft. Veyl, der Schatten, der bewahrt.
Zwillinge. Gleich alt. Gleich wahr. Gleich notwendig.
Sie sahen die Leere und beschlossen, sie zu füllen.
So formten sie die Welt. Flüsse, Wälder, Himmel und Herzschlag. Und aus ihrem Gleichklang entstanden die Völker:
Die Aelunari, Kinder des Lichts. Die Veylar, Wächter des Schattens. Und die Menschen, wandelbar wie der Wind.
Lange lebten sie in Harmonie. Licht schuf. Schatten schützte. Und die Welt atmete ruhig.
Doch Nhar’Zhul blieb. Nicht besiegt. Nicht gebannt. Nur verdrängt.
Sie wartete.
Das silberne Kind
Eines Tages wurde ein Kind geboren, dessen Augen im Dunkel silbern glühten.
Ein Kind, das Licht und Schatten zugleich trug. Ein Kind, das die Zwillinge spiegelte. Ein Kind, das die Leere hätte binden können.
Aelun sah ein Wunder. Veyl sah eine Warnung. Die Völker sahen ein Rätsel.
Und Nhar’Zhul sah eine Bedrohung.
Sie flüsterte den Aelunari:
„Sie wollen euch das Kind nehmen.“
Sie flüsterte den Veylar:
„Sie bringen die Welt in Gefahr.“
Sie flüsterte den Menschen:
„Fürchtet, was ihr nicht versteht.“
Und so begann der Streit. Nicht aus Bosheit. Sondern aus Angst.
Draethune
Als die Völker um das Kind kämpften, als Licht und Schatten sich widersprachen, als die Zwillinge sich nicht mehr erkannten—
da geschah Draethune.
Ein Riss. Ein kosmisches Reißen. Ein Auseinanderdriften der Zwillinge.
Das silberne Kind fiel. Die Harmonie zerbrach. Die Magie verstummte. Die Welt wurde stumm.
Und Nhar’Zhul atmete auf.
Die Risse
Nach Draethune entstanden die Risse:
in der Erde
in der Magie
in der Geschichte
in den Herzen der Völker
Orte, an denen Licht und Schatten sich nicht mehr berühren konnten.
Narben der Welt.
Zeichen des Bruchs.
Das Schweigen des Buches
Das Buch der Welt schrieb:
„Und so kam Draethune über die Welt.“
Darunter erschien ein feiner, schwarzer Strich. Wie ein Haar. Wie ein Riss.
Und danach:
Leere Seiten. Weiß wie Nebel. Stumm wie vergessene Träume.
Denn die Welt hatte aufgehört, Geschichte zu schreiben.








