20 - Ein Riss im Himmel
Kapitel 0 - Ein Riss im Himmel
„Eine Vision, ein Fiebertraum oder …“
Rhesus war heiss. Die Decke klebte an seinen Beinen, am Nacken sammelte sich Schweiss. Trotzdem fror er unter den Rippen.
Er zog die Knie an. Irgendwo tropfte Wasser.
Mit geschlossenen Augen suchte er nach der Kante seines Bettes. Seine Handflächen brannten noch vom rauen Holz des Balkens. Jonn hatte neben ihm gestanden. Jay hatte das Seil gehalten.
Ein Tropfen fiel.
Dann noch einer.
Beim nächsten lag nasse Erde unter seinen Fingern.
Rhesus öffnete die Augen.
Jay kniete zwischen niedrigen Pflanzen. Sein verletzter Arm lag in der Schlinge. Mit der freien Hand drehte er ein Blatt um, prüfte dessen Unterseite und zupfte es vorsichtig vom Stängel. Neben seinem Knie lag ein offener Stoffbeutel, darin ein paar Wurzeln und feuchte Blätter.
Heilpflanzen. Für ihn.
Rhesus wusste es, ohne zu wissen, woher.
Zwischen den dicht stehenden Stämmen verlor sich eine schmale Spur im Unterholz. Keine Dächer, kein Hämmern vom Wiederaufbau. Nur Regen, der von Blatt zu Blatt fiel. Jay musste weit gegangen sein, um diese Pflanzen zu finden.
Er war allein.
Rhesus wollte sich aufrichten.
Die Erde unter seiner Hand war verschwunden.
Für einen Moment spürte er wieder die Decke. Das Gewicht auf seinen Beinen. Seinen eigenen Atem, viel zu dicht vor dem Gesicht.
Dann sah er Jay von oben.
Er kniete noch immer bei der Pflanze.
„Jay.“
Sein Freund reagierte nicht.
Über den Baumkronen wurde es dunkel. Die Blätter drehten ihre hellen Unterseiten nach oben, obwohl noch kein Wind ging.
Jay hielt inne.
Etwas schabte über ihnen. Langsam, mit einem tiefen Knirschen, das Rhesus bis in die Zähne spürte.
Ein heller Riss zog sich durch die Wolken.
Dahinter bewegte sich eine Schulter.
Rhesus wartete darauf, den Rest zu erkennen. Der helle Rand wanderte weiter, durch Wolken hindurch, höher, als sein Blick ihm folgen konnte. Blitze liefen daran entlang. Für einen Augenblick zeichneten sie einen Arm nach, eine gekrümmte Hand.
Die Finger schlossen sich.
Gegenüber hob sich etwas Dunkles.
Er hatte es für einen Teil des Himmels gehalten. Jetzt verschoben sich Kanten darin. Auf einer Fläche spiegelte sich das Licht, auf der nächsten verschwand es. Dazwischen öffnete sich ein Auge.
Viel zu gross.
Rhesus drückte die Lider zusammen.
Das Auge blieb.
„Weg da“, sagte er.
Unten stand Jay auf.
Die beiden Gestalten prallten ineinander.
Zuerst war nur Licht.
Rhesus sah jede Blattader. Einen Käfer an der Unterseite eines Zweiges. Jays freie Hand, die noch das abgezupfte Blatt hielt.
Dann traf der Druck die Baumkronen.
Äste schlugen gegeneinander. Der Stamm neben Jay bog sich. Jay duckte sich und presste den verletzten Arm an den Körper.
Rhesus wollte zu ihm.
Er kam nicht näher.
Die riesige Hand im Himmel riss sich los. Blitze sprangen zwischen den Fingern hindurch und fuhren in die dunkle Gestalt. An deren Rändern flackerte es. Etwas splitterte, drehte sich im Licht und war wieder fort.
Der nächste Zusammenprall war so heftig, dass Rhesus den Atem verlor.
Die Decke drückte auf seine Brust.
Er zerrte daran.
Unter dem Baum riss Jay den Kopf herum. Mit der freien Hand griff er nach einer Wurzel, doch der Wind erfasste ihn, bevor er sie erreichte.
Die losen Blätter flogen zuerst. Dann der Beutel. Dann Jay.
Seine freie Hand streifte den Stamm, glitt ab. Er wurde seitwärts zwischen die Äste geschleudert.
Rhesus griff nach Jay.
Zu weit.
Er griff noch einmal.
Jetzt war sein Freund so nah, dass er die Anstrengung in seinem Gesicht sehen konnte. Jay versuchte, sich im Fallen zu drehen. Die Schlinge zerrte an seinem Nacken. Seine Beine schlugen gegen dünne Zweige, die unter ihm brachen.
Oberhalb der Baumkronen hielt die dunkle Gestalt ihren Gegner fest.
Oder es sah nur so aus.
Rhesus konnte die Arme nicht mehr auseinanderhalten. Schwarze Stränge spannten sich durch das Licht. Wo sie sich kreuzten, wand sich etwas Helles. Es bäumte sich auf, füllte noch einmal den ganzen Himmel.
Der Regen stand weiss in der Luft.
Dann wurde das Licht zusammengezogen.
Rhesus hörte einen Laut, bei dem sich alles in ihm sträubte. Er presste die Hände auf die Ohren. Er hatte keine Hände. Er lag im Bett. Er fiel durch die Zweige.
Jay fiel.
Ein dunkler Strang schnellte nach unten. Blitze zuckten darin, so eng ineinander verschlungen, dass Rhesus nicht sehen konnte, wo einer endete und der nächste begann.
Jay sah ihn kommen.
Er zog den Kopf zurück.
Der Strang traf ihn unterhalb des Halses.
Sein Körper ruckte. Die freie Hand schlug ins Leere, die Finger weit gespreizt. Für einen Augenblick wurde sein Gesicht von innen her hell.
Rhesus schrie.
Der Strang verschwand in Jay.
Ein dünner Blitz sprang von seiner Schulter zu einem Ast. Das nasse Holz platzte auf. Jay drehte sich schlaff weiter. Hinter ihm schoben sich die Baumkronen zusammen.
Rhesus sah den Boden nicht.
Er musste ihn auffangen.
Er musste nur...
Stoff riss unter seinen Fingern.
Rhesus fuhr hoch.
Der Schmerz unter den Rippen zwang ihn sofort wieder nach vorn. Er sass gekrümmt auf dem Bett und rang nach Luft. Die Decke hatte sich um seine Beine gewickelt. In seiner Faust hielt er einen Zipfel davon.
Vor ihm standen die Wände des Zimmers.
Holz. Die dunkle Öffnung des Durchgangs. Eine Schale neben dem Bett.
Das Wasser darin schwappte über den Rand.
Er starrte auf seine Hand.
Langsam löste er die Finger aus dem Stoff. Einer nach dem anderen.
„Jay?“
Seine Stimme war kaum zu hören.
Rhesus hob den Kopf zum Durchgang. Er wartete auf ein Rascheln, auf Schritte, auf eine Antwort.
Dann holte er Luft und rief noch einmal.
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