Kapitel 001: Das große Haus
Kai Wagner hatte nie geplant, mit Anfang zwanzig allein in einem Haus zu leben, in dem man sich verlaufen konnte, ohne sich besonders anzustrengen.
Das Haus war schon immer zu groß gewesen. Zwei Etagen, ein ausgebauter Dachboden, ein breites Treppenhaus, ein Garten hinter der Terrasse und Zimmer, die seine Eltern früher mit einem Schulterzucken als „für später“ bezeichnet hatten. Später hatte nach ihnen geklungen. Nach Besuch. Nach Familie. Nach Leben.
Dann waren seine Eltern viel zu früh gestorben.
Nicht am selben Tag, aber nah genug beieinander, dass Kai lange das Gefühl gehabt hatte, einen einzigen Verlust zu betrauern, der nur aus zwei Namen bestand. Erst sein Vater. Wenige Monate später seine Mutter. Danach gehörten ihm plötzlich Dinge, die er nie hatte besitzen wollen: das Haus, mehrere Konten, Anlagen, Grundstücksanteile und ein Vermögen, über das Erwachsene in Anzügen mit bemerkenswert ruhigen Stimmen gesprochen hatten.
Kai war finanziell abgesichert. Vollständig. Dauerhaft.
Das war der nüchterne Satz gewesen.
Er müsse nicht arbeiten, hatte der Vermögensverwalter erklärt. Nicht jetzt. Wahrscheinlich nie, sofern er nicht anfing, mit Geld um sich zu werfen, als wolle er testen, wie schnell man ein Familienvermögen vernichten konnte.
Kai hatte damals nur genickt.
Später hatte er festgestellt, dass Geld zwar Rechnungen bezahlte, aber keine Türen öffnete, hinter denen jemand auf einen wartete.
An diesem Morgen saß er mit einer Tasse Kaffee am langen Küchentisch und hörte dem Kühlschrank zu.
Es war lächerlich, wie laut ein Kühlschrank in einem stillen Haus sein konnte.
Seine Schäferhund-Ohren zuckten, als draußen ein Auto vorbeifuhr. Dann war wieder Ruhe.
Kai nahm einen Schluck und sah zum zweiten Stuhl auf der anderen Seite des Tisches.
Seine Mutter hatte dort gesessen.
Er stand auf.
Nicht weil er fertig war. Nur weil er plötzlich nicht mehr sitzen wollte.
Im Flur hing noch immer die alte Garderobe seines Vaters. Kai hatte die Jacken längst weggegeben, aber einen Schal behalten. Er wusste selbst nicht warum. Vielleicht, weil das Haus sonst zu schnell so getan hätte, als hätte es seine Eltern nie gegeben.
An der Haustür klingelte es.
Kai blieb stehen.
Dann klingelte es ein zweites Mal. Kurz. Ungeduldig.
Er musste nicht nachsehen, wer es war.
„Du besitzt einen Schlüssel“, rief Kai.
Von draußen kam die Antwort: „Ja, aber dann beschwerst du dich, dass ich einfach reinkomme!“
Kai schloss für einen Moment die Augen.
Dann grinste er.
Er öffnete die Tür.
Rico Wagner stand davor, einen Rucksack über einer Schulter, braun-schwarzes Fell etwas zerzaust und mit genau dem Gesichtsausdruck, den Kai seit Jahren kannte: als wäre jede Tür grundsätzlich dafür verantwortlich, dass sie nicht schnell genug aufging.
„Morgen“, sagte Rico.
„Es ist elf.“
„Also Morgen.“
Kai trat zur Seite.
Rico kam herein, zog die Schuhe aus und ging ohne weitere Einladung Richtung Küche.
„Hast du was zu essen?“
„Du hast Eltern.“
„Die haben auch Essen.“
„Dann verstehe ich die Frage nicht.“
Rico öffnete den Kühlschrank.
Kai lehnte sich an den Türrahmen und sah ihm zu.
Rico war sein Cousin. Ihre Väter waren Brüder gewesen, beide Wagners, beide vollkommen unterschiedlich und trotzdem eng miteinander verbunden. So war Kai mit Rico aufgewachsen, obwohl zwischen ihnen einige Jahre lagen. Rico hatte seine eigenen Eltern, sein eigenes Zuhause und seine eigene Familie. Aber seit Kais Eltern gestorben waren, tauchte er noch öfter auf als vorher.
Nie mit Mitleid.
Das mochte Kai an ihm.
Rico sagte nicht: Du bist so allein.
Rico sagte: Hast du Käse?
„Du könntest wenigstens fragen, bevor du meinen Kühlschrank leerst.“
„Hab ich doch.“
„Du hast gefragt, ob ich Essen habe.“
Rico nahm Käse heraus. „Und du hast die Existenz deiner Lebensmittel nicht bestritten.“
Kai schnaubte.
Das Haus war noch immer groß.
Seine Eltern waren noch immer tot.
Und sein Erbe war noch immer eine absurde Zahl auf Papier.
Aber plötzlich knallte eine Kühlschranktür zu, Rico suchte nach Brot und irgendwo im Flur lag ein Rucksack im Weg.
Das Haus klang für ein paar Minuten nicht mehr leer.
Kai wusste damals noch nicht, wie wichtig ihm dieses Geräusch einmal werden würde.








