Nur eine Adresse
Zwei Wochen. Zwei verdammte Wochen hatte ich nichts von ihm gehört.
Zwei Wochen, in denen ich mir die Augen aus dem Kopf geheult hatte und ihm gefühlt tausend Nachrichten geschrieben hatte.
Okay, es waren zehn Nachrichten. Jeden Tag Eine. Also, bis vor vier Tagen. Da hatte ich aufgegeben.
Und jetzt, nach zwei Wochen leuchtete sein Name auf meinem Display auf. Und sofort hatte mein Herz wieder angefangen schneller zu schlagen.
Es war eine Adresse. Mehr nicht. Kein »Hey Triple« kein Wort einer Entschuldigung, keine Erklärung. Nur diese verfluchte Adresse.
Und ich hatte sofort alles stehen und liegen gelassen. Ich hatte mich gerade noch, vor dem Vorlesungssaal auf die bevorstehende Prüfung vorbereitet und war mit Luna die letzten Fakten durchgegangen.
Nur um jetzt durch den Regen zum Park zu laufen, durch das magische Portal zu treten und dieses blöde Arschloch zu sehen.
Meine Prüfung würde als »nicht bestanden« gelten, weil ich sie nicht geschrieben hatte. Und ich müsste den Kurs wiederholen.
Aber das war es mir wert.
Hauptsache, nach diesem Treffen war wieder alles wie früher. So lief es doch immer, oder?
Wir verstanden uns gut, dann hatten wir Streit und dann warfen wir uns wieder sarkastische Bemerkungen an den Kopf.
Kieran würde mich gleich mit einem »Hey Triple« begrüßen. Ich würde nonchalant und mit gespielter Überraschung sagen, dass ich froh wäre, dass er noch lebte. Wir würden lachen und dann würde Kieran mir den Grund für das Treffen nennen.
Wir würden den Auftrag bearbeiten, uns dabei wie gewohnt auf die Nerven gehen, aber das alles auf diese gute, spielerische Art.
Und wenn wir den Auftrag erledigt hatten, würde ich ihn fragen, wieso er bei meiner Grandma (Ratsvorsitz Olivia Raven) nach einer Auflösung unserer Zusammenarbeit gebeten hatte.
Er würde es erklären (sicher war es ein banaler, völlig bescheuerter Grund) wir würden lachen und dann… tja dann hoffte ich, dass wir da weitermachten, wo wir aufgehört hatten.
Und vielleicht sogar dieses Mal beendeten, was wir angefangen hatten.
Ich trat aus dem Portal und runzelte die Stirn.
Ich stand an einer Strandpromenade, zwischen zwei Shops, die geschlossen und verriegelt waren.
Ein kalter Wind wehte und es nieselte. Der Regen fühlte sich an, als würden Glassplitter auf die Haut treffen und ich kuschelte mich tiefer in meinen Mantel.
Links von mir, war das Meer. Laut und mit einem ziemlich hohen Wellengang. Rechts, waren die ganzen Geschäfte, die jetzt im Winter geschlossen blieben.
Ich zog die magische Karte aus meiner Jackentasche. Ein Ausrüstungsgegenstand, den jeder Agent des magischen Geheimdienstes – kurz MGD – bekam. Und auch jeder Lehrling, so wie ich einer war.
Die Karte wusste immer ganz genau wo man sich befand und irgendwie wusste sie auch immer, wohin man wollte.
Ein Haus auf der Karte, war rot markiert und ein kleiner, roter Pfeil, zeigte mir den Weg.
Ich folgte der Karte und ich war überrascht, dass Kieran noch nirgendwo aufgetaucht war. Ich hatte damit gerechnet, dass er mich am Portal erwarten würde. Wir zusammen hier ankamen. So wie früher.
Aber vielleicht war es auch wieder eine Observation und er hatte bereits das vorherige Team abgelöst und ich sollte nachkommen.
Dachte er vielleicht, dass ich noch in einer Vorlesung war? Immerhin war es Mittwochnachmittag und wenn nicht gerade Prüfungszeitraum wäre, dann hätte ich jetzt tatsächlich einen Kurs.
Die Karte wies mir an, dass ich nach links gehen sollte. Doch da waren nur Dünen, Sand und… in einiger Entfernung eine alte, heruntergekommene Strandhütte.
Und das war dann wohl mein Ziel.
Ich kämpfte mich durch die Dünen, wo der Wind nur noch stärker war und hier war es auch lauter. Das Brechen der Wellen dröhnte in meinen Ohren und ich bereute es, dass ich keine Mütze aufhatte.
Meine Ohren taten schon weh und ich hoffte einfach, dass ich nicht eine Mittelohrentzündung davontragen würde.
Ich kämpfte mich vor, bis ich endlich am Ziel war. Das Holz der Hütte ächzte leise und skeptisch sah ich mir das Bauwerk an.
Irgendwie wirkte die Hütte, als würde sie beim nächsten starken Windstoß weggeweht werden. Die Fensterscheiben waren dreckig, grünliche Schlieren hatten sich gebildet.
Und trotzdem sah ich im Inneren der Hütte, wie jemand sich bewegte. Ein Schatten, der jetzt verschwand und dann ging die Tür auf.
Kieran.
Zwei Wochen hatte ich ihn nicht gesehen. Zwei Wochen hatte ich nur sein Profilbild angeschmachtet und mir vorgestellt, dass er mich mit diesem Lächeln betrachten würde.
Aber die Realität war anders. Kein Lächeln. Kein »hallo« und auch sonst nichts.
Er hatte mir einfach die Tür geöffnet und war sofort wieder im Inneren der Hütte verschwunden. Er hatte mich nicht einmal wirklich angesehen.
Vielleicht ist er da drinnen auch gerade beschäftigt. Bei Aufträgen für den MGD ist er immer zu einhundert Prozent konzentriert und bei der Sache!
Ich betrat die Hütte und Kieran ließ die Tür hinter mir ins Schloss fallen, ohne sich vom Fenster wegzubewegen, vor dem ein Tisch stand, auf dem einige Zettel lagen, sowie eine Sofortbildkamera.
»Ich hoffe, du musstest nicht zu lange warten. Und ich hoffe der Auftrag ist es wert. Ich habe meine Prüfung sausen lassen hierfür«, sagte ich und trat näher.
Kieran sagte nichts, sondern notierte etwas auf einem Zettel und nahm die Kamera an sich.
»Was genau sollen wir eigentlich machen? Deine Nachricht war ziemlich nichtssagend. Nur die Adresse, wo das Portal ist, aber ansonsten… beobachten wir Wale? Delfine? Pinguine?«
Ich lächelte, aber Kieran ging nicht auf meine Bemerkung ein. Er hockte sich hin und machte ein Foto vom Hüttenboden, auf dem…
»Ein Pentagramm«, sagte ich überrascht. »Aber kein Aktives, wie es scheint. Okay, was sollen wir machen Kieran?«
Kieran richtete sich auf, ging zurück zum Tisch und legte das Sofortbild sorgfältig ab. Langsam trat ich näher und sah mir an, was genau er da tat.
Viele Notizen lagen ordentlich sortiert zusammen. Und zu jeder Notiz, jeder Auffälligkeit, gab es ein Foto.
Es gab Fotos von der Hütte von draußen. Der Umgebung.
»Nicht aktives Pentagramm. Ausrichtung nach Osten. Wachsreste am Boden.«
Und alles mit Fotos untermauert.
»Wieso hast du nicht auf mich gewartet? Ich bin nach deiner Nachricht sofort los und habe es sogar in weniger als fünfzehn Minuten geschafft«, sagte ich verwirrt und sah Kieran an.
Er machte bereits weitere Fotos. Abgebrannte Kerzen, Wachsreste…
»Muss ich mich erst vor die Kamera stellen, damit du mich siehst? Hallo? Kieran, ich brauche Anweisungen. Was soll ich tun?«
Keine Reaktion und so langsam wurde ich wütend.
Er war mein Mentor verdammt! Er sollte mich für den MGD ausbilden! Mich anleiten!
»Bin ich irgendwie unsichtbar? Kieran, jetzt sieh mich wenigstens an und sag mir, was ich machen soll! Du bist mein Mentor, ob du das willst oder nicht!«
Kieran ignorierte mich. Er ignorierte mich wirklich.
Und weil er mir keine Anweisung gab, oder mir sagte, worauf genau ich achten sollte, konnte ich auch nichts tun.
Ich konnte weder Notizen machen, noch Fotos. Ich hatte ja nicht einmal eine Ahnung, was bei so einer Untersuchung alles verlangt war.
Und Kieran schien kein Interesse daran zu haben, es mir zu erklären.
»Ich habe meine Prüfung dafür sausen lassen«, murmelte ich. »Ich falle durch, weil ich hier sein sollte und jetzt sagst du mir nicht einmal, was genau wir hier machen sollen…«
Kieran ging zurück zum Tisch, legte die Fotos ab und wandte sich wieder ab.
Nichts. Keine Reaktion. Kein Blick in meine Richtung. Nichts.
»Okay«, sagte ich leise. Gebrochen. »Ich… ich gehe dann…«
Ich wandte mich zum Gehen. Meine Hand lag schon auf der Klinke. Er ließ mich gehen. Er ließ mich wirklich gehen!
Ich drehte mich zu ihm um. Ich wollte etwas sagen. Ihn anschreien.
Aber bevor die Worte über meine Lippen drangen, entdeckte ich etwas.
Unter dem alten, kaputten Holzbett lag etwas. Etwas Dunkles. Und es hatte Magie an sich, das konnte ich deutlich spüren.
Kieran hatte die Kamera kurz beiseitegelegt und notierte sich wieder einige Dinge. Ich trat näher, sah mir die Bilder an. Die Notizen.
Vom Bett gab es nur ein Bild. Ein Bild vom aller ersten Eindruck. Er hatte es sich nicht genauer angesehen.
»Hier am Bett ist was«, sagte ich und nahm die Kamera an mich. Ich trat vorsichtig dichter und achtete darauf, nicht auf die Linien des Pentagramms zu treten.
Doch als ich mich hinhocken wollte, um ein Bild zu machen, schob Kieran mich zur Seite und nahm mir die Sofortbildkamera ab.
Ich sah perplex zu, wie er sich hinhockte und das Foto schoss.
Und da war es mir zu viel.
»Lass mich doch endlich helfen Kieran Thorne!«, schrie ich wütend und langsam richtete er sich auf. »Hör auf mich zu ignorieren und lass mich endlich helfen! Du bist mein Mentor verdammt! Wieso lässt du mich nicht helfen?«
Er drehte sich um. Langsam. Und in seinem Blick lag nichts als Kälte.








