Viola 1
Puh. Endlich Freitag. Endlich hatte ich diese beschissene Woche überstanden. Jetzt nur noch diesen weirden Typen abkassieren und dann war Feierabend. Allein der Gedanke daran ließ meine Laune ein wenig steigen. Innerlich freute ich mich schon seit Stunden auf das Wochenende. Ich konnte es kaum erwarten, endlich nach Hause zu kommen, mich auf mein Sofa zu werfen und den Abend mit einem Glas Wein und TikTok ausklingen zu lassen. Vielleicht hatte er ja etwas gepostet, bei dem Gedanken musste ich unwillkürlich lächeln. Ich ging zu dem Tisch, an dem dieser komische Kerl saß. Er hatte mich den ganzen Abend über immer wieder so lüstern angesehen, dass mir mittlerweile jedes Mal ein unangenehmer Schauer über den Rücken lief.Ich hoffte wirklich, dass er mir nach Ladenschluss nicht auflauerte. „Das wären dann 150 Dollar, Sir. Zahlen Sie bar oder mit Karte?”Ich sah erwartungsvoll auf ihn herab.Ekelhaft.Seine Lippen verzogen sich zu einem schiefen, widerlichen Grinsen. Gott, ich konnte das nicht mehr. Immer diese ekelhaften, alten, schmierigen Männer. Er hustete, als würde er dabei wahrscheinlich gerade seine halbe Lunge ausspucken, und räusperte sich anschließend noch einmal. „Am liebsten würde ich ja gar nicht bezahlen ...” Er lachte. Ich fand es überhaupt nicht lustig. Hinter dem Tresen wurden meine Kollegen hellhörig. Es kam tatsächlich häufiger vor, dass Kunden sich weigerten zu bezahlen. Und wenn sie dann auch noch angetrunken waren, konnte eine solche Situation schnell eskalieren. Ich war froh, dass meine Kollegen solche Aussagen ernst nahmen. Es gab mir ein Gefühl von Sicherheit. Ich richtete mich etwas auf und begegnete seinem Blick. „Sir, das funktioniert leider nicht.” Ich sprach bewusst etwas lauter und fester. Meine Stimme sollte keinen Zweifel daran lassen, dass ich meine Professionalität nicht verlieren würde. Er lehnte sich zurück und grinste. „Entspann dich, Süße. Ich zahle bar.” Mir kam beinahe das Kotzen.Ohne noch etwas zu erwidern, legte ich die Quittung auf den Tisch und verschwand nach hinten in den Pausenraum. Ich öffnete meinen Spind und begann, mich umzuziehen. Kaum hatte ich mein Oberteil gewechselt, kam Roy herein.„Süße ... so ein ekelhafter Kerl.” Er schüttelte den Kopf. „Aber immerhin hat er genug Trinkgeld springen lassen. Hier.” Er hielt mir mein Trinkgeld hin. Ich nahm es entgegen und schenkte ihm ein kleines Lächeln.„Danke, Roy. Ich wünsch dir eine gute Nacht.”„Dir auch.”Kurz darauf verließ ich das Restaurant.Die kalte Abendluft schlug mir entgegen, und für einen Moment blieb ich einfach stehen und atmete tief durch. Endlich Feierabend.Ich ging zu meinem Auto, warf meine Tasche auf den Rücksitz und startete den Motor.Während der Fahrt dachte ich kaum noch an den Abend. Meine Gedanken wanderten stattdessen immer wieder zu ihm. Motoidiot.Ich fragte mich, ob er heute etwas gepostet hatte.
Zuhause angekommen, schmiss ich mich sofort auf mein Sofa und legte die Beine hoch. Endlich.Ich schenkte mir ein Glas von meinem Lieblingswein ein, lehnte mich zurück und griff nach meinem Handy. TikTok. Meine Lieblingsapp. Ich öffnete meine „Für dich”-Seite und begann zu scrollen.Ein Video.Noch eins.Dann erschien plötzlich die Benachrichtigung.Motoidiot hat einen neuen Beitrag gepostet.Mein Herz machte einen kleinen Sprung.Sofort bekam ich Herzklopfen und spürte, wie die Euphorie in mir hochstieg. Ich öffnete den Beitrag. Da war er. Oberkörperfrei saß er auf seinem Bike. Natürlich trug er wieder seinen Helm. Das glänzende Schwarz spiegelte das Licht wider, während das dunkle Visier sein Gesicht beinahe vollständig verbarg. An den Seiten des Helms zogen sich filigrane, verschlungene Muster entlang. Dieselben Muster fanden sich auf seiner nackten Haut wieder. Die Tattoos zogen sie sich über seinen Oberkörper und betonten seine Muskeln. Ich biss mir unbewusst auf die Unterlippe.Verdammt.Warum musste er auch so aussehen?Mein Blick wanderte nach unten zur Beschreibung. „Ein netter Abend als einsamer Biker, der seinen Backpack sucht.” Ich musste lächeln. Mein Finger schwebte über dem Kommentarfeld. Sollte ich wirklich? Ach, scheiß drauf. Ich begann zu tippen. „Ich könnte dein zukünftiger Backpack sein, aber ob du mich wahrnimmst?” Ich las den Satz noch einmal. Dann drückte ich auf „Posten”. Gesendet.Jetzt hieß es warten. Ich bekam schon nach kurzer Zeit die ersten Likes. Einige kamen von Leuten aus seiner Fanbase, mit denen ich mich inzwischen sogar hin und wieder austauschte.Doch dann sah ich es. Und mein Herz blieb beinahe stehen. Gefällt dem Ersteller. Ich starrte auf meinen Bildschirm. Er hatte meinen Kommentar geliket. Ich schloss mein Handy sofort und warf es ein paar Meter von mir auf das Sofa. „Oh mein Gott ...” Ich ließ mich zurücksinken. Er hatte zwar schon häufiger meine Kommentare geliket, aber an dieses Gefühl würde ich mich wahrscheinlich niemals gewöhnen. Mein Herz schlug noch immer viel zu schnell. Ich schloss die Augen und versuchte, mich zu beruhigen. Da hörte ich es, ein tiefes, entferntes Motorgrollen. Meine Augen schossen auf. Ich hielt den Atem an, das Geräusch kam näher. Nein. Das konnte nicht sein.Oder doch?Ich sprang vom Sofa auf und rannte zum Fenster.Mein Herz raste.Ich schob den Vorhang zur Seiteund dann sah ich es. Ein schwarzes Bike.Direkt vor meinem Haus.








