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Fang and Feather

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Summary

Im Kastel entscheidet sich deine Zukunft nach der Zuteilung. Doch was, wenn das letzte Wort jemand anderem gehört?

Status
7h ago
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel 1

Der Junge zwei Reihen vor mir atmet hörbar aus, als die Scriba seinen Zweig ausspricht. Einen Augenblick lang bleibt er stehen, als müsste er sichergehen, dass sie es nicht wieder zurücknimmt. Dabei ist das Ganze mehr eine Tradition als eine echte Zuteilung. In den letzten Wochen haben wir uns sehr ausführlich damit beschäftigt, wo wir heute landen werden. Unsere Wünsche sind längst abgesprochen, eng wird es höchstens, wenn zu viele von uns spontan beschließen würden doch einen anderen Zweig zu wählen.

Erst als der Jubel schon fast abgeklungen ist, bewegt er sich auf seinen Zweig zu, wo ihn die anderen frisch eingeteilten Signaren begrüßen.

Ich lockere die Finger um das gefaltete Pergament in meinen Händen. Die Kanten sind schon weich. Wenn ich noch länger mit dem Daumen darüberstreiche, habe ich es durch, bevor mein Name fällt. In der Hoffnung, nicht versehentlich meine Anmeldung zu zerreißen, lasse ich den Blick über die Gruppen der bereits Aufgerufenen gleiten. Noch tragen wir alle die gleichen Jacken. Das gleiche dunkle Leder. Die gleichen Stiefel, die uns zu Beginn der Grundausbildung die Fersen wund gescheuert haben. Und trotzdem stehen manche von ihnen schon in einer völlig anderen Körperhaltung da als noch vor zehn Minuten. Erst gestern beobachtete ich Neven dabei, wie er verzweifelt versuchte, einen abgefallenen Knopf mit Harz an seiner Jacke zu befestigen. Heute steht er da, mit geschwollener Brust, als würde er jeden Moment selbst Befehle erteilen.

»Hör auf so zu gucken«, flüstert Barrett. Ich wende meinen Blick von den Signaren des Prägungszweigs ab und sehe direkt in Barretts dunkle Augen, die mein Gesicht mustern.

»Wie gucke ich denn?« An meinen Lippen zupft ein Lächeln, als ich die Arme vor der Brust verschränke.

»Als würdest du gleich jemanden ... beißen oder sowas in der Art.«

Meine Brauen heben sich.

»So«, meint er und verzieht sein Gesicht bei dem Versuch, mich nachzuahmen. Meine Mundwinkel zucken nach oben. Am liebsten würde ich ihm einen Stoß mit dem Ellenbogen verpassen, allerdings werden wir beobachtet. Mentor Dwingan, der am Rand der Reihen steht, betrachtet uns mit diesem Blick, der mir inzwischen als Warnung reicht. Die neuen Novaren tun mir jetzt schon leid. Er hat uns die Grundausbildung nicht gerade leicht gemacht. Ich glaube, er ist nicht mal in der Lage, ein Lächeln zustande zu bringen. Ich verziehe das Gesicht bei dem Bild, das vor meinem inneren Auge auftaucht. Ugh. Nein – zum Lächeln ist er definitiv nicht gemacht. Aber wer erwartet auch schon eine Behandlung mit Samthandschuhen und strahlenden Sonnenschein-Ausbildern, wenn man für den Krieg vorbereitet wird. Trotzdem habe ich die Hoffnung, in meinem Zweig ab und zu in ein freundliches Gesicht zu sehen. Bisher hat Barrett diesen Ausgleich geschaffen, doch nach der Zuteilung wird sich unsere gemeinsame Zeit zwangsläufig drastisch reduzieren. Allein der Gedanke daran versetzt mir einen Stich.

Ich falte das Pergament in meinen Händen ein weiteres Mal, als am linken Tor, eine Ebene unter uns, eine Kette klirrt. Ich schaue hinüber, als gerade der nächste Name aufgerufen wird. Die schweren Flügel werden geöffnet. Dahinter drängen sich Menschen, beladen mit Taschen, zusammengerollten Decken und Mänteln. Die neuen Novaren. Ganz vorn bleibt eine junge Frau unter dem Tor stehen, mit einem Bündel unter jedem Arm, und legt den Kopf in den Nacken. Ihr Blick wandert die Mauern hinauf. Ich muss lächeln. Ich kenne diesen Blick, dieses Gefühl.

Als ich das Kastel zum ersten Mal betreten habe, war ich ebenfalls fasziniert, wie viel von der Festung von unten gar nicht zu sehen ist. Hinter jeder Mauer steht eine weitere Treppe. Treppen führen zu Durchgängen, die im Fels verschwinden und die oberen Türme scheinen direkt aus dem Berg zu wachsen. Von außen sieht es aus wie eine Festung. Von innen erinnert es eher an ein Labyrinth auf mehreren Ebenen. Zumindest in den ersten paar Monaten, wenn man in Eile den richtigen Hof finden muss.

»Weitergehen«, höre ich die Wache rufen. »An der Mauer entlang. Anmeldung im unteren Hof.«

Hastig setzt die junge Frau sich wieder in Bewegung, dabei rutscht ihr eins ihrer Bündel aus der Armbeuge. Sie fängt es mit dem Knie und stolpert weiter, während die Wache bereits die Nächsten durchwinkt.

»Wetten, die Hälfte von denen landet bei den Vorratskammern?«

Ich schnaube. »Du bist selbst direkt am ersten Tag in der Wäscherei gelandet.«

Schulterzuckend grinst er, während er die Lücke zu seinem Vordermann mit einem Schritt schließt.

Die Neuankömmlinge werden unterhalb unseres Hofes entlanggeführt. Vor dem Durchgang staut sich die Reihe bereits. Einige sehen ganz offen zu uns hinauf, während andere sich so angestrengt darum bemühen unauffällig zu sein, dass es umso deutlicher wird. Doch als ein Schatten über uns hinwegfliegt, zieht es ihre Blicke nach oben.

Ich seufze. Das Stimmengewirr hier unten muss Circe neugierig gemacht haben. Und natürlich muss der schaulustige Kronengreif die ungewohnte Situation höchstselbst inspizieren.

Mein Blick verfolgt den imposanten Vogel, bis er eine Ebene über uns auf einem Torbogen landet. Seine Krallen schrammen dabei so unangenehm laut über den Stein, dass ich das Gesicht verziehe. Circe hingegen präsentiert seine Gelassenheit, indem er beginnt, mit dem Schnabel seine Federn zu ordnen.

Barrett legt den Kopf in den Nacken. »So ein Poser«, kommentiert er.

Ich zucke mit den Schultern. »Er liebt es, im Mittelpunkt zu stehen.«

»Weiter!«, ruft die Wache unter uns wieder, offensichtlich gereizt vom Staunen der neuen Novaren. Nach ihrer Einweisung werden sie schon unsere alten Quartiere beziehen, während wir nach der Zuteilung in neue Bereiche aufgeteilt, abhängig des jeweiligen Zweigs, ziehen werden.

»Kampfzweig.« Die Stimme der Scriba zieht meine Aufmerksamkeit wieder nach vorne. Jemand klopft dem frischgebackenen Singaren gegen den Oberarm und die Reihen des Kampfzweigs brechen in Jubel aus, während alle anderen klatschen. Die Scriba wartet, bis es wieder still wird. Ich frage mich, wie viele Zuteilungen sie wohl bereits hinter sich gebracht hat.

Licht fällt auf den Hof und trifft den Unterarm der Frau, die hinter dem Tisch des Sonderzweigs sitzt. Sie hat die Ärmel zurückgeschlagen und das filigrane Zeichen ihres Zweigs schlängelt sich in dunklen Linien über ihre Haut. Unwillkürlich fahre ich mit meiner freien Hand über meinen noch ungezeichneten Arm. Seit dem ersten Tag habe ich auf den Armen anderer nach diesen Zeichen gesucht. In der Essenschlange, beim Training, immer wenn jemand den Ärmel hochschiebt. Ein Blick genügt und man weiß, wohin jemand gehört. Ich habe mir längst ausgemalt, wie mein Arm aussehen wird. Wie von selbst wandert mein Blick zum Prägungstisch, bevor ich mich selbst davon abhalte. Aber Barrett bemerkt es trotzdem.

»Was, wenn du noch mal fragst?«

Ich schüttle den Kopf.

»Vielleicht gibt es jemanden, der die Regel nicht so ... eng sieht«, versucht er es weiter.

»Ich war bei drei verschiedenen Leuten, Barrett. Und ich glaube, niemand würde sich trauen, diese Regel zu lockern, und damit seine Stellung riskieren.« Er verlagert sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen, dabei knirscht die Sohle seines Stiefels über den Stein. Barrett sieht aus, als würde er ernsthaft nach einer Lösung suchen. Jetzt. Zehn Meter von unserer Zuteilung entfernt.

»Es ist okay. Es ist nicht so, als wäre ich unzufrieden. Nur weil es nicht meine erste Wahl wird, bedeutet es nicht, dass es deswegen schlechter wird«, versuche ich ihn aus seinen Gedanken zu holen. Wer weiß, auf welch glorreiche Ideen er noch kommt.

Seine Augenbrauen springen so schnell nach oben, dass beinah zurückweiche.

»Ich werde nicht da sein. Natürlich wird es schlechter. Zwangsläufig sogar.«

»Auch wieder wahr. Punkt für dich«, antworte ich wehmütig.

Aber wie man es auch dreht und wendet, ich komme nicht in den Prägungszweig. Denn dafür müsste ich Circe abgeben. Ich habe die Aufnahmebedingungen inzwischen oft genug gelesen, um sie im Schlaf herunterbeten zu können. Und es gibt nichts, was man an der Formulierung dieser Klausel großzügiger auslegen könnte.

Die Aufnahme in den Prägungszweig setzt voraus, dass keine Begleittiere gehalten werden.

Die Scriba der Verwaltung hat mir doch tatsächlich angeboten, Circes Vermittlung zu unterstützen.

»Wir würden selbstverständlich dafür sorgen, dass er angemessen versorgt wird.«

Ich sehe noch den Tintenklecks an ihrem Finger vor mir, während sie mir das Formular über den Tisch zuschiebt.

»Kronengreife wechseln ihren Menschen nicht«, habe ich ihr erklärt. »Sie wissen das. Und trotzdem bieten Sie mir an, ihn zu vermitteln?« Ich presste die Lippen aufeinander. Ich konnte meine Fassungslosigkeit über dieses Angebot – obwohl sie wusste, dass das für Circe im besten Fall ein Leben als Ausstellungsstück in einer Voliere bedeuten würde – nicht verbergen.

Statt einer Antwort verharrte ihre Hand auf dem Papier, genauso wie das nichtssagende Lächeln in ihrem Gesicht. Daraufhin verließ ich das Büro. Ohne Formular und ohne ein weiteres Wort.

»Barrett Gisprahhalo«, ertönt wieder die Stimme der Scriba und Barrett strafft unwillkürlich die Schultern.

Mit einem leisen »Bis später« verabschiedet er sich von mir und ich schenke ihm noch ein Lächeln, bevor er mit diesem schiefen Grinsen losgeht, das ihm schon mehr Schwierigkeiten bereitet hat, als er zugeben würde.

In wenigen Schritten hat er den Tisch erreicht und übergibt der Scriba seine Anmeldung. Sie wirft einen Blick darauf und sortiert sie zu einem der Stapel vor ihr, bevor sie verkündet: »Prägungszweig!«

Jubel bricht aus, in den ich ohne Zögern einstimme. Barrett dreht sich noch einmal um. Als sich unsere Blicke treffen, streckt er mir beide Daumen entgegen. Ich muss lachen und erwidere die Geste, bevor er zwischen seinen neuen Kameraden verschwindet. Sogar Circe lässt einen lauten Schrei los, woraufhin einige Köpfe zusammenzucken. Darunter auch Neven, der erst Circe und dann mir einen vernichtenden Blick zuwirft. Ich kann sein »dieser verfickte Vogel!« praktisch hören, ohne dass er es überhaupt ausspricht, und kann mein Grinsen nur bedingt unterdrücken.

Langsam schwillt der Lärm wieder ab und Nevens hasserfüllter Blick verflüchtigt sich, kehrt allerdings sofort zurück, als Barrett neben ihm auftaucht und etwas in sein Ohr flüstert. So sehr ich die gemeinsame Ausbildung mit Barrett vermissen werde, so sehr freue ich mich auch, weit weg von Neven zu kommen.

Der nächste Name wird von der Scriba aufgerufen und ein Anwärter aus der Reihe neben mir setzt sich in Bewegung. Ich trete auf den Platz, auf dem eben noch Barrett gestanden hat. Kurz darauf kommt wieder Applaus auf. Allmählich werden meine Arme lahm. Nach dem heutigen Tag sind meine Hände sicher taub.

»Maevinn Sagari.«

Für einen Moment höre ich nur meinen Namen zwischen den Mauern widerhallen. Erst als die Scriba den Blick von der Liste hebt und fragend in unsere Reihen sieht, fällt mir auf, dass ich mich noch nicht bewege.

Scheiße.

Ich trete aus der Reihe. Meine Anmeldung ist mittlerweile so zerknittert, dass ich sie im Gehen kaum auseinandergefaltet bekomme.

»Entschuldigung«, murmle ich, da die Scriba mir bereits die Hand entgegenstreckt, während ich den letzten Knick entfalte. Kaum habe ich die Anmeldung ausgehändigt, weiß ich nicht mehr so recht wohin mit meinen Händen. Ich lasse sie sinken und umschließe mit den Fingern den Stoff meiner Ärmel.

Sie legt das Pergament vor sich ab, schüttelt beim Anblick der vielen Knicke und aufgeweichten Kanten leicht den Kopf und verstaut es auf einem Stapel.

»Sonderzweig. Gefechtsheilkunde.«

Rechts von mir setzt Applaus ein. Jemand stößt einen lauten Pfiff aus, den ich sofort erkenne. Barretts Finger senken sich gerade von seinen Lippen, als ich zu ihm rüber sehe, nur um mir wieder zwei hoch erhobene Daumen entgegenzustrecken. Ich lache, bevor ich mich der kleinen Gruppe des Sonderzweigs zuwende. Ich lasse meinen Blick über die Gesichter gleiten. Ich kenne die meisten vom Sehen, das ist aber auch schon alles. Nicht mal ein einziger Name fällt mir ein, obwohl ich sicher bin, mit einer von ihnen bereits an einem Orientierungslauf teilgenommen zu haben.

Genau sie ist es auch, die einen Schritt zurückmacht, damit ich nicht auf der untersten Stufe stehen muss.

»Danke«, flüstere ich und stelle mich hinter ihr auf eine Stufe.

Sie nickt und hebt beide Arme, um ihr dunkelbraunes Haar, das sie in einem hohen Zopf trägt, mit einem Ruck fester zu ziehen.

Erst jetzt, wo ich die Reihen von außen sehe, bemerke ich, wie wenige überhaupt noch übrig sind. Die letzten Zuteilungen kommen mir auch auf einmal viel schneller vor. Entweder erlahmen die Arme der anderen mittlerweile genauso wie meine, oder es liegt daran, dass die Anspannung endlich von mir abgefallen ist.

Ich bin zugeteilt. Kein Warten mehr, kein ›was wäre, wenn‹ mehr.

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