30 – Ankunft im Ungewissen
Kapitel 0 – Ankunft im Ungewissen
"Das Blau über ihm wurde dünner"
Rhesus sah es durch einen Spalt zwischen zwei kreisenden Steinen. Dahinter lag Schwarz. Unter ihm krümmte sich ein heller Rand, dann schob sich das Wasser wieder vor seine Augen.
Es war überall.
Schwarze Stränge pressten sich an seinen Körper. Eis hielt sie zusammen. Dazwischen hing Blut in dicken, dunklen Schlieren, und immer wieder zuckte Licht durch das Gemisch. Die Entladungen liefen über die eingeschlossenen Steine und verschwanden hinter seinem Kopf.
Er wollte die Arme heben.
Etwas hielt sie fest.
In seiner Brust zog sich alles zusammen. Er öffnete den Mund, bekam einen kurzen Atemzug und versuchte sofort, noch einen zu nehmen. Der nächste kam erst, als er glaubte, es nicht mehr auszuhalten.
Unter ihm wurde der helle Rand kleiner.
Er wusste, dass er fiel. Nur die Richtung stimmte nicht.
Zeitweise sah er nichts. Dann riss das Dunkel vor seinen Augen auf, und weit entfernte Lichter standen an anderen Stellen als zuvor. Er konnte nicht sagen, ob er dazwischen geschlafen hatte.
Einmal bewegte sich etwas hinter ihm.
Durch das Wasser waren Umrisse zu erkennen. Umhänge, die sich im Schwarz auseinanderzogen. Einer kam näher. Wo ein Gesicht hätte sein müssen, lag der Schatten einer Kapuze.
Rhesus versuchte, sich wegzudrehen.
Die Gestalt streckte einen Arm aus.
Ein Druck ging durch das Wasser.
Er kam von aussen.
Für einen Augenblick wurde Rhesus so fest in seine Hülle gepresst, dass ihm der Atem aus der Brust wich. Die Steine schlugen gegeneinander. Licht füllte den schmalen Raum vor seinem Gesicht.
Dann rissen die Umhänge zurück.
Sie wurden kleiner, während er noch immer versuchte, die Finger zu bewegen.
Zuletzt blieb eine dunkle Stelle zwischen den fernen Lichtern.
Auch sie verschwand.
Das Nächste war Hitze.
Ein Dröhnen, das in seinen Zähnen sass. Etwas brach. Er wurde nach vorne geschleudert, aufgefangen und wieder herumgerissen.
Dann schlug er auf.
Als er die Augen öffnete, lag seine Wange in warmem Schlamm.
Er zog Luft ein und hustete. Der Schmerz unter seinen Rippen zwang ihn auf die Seite. Etwas Hartes drückte gegen seinen Rücken. Er tastete danach, bekam einen Stein zu fassen und schob ihn fort.
Über ihm stand Rauch.
An den Rändern der Senke brannte dunkles Material. Wasser lief zischend in Risse. Weiter oben, jenseits des aufgeworfenen Bodens, lag Schnee.
Rhesus starrte darauf.
Er versuchte sich aufzusetzen. Sein linkes Knie gab nach, noch bevor er es richtig angezogen hatte. Eine Weile lag er mit beiden Händen auf dem Boden und wartete, bis der schwarze Rand vor seinen Augen zurückwich.
Er musste hier heraus.
Der Gedanke war klar. Alles davor fehlte.
Er suchte nach einem Namen. Nach einem Ort, an den er hätte denken können. Es kam nichts.
Als er schliesslich auf die Knie gelangte, wurde ihm übel. Er spuckte in den Schlamm und blieb vornübergebeugt, bis er wieder sehen konnte. Dann kroch er zur flacheren Seite der Senke.
Oben traf ihn der Wind.
Er presste die Arme an den Körper. Die Reste seiner Kleidung klebten an ihm. Schon nach wenigen Schritten spürte er seine Finger kaum noch.
Hinter ihm knackte etwas laut.
Er drehte sich um. Eine dunkle Scholle sank in das Wasser am Grund. Dampf schloss sich darüber.
An der Felswand vor ihm lag ein schmaler Einschnitt.
Bis dorthin schaffte er es auf den Füssen. Dahinter musste er sich wieder abstützen. Er tastete sich an der Wand entlang, unter einer niedrigen Kante hindurch, bis der Wind nur noch über seine Knöchel strich.
Hier blieb er liegen.
Er hörte das Wasser draussen. Sein eigenes Atmen. Ein leises Rieseln irgendwo über ihm.
Er schob sich noch ein Stück von der Wand weg.
Dann wurde es dunkel.








