Chapter 1
Der Thronsaal von Schloss Aethelgard roch nach altem Weihrauch, poliertem Mahagoni und einer schier erdrückenden Langeweile.
König Aldous stützte das Kinn auf eine behandschuhte Faust und starrte finster auf das schwere Doppeltor. Neben ihm, auf einem niedrigeren, mit Samt gepolsterten Stuhl, saß Prinzessin Aria. Ihr Rücken war kerzengerade, ihre Miene kühl und unnahbar, wie es das höfische Protokoll verlangte – doch in ihren Fingern drehte sie nervös einen silbernen Ring. Sie hatte die letzten drei Narren gesehen, die um die Gunst ihres Vaters buhlten: ein schwitzender Jongleur, ein beleibter Barde mit scheppernder Laute und ein Greis, der über seine eigenen Schellenschuhe gestolpert war. Keiner von ihnen hatte ihr auch nur das leiseste Lächeln entlockt.
Die Trompeten kündigten den nächsten Bewerber an.
Die Flügeltüren schwangen auf, doch statt eines unterwürfigen Bücklings oder eines albernen Purzelbaums schritt ein Mann herein, der eher an einen Straßenräuber erinnerte, der sich zufällig in Seide gehüllt hatte.
Er trug die Farben des Hofes – Dunkelrot und Mitternachtsschwarz –, doch seine Narrentracht saß wie maßgeschneidert. Keine lächerlichen Pluderhosen, sondern eng anliegendes Leder, ein Hemd, dessen oberste Schnürungen unverschämt weit offen standen, und eine Narrenkappe mit bronzenen Glocken, die er lässig über eine Schulter geworfen hielt, statt sie auf dem Kopf zu tragen. Dunkle Locken fielen ihm zerzaust in die Stirn, und unter scharf gezeichneten Wangenknochen lag ein spöttisches, gefährlich charmantes Grinsen. Er ging nicht wie ein Narr; er bewegte sich mit der geschmeidigen Trägheit eines Raubtiers, das genau wusste, dass alle Blicke auf ihm lagen.
„Chuck“, verkündete der Herold mit gerümpfter Nase. „Fahrender Gaukler.“
König Aldous richtete sich auf, die Brauen finster zusammengezogen. „Ihr seht mir kaum wie ein Narr aus, Bursche. Eher wie jemand, der nachts über Burgmauern klettert.“
„Ein kluger Herrscher erkennt Talent eben auf den ersten Blick, Eure Majestät“, erwiderte Chuck. Seine Stimme war tief, samtig und bar jeder Unterwürfigkeit. Er vollführte eine Verbeugung – theatralisch tief, aber mit einer Eleganz, die die Höflinge im Saal verstummen ließ. Als er sich wieder aufrichtete, wanderte sein Blick an König Aldous vorbei und blieb an Aria hängen.
Ein einziger, bernsteinfarbener Blick, der sie von Kopf bis Fuß maß. Aria spürte, wie eine plötzliche Hitze in ihren Nacken stieg. Sie zwang sich, seine Augen mit frostiger Haltung zu fixieren, doch Chucks Mundwinkel zuckte nur amüsiert.
„Man hat mir gesagt, Euer Hof stirbt an der Schwermut“, fuhr Chuck fort und schlenderte ohne Aufforderung die Stufen zum Podest näher heran, während die Wachen unruhig nach ihren Speeren griffen. „Die Steuern sind hoch, der Wein ist sauer, und die Damen des Hauses haben vergessen, wie man lacht.“ Er warf die Narrenkappe mühelos von einer Hand in die andere, die Glöckchen gaben ein leises, melodisches Klingeln von sich.
„Er dreht mir die Worte im Mund um“, grollte der König, doch seine Neugier war geweckt. „Und Ihr glaubt, Ihr könnt daran etwas ändern? Was könnt Ihr, Chuck? Reime schmieden? Messer werfen? Auf Händen gehen?“
„Ich kann dem König die Wahrheit sagen, ohne dass er mir den Kopf abschlägt“, sagte Chuck leise, trat noch einen Schritt vor und fing mit einer Handbewegung drei silbern glänzende Äpfel aus seiner Manteltasche, die er scheinbar schwerelos in der Luft tanzen ließ. „Und ich kann die Dinge sehen, die alle anderen übersehen.“
Plötzlich schnellte seine Hand vor. Die Äpfel verschwanden in der Luft – einer landete zielsicher auf dem Schoß des Königs, der andere rollte vor die Füße des Kanzlers.
Und der dritte?
Chuck stand mit einem Mal direkt vor Arias Thronstuhl. Er beugte sich so nah zu ihr hinunter, dass sie den Duft von Regen, Leder und wilder Minze wahrnehmen konnte. In seiner Handfläche lag kein Apfel mehr, sondern eine einzelne, nachtblaue Kornblume – frisch gepflückt, mit Tautropfen auf den Blättern.
„Für die Prinzessin, die lieber Eisstatuen bewacht, als zu tanzen“, raunte er, leise genug, dass nur sie es hörte. Sein Lächeln war eine offene Provokation – frech, selbstsicher und unbestreitbar anziehend.
Aria hielt den Atem an. Ein Teil von ihr wollte ihn zurechtweisen, die Wachen rufen lassen, um diesen unverschämten Kerl in den Kerker zu werfen. Doch ihr Herz schlug plötzlich gegen ihre Rippen wie ein gefangener Vogel. Sie streckte die Hand aus, nahm die Blume entgegen und hob das Kinn. „Ein Narr sollte vorsichtig sein, worüber er scherzt. Eis kann splittern – und schneiden.“
Chuck lachte auf – ein raues, ehrliches Lachen, das durch das ehrfürchtige Schweigen des Saals hallte. Er trat einen Schritt zurück und zwinkerte ihr unverfroren zu. „Oh, Eure Hoheit, an Schnitten sterbe ich am liebsten.“
König Aldous, der verblüfft den Apfel in seiner Hand wog, stieß ein brummendes Schnauben aus. Seit Monaten hatte er niemanden gesehen, der den Mut besaß, seiner Tochter so zu begegnen, geschweige denn den Hof aus seiner Starre zu reißen.
„Behaltet Eure Kappe, Chuck“, befahl der König und schlug mit der flachen Hand auf die Lehne seines Throns. „Ihr seid eingestellt. Aber wehe Euch, wenn Ihr mich langweilt – dann füttere ich die Jagdhunde mit Euren hübschen Locken.“
„Ein fairer Handel, Eure Majestät“, erwiderte Chuck, verneigte sich erneut – diesmal mit den Augen fest auf Aria gerichtet, die die zarte Blüte fest zwischen den Fingern hielt. „Ich verspreche Euch: Langeweile wird das Letzte sein, woran dieser Hof zugrunde geht.“








