Kapitel 1 - Die Fremde im Spiegel
Miriam
Ich hatte mich dreimal umgezogen und stand trotzdem vor dem Spiegel, als hätte ich noch nie in meinem Leben ein Kleid getragen.
Das schwarze war vermutlich die richtige Wahl. Es war schlicht, saß ordentlich und gehörte zu den wenigen Kleidungsstücken in meinem Schrank, die sich für einen Abend in einem gehobenen Restaurant eigneten. Ich hatte es vor zwei Jahren für die Hochzeit einer Kollegin gekauft und seitdem kaum getragen.
Damals hatte ich nicht damit gerechnet, dass ich es eines Tages für einen Abend brauchen würde, den ich am liebsten schon wieder abgesagt hätte.
Ich zupfte am Saum und drehte mich zur Seite.
Nein.
Ich drehte mich zurück.
Auch nicht besser.
Meine hellbraunen Haare reichten inzwischen gerade kurz über die Ohren. Vor einigen Monaten hatte ich sie mir in einem Anflug von Veränderungswillen kurz schneiden lassen. Die Begeisterung darüber hatte ungefähr zwei Tage gehalten. Seitdem wartete ich darauf, dass sie endlich wieder eine Länge erreichten, mit der ich etwas anfangen konnte.
Immerhin war das Deckhaar lang genug, um es von meinem weit rechts liegenden Scheitel aus schräg über die Stirn zu legen. Das musste reichen.
Ich griff nach meiner rahmenlosen Brille, die neben dem Waschbecken lag, und setzte sie auf.
Sofort fühlte ich mich ein wenig mehr wie ich selbst.
Genau das war das Problem.
Heute Abend sollte ich nicht ganz ich selbst sein.
Zumindest nicht die Miriam Winter, die morgens mit einer Tasse Kaffee durch die Küche lief, Einkaufszettel schrieb und im Kopf ausrechnete, welche Rechnung sich notfalls noch eine Woche aufschieben ließ.
Heute Abend sollte ich Aurelia sein.
Der Name stand auf meiner Bestätigung von der Agentur. Aurelia. Elegant, weich und so weit von Miriam Winter entfernt, wie ein Name nur sein konnte, ohne völlig lächerlich zu klingen.
Ich hatte ihn selbst ausgesucht.
Rückblickend war das vermutlich der einfachste Teil der ganzen Angelegenheit gewesen.
Mein Blick wanderte zu meinem Handy auf der Kommode. Die Nachricht der Agentur war noch immer geöffnet.
Treffpunkt: Hotel Bellevue, Lobby. Bitte seien Sie um 18:30 Uhr vor Ort. Ihr Kunde erwartet Sie dort. Anschließend fahren Sie gemeinsam zur Veranstaltung. Dresscode: festlich-elegant. Dauer des Auftrags: ca. drei Stunden.
Darunter standen der Name des Kunden, einige Informationen über ihn und die vereinbarte Vergütung.
Dreihundert Euro.
Ich las die Zahl noch einmal.
Dann schloss ich die Nachricht, öffnete sie wieder und kontrollierte, ob sich etwas verändert hatte.
Natürlich nicht.
Dreihundert Euro für einen Abend. Dafür musste ich freundlich sein, mich mit einem fremden Mann unterhalten und ihn zu einer Galaveranstaltung begleiten.
Mehr nicht.
Ich legte das Handy weg und setzte mich auf die Bettkante.
Vielleicht sollte ich einfach absagen.
Der Gedanke brachte eine solche Erleichterung mit sich, dass ich für einen Moment ernsthaft darüber nachdachte. Eine kurze Nachricht würde genügen. Bedauerlicherweise sei etwas dazwischengekommen. Ich hätte plötzlich Kopfschmerzen. Irgendetwas würde sich schon finden lassen.
Niemand würde mich zwingen, das zu tun.
Ich könnte das Kleid wieder ausziehen, meine Brille aufbehalten und den Abend auf dem Sofa verbringen.
Morgen wäre alles wie immer.
Und die Rechnung für die Autoreparatur läge noch immer auf dem Küchentisch.
Ich schloss die Augen.
Du machst das wegen des Geldes.
Der Satz klang in meinem Kopf erstaunlich vernünftig.
Ich hatte mich nicht aus einer Laune heraus bei dieser Agentur beworben. Wochenlang hatte ich nach Möglichkeiten gesucht, zusätzliches Geld zu verdienen. Überstunden waren in meinem eigentlichen Job kaum möglich, und für einen zweiten regulären Arbeitsplatz fehlte mir schlicht die Zeit.
Mein Sohn war zwölf. Er brauchte mich, auch wenn er das in diesem Alter vermutlich anders formuliert hätte.
Ich hatte aus einer Laune heraus oder aus Verzweiflung, da war ich mir so sicher, das Internet gefragt. Als ich auf die Seite „Contessa – Exklusive Begleitungen“ gestoßen war, hatte ich sie zunächst für einen unseriösen Scherz gehalten. Ich hatte die Website geschlossen und am nächsten Tag wieder geöffnet. Dann hatte ich die Bedingungen gelesen, nach Bewertungen gesucht und mich schließlich beworben.
Die Gespräche mit der Agentur waren professionell gewesen. Es hatte ein Kennenlernen gegeben, Fragen zu meinen Vorstellungen und Grenzen und eine klare Erklärung, dass es um platonische Begleitung ging. Ich durfte Anfragen ablehnen. Niemand erwartete, dass ich etwas tat, womit ich mich unwohlfühlte.
Auf dem Bildschirm hatte das alles vernünftig geklungen.
Jetzt, in einem schwarzen Kleid, fühlte es sich deutlich weniger vernünftig an.
Ich stand wieder auf und ging ins Bad.
Die Brille legte ich auf das Waschbecken. Dann setzte ich die Kontaktlinsen ein. Sie zwickten ein wenig, weil ich sie inzwischen kaum noch trug. Früher hatte ich sie täglich benutzt. Heute waren sie nur noch beim Schwimmen im Einsatz.
Ich blinzelte ein paarmal und betrachtete mein Gesicht.
Ohne Brille sah ich anders aus. Nicht unbedingt schöner, nur ungewohnter. Die Augen wirkten größer, die Konturen meines Gesichts ein wenig weicher.
Trotzdem erkannte ich mich.
Das war immerhin etwas.
Ich griff nach meiner kleinen schwarzen Tasche und kontrollierte den Inhalt. Handy, Geldbeutel, Schlüssel, Lippenpflege.
Mehr brauchte ich nicht.
Hoffte ich zumindest.
Ich gibg zurück ins Wohnzimmer. Mein Sohn saß auf der Couch, das Handy in der Hand.
„Finn, bist du fertig?“
Mein Sohn sah nicht mal von seinem Handy auf. „Wofür?“
Ich verdrehte die Augen und holte tief Luft. So war es in letzter Zeit ziemlich oft. Sein Kopf war scheinbar nicht ganz auf Spannung.
„Du schläfst heute bei Oma und Opa. Ich bin doch auf einem Abendessen.“
Sein Kopf ruckte nach oben und er sah mich von oben bis unten an.
„Schick.“
„Danke. Hast du deine Sachen gepackt? Wir müssen los.“
Er grinste und stand auf.
Zehn Minuzen später klingelten wir bei meinen Eltern.
Finn freute sich darauf, weil bei seinen Großeltern angeblich andere Regeln galten als bei mir. Oder weil er fest davon überzeugt war, dass sich jede Regel umgehen ließ, wenn man nur lange genug diskutierte.
Wir begrüssten meine Eltern und ich blieb noch einen Moment. Finn hatte sofort eine Diskussion mit meinem Vater über irgendein Fußballspiel angefangen, das er unbedingt noch einmal ansehen wollte.
„Benimm dich. Bis morgen!“
Ich wuschelte ihm durch die Haare und drückte meine Eltern.
„Viel Spaß und bis morgen zum Mittag“, sagte meine Mama.
„Danke. Bis morgen.“
Meine Eltern wussten nichts von der Agentur. Ich wusste selbst noch nicht, wie ich die Sache erklären sollte, ohne dass sie in meinen eigenen Ohren nach einer Entscheidung klang, die ich irgendwann bereuen könnte.
Ich verließ das Haus und ging zu meinem Auto.
Ich hätte jetzt einfach nach Hause fahren, mich umziehen und auf die Couch schmeißen können.
Niemand hätte es bemerkt.
Stattdessen stieg ich in mein Auto und fütterte mein Navi mit der Adresse
.
Die Fahrt in die Stadt dauerte knapp eine Stunde.
Normalerweise hätte ich die Strecke kaum beachtet. Heute kam mir jede rote Ampel wie eine persönliche Behinderung vor, während ich gleichzeitig hoffte, irgendwo falsch abzubiegen und dadurch einen Grund zu bekommen, nicht rechtzeitig anzukommen.
Mein Navi führte mich zuverlässig durch den Feierabendverkehr. Ich hielt mich an die Anweisungen, fuhr langsamer als sonst und warf bei jeder längeren Pause einen Blick auf die Uhr.
18:04 Uhr.
Noch sechsundzwanzig Minuten bis zum vereinbarten Treffen.
Ich könnte immer noch umdrehen.
Der Gedanke saß inzwischen wie ein unsichtbarer Beifahrer neben mir. Er sagte nichts. Er musste auch nichts sagen. Es reichte, dass er da war.
Ich dachte an die Autowerkstatt. An den Betrag, den man mir genannt hatte. An die Art, wie ich am Telefon so getan hatte, als wäre es kein Problem, noch ein paar Tage zu warten.
Dann dachte ich an die dreihundert Euro.
„Du machst das wegen des Geldes“, murmelte ich.
Der Fahrer im Wagen neben mir sah kurz herüber.
Ich konzentrierte mich sofort auf die Straße.
Großartig. Noch bevor ich meinen ersten Auftrag erledigt hatte, führte ich Selbstgespräche vor fremden Menschen.
Als ich schließlich vor dem Hotel Bellevue ankam, ließ ich die Hände einen Moment länger als nötig am Lenkrad liegen.
Das Hotel war größer, als ich es mir vorgestellt hatte. Hinter den hohen Glasfenstern schimmerte warmes Licht. Menschen in eleganter Kleidung gingen ein und aus, während ein Mitarbeiter vor dem Eingang einem Paar die Autotür öffnete.
Ich sah an mir hinunter.
Schwarzes Kleid. Schwarze Schuhe. Schwarze Tasche.
Eine Frau, die sich auf keinen Fall anmerken lassen wollte, dass sie am liebsten wieder nach Hause gefahren wäre.
Ich stellte den Motor ab und nahm mein Handy.
Ich bin vor Ort, schrieb ich an die Agentur.
Die Antwort kam wenige Sekunden später.
Vielen Dank. Ihr Kunde wurde informiert. Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Abend.
Das war’s.
Keine Anleitung. Kein geheimes Handbuch für Frauen, die zum ersten Mal einen fremden Geschäftsmann zu einer Gala begleiteten. Keine Nachricht mit dem Hinweis, dass ich mich einfach an einen Tisch setzen und auf ein Wunder hoffen sollte.
Ich steckte das Handy ein, stieg aus und ging zum Hoteleingang.
Drinnen roch es nach frischen Blumen, Kaffee und etwas, das ich nicht einordnen konnte, aber sofort mit teuren Hotels verband. Ein Mann in einem dunklen Anzug stand neben der Rezeption und sah auf seine Uhr.
Als ich näher kam, hob er den Kopf.
„Aurelia?“
Mein Magen zog sich zusammen.
„Ja“, erwiderte ich schüchtern.
„Thomas Reuter.“ Er lächelte und reichte mir die Hand. „Schön, dass Sie da sind.“
Ich nahm seine Hand. Seine Begrüßung war freundlich, nicht übertrieben förmlich. Er war vielleicht Anfang fünfzig, trug einen gut sitzenden Anzug und hatte eine ruhige Art, die mich ein wenig an meinen Vater erinnerte.
„Guten Abend.“
„Hatten Sie eine gute Fahrt?“
„Ja, danke. Es war etwas Verkehr, aber ich bin gut durchgekommen.“
Eine vollkommen normale Antwort.
Trotzdem hatte ich das Gefühl, gerade eine mündliche Prüfung bestanden zu haben.
Herr Reuter deutete auf eine Sitzgruppe in der Nähe der Fenster.
„Wir haben noch ein paar Minuten, bevor wir losmüssen. Möchten Sie sich kurz setzen?“
Ich nickte und folgte ihm.
Wir setzten uns einander gegenüber. Er legte sein Handy auf den Tisch und sah mich aufmerksam an, ohne mich unangenehm zu mustern.
„Ich hoffe, die Agentur hat Ihnen alle wichtigen Informationen gegeben.“
„Ja. Die Veranstaltung beginnt um sieben. Wir sind ungefähr drei Stunden dort.“
„Genau. Es ist eine Gala zugunsten eines regionalen Bildungsprojekts. Einige Sponsoren werden anwesend sein, außerdem Vertreter verschiedener Unternehmen. Ich muss ein paar Gespräche führen, aber es wird kein Abend, an dem Sie ständig neben mir stehen und lächeln müssen.“
Ich musste tatsächlich kurz lächeln.
„Das klingt beruhigend.“
„Dann ist es ja gut.“ Er lehnte sich etwas zurück. „Darf ich Ihnen eine Frage stellen?“
Mein Lächeln verschwand beinahe sofort.
„Natürlich.“
„Ist das Ihr erster Auftrag?“
Da war sie also, die Frage, vor der ich mich seit Tagen gefürchtet hatte.
Ich spürte, wie meine Finger sich um den Henkel meiner Tasche schlossen.
„Ja“, gab ich zu. „Ist das so offensichtlich?“
Er lachte leise, aber nicht über mich.
„Nein. Sie sind nur ein bisschen angespannt.“
„Ein bisschen“, wiederholte ich.
Das war vermutlich die Untertreibung des Jahres.
„Das ist völlig in Ordnung“, sagte er. „Ich erinnere mich noch gut an meine erste große Veranstaltung. Ich hatte damals gerade angefangen, für ein Unternehmen zu arbeiten, und war überzeugt, dass jeder im Raum sofort merken würde, dass ich keine Ahnung hatte, was ich tat.“
Ich sah ihn überrascht an.
„Und? Hat es jemand gemerkt?“
„Vermutlich. Aber die meisten Menschen sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich lange Gedanken über andere zu machen.“
Das war ein erstaunlich beruhigender Gedanke.
„Sie müssen heute Abend nichts Besonderes leisten“, fuhr er fort. „Ich möchte eine angenehme Begleitung haben, mit der ich mich unterhalten kann. Wenn Sie bei einem Thema nicht mitreden können, ist das kein Problem. Ich stelle Sie vor und erkläre Ihnen, worum es geht. Sie müssen niemandem etwas beweisen.“
Ich merkte, wie meine Schultern sich ein wenig entspannten.
„Danke“, sagte ich. „Ich glaube, ich habe mir das alles etwas komplizierter vorgestellt.“
„Das ist beim ersten Mal meistens so.“
Er sah auf die Uhr und stand auf.
„Wollen wir?“
Ich stand ebenfalls auf. Meine Knie fühlten sich nicht ganz so stabil an, wie ich es gern gehabt hätte. Aber sie trugen mich immerhin bis zum Ausgang.
Draußen wartete ein dunkler SUV. Herr Reuter öffnete die Beifahrertür für mich, und ich stieg ein. Dann ging er zur Fahrerseite und schlängelte den Wagen geschickt durch den abendlichen Stadtverkehr.
Während wir zur Veranstaltung fuhren, erklärte er mir noch ein paar Einzelheiten zum Ablauf und erzählte von dem Projekt, für das an diesem Abend Spenden gesammelt wurden. Es ging darum, Kindern aus Familien mit wenig Geld Zugang zu Lernangeboten und Freizeitaktivitäten zu ermöglichen.
Ich hörte aufmerksam zu.
„Das klingt nach einer guten Sache“, sagte ich schließlich.
„Das finde ich auch. Nicht jedes Kind hat dieselben Möglichkeiten. Manchmal braucht es nur jemanden, der eine Tür öffnet.“
Ich dachte an meinen Sohn. An seine Fußballschuhe, die er viel zu lange getragen hatte, weil ich den Kauf neuer immer wieder aufgeschoben hatte. An die Gebühren, die sich im Laufe eines Jahres summierten. An die Selbstverständlichkeit, mit der er davon ausging, dass er zum Training gehen konnte, solange er wollte.
„Das ist wichtig“, sagte ich.
Herr Reuter sah kurz zu mir hinüber.
„Haben Sie Kinder?“
Die Frage kam so beiläufig, dass ich erst einen Moment später antwortete.
„Einen Sohn. Er ist zwölf.“
„Dann kennen Sie das vermutlich. In dem Alter gibt es ständig etwas, das sie unbedingt brauchen.“
Ich lachte. Diesmal musste ich nicht darüber nachdenken.
„Vor allem, wenn es mit Fußball zu tun hat.“
„Das überrascht mich nicht.“
Als wir ankamen, war ich noch immer nervös. Aber die Angst hatte sich verändert. Sie war nicht mehr dieses überwältigende Gefühl, das mich am liebsten zurück ins Auto getrieben hätte. Jetzt war sie eher ein leises Ziehen im Bauch, das ich ignorieren konnte, wenn ich mich auf etwas anderes konzentrierte.
Der Veranstaltungsraum war hell erleuchtet. Über den Tischen hingen große Leuchten, auf den weißen Tischdecken standen Blumenarrangements, und überall bewegten sich Menschen in festlicher Kleidung. Ich hörte Stimmen, Lachen und das gedämpfte Klirren von Gläsern.
Herr Reuter blieb neben mir stehen.
„Bereit?“
Ich sah ihn an.
Nein, dachte ich.
„Ja“, sagte ich.
Er lächelte, als hätte er meine Antwort nicht ganz geglaubt, und stellte mich kurz darauf einer Frau vor, die für die Organisation des Abends verantwortlich war.
Ich wiederholte ihren Namen leise, während sie uns begrüßte, und prägte ihn mir ein. Dann stellte ich eine Frage zu dem Bildungsprojekt, über das Herr Reuter mir erzählt hatte.
Die Frau begann ausführlich zu erklären, wie die Spenden eingesetzt werden sollten. Ich hörte zu, fragte nach einem Punkt, den ich nicht ganz verstanden hatte, und war überrascht, als sie sich dafür bedankte.
„Die meisten Gäste fragen eher nach den prominenten Unterstützern“, sagte sie. „Dabei geht es heute eigentlich um die Kinder.“
Ich wusste nicht recht, was ich darauf antworten sollte.
„Dann hoffe ich, dass heute genug Geld zusammenkommt.“
„Das hoffe ich auch.“
Als wir weitergingen, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, nicht nur anwesend zu sein, weil jemand dafür bezahlt hatte.
Ich interessierte mich tatsächlich dafür, worum es an diesem Abend ging.
Das war ein Anfang.
Ein Mann sprach Herrn Reuter auf ein Unternehmen an, mit dem er offenbar zusammenarbeitete. Ich blieb zunächst still und hörte zu. Die beiden diskutierten über eine geplante Investition, und für einige Minuten verstand ich kaum mehr als einzelne Begriffe.
Ich nahm einen Schluck Wasser und versuchte, nicht so auszusehen, als würde ich innerlich bereits meine Flucht planen.
Dann wandte sich der Mann an mich.
„Und was meinen Sie? Sollte man in solche Projekte investieren, auch wenn sich der Erfolg nicht sofort messen lässt?“
Für einen Moment war mein Kopf leer.
Ich hätte gern etwas Kluges gesagt. Etwas, das zu diesem Raum, zu den teuren Anzügen und den selbstverständlichen Händedrücken passte.
Stattdessen stellte ich mein Glas ab.
„Ich glaube, das hängt davon ab, was man als Erfolg betrachtet“, sagte ich schließlich. „Wenn es darum geht, wie viele Kinder dadurch bessere Möglichkeiten bekommen, kann man das vielleicht nicht sofort in Zahlen ausdrücken. Aber es heißt ja nicht, dass es nichts bewirkt.“
Der Mann sah mich einen Moment an. Dann nickte er.
„Das ist ein guter Punkt.“
Ich spürte, wie sich etwas in meiner Brust löste.
Herr Reuter griff den Gedanken auf, und das Gespräch ging weiter. Niemand lachte. Niemand sah mich an, als hätte ich gerade bewiesen, dass ich hier nicht hingehörte.
Ich atmete unauffällig aus.
Vielleicht war es tatsächlich möglich, einen Abend wie diesen zu überstehen, ohne jemand anderes werden zu müssen.
Niemand erwartete, dass ich die klügste oder interessanteste Frau im Raum sein musste.
Die meisten Menschen waren tatsächlich mit sich selbst beschäftigt.
Herr Reuter stellte mich weiteren Gästen vor. Er erklärte mir, wer welche Funktion hatte, und bezog mich in Gespräche ein, ohne mich in den Mittelpunkt zu drängen. Mit jeder Begegnung wurde es ein wenig leichter.
Einmal lachte ich über eine Bemerkung, die mir spontan herausgerutscht war. Ein anderes Mal erzählte ich kurz von einem Buch, das ich gelesen hatte, nachdem eine Frau am Tisch danach gefragt hatte.
Ich dachte nicht mehr bei jedem Satz daran, ob ich gerade meine Aufgabe erfüllte.
Ich unterhielt mich einfach.
Und dann passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.
Ich vergaß für ein paar Minuten, dass ich bezahlt wurde.
Eine Frau erzählte von ihrem Sohn, der unbedingt Fußball spielen wollte, obwohl sie gehofft hatte, er würde sich für etwas Ruhigeres interessieren. Ich lachte und erzählte, dass ich inzwischen mehr über Fußball wusste, als ich jemals für möglich gehalten hätte.
„Man lernt eben dazu“, sagte ich.
„Und schneller, als einem lieb ist“, erwiderte sie.
Wir lachten beide.
Es war kein bedeutender Moment. Aber ich merkte, dass ich mich nicht mehr an jedem Wort festhielt, bevor ich es aussprach.
Vielleicht war das der eigentliche Trick.
Nicht besonders elegant zu sein. Nicht perfekt zu wirken. Sondern einfach zuzuhören und auf das zu reagieren, was die Menschen tatsächlich sagten.
Als ich später einen Blick auf die Uhr warf, konnte ich kaum glauben, dass bereits fast drei Stunden vergangen waren.
„Die Zeit ist schneller vergangen, als ich dachte“, sagte Herr Reuter, als wir die Veranstaltung verließen und wieder am Hotel angekommen waren.
„Das stimmt.“
Und zum ersten Mal an diesem Abend meinte ich es wirklich.
„Sie haben sich gut geschlagen“, sagte er. „Ich hoffe, der erste Auftrag war nicht ganz so schlimm, wie Sie befürchtet hatten.“
Ich lachte verlegen.
„Das kommt darauf an, wie viel Sie sich vorstellen können.“
„Ich vermute, ich sollte besser nicht fragen.“
„Vermutlich nicht.“
Er lächelte.
„Dann wünsche ich Ihnen eine gute Heimfahrt, Frau Winter. Und danke, dass Sie mich begleitet haben.“
„Danke Ihnen“, sagte ich. „Für Ihre Geduld.“
„Die war nicht nötig. Sie haben das selbst hinbekommen.“
Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Also lächelte ich nur und verabschiedete mich.
Wenig später saß ich allein in meinem Auto und ließ den Kopf gegen die Kopfstütze sinken.
Ich hatte es geschafft.
Diesmal ließ ich den Gedanken zu, ohne ihn sofort wieder infrage zu stellen.
Ich hatte mich fertig gemacht, war eine Stunde in eine fremde Stadt gefahren, hatte einen Mann kennengelernt, den ich vorher nie gesehen hatte, und war mit ihm auf einer Gala gewesen. Ich hatte mit fremden Menschen gesprochen, Fragen gestellt und sogar gelacht.
Und ich hatte mich nicht blamiert.
Meine Füße taten weh. Mein Rücken war verspannt, und mein Kopf fühlte sich an, als hätte er in den letzten drei Stunden mehr gearbeitet als sonst an einem ganzen Tag.
Aber ich war erleichtert.
Auf dem Weg aus der Stadt bemerkte ich, wie sich die Anspannung langsam aus meinem Körper löste. Ich stellte die Heizung etwas höher, weil ich plötzlich fror, und bog auf die Straße Richtung Heimat ein.
An einer roten Ampel griff ich nach meinem Handy, um die Uhrzeit zu kontrollieren.
Eine Nachricht der Agentur.
Mein Herz machte einen kleinen Sprung.
Ihr Auftrag wurde erfolgreich abgeschlossen. Die vereinbarte Vergütung in Höhe von 300 Euro wurde soeben zur Auszahlung freigegeben. Vielen Dank für Ihren Einsatz.
Ich las die Nachricht zweimal.
Dreihundert Euro.
Ich hatte gewusst, dass ich diesen Betrag bekommen würde. Der Kunde hatte die Buchung im Voraus bezahlt. Trotzdem hatte ich bis zu diesem Moment nicht wirklich geglaubt, dass ich das Geld tatsächlich verdienen würde.
Jetzt war es keine Zahl mehr in einer Nachricht, die ich auswendig kannte. Es war Geld, das mir in den nächsten Tagen helfen würde. Geld für die Reparatur des Autos. Geld, das eine Rechnung weniger bedrohlich machte. Geld, das bedeutete, dass ich nicht sofort wieder überlegen musste, welche Ausgabe ich verschieben konnte.
Die Ampel sprang auf Grün.
Ich legte das Handy weg und fuhr weiter.
Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus, langsam und ganz von selbst.
Ich war müde. Ich war erschöpft. Und ich wollte nie wieder Kontaktlinsen tragen, die sich anfühlten, als hätte ich Sand in den Augen.
Aber ich hatte es geschafft.
Vielleicht würde ich mich auch beim nächsten Auftrag wieder fragen, ob ich nicht doch lieber absagen sollte.
Doch heute Abend hatte ich dreihundert Euro verdient, ohne mich zu verbiegen und ohne etwas tun zu müssen, das ich nicht wollte.
Und zum ersten Mal seit Wochen fühlte sich die Zukunft nicht ganz so eng an.
Ich fuhr nach Hause, während die Lichter der Stadt hinter mir kleiner wurden.
Morgen würde ich wieder Miriam Winter sein.
Heute Abend durfte ich ein kleines bisschen stolz auf mich sein.








