Prolog

Zeitpunkt: Mittwoch (Tag 1), 07:04 ⇒ klarer Morgen, Tau Ort: Waldrand vor Vredes Hütte, Brombeerranken zehn Meter neben der Schwelle
Die Gottesanbeterin sah die hecklastige Wespe, bevor diese auch nur ahnte, dass hier der Tod lauerte. Das war ihr Handwerk: Sie war eine Lauerjägerin, ein grüner Halm zwischen Halmen, und alles, was hier kroch, flog oder glaubte, im Wald unsichtbar zu sein, war für sie nur eine Frage der Geduld. Ihr dreieckiger Kopf drehte sich langsam, fast menschlich, weiter, als ein Kopf sich drehen darf.
Dann ging alles zu schnell für das menschliche Auge.
Zwischen ihren gezackten Fangarmen hing eine Wespe, noch lebendig. Der Hinterleib pumpte, der Stachel führte einen aussichtslosen Schwertkampf gegen einen Gegner, der längst gewonnen hatte. Entschieden war der Kampf nach fünfzig Millisekunden, sechsmal schneller als ein Lidschlag: Die Fangbeine, innen mit Dornen besetzt, schossen vor. Für die Wespe waren sie Dolche. Sie schlossen sich um sie, bevor ein Nervensignal ihr Hirn überhaupt warnen konnte.
Auf vier Beinen stand die Mantis dabei vollkommen still; die vorderen zwei hatte die Evolution ihr zu Waffen umgeschmiedet. Sie fraß die Wespe von vorn, Kopf zuerst, ohne Eile, mit der Selbstgewissheit einer Räuberin, die in ihrem Habitat ziemlich weit oben in der Nahrungskette stand.
Normalerweise würde sie dann noch die Dornen putzen, gewissenhaft wie ein Metzger seine Messer, denn Beutereste ziehen Pilz, und Pilz tötet auch Jägerinnen.
Auf ihrem Rücken klebte ein schwarzer Splitter, dünner als ein Fingernagel, und in dem Splitter öffnete sich eine Linse. Sie nahm den Waldrand in Stücken auf: Brombeerranken, trockenes Gras, die graue Wand einer Hütte, ein Fenster ohne Spiegelung.
Und noch etwas.
Es hüpfte aus den Brombeerranken: rund, rot an der Kehle, kaum größer als eine Kinderfaust. Ein Rotkehlchen. Es setzte sich zwei Halme neben die Mantis, legte den Kopf schief, zu niedlich für diese Szene. Es hüpfte noch einmal, hielt inne, kippte den Kopf. So jagen sie: hüpfen, warten, das große schwarze Auge sucht die kleinste Bewegung.
Dann stieß es zu.
Kein Duell. Der Schnabel war dünn und schwarz, eine Ahle, kein Beil. Er traf den Kopf.
Einmal. Noch einmal. Die Mantis hatte die Wespe noch zwischen den Dornen, als das Chitin am Halsring nachgab, ein trockenes Knacken, als zerbreche jemand eine leere Streichholzschachtel. Das Rotkehlchen schlug die Wespenkillerin zweimal gegen den Boden, bis die Fangarme aufhörten zu tasten. Aus der Bruchstelle trat etwas Dünnes, Gelbliches, süßlich wie nasses Heu. Über dem Brombeer perlte ein Gesang: hohe, feine Töne, dann ein Tropfen, wehmütig, Gute Nacht für Kinder. Das Knacken von Chitin vermischte sich damit. Postkarte und Schlachthof, ein Takt.
Dann nahm es den Spitzenprädator quer in den Schnabel, ein grüner Splitter vor der orangen Brust. Der schwarze Splitter auf dem Rücken der Mantis riss ab und blieb im Gras. Hartes Ticksen, kurz, gereiht: tick-tick-tick.
Es war schon in der Luft, die Mantis quer, die Flügel ein trockenes Schwirren, als das Monster aus dem Haus kam und mit seinen schwarzen Gummi-Füßen ins Gras krachte, genau an der Stelle, an der eben noch der kleinste Henker des Waldes gesessen hatte. Hätte das Rotkehlchen zu Ende gefressen, hätte es das Beben gespürt.
So schmeckte es nur Wespe und Mantis und Wind.








