Kapitel 1
I.
Alicia bedeutete mir viel. Ich schätzte sie als meine beste Freundin und Fastschwester. Mit ihr konnte ich über alles reden.
"Marcus, Du bist ein Halbbruder für mich. Was wäre ich bloß ohne Dich", hatte mir Alicia mehr als einmal beteuert.
Wir verbrachten viel Zeit miteinander. Alicia tat mir gut. Wir vertrauten uns. Gemeinsam gingen wir den Weg durch das Gymnasium und entschlossen uns, auch gemeinsam in Tübingen Jura zu studieren.
Der gleichaltrige Tom ergänzte Alicia und mich zu einem unschlagbaren und untrennlich verbundenen Trio. Seit der 5. Klasse waren wir Schulkameraden, aber schnell auch mehr als das. Das lag auch an unseren Eltern. Sie hatten sich beim Geburtsvorbereitungskurs in Reutlingen kennengelernt.
Mein Vater war leider früh gestorben. Als ich 5 Jahre alt war, kam er als Polizeibeamter bei einer Einsatzfahrt durch einen Verkehrsunfall ums Leben.
Unsere Eltern verstanden sich prächtig. Sie waren nicht nur durch ihre Kinder einander zugetan, sondern sie hatten auch gemeinsame Freizeitinteressen. Genießen hatte in unseren Familien immer einen hohen Stellenwert. Gute Restaurants wurden systematisch abgegrast. Die Spargelzeit war für uns alle die wichtigste kulinarische Saison des Jahres. Auch im Urlaub unternahmen wir viel gemeinsam. Es gab keine friesische Nordsee-Insel, die wir nicht zusammen mindestens einmal besucht hätten.
Wir lebten wie eine große Familie. Auch wir Kinder verhielten uns zueinander wie Geschwister. Wir waren alle drei Einzelkinder – nein, nur bedingt richtig: Alicia hatte einen kleineren Bruder, der starb, als sie elf Jahre alt war. Er litt an Leukämie. Ein Stammzellspender fand sich trotz monatelanger verzweifelter Suche nicht.
In all den Jahren nach Florians Tod standen Alicia, Tom und ich oft vor seinem Grab. Für uns Heranwachsende war der Tod ein fernes, ein unwirkliches Wesen. Wir vermissten Florian, dem nur ein kurzes Leben vergönnt war. Die betretene Stille, die zwischen uns innerhalb der Friedhofsmauern herrschte, wich ausgelassener Stimmung, wenn wir aus dem Jenseits ins Diesseits zurückkehrten und die Friedhofstore hinter uns ließen.
„Jetzt lassen wir es krachen, wir drei“, war Toms Standardspruch. „Wir leben nur einmal, und nur Gott weiß, wie lange, und das vielleicht nicht mal er.“
Alicia und ihre Mutter waren im Gegensatz zu den anderen der Clique katholisch und gläubig. Sonntags besuchten sie regelmäßig den Gottesdienst. Aber die Tatsache, dass der Tod mit Florian Alicia einen der wichtigsten Menschen in ihrem Leben so früh genommen hatte, das wollten sie Gott nicht verzeihen.
Tom und ich trösteten Alicia damit, dass sie mit uns beiden ja zwei Brüder hätte und doch dafür Gott dankbar sein müsste. Tom zwinkerte dabei meist Alicia zu und sagte: „Bin ich nicht ein göttliches Geschenk für Dich?“ Toms ausgeprägtes Selbstbewusstsein gierte geradezu nach Bestätigung. Alicia aber ging auf diese Bemerkung nie auch nur mit einer Silbe ein.
Tom und ich hatten schon in jungen Jahren mit dem Tennisspielen begonnen und verbrachten in den Sommermonaten viele Stunden auf den Plätzen des Reutlinger Tennisclubs. Inzwischen hatten wir es bis in die Oberligamannschaft der Herren gebracht und spielten an den Positionen 5 und 6. Vor allem aber waren wir ein gefürchtetes Doppel, denn nach zwölf gemeinsamen Jahren verstanden wir uns blind auf dem Platz. Wir spielten am Netz wie eine Wand.
Alicia hatte den Tennisschläger nach drei für sie frustrierenden Jahren an den Nagel gehängt. Tom und ich hatten uns alle Mühe mit ihr gegeben und mit ihr geübt, geübt und geübt. Aber Alicia, die schlechte Augen hatte, traf einfach den Ball nicht richtig. Sie hatte so viele Löcher in die Luft geschlagen, dass die anderen im Verein gerne spotteten: „Hi, Alicia, hast Du heute wieder Schweizer Käse auf dem Platz produziert?“
Mir tat Alicia deswegen leid, denn es waren sicherlich ihre Augen, die ihr auf dem Platz nicht gehorchen wollten.
„Sie sieht den Ball zu spät auf sich zukommen, schaut ihn nicht richtig an und steht dann beim Schlag falsch zum Ball“, hatte Tom scharfsinnig analysiert. „Aber ich habe auch noch nie eine Blindschleiche erfolgreich Tennis spielen gesehen“, fügte er hinzu und handelte sich einen heftigen Knuff von Alicia ein.
Völlig unsportlich war Alicia nicht, aber sie schwamm lieber wie ein Fisch im Wasser als sich mit unberechenbar fliegenden Bällen abzugeben.
Wir Jungs hatten mit Alicia aber den treuesten Fan, den man sich vorstellen konnte. Sie begleitete uns immer und überall, beim Training, bei den Mannschaftsmatches, selbst zu Auswärtsspielen reiste sie mit. Sie fieberte mit uns, gab manchmal kluge Kommentare von sich („Marcus, Tennis ist ein Laufsport!“) - und strickte. Auf dem Tennisplatz führte sie stets ihr Strickzeug mit sich, eine Stofftasche mit Wolle und Stricknadeln und angefangenen Socken.
„Bei Deiner Sockenproduktion können wir demnächst einen Teppich auf den Platz auslegen“, spottete Tom.








