Kapitel 1: Ein Leben in Ketten ⛓️
Das Wischwasser war so kalt, dass Idonea ihre Finger kaum noch spürte. Sie kniete auf dem rauen Boden der Kanzlei in der Fleet Street und träumte nur davon, etwas Besseres zu sein. Sie wischte nun denselben Boden, den sie seit mehreren Jahren wischte, und ihr Herz hatte immer noch dasselbe hassgefüllte Loch. Sie arbeitete weiter, als einer der Kleriker gewaltsam an ihren braunen, zotteligen Haaren zog. Idonea wurde fast schwarz vor Augen, als sie den langen Weg durch das Skriptorium gezogen wurde und ein herausstehender Nagel ihre Haut aufriss. Sie schrie vor Schmerz, doch wurde hassgefüllt dazu aufgefordert, ihren Mund zu stopfen. Ihr kaltes Blut verschmierte auf dem gerade noch sauberen Boden, als der Kleriker voller Wut schrie: „Du nutzlose Kuh, nicht mal wischen kannst du!“, als er sie auf einen frischen Tintenfleck aufmerksam machte, der so neu war, dass er im Licht schien. Ihr schwacher Körper lag auf dem kalten Boden, und ihre Haut war voller Narben und Flecken, die sie als Erinnerungen an schwere Zeiten mit sich trug. Mit ihrer letzten Kraft stand sie auf, um ihr kaltes Wischwasser zu holen, und machte sich bereit, den Boden ein weiteres Mal zu wischen.
Immer wieder drang derselbe schwache Schrei in ihr Ohr, der sie an den Tag erinnerte, der alles veränderte. Der verzweifelte Schrei ihrer Mutter Joan, die davon erfuhr, dass ihr geliebter Mann Piers im Akt, seiner Familie zu helfen, sein wertvolles Leben verlor. Die Männer, die sie und ihre Mutter ihres wertvollen Landes beraubten und ihnen emotionslos mitteilten, dass er seit Sonnenaufgang an der königlichen Eiche baumelt und sie brutal aus ihrem Zuhause verbannten.
Diese Erinnerungen ließen sie nie los und manifestierten einen tiefen Hass, der jeden Tag stärker und stärker wurde. Jedes Mal betete sie zu einem selbst gebauten Kreuz, dass ihr Leben besser wird, doch ihre Hoffnung wurde zu oft aufgegeben.
Sie wischte den Boden und schrubbte das Skriptorium bis zum späten Abend und verließ die Kanzlei im Mondenschein, um sich auf den Weg durch die Straßen Londons nach Hause zu machen.
Der kalte Wind ließ ihre Hände gefrieren, und ihr schwacher Körper zwang sich durch die engen Gassen bis zur London Bridge, die durch ihre enge Bauweise und ihre hohen Gebäude ein Gefühl von Klaustrophobie erweckte, was ihre Platzangst weckte. Doch die jungen Seelen der Brücke ermöglichten eine stabile Atmosphäre. Sie durchdrang die Brücke bis zum Drawbridge Gate, das ihr Herz immer wieder gefrieren lässt. Jeden Tag verschafft ihr ein Blick nach oben ein Gefühl, das sie zutiefst verstört: frische, in Teer gekochte und alte, verrottete Frauen- und Männerköpfe, die vom König geköpft wurden und auf hölzernen Pfählen über dem Torbogen angebracht wurden, um andere vor ihren Fehlern zu bewahren. Immer wieder kreisen Raben um den Turm und nagen an dem restlichen Fleisch der Köpfe. Der Gestank ist unerträglich und lässt Idonea immer wieder würgen. Sie macht sich auf den Weg durch den restlichen Teil der Brücke, bis sie das Great Stone Gate passiert und in Southwark ankommt.
Hier wohnt sie in einem mehrstöckigen Fachwerkhaus in einer engen Gasse der vielen Straßen in Southwark, die eng aneinandergedrängt stehen. Der Geruch von Fäkalien auf der Straße und dem faulen Fisch, der von der Themse kommt, verstopft ihre Nase.
Sie wohnt mit ihrer Mutter in einer kleinen Dachkammer, die kaum Platz für sie bietet und in die im Winter kalte Luft eindringen lässt. Sie besitzen ein Strohbett und eine kleine Feuerstelle, die sie als kleinen Luxus bezeichnen, doch für die sie kaum Holz haben.
Sie lebten ein Leben in Ketten, gefangen an einem Ort, der ihnen alles genommen hatte, was sie einst Heimat nannten. Doch während Joan sich an die wenigen Erinnerungen klammerte, die ihr geblieben waren, wuchs in Idonea etwas anderes heran. Ein Hass, der mit jedem Tag stärker wurde und den selbst die Zeit nicht zu begraben vermochte. Immer wieder dachte sie an denselben alten Bauernhof zurück, an die Stimme ihres Vaters und an die Tage, an denen sie noch geglaubt hatte, dass die Welt gerecht ist. Doch diese Tage waren längst Geschichte. Und mit ihnen das Mädchen, das sie einst gewesen ist.







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