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Was aus der Tiefe zurückkehrt

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Summary

Was aus der Tiefe zurückkehrt Artur Zander Eran Lux ist kein Held. Als Abenteurer des Silberrangs schlägt er sich mit einer Fähigkeit durchs Leben, die kaum jemand zu schätzen weiß. Seine Analysefähigkeit hilft ihm, verborgene Wege und vergessene Schätze zu entdecken, doch im Kampf ist er anderen Abenteurern weit unterlegen. Deshalb zieht er es vor, allein zu bleiben und sich mit dem Wenigen zufriedenzugeben, das ihm die Welt noch bietet. Bis ein Sturz ihn in die Tiefen eines unbekannten Dungeons führt. Dort unten gelten andere Regeln. Zwischen gewaltigen Kristallen, uralten Überresten und Kreaturen, die jedem bekannten Wissen über Monster widersprechen, wird aus der Suche nach einem Ausweg ein verzweifelter Kampf ums Überleben. Seine Fähigkeiten helfen ihm nicht weiter, und selbst die einfachsten Entscheidungen können ihn das Leben kosten. Doch die Dunkelheit birgt Geheimnisse, die weit über die Schrecken dieses Ortes hinausgehen. Während Eran versucht, einen Weg zurück in die Welt der Lebenden zu finden, muss er feststellen, dass nicht alles, was dort unten verloren geht, auch für immer verschwindet. Manche Dinge kehren zurück. Aber nicht alles, was zurückkehrt, ist noch menschlich. Was aus der Tiefe zurückkehrt ist eine düstere Fantasygeschichte über Überleben, monströse Abgründe und eine Welt, in der die Grenze zwischen Mensch und Ungeheuer dünner ist, als man glauben möchte.

Status
1d ago
Chapters
3
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel 1: Der Sturz in die Tiefe


Ich wusste nicht, wie tief ich gefallen war oder wo ich mich befand. Das Letzte, woran ich mich erinnern konnte, war der Moment, in dem mir der Boden unter den Füßen weggebrochen war. Danach hatte ich nur noch den endlosen Sturz gespürt, bis schließlich alles schwarz geworden war.

Als ich wieder zu mir kam, lag ich auf hartem Gestein. Mein Rücken schmerzte, und als ich versuchte, mich aufzurichten, zog ein stechender Schmerz durch meinen Körper. Ich blieb kurz liegen und wartete, bis sich der Schwindel legte. Um mich herum war es dunkel, doch zwischen den Felsen schimmerten einige Kristalle, die ein schwaches blaues Licht verbreiteten.

Ihre Spitzen ragten aus dem Boden und den Wänden, als wären sie dort über Jahrhunderte gewachsen. An manchen Stellen verliefen feine Risse durch das Gestein, während andere Bereiche von einer dunklen, glatten Schicht überzogen waren, die im blauen Licht beinahe feucht wirkte. Die Höhle war still, und dennoch hatte ich das Gefühl, dass irgendwo in der Tiefe etwas in Bewegung war.

Ich setzte mich langsam auf und tastete meine Arme und Beine ab. Soweit ich feststellen konnte, war nichts gebrochen. Meine Lederrüstung hatte zwar einige Risse davongetragen, erfüllte aber noch ihren Zweck. Auch meine beiden Schwerter befanden sich in ihren Scheiden.

„Da habe ich wohl Glück gehabt“, murmelte ich, während ich mich umsah. „Bei der Höhe hätte ich eigentlich tot sein müssen.“

Ich redete häufig mit mir selbst, denn ich hatte niemanden, mit dem ich mich sonst unterhalten konnte. Freunde hatte ich nie wirklich gehabt, und meine Familie hatte mich vor langer Zeit verstoßen. Der Grund dafür dürfte nicht schwer zu erraten sein. Ich war weder besonders talentiert noch jemand, auf den man stolz sein konnte, und irgendwann hatten meine Eltern beschlossen, dass ich für sie keinen Nutzen mehr hatte.

Inzwischen hatte ich mich damit abgefunden. Mit fünfunddreißig Jahren war ich schließlich alt genug, um zu wissen, dass nicht jeder Mensch im Leben etwas Besonderes erreichen würde. Eine Frau, Kinder oder ein eigenes Haus hatten mich nie besonders interessiert. Ich hatte ohnehin nicht den Eindruck, dass ich für ein solches Leben geeignet war. Wenn ich mich im Spiegel betrachtete, sah ich einen blassen Mann mit müden Augen und einem Gesicht, das besser zu einem Totengräber als zu einem Abenteurer gepasst hätte.

„Ich könnte jetzt wirklich etwas zu trinken gebrauchen“, sagte ich und fuhr mir mit der Hand über das Gesicht. „Aber zuerst muss ich einen Weg hier herausfinden.“

Mein Name ist Eran Lux, und ich bin Abenteurer des Silberrangs. Ich besitze blonde Haare, blaue Augen, eine Lederrüstung und zwei Schwerter, mit denen ich mich meistens gerade so über Wasser halten kann. Im Vergleich zu anderen Abenteurern meiner Rangstufe bin ich weder besonders stark noch schnell. Auch meine Schwertkunst ist nichts, womit ich jemanden beeindrucken könnte.

Meine einzige brauchbare Fähigkeit ist die Analyse.

Viele halten sie für nutzlos, weshalb mich kaum eine Gruppe aufnehmen wollte. Die meisten Abenteurer bevorzugen Menschen, die im Kampf großen Schaden anrichten oder ihre Kameraden mit Magie unterstützen können. Ein Mann, der Informationen über Gegenstände, Monster und seine Umgebung sammelt, steht dabei gewöhnlich weit hinten auf der Liste.

So war ich dazu gezwungen gewesen, allein zu arbeiten. Mit meiner Fähigkeit hatte ich jedoch einige verborgene Wege in Verliesen entdeckt, die andere Abenteurer übersehen hatten. Manchmal fand ich seltene Gegenstände oder unbewachte Kammern, deren Inhalt ich später verkaufen konnte. Das Geld reichte für eine Unterkunft, etwas zu essen und gelegentlich ein paar Krüge Alkohol.

Mehr hatte ich nie gebraucht.

Ich richtete mich vorsichtig auf und griff nach meinem Rucksack, der einige Schritte entfernt auf dem Boden lag. Er war bei meinem Sturz gegen einen Felsen geschlagen worden, schien aber noch ganz zu sein. Ich überprüfte den Inhalt, verstaute die wenigen Gegenstände wieder ordentlich und schulterte ihn. Anschließend zog ich meine Schwerter ein Stück aus den Scheiden, um sicherzugehen, dass die Klingen nicht beschädigt worden waren.

Erst danach sah ich mich genauer um.

Der Raum, in dem ich gelandet war, hatte keine erkennbare Verbindung zur Oberfläche. Die Felswände stiegen steil nach oben und verschwanden in einer Dunkelheit, die selbst das blaue Licht der Kristalle nicht durchdringen konnte. Ein schmaler Gang führte zwischen zwei mächtigen Felsvorsprüngen hindurch. Sein Boden war uneben, und an den Wänden befanden sich dunkle Vertiefungen, deren Tiefe ich nicht erkennen konnte.

Ich entzündete eine Fackel und trat näher an den Durchgang heran.

In diesem Moment hörte ich ein Geräusch aus der Dunkelheit.

Es klang, als würde etwas mit schweren Gliedmaßen über den Stein kriechen. Darauf folgte ein leises Schaben, das für einige Sekunden anhielt und dann abrupt verstummte. Ich hielt die Luft an und lauschte, während ich den Griff meines Schwertes umklammerte.

Vielleicht war es nur ein Stein, der sich gelöst hatte. In einer Höhle dieser Größe konnte sich vieles bewegen, ohne dass etwas Lebendiges dahinterstecken musste. Trotzdem fühlte ich mich nicht wohl dabei, weiterzugehen.

Ich wartete eine Weile, doch das Geräusch kehrte nicht zurück. Schließlich schüttelte ich den Kopf und machte mich daran, den Gang zu untersuchen. Ich wollte gerade meine Fackel höher halten, als mich plötzlich etwas von der Seite traf.

Der Stoß schleuderte mich gegen die Felswand. Ich verlor beinahe den Halt und konnte mich nur mit Mühe auf den Beinen halten. Als ich mich umdrehte, war hinter mir nichts zu erkennen. Erst als ich die Fackel in Richtung des Ganges richtete, bemerkte ich eine Gestalt, die sich zwischen den Kristallen bewegte.

Zunächst erinnerte sie mich an einen Hasen, allerdings nur wegen ihrer langen Ohren und der kräftigen Hinterbeine. Bei genauerem Hinsehen verschwand jede Ähnlichkeit mit einem gewöhnlichen Tier. Das Wesen war etwa so groß wie ein ausgewachsener Hund, hatte einen gedrungenen Körper und einen unförmigen Schädel, dessen Kiefer unnatürlich weit nach hinten verlief. Sein graues Fell war stellenweise ausgefallen, sodass die darunterliegende Haut sichtbar wurde. Die langen Vorderbeine endeten in knochigen Fingern mit dunklen Krallen, während die Hinterbeine so kräftig gebaut waren, dass sie den Körper mühelos tragen konnten.

Seine Augen waren milchig und ohne erkennbare Pupillen. Trotzdem folgte sein Blick jeder meiner Bewegungen.

Ich spürte, wie sich meine Nackenhaare aufstellten. „Was bist du denn für ein Ding?“

Ich setzte meine Fähigkeit ein und konzentrierte mich auf das Wesen. Analyse.

Normalerweise erhielt ich innerhalb weniger Augenblicke Informationen über das Ziel. Diesmal verspürte ich jedoch nur einen unangenehmen Druck hinter meinen Augen. Ein paar unverständliche Eindrücke tauchten in meinem Kopf auf, bevor sie wieder verschwanden. Ich versuchte es ein zweites Mal, doch das Ergebnis blieb dasselbe.

Meine Fähigkeit war gescheitert.

Das bedeutete gewöhnlich, dass der Unterschied zwischen meinem eigenen Niveau und dem des untersuchten Wesens zu groß war.

„Das ist schlecht“, murmelte ich und wich langsam zurück. „Das ist wirklich schlecht.“

Das Wesen neigte den Kopf und starrte mich weiterhin an. Dann stieß es sich plötzlich vom Boden ab. Seine Bewegung war so schnell, dass ich kaum erkennen konnte, wie es die Entfernung zwischen uns überbrückte. Im nächsten Augenblick stand es vor mir und riss eines seiner Hinterbeine hoch.

Ich zog mein Schwert und hielt es schützend vor meinen Körper.

Der Tritt traf die Klinge mit gewaltiger Kraft. Meine Arme wurden nach hinten gerissen, und noch bevor ich mich wieder stabilisieren konnte, schleuderte mich der Aufprall mehrere Meter durch die Luft. Ich schlug hart auf dem Boden auf und rutschte über das raue Gestein, bis mein Rücken gegen einen Felsvorsprung prallte.

Für einen Moment bekam ich keine Luft mehr.

Ich versuchte, mich aufzurichten, und hustete Blut auf den Boden. Jeder Atemzug schmerzte, und meine Hände zitterten, als ich mich auf einen Arm stützte. Das Wesen kam bereits wieder näher. Es schien durch den Angriff kaum außer Atem geraten zu sein, während ich nicht einmal wusste, ob ich noch lange stehen konnte.

Ich blickte auf meine Hände und dann auf mein Schwert.

„Das war’s dann wohl“, sagte ich leise. „Ich hätte wirklich gern noch ein Bier getrunken, bevor ich abnippe.“

Ich wusste, dass ich im Kampf keine Chance hatte. Selbst wenn ich versuchte, das Wesen zu überraschen, würde es mich vermutlich einholen, bevor ich ihm ernsthaft schaden konnte. Fliehen war meine einzige Möglichkeit, aber dafür musste ich erst einmal auf die Beine kommen.

Da ertönte ein tiefes, grollendes Geräusch aus dem Gang hinter dem Monster.

Das Wesen hielt inne und drehte den Kopf. Ich nutzte den Augenblick, um mich an der Wand hochzuziehen. Das Grollen wurde lauter, begleitet von einem schleifenden Geräusch, das sich rasch näherte. Dann schob sich etwas Großes aus der Dunkelheit.

Es war eine Schlange mit drei Köpfen.

Ihr langer Körper wand sich über den Boden, während mehrere dicke Muskeln unter den dunklen Schuppen arbeiteten. Die drei Köpfe bewegten sich unabhängig voneinander. Ihre Mäuler waren mit spitzen Zähnen besetzt, und zwischen den Kiefern glänzte Speichel, der auf den Stein tropfte. An ihrem Hals befanden sich unregelmäßige Wülste, die sich bei jeder Bewegung zusammenzogen. Einige der Schuppen waren aufgerissen, und darunter lagen dunkle, fleischige Stellen frei.

Die drei Köpfe richteten sich auf das hasenähnliche Monster.

Einen Augenblick lang standen sich die beiden Kreaturen gegenüber. Dann stürzte die Schlange vor, und das Wesen sprang zur Seite. Einer der Schlangenköpfe schoss hinterher, während ein anderer versuchte, das Monster von der Seite zu erwischen. Die Krallen des Hasen gruben sich in den Boden, als er sich mit einer Geschwindigkeit aus der Gefahrenzone bewegte, die ich mit meinen Augen kaum verfolgen konnte.

Der Zusammenstoß ließ den Boden erzittern.

Steinsplitter sprangen durch die Luft, als der gewaltige Schlangenkörper gegen die Wand prallte. Das hasenähnliche Wesen nutzte die Gelegenheit, sprang auf einen der Hälse und biss sich mit seinem breiten Maul fest. Die Schlange wand sich heftig, während die beiden anderen Köpfe nach ihrem Gegner schnappten.

Ich konnte nur zusehen.

Solche Monster hatte ich in keinem der Verliese gesehen, in denen ich bisher unterwegs gewesen war. Selbst die gefährlicheren Kreaturen, deren Existenz unter erfahrenen Abenteurern bekannt war, wirkten im Vergleich zu diesen Wesen beinahe gewöhnlich.

Die beiden Monster waren so sehr mit ihrem Kampf beschäftigt, dass sie mich nicht mehr beachteten.

„Das ist meine Chance.“

Ich steckte mein Schwert zurück in die Scheide, griff nach meiner Fackel und lief in den schmalen Gang. Mein Körper schmerzte bei jeder Bewegung, doch ich zwang mich, weiterzugehen. Ich wollte so viel Abstand wie möglich zwischen mich und die beiden Kreaturen bringen, bevor eines von ihnen entschied, dass ich eine leichtere Beute wäre.

Der Gang führte leicht bergab. Die Wände waren mit weiteren Kristallen durchzogen, deren bläuliches Licht den Boden nur stellenweise erhellte. Je weiter ich ging, desto kälter wurde die Luft. An einigen Stellen waren die Felswände so glatt, dass ich mich fragte, ob sie auf natürliche Weise entstanden waren. Andere Bereiche schienen von etwas ausgekratzt worden zu sein, wobei tiefe, parallele Spuren im Gestein zurückgeblieben waren.

Ich betrachtete die Spuren im Vorbeigehen, ohne stehen zu bleiben.

Wer oder was sie verursacht hatte, wollte ich lieber nicht herausfinden.

„Wo zum Teufel bin ich hier gelandet?“, fragte ich mich, während ich mich durch den Gang bewegte.

Ich wusste, dass Verliese gefährliche Orte waren. Jeder Abenteurer kannte Geschichten über verschüttete Kammern, mächtige Monster und Expeditionen, die nie zurückgekehrt waren. Trotzdem hatte ich noch nie von einem Ort gehört, an dem solche Kreaturen vorkamen. Nicht einmal in den Berichten über die tiefsten Ebenen bekannter Dungeons waren mir Beschreibungen begegnet, die auch nur annähernd zu diesen Wesen passten.

Es dauerte eine Weile, bis sich der Gang weitete und in einen großen Raum mündete. Ich blieb am Eingang stehen und hob die Fackel, um mir einen Überblick zu verschaffen.

Vor mir erstreckte sich eine gewaltige Höhle, deren Decke kaum zu erkennen war. Aus dem Boden ragten riesige Kristalle, manche so hoch wie Türme. Ihr Inneres leuchtete in verschiedenen Blautönen, wobei das Licht tief in den Kristallkörpern zu entstehen schien. Einige waren klar und durchsichtig, andere von dunklen Adern durchzogen.

Zunächst hielt ich sie für gewöhnliche Kristalle, wie man sie in manchen unterirdischen Gebieten fand. Dann fiel mir auf, dass sich in mehreren von ihnen etwas befand.

Ich trat vorsichtig näher an den nächstgelegenen Kristall heran.

Im Inneren lag ein Wesen, dessen Körper sich in einer verdrehten Haltung befand. Seine Gliedmaßen waren eng an den Leib gezogen, und der Kopf hing schief zur Seite. Durch die transparente Oberfläche konnte ich die dunklen Konturen seines Gesichts erkennen. Es sah aus, als wäre es mitten in einer Bewegung erstarrt.

Ich untersuchte einen zweiten Kristall und erkannte darin eine andere Kreatur. Ihr Körper war deutlich größer, und aus ihrem Rücken ragten mehrere Knochenplatten. Auch sie bewegte sich nicht.

Erst beim dritten Kristall entdeckte ich einen Menschen.

Er war in eine verkrampfte Haltung gezwungen, als hätte er kurz vor seinem Tod versucht, sich aus dem Kristall zu befreien. Seine Kleidung hing in Fetzen an seinem Körper. Ein Arm war über den Kopf erhoben, während die andere Hand gegen die Innenseite der Kristallwand gepresst lag. Sein Gesicht war kaum zu erkennen, doch die menschliche Gestalt ließ keinen Zweifel daran, was ich vor mir hatte.

Ich wich einen Schritt zurück.

„Du bist also auch hier unten gelandet“, sagte ich leise.

Ich wusste nicht, ob der Mann noch lebte, doch ich konnte keine Bewegung erkennen. Auch aus den anderen Kristallen drang kein Laut. Der Raum war vollkommen still, und die gewaltigen Kristalle standen darin wie Grabmäler, in denen die Toten nicht einmal die Ruhe eines gewöhnlichen Grabes gefunden hatten.

Ich wollte herausfinden, was mit ihnen geschehen war, doch dafür blieb mir keine Zeit. Ich musste einen Ausgang finden, bevor ich selbst in einem dieser Kristalle endete.

Gerade als ich mich abwandte, bemerkte ich am anderen Ende des Raumes eine Bewegung.

Zwischen den riesigen Kristallen glitt ein langer Körper über den Boden. Zuerst sah ich nur einen Teil seines Rückens, der im blauen Licht glänzte. Dann schob sich ein gewaltiger Kopf zwischen zwei Kristallformationen hervor. Darauf folgten weitere Köpfe, bis ich schließlich begriff, was sich dort bewegte.

Es war eine Hydra.

Doch dieses Wesen hatte mit den gewöhnlichen Darstellungen, die ich aus Büchern kannte, wenig gemeinsam. Sein Körper war von dicken Schuppen bedeckt, zwischen denen dunkle, kristallartige Strukturen gewachsen waren. Die Hälse waren lang und kräftig, und an ihren Enden saßen Köpfe mit breiten Mäulern und Reihen gebogener Zähne. Manche Schuppen wirkten, als wären sie aus schwarzem Stein gefertigt, während andere das blaue Licht der Umgebung zurückwarfen.

Das Unheimlichste waren jedoch die Kristalle, die aus ihrem Körper ragten. Sie wuchsen entlang ihrer Rückenlinie und bedeckten Teile ihrer Hälse. In ihrem Inneren schimmerten undeutliche Formen, die mich an die Wesen in den Kristallen erinnerten.

Ich schluckte schwer. Eine Kristallhydra.

Ich hatte noch nie eine gesehen, doch der Name kam mir sofort in den Sinn. Vielleicht hatte ich einmal davon gelesen, vielleicht war es auch nur eine Vermutung. Für den Moment spielte das keine Rolle. Ich wusste, dass ich gegen ein solches Monster nicht kämpfen konnte, und ich wollte nicht herausfinden, ob meine Analysefähigkeit bei ihm ebenfalls versagen würde.

Meine Beine begannen zu zittern, als ich sah, wie sich einer der Köpfe langsam zu den Kristallen neigte. Die Hydra bewegte sich zwischen den steinernen Gebilden hindurch, als gehörte ihr dieser Ort. Ihre Körpermasse ließ den Boden bei jedem Schritt leicht erschüttern. Dabei stieß sie gelegentlich ein tiefes, kehliges Geräusch aus, das durch die Höhle hallte.

Ich versuchte, mich möglichst leise zurückzuziehen.

Dann hob die Hydra einen ihrer Köpfe.

Ihre Augen richteten sich auf mich.

Ich blieb stehen, doch es war bereits zu spät. Der Kopf wandte sich vollständig in meine Richtung, und die anderen folgten seiner Bewegung. Einen Augenblick lang betrachtete mich das Monster, als würde es entscheiden, ob ich eine Bedrohung darstellte oder lediglich eine weitere Kreatur war, die in seinen Bereich eingedrungen war.

Dann öffnete es sein Maul. Ich rannte los.

Hinter mir ertönte ein lautes Krachen. Ich wagte einen kurzen Blick zurück und sah, wie die Hydra ihren Körper in meine Richtung drehte. Ihre Hälse bewegten sich gleichzeitig, während die Kristalle an ihrem Rücken im blauen Licht aufleuchteten.

Der Boden vor mir bebte.

Spitze Kristalle brachen aus dem Gestein und schossen in die Höhe. Ich sprang zur Seite, doch weitere Kristalle durchdrangen den Boden direkt vor meinen Füßen. Einer der Auswüchse streifte meine Lederrüstung, riss das Leder auf und schnitt mir in die Seite.

Ich stolperte, fing mich mit einer Hand am Boden ab und spürte sofort, wie warmes Blut unter meiner Kleidung hervorlief.

„Nein!“, schrie ich, während ich mich wieder aufrichtete. „Ich will hier nicht sterben!“

Ich wollte noch etwas von diesem Leben haben. Ich wollte nicht als irgendein namenloser Abenteurer in einer unterirdischen Höhle enden, von der niemand jemals erfahren würde. Meine Eltern würden vermutlich nicht einmal von meinem Tod hören, und die meisten Menschen, denen ich begegnet war, würden mich innerhalb weniger Tage vergessen.

Doch selbst das war mir lieber, als hier unten von einem Monster getötet zu werden.

Ich lief weiter, so schnell ich konnte. Die Hydra bewegte sich hinter mir durch den Raum, und aus dem Boden schossen immer wieder Kristalle hervor. Einer schlug neben mir ein und zersprang, wobei scharfe Splitter durch die Luft flogen. Ich spürte, wie mich etwas an der Schulter streifte, achtete aber nicht darauf. Vor mir war zwischen zwei Felswänden eine dunkle Öffnung zu erkennen.

Vielleicht führte sie in einen anderen Bereich des Dungeons. Vielleicht war sie eine Sackgasse. Im Augenblick war sie meine einzige Möglichkeit.

Ich rannte darauf zu.

Kurz vor dem Eingang schoss ein weiterer Kristall aus dem Boden. Ich versuchte auszuweichen, doch ich war zu langsam. Ein scharfer Schmerz fuhr durch meinen Körper, als die Kristallspitze meine rechte Bauchseite knapp oberhalb des Beckens durchbohrte . Ich taumelte nach vorne, presste die Zähne zusammen und hielt mich mit einer Hand an der Felswand fest.

Mein Blut lief an meiner Kleidung hinunter und tropfte auf den Boden.

Ich durfte jetzt nicht stehen bleiben.

Mit letzter Kraft erreichte ich die Öffnung und schob mich hindurch. Dahinter lag ein kurzer Gang, an dessen Ende sich eine schwere Steintür befand. Ich stolperte darauf zu und legte meine Hand gegen die Oberfläche. Sie war kalt und mit tiefen Zeichen bedeckt, deren Bedeutung ich nicht erkennen konnte.

Hinter mir hörte ich das Krachen weiterer Kristalle.

Ich drückte gegen die Tür.

Zunächst bewegte sie sich nicht. Ich stemmte mich mit der Schulter dagegen und spürte, wie mir der Schweiß über das Gesicht lief. Meine Sicht wurde langsam unscharf, und mein verletzter Körper drohte unter meinem Gewicht zusammenzusinken. Gerade als ich glaubte, keine Kraft mehr zu haben, gab die Tür mit einem tiefen Knirschen nach.

Ich stolperte hindurch und zog sie hinter mir so weit zu, wie es mir möglich war.

Dann sank ich auf die Knie.

Mein Atem ging schwer, und in meinem Mund lag wieder dieser metallische Geschmack. Ich spürte, wie das Blut aus meiner Wunde floss und sich auf dem steinernen Boden sammelte. Für einige Sekunden blieb ich einfach sitzen und versuchte, nicht das Bewusstsein zu verlieren.

Als ich schließlich den Kopf hob, erkannte ich, dass ich mich in einer weiteren Höhle befand.

Als ich den Raum betrat, erkannte ich im schwachen Licht weitere Kristalle. Sie standen in ordentlichen Reihen, und in ihrem Inneren waren Monster und Menschen eingeschlossen. Kristalle bildeten Linien und seltsame Muster auf dem Boden, die alle auf eine Vorrichtung in der Mitte des Raumes zuliefen. Auch die Wände waren mit fremdartigen Zeichen bedeckt, doch ich hatte weder die Kraft noch die Zeit, mich damit zu beschäftigen.

Am Rand lag ein Skelett, das vermutlich schon seit langer Zeit dort ruhte. Daneben befanden sich einige alte Gegenstände. Ob der Tote für all das verantwortlich gewesen war, wusste ich nicht, aber die Anordnung der Kristalle wirkte keineswegs zufällig. Es sah aus, als hätte jemand mit den eingeschlossenen Wesen experimentiert.

Doch das war mir gerade vollkommen egal.

Meine Wunde blutete unaufhörlich, und meine Beine drohten unter mir nachzugeben. Ich musste mich irgendwo abstützen, bevor ich das Bewusstsein verlor. In der Mitte des Raumes stand ein steinernes Podest, auf dem sich eine Vorrichtung mit mehreren Hebeln befand.

Ich schleppte mich darauf zu und legte beide Hände auf die kalte Oberfläche. Mein Blut tropfte auf den Stein, während ich versuchte, wieder zu Atem zu kommen.

„Nur kurz ausruhen“, murmelte ich. „Danach sehe ich weiter.“

Ich wollte mein Gewicht verlagern, doch meine Hand rutschte über die Oberfläche und stieß gegen einen der Hebel.

Ein leises Klicken ertönte.

Für einen Moment geschah nichts. Dann begann tief unter mir etwas zu arbeiten, und ein dumpfes Grollen breitete sich durch den gesamten Raum aus.

Ich wollte den Kopf heben, doch ein stechender Schmerz durchfuhr meinen Körper. Blut rann aus meiner Wunde und tropfte auf den Boden, während sich unter mir eine dunkle Lache bildete. Ich versuchte, mich am Podest festzuhalten, aber meine Finger verloren langsam ihren Griff. Mein Atem ging flach, und mit jedem Herzschlag schien mehr Kraft aus mir zu weichen.

„Verdammt … ich will noch nicht sterben“, flüsterte ich.

Meine Arme gaben nach, und ich sackte gegen das Podest. Mein Kopf sank nach vorne, während mein Blut über die steinerne Kante lief. Ich wollte mich noch einmal aufrichten, doch mein Körper reagierte nicht mehr. Langsam schloss ich die Augen und ließ mich in die Dunkelheit fallen.

Dann hörte ich noch einen letzten Ruck.

Mein erschlaffter Arm war vom Podest gerutscht und hatte dabei den Hebel erneut nach unten gedrückt. Danach hörte ich nichts mehr.

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