Prolog
"Manchmal fängt ein Absturz nicht mit einem lauten Knall an. Manchmal beginnt er leise. Mit dem Duft von verbranntem Gummi, dem Flackern blauer Neonlichter in einer verlassenen Lagerhalle und dem trügerischen Gefühl, endlich frei zu sein. Ich weiß genau wie es ist im Schatten der perfekten Schwester zu stehen. Jahrelang bemühte ich mich aus diesem besagten Schatten auszutreten. Die zu sein, die jeder sieht und über die gesprochen wird." Ich muss abwertend lachen, welch Ironie. "Mit diesem Ziel, verlor ich den eigentlichen Fokus. Ich blendete alles um mich rum aus. Es war nichts mehr wichtig. Nur diese eine Sache: gesehen werden." Es herrscht eine Stille in dem Raum und ich betrachte die illustrierten Gemälde, die mit hölzernem Rahmen an der Wand hängen. "Ich glaube, ich begreife jetzt erst, was mein egoistisches Handeln für Konsequenzen mit sich zog."
Die Therapeutin mir gegenüber schreibt alles auf, was ich sage. Ich frage mich, wie sie mir überhaupt zuhören kann, wenn sie die ganze Zeit am Schreiben ist. Als sie bemerkt, dass ich nicht weiterrede, schaut sie von ihrem Notizblock auf und schneidet meinen Blick.
"Von welchen Konsequenzen reden Sie?"
Ich lächle, aber es ist nur mein Mund, der die Winkel anhebt. Es erreicht nicht meine Augen und schon gar nicht mein Inneres. Denn eigentlich ist es mir egal, was die Konsequenzen sind. Objektiv betrachtet war ich mir in der ganzen Zeit bewusst, welche Aktion zu welcher Reaktion führt. Zu Beginn hat es mich beschäftigt und mein Gewissen hat mich geplagt. Die Nächte, die mich nicht schlafen ließen waren unerträglich. Doch irgendwann im Laufe dieses Jahres verlor ich jeglichen Bezug zur Empathie und Rücksichtnahme.
"Das ist eine rhetorische Frage, oder? Ich meine, Sie wissen, dass ich darauf aus möchte, dass ich hier festsitze."
"Tun Sie das, Miss Graveson?"