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ASCENDANCY - A Fate Rewritten

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Summary

A Fate Rewritten Mercy Lloyd ist achtundzwanzig, als sie durch den Verrat des Mannes stirbt, dem sie einst ihr Herz geschenkt hat. Als sie die Augen wieder öffnet, findet sie sich fünf Jahre in der Vergangenheit wieder. Ihre Familie lebt, ihre Zukunft liegt noch vor ihr und die Fehler, die sie einst alles gekostet haben, sind noch nicht geschehen. Diesmal hat Mercy nicht vor, dieselben Entscheidungen zu treffen. Doch zurück an der Akademie begegnet sie ausgerechnet jenem charmanten, selbstgefälligen Alpha-Erben, dessen Warnungen sie in ihrem ersten Leben belächelt hatte. Und während sie versucht, ihren eigenen Untergang zu verhindern, muss sie feststellen, dass die Zukunft längst nicht mehr so verläuft, wie sie es in Erinnerung hat.

Status
2d ago
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1 - die Reue, welche uns plagt

MERCY LLOYD

Es gibt vieles, woran ich im Laufe meines Lebens geglaubt habe. An die Aufrichtigkeit eines Versprechens, an die Beständigkeit der Liebe und an die törichte Vorstellung, dass gute Absichten zwangsläufig zu einem guten Ende führen. Ich habe an Menschen geglaubt, die mich belogen haben, und an Wahrheiten gezweifelt, die mir längst vor Augen lagen. Doch wenn es etwas gibt, das ich niemals für möglich gehalten hätte, dann ist es die Aussicht auf eine zweite Chance.

Eine Chance, alles anders zu machen.

Besser.

Vielleicht ist das die grausamste Eigenschaft der Reue. Sie kommt niemals rechtzeitig. Erst wenn die Worte gesprochen, die Entscheidungen getroffen und die Konsequenzen unumkehrbar geworden sind, beginnt man zu begreifen, wie wenig es gebraucht hätte, um alles zu verändern.

Ein anderes Wort. Eine andere Entscheidung. Ein einziger Augenblick des Zögerns.

Ich frage mich, wie oft mein Leben eine andere Richtung hätte einschlagen können, wenn ich nur einmal innegehalten hätte, anstatt so überzeugt davon zu sein, dass ich den richtigen Weg bereits kenne.

Vermutlich öfter, als ich zugeben möchte.

Merkwürdig, worüber man nachdenkt, wenn einem nichts anderes mehr bleibt.

Ich erinnere mich an Regen.

An die Kälte, die durch meine Kleidung dringt, und an das unangenehme Gefühl von nassem Stein unter meinen Händen. Irgendwo höre ich eine Stimme, doch so sehr ich mich bemühe, die Worte zu verstehen, sie entziehen sich mir wie Wasser, das zwischen meinen Fingern hindurchrinnt.

Dann ist da wieder dieses Gesicht.

Ich möchte es vergessen. Möchte die Erinnerung daran aus meinem Bewusstsein verbannen, doch sie bleibt, beharrlich und grausam deutlich, während alles andere langsam verblasst.

Wie oft habe ich in diese Augen gesehen und geglaubt, darin etwas zu erkennen, das niemals existiert hat?

Liebe.

Allein der Gedanke daran erfüllt mich mit einer Bitterkeit, die ich selbst jetzt noch schmecken kann.

Ich hätte es wissen müssen.

Nicht, weil die Wahrheit offensichtlich gewesen wäre, sondern weil man mich gewarnt hat. Mehr als einmal sogar. Ich erinnere mich an besorgte Blicke, an Gespräche, die ich vorzeitig beendet habe, und an gut gemeinte Ratschläge, die mir damals wie unerwünschte Einmischungen erschienen.

Besonders an einen.

Ein amüsiertes Lächeln, eine tiefe Stimme und diese unerträgliche Selbstverständlichkeit, mit der er glaubte, die Welt besser zu verstehen als alle anderen.

Ausgerechnet er.

Ich hätte niemals gedacht, dass ich eines Tages bereuen würde, ihm nicht zugehört zu haben.

Doch Reue ist ein sonderbares Gefühl, wenn man bereits tot ist.

Bin ich tot?

Die Frage taucht so unvermittelt auf, dass ich beinahe darüber lachen möchte. Natürlich bin ich tot. Ich erinnere mich an den Schmerz, an die erschreckende Erkenntnis, dass mein Körper mir nicht länger gehorcht, und an die Angst, die mich erfasst, als ich begreife, dass niemand mehr kommen wird.

Ich erinnere mich daran, wie schwer das Atmen wird.

Und daran, wie es schliesslich aufhört.

Dennoch bin ich hier.

Wo auch immer hier sein mag.

Es ist dunkel, aber nicht auf die Weise, wie ein Zimmer dunkel ist, nachdem jemand das Licht gelöscht hat. Diese Dunkelheit besitzt keine Grenzen, keine Schatten und keine erkennbare Tiefe. Sie umgibt mich, ohne mich zu berühren, und obwohl ich weder meine Hände noch den Boden unter meinen Füssen spüre, habe ich nicht das Gefühl zu fallen.

Vielleicht ist das der Tod.

Eine endlose Ansammlung von Gedanken, die niemand mehr hören kann.

Wie enttäuschend.

Ich hätte zumindest mit einer etwas eindrucksvolleren Begrüssung gerechnet.

Ein Laut durchbricht die Stille.

Zunächst ist er so leise, dass ich ihn für einen weiteren Gedanken halte, doch dann wiederholt er sich. Ein gleichmässiges, beinahe aufdringliches Geräusch, das nicht zu dieser merkwürdigen Leere passt.

Ein Piepen.

Ich versuche, mich darauf zu konzentrieren, aber kaum glaube ich, es erfasst zu haben, schiebt sich etwas anderes dazwischen.

Eine Stimme.

«… Mercy?»

Ich kenne diese Stimme.

Das ist unmöglich.

«Mercy, Liebes, kannst du mich hören?»

Etwas zieht sich in mir zusammen.

Nein.

Nein, das kann nicht sein.

Ich kenne den Klang dieser Stimme so gut, dass ich ihn unter Tausenden erkennen würde. Die sanfte Art, wie sie meinen Namen ausspricht, die kaum merkliche Anspannung zwischen den Worten und dieses vertraute Liebes, das ich seit Jahren nicht mehr gehört habe.

Mama?

Ich versuche zu antworten, doch meine Lippen bewegen sich nicht. Stattdessen spüre ich etwas Warmes an meiner Hand, einen vorsichtigen Druck, der so wirklich ist, dass mir für einen Augenblick sämtliche Gedanken entgleiten.

«Sie hat sich bewegt.»

Eine zweite Stimme, tiefer und fremd.

«Mercy? Wenn du mich hören kannst, versuch bitte, deine Augen zu öffnen.»

Meine Augen.

Ich habe Augen.

Der Gedanke erscheint mir so absurd, dass ich beinahe wieder lachen möchte, doch bevor ich dazu komme, dringt ein unangenehmes Licht durch meine geschlossenen Lider.

Es ist viel zu hell.

Ich möchte mich abwenden, zurück in die Dunkelheit, in der wenigstens niemand etwas von mir verlangt, aber der Druck an meiner Hand verstärkt sich.

«Komm schon, mein Schatz.»

Diesmal klingt ihre Stimme brüchig.

Und plötzlich habe ich Angst.

Nicht vor dem Tod. Den kenne ich bereits.

Sondern vor der Möglichkeit, dass ich mir all das nur einbilde.

Dass mein Bewusstsein mir in seinen letzten Augenblicken etwas schenkt, wonach ich mich viel zu lange gesehnt habe.

Ich öffne die Augen.

Zunächst erkenne ich nichts ausser verschwommenen Umrissen und einer weissen Decke, deren grelles Licht mich sofort wieder blinzeln lässt. Ein unangenehmes Kratzen sitzt in meiner Kehle, mein Körper fühlt sich schwer an, und irgendwo neben mir ertönt weiterhin dieses gleichmässige Piepen.

Dann schiebt sich ein Gesicht in mein Blickfeld.

Blonde Strähnen, gerötete Augen und ein Ausdruck, den ich seit einer Ewigkeit nicht mehr gesehen habe.

Meine Mutter.

Sie ist hier.

Nicht als Erinnerung, nicht auf einem vergilbten Foto und auch nicht in einem jener Träume, aus denen ich früher mit Tränen auf den Wangen erwacht bin.

Sie sitzt tatsächlich neben mir.

«Oh, Mercy.»

Ihre Stimme bricht, als sie meine Hand an ihre Lippen führt.

Ich starre sie an.

Sie sieht jünger aus.

Nicht viel, vielleicht nur ein paar Jahre, doch ich kenne jede Falte in ihrem Gesicht, jede Veränderung, die Kummer und schlaflose Nächte hinterlassen haben. Die Frau vor mir trägt keine dieser Spuren.

«Mama?»

Meine Stimme ist kaum mehr als ein heiseres Flüstern.

Sie beginnt zu weinen.

Und ich verstehe überhaupt nichts mehr.

Meine Mutter weint.

Es ist kein lautes, verzweifeltes Weinen, sondern jenes stille Schluchzen, bei dem ein Mensch so verzweifelt versucht, die Fassung zu bewahren, dass es beinahe schmerzt, ihm dabei zuzusehen. Ihre Finger umschliessen meine Hand, während sie mit der anderen immer wieder über mein Haar streicht, als müsse sie sich davon überzeugen, dass ich tatsächlich vor ihr liege.

«Du hast uns einen solchen Schrecken eingejagt, mein Schatz.»

Ich möchte sie fragen, was geschehen ist. Weshalb ich in einem Krankenhaus liege, warum mein Körper sich anfühlt, als hätte ich tagelang geschlafen, und weshalb sie mich ansieht, als wäre ich gerade von den Toten auferstanden.

Stattdessen betrachte ich ihr Gesicht.

Die feinen Linien um ihre Augen, die kleine Falte zwischen ihren Brauen, die sich immer dann bildet, wenn sie besorgt ist, und den winzigen Leberfleck unterhalb ihres linken Wangenknochens. Ich kenne dieses Gesicht besser als mein eigenes. Habe es als Kind betrachtet, wenn sie mir Geschichten vorlas, und später, wenn sie mich nach einem Streit mit meinem Vater wortlos in die Arme nahm.

Ich kenne auch sein letztes Bild.

Blasse Haut. Geschlossene Augen. Ein Gesicht, das so erschreckend friedlich wirkt, dass ich damals für einen einzigen, vollkommen törichten Augenblick geglaubt habe, sie würde gleich wieder aufwachen.

Meine Kehle zieht sich zusammen.

«Mama?»

Sie lächelt unter Tränen.

«Ja, Liebes. Ich bin hier.»

Diese vier Worte.

Wie oft habe ich sie mir gewünscht?

Wie viele Nächte habe ich wach gelegen und versucht, mich daran zu erinnern, wie ihre Stimme klingt, wenn sie müde ist? Wie oft habe ich nach meinem Telefon gegriffen, weil mir etwas eingefallen war, das ich ihr erzählen wollte, nur um im nächsten Augenblick zu begreifen, dass es niemanden mehr gibt, den ich anrufen kann?

Ich habe ihren Namen aus meinen Kontakten gelöscht, nachdem ich es monatelang nicht über mich gebracht hatte.

Nicht, weil ich sie vergessen wollte.

Sondern weil ich es irgendwann nicht mehr ertragen konnte, ihn dort zu sehen.

Und jetzt sitzt sie vor mir.

Lebendig.

Warm.

Mit Tränen auf den Wangen und diesem vertrauten Duft nach Jasmin, der mich für einen Augenblick wieder zu einem kleinen Mädchen macht.

«Du bist hier», flüstere ich.

«Natürlich bin ich hier.»

Sie lacht leise, doch ihre Stimme zittert noch immer.

«Wo sollte ich denn sonst sein?»

Ich weiss nicht, was mich mehr erschüttert. Dass sie diese Frage stellt oder dass sie die Antwort darauf nicht kennt.

Unter der Erde.

Die Worte entstehen in meinem Kopf, bevor ich sie aufhalten kann.

Du solltest unter der Erde liegen.

Ein schrecklicher Gedanke. Einer, für den ich mich im selben Augenblick schäme, obwohl ich ihn nicht ausgesprochen habe.

Ich versuche, mich aufzurichten, doch ein stechender Schmerz fährt durch meinen Hinterkopf und lässt mich zusammenzucken.

«Ganz vorsichtig», sagt eine fremde Stimme.

Erst jetzt bemerke ich den Mann, der neben meinem Bett steht. Er trägt einen weissen Kittel und betrachtet die Anzeigen eines Monitors, bevor er sich mir zuwendet.

«Miss Lloyd, mein Name ist Dr. Bennett. Sie befinden sich im St. Catherine’s Hospital. Können Sie mir sagen, wie Sie sich fühlen?»

Ich starre ihn an.

Wie ich mich fühle?

Als hätte jemand meine Welt in tausend Stücke zerschlagen und anschliessend versucht, sie in einer vollkommen falschen Reihenfolge wieder zusammenzusetzen.

«Verwirrt», bringe ich hervor.

Er nickt, als wäre das eine vollkommen zufriedenstellende Antwort.

«Das ist nach dem, was Sie durchgemacht haben, nicht ungewöhnlich. Sie haben eine Kopfverletzung erlitten und waren mehrere Tage nicht bei Bewusstsein. Wir möchten zunächst ein paar einfache Fragen stellen, um Ihre Orientierung zu überprüfen.»

Mehrere Tage.

Ich versuche, mich an einen Unfall zu erinnern, doch das Einzige, was ich vor meinem inneren Auge sehe, ist Regen, der über dunklen Stein fliesst.

Und Blut.

So viel Blut.

«Wie heissen Sie?»

«Mercy.»

Meine Stimme kratzt unangenehm.

«Mercy Lloyd.»

«Sehr gut. Wissen Sie, wo Sie sich befinden?»

«In einem Krankenhaus.»

«Und wissen Sie, wie alt Sie sind?»

Ich öffne den Mund.

Achtundzwanzig.

Ich bin achtundzwanzig Jahre alt.

Ich habe vor wenigen Monaten meinen Geburtstag gefeiert, allein in einem Haus, das früher voller Menschen gewesen ist. Ich erinnere mich an die Flasche Wein, die ich geöffnet habe, obwohl ich wusste, dass ich sie nicht austrinken würde. An die Kerze auf dem Küchentisch und an den absurden Wunsch, dass meine Mutter mich anrufen möge.

«Achtundzwanzig», antworte ich.

Der Arzt hebt den Blick.

Neben mir wird es still.

«Mercy?», fragt meine Mutter vorsichtig.

Ich sehe zu ihr.

Sie betrachtet mich mit einer neuen, beunruhigenden Anspannung.

«Schatz, du bist dreiundzwanzig.»

Für einen Moment glaube ich, sie falsch verstanden zu haben.

«Was?»

«Du bist dreiundzwanzig Jahre alt.»

Ich schüttle den Kopf, obwohl die Bewegung sofort einen unangenehmen Druck hinter meinen Augen auslöst.

«Nein.»

Der Arzt tritt näher.

«Miss Lloyd, nach einer Kopfverletzung können vorübergehend Schwierigkeiten mit der zeitlichen Orientierung auftreten. Das muss nicht bedeuten, dass etwas Ernsthaftes vorliegt. Wir werden Sie selbstverständlich weiter untersuchen.»

Ich höre ihm kaum zu.

Dreiundzwanzig.

Das ist unmöglich.

Mit dreiundzwanzig habe ich noch an der Akademie studiert. Ich habe mit meinen Freundinnen über Prüfungen geklagt, viel zu teure Kleider gekauft und geglaubt, dass mein Leben sich genau so entwickeln würde, wie ich es geplant hatte.

Mit dreiundzwanzig war meine Mutter noch am Leben.

Mein Vater auch.

Und ich war verliebt.

Der Gedanke trifft mich so unvermittelt, dass mir übel wird.

«Welches Jahr haben wir?»

Meine Mutter wirft dem Arzt einen kurzen Blick zu.

«Mercy …»

«Bitte.»

Ich erkenne meine eigene Stimme kaum wieder. Sie klingt so verzweifelt, dass ich mich am liebsten dafür entschuldigen würde.

«Sag mir einfach, welches Jahr wir haben.»

Sie nennt mir die Jahreszahl.

Fünf Jahre.

Fünf ganze Jahre vor meinem Tod.

Ich starre sie an, während mein Verstand verzweifelt versucht, eine Erklärung zu finden, die nicht vollkommen wahnsinnig klingt.

Vielleicht träume ich.

Vielleicht liege ich noch immer auf dem kalten Steinboden und mein Gehirn erschafft in seinen letzten Augenblicken eine Wirklichkeit, in der ich nicht sterben muss.

Vielleicht ist das die letzte Grausamkeit des Todes: einem Menschen alles zurückzugeben, was er verloren hat, nur um es ihm gleich darauf erneut zu nehmen.

«Nein», flüstere ich.

Meine Mutter beugt sich zu mir.

«Was ist denn, mein Schatz?»

Ich schliesse die Augen.

Wenn ich sie wieder öffne, wird sie verschwunden sein.

Ich weiss es.

Ich kenne solche Träume. Habe sie oft genug erlebt, um zu wissen, wie sie enden.

Manchmal sass sie in unserer Küche und fragte mich, ob ich bereits gefrühstückt hätte. Manchmal stand sie im Garten, die Ärmel ihres Pullovers hochgeschoben, während sie über irgendeine belanglose Sache schimpfte.

Und jedes Mal war ich glücklich gewesen.

Bis ich aufwachte.

Bis die Stille zurückkehrte.

Bis ich wieder begriff, dass ich sie niemals mehr sehen würde.

«Mercy?»

Ihre Hand legt sich an meine Wange.

Ich zucke zusammen.

Nicht, weil sie mir wehtut.

Sondern weil ich sie spüre.

Ihre Finger sind warm, ihre Haut weich, und als sie mir eine Haarsträhne aus der Stirn streicht, erkenne ich sogar die kleine raue Stelle an ihrem Daumen, die sie sich vor Jahren beim Kochen zugezogen hat.

Ein winziges, vollkommen unbedeutendes Detail.

Eines, das ich längst vergessen hatte.

Und ausgerechnet daran zerbreche ich.

«Mama.»

Mehr bringe ich nicht hervor, bevor mir die ersten Tränen über die Schläfen laufen.

Sie erschrickt.

«Oh, Liebes, hast du Schmerzen?»

Ich schüttle den Kopf.

«Soll ich den Arzt holen?»

Er steht bereits neben uns, doch sie scheint ihn vollkommen vergessen zu haben.

Wieder schüttle ich den Kopf.

Ich möchte ihr erklären, was geschehen ist. Möchte ihr sagen, dass ich sie beerdigt habe, dass ich ihre Stimme seit Jahren nicht mehr gehört habe und dass es Tage gegeben hat, an denen ich nicht wusste, wie ich ohne sie weiterleben sollte.

Aber wie erklärt man seiner Mutter, dass man um sie getrauert hat, während sie lebendig vor einem sitzt?

Wie sagt man einem Menschen, dass man ihn so sehr vermisst hat, dass sein Anblick beinahe unerträglich ist?

«Ich habe dich vermisst.»

Es ist kaum mehr als ein ersticktes Flüstern.

Sie hält inne.

«Ach, mein Schatz.»

Ein kleines, verständnisvolles Lächeln erscheint auf ihren Lippen.

«Ich war doch die ganze Zeit hier.»

Und damit ist es vorbei.

Die letzte mühsam aufrechterhaltene Fassung verlässt mich, während ich nach ihr greife und mich trotz des Schmerzes aufrichte. Meine Arme schlingen sich um ihren Hals, so fest, dass sie überrascht nach Luft schnappt, doch im nächsten Augenblick hält sie mich bereits.

Sie hält mich einfach.

Wie früher.

Eine Hand an meinem Hinterkopf, die andere zwischen meinen Schulterblättern, während ich mein Gesicht an ihrer Schulter verberge und weine, bis mir die Luft fehlt.

«Ist ja gut», murmelt sie immer wieder. «Ist ja gut, mein Mädchen. Mama ist da.»

Aber es ist nicht gut.

Es ist überhaupt nichts gut.

Denn ich erinnere mich an die Beerdigung.

An den Regen, der auf die schwarzen Regenschirme fällt, an die Erde auf dem Sarg und an den Moment, in dem ich begreife, dass die Welt sich tatsächlich weiterdreht, obwohl meine eigene gerade aufgehört hat.

Ich erinnere mich daran, wie ich vor ihrem Grab stand und ihr versprach, dass ich auf mich aufpassen würde.

Was für eine erbärmliche Lügnerin ich gewesen bin.

Ich habe es nicht einmal geschafft, am Leben zu bleiben.

«Es tut mir leid», schluchze ich gegen ihre Schulter.

Ihre Hand hält inne.

«Was denn, Liebes?»

Alles.

Dass ich so selten zu Besuch gekommen bin. Dass ich unsere letzten Gespräche mit belanglosen Dingen verschwendet habe. Dass ich mich an manchen Tagen von ihren Anrufen gestört fühlte, weil ich glaubte, später noch genügend Zeit für sie zu haben.

Vor allem aber, dass ich ihr nicht geglaubt habe.

«Es tut mir so leid.»

Sie drückt mich fester an sich.

«Du musst dich doch für nichts entschuldigen.»

Doch.

Das muss ich.

Für so vieles.

Ich weiss nicht, wie lange wir so sitzen. Irgendwann spricht der Arzt leise mit meiner Mutter, und ich höre Worte wie Desorientierung, Beobachtung und neurologische Untersuchung, doch sie erreichen mich nur wie Geräusche aus einem anderen Zimmer.

Ich halte sie weiterhin fest.

Vielleicht ein wenig zu fest.

Aber ich habe sie schon einmal losgelassen.

Und ich weiss, wie es sich anfühlt, wenn man danach nie wieder die Gelegenheit bekommt, es rückgängig zu machen.

Als meine Mutter schliesslich das Zimmer verlässt, um meinen Vater anzurufen, bleibe ich allein zurück.

Mein Vater.

Allein der Gedanke daran lässt meine Augen erneut brennen.

Ich werde ihn wiedersehen.

Ich werde seine Stimme hören, seine viel zu ernsten Vorträge über Verantwortung ertragen und mir anhören dürfen, weshalb ich endlich lernen sollte, meine Termine vernünftig zu organisieren.

Vielleicht werde ich mich sogar darüber freuen, wenn er mich wieder einmal mit einem seiner endlosen Monologe in den Wahnsinn treibt.

Ich lache leise.

Es klingt erbärmlich.

Auf dem Nachttisch liegt mein Telefon. Ich strecke die Hand danach aus, wobei mir die Bewegung erstaunlich viel Kraft abverlangt, und betrachte einen Moment lang das vertraute Gerät.

Es ist mein altes Telefon.

Das mit der kleinen Schramme am unteren Rand.

Ich erinnere mich daran, wie ich es fallen liess, als ich eines Abends viel zu spät aus der Bibliothek kam.

Meine Finger zittern, als ich den Bildschirm aktiviere.

Das Datum stimmt.

Der Monat stimmt.

Sogar der Wochentag stimmt.

Ich kenne diesen Tag.

Nicht, weil damals etwas Besonderes geschehen wäre, sondern weil ich ihn vor Jahren in einem Kalender markiert hatte. Es war die Woche vor Beginn des neuen Semesters, und ich hatte mich furchtbar darüber geärgert, dass mein Vater mich zu einem Empfang begleiten wollte.

Eine Veranstaltung, die ich für vollkommen überflüssig gehalten hatte.

Heute würde ich alles dafür geben, noch einmal mit ihm dorthin zu gehen.

Ich lege das Telefon auf meine Brust und starre an die Decke.

Vielleicht ist es tatsächlich ein Traum.

Vielleicht werde ich gleich erwachen und feststellen, dass ich noch immer achtundzwanzig bin, dass meine Eltern tot sind und dass die letzten Minuten nichts weiter als eine besonders grausame Einbildung gewesen sind.

Aber falls nicht …

Falls ich wirklich zurückgekehrt bin …

Dann habe ich fünf Jahre.

Fünf Jahre, um herauszufinden, wer mich verraten hat.

Fünf Jahre, um die Entscheidungen zu verhindern, die meine Familie zerstört haben.

Fünf Jahre, um Menschen zu retten, deren Namen ich bisher nur noch auf Grabsteinen lesen konnte.

Und vielleicht, wenn ich dieses Mal klug genug bin, werde ich irgendwann ein Leben führen können, in dem ich nicht jeden Morgen mit dem Wunsch erwache, die Vergangenheit verändern zu dürfen.

Ich drehe den Kopf zum Fenster.

Draussen scheint die Sonne.

Ein vollkommen gewöhnlicher Tag, an dem Menschen zur Arbeit gehen, Kinder zur Schule gebracht werden und irgendwo eine Frau ihrer Tochter eine Nachricht schreibt, ohne zu ahnen, dass diese Nachricht eines Tages das Kostbarste sein könnte, was von ihr übrig bleibt.

Ich schliesse die Augen.

Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit bete ich nicht darum, jemanden zurückzubekommen.

Ich habe sie bereits zurück.

Und diesmal werde ich nicht zulassen, dass man sie mir wieder nimmt.

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Good Writing

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Compelling Plot

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Great Character

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Strong Dialog

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Guter, sehr emotionaler Einstieg.

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Wow.... Da bin ich dabei 😜😅
5 Jahre... Holy F....
Stell dir das mal vor.... Es gibt Zeiten und Abschnitte im Leben, da ist 1 Jahr alles, aber 5... 😳

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