Montag
Montag
Der Wecker klingelte um 5:30 Uhr.
Thomas öffnete verschlafen die Augen und tastete nach seinem Handy. Neben ihm schlief Anna, eingekuschelt unter der Decke. Vorsichtig stand er auf, um sie nicht zu wecken.
Nachdem er geduscht und sich angezogen hatte, ging er in die Küche. Während die Kaffeemaschine brummte, schmierte er sich ein Brot und stellte seine Arbeitstasche neben den Tisch. Dort lag eine Zeichnung von Lena. Vier Figuren, die sich an den Händen hielten. Darüber stand in bunten Buchstaben: Meine Familie.
Thomas lächelte und betrachtete das Bild einen Moment.
„Du bist schon wach?“
Anna stand in der Küchentür, noch im Schlafanzug.
„Wie jeden Morgen“, antwortete Thomas und nahm einen Schluck Kaffee.
„Du könntest auch mal länger schlafen.“
„Und wer soll dann das Geld verdienen?“ Er grinste und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
„Pass nur auf dich auf, ja?“
„Mach ich.“
Gerade wollte er sich verabschieden, als kleine Schritte auf der Treppe zu hören waren.
„Papa!“
Jonas kam im Schlafanzug in die Küche getapst. Thomas stellte seine Tasche ab und hob ihn hoch.
„Na, kleiner Mann? Was machst du denn schon so früh wach?“
„Ich wollte dich noch sehen.“
Thomas drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.
„Bringst du mir heute was mit?“, fragte Jonas plötzlich.
„Was möchtest du denn?“
„Irgendwas! Vielleicht ein Auto. Oder Schokolade.“
Thomas lachte. „Mal sehen, was sich machen lässt.“
„Versprochen?“
„Versprochen.“
In diesem Moment kam Lena die Treppe herunter. Sie war bereits angezogen und hielt ihr Stofftier unter dem Arm.
„Papa, wartest du kurz?“
Thomas setzte Jonas ab und wandte sich seiner Tochter zu.
„Natürlich. Was gibt’s denn?“
Lena sah ihn mit großen Augen an.
„Bist du an meinem Geburtstag da dieses Wochenende?“
Thomas lächelte und strich ihr über den Kopf.
„Natürlich, mein Schatz. Deinen Geburtstag würde ich doch nicht verpassen.“
„Auch wenn du arbeiten musst?“
„Auch dann nicht. Ich nehme mir Zeit für dich. Das verspreche ich.“
Lena umarmte ihn zufrieden.
„Gut. Ich möchte nämlich, dass du dabei bist, wenn ich die Kerzen auspuste.“
Anna beobachtete die beiden aus der Küchentür. Sie sagte nichts, doch ihr Blick blieb einen Moment länger auf Thomas liegen.
Kurz darauf verabschiedete er sich von seiner Familie und machte sich auf den Weg zur Arbeit.
Der Verkehr war noch überschaubar. Thomas fuhr die gewohnte Strecke zu seinem Arbeitsplatz. Seit vielen Jahren arbeitete er in einer mittelständischen IT-Firma. Er hatte sich vom einfachen Mitarbeiter zu einem erfahrenen und geschätzten Kollegen hochgearbeitet.
Er mochte seine Arbeit. Probleme lösen, Verantwortung übernehmen und wissen, dass man sich auf ihn verlassen konnte – das erfüllte ihn mit Stolz.
Als er auf dem Firmenparkplatz ausstieg, entdeckte er ein bekanntes Gesicht. Ein älterer Mann mit grauen Haaren stand neben seinem Wagen und hielt einen Kaffeebecher in der Hand.
„Morgen, Jenkins!“, rief Thomas.
Der alte Mann hob seinen Becher.
„Na, Thomas! Wieder einer der Ersten? Ich hoffe, du hast wenigstens Kaffee dabei. Meiner schmeckt heute wie abgestandenes Spülwasser.“
Thomas lachte.
„Dann solltest du vielleicht aufhören, deinen Kaffee schon am Vortag vorzubereiten.“
Jenkins schnaubte amüsiert.
„Junger Mann, ich habe Dinge überstanden, gegen die abgestandener Kaffee ein Kinderspiel ist.“
Gemeinsam gingen sie ins Gebäude.
Der Arbeitstag begann wie so viele andere. Thomas fuhr seinen Rechner hoch, öffnete seine Aufgabenliste und machte sich an die Arbeit. Gegen halb zehn vibrierte sein Handy.
Eine Nachricht von Anna:
Jonas hat gerade gefragt, ob du ihm heute Abend bei den Hausaufgaben helfen kannst. Er kommt bei einer Aufgabe nicht weiter und möchte unbedingt, dass du sie dir ansiehst.
Thomas lächelte und antwortete:
Klar, das machen wir zusammen. Sag ihm, er soll mir die Aufgabe aufheben. Ich freue mich drauf.
Er legte das Handy beiseite und stellte sich vor, wie Jonas ihm am Abend mit seinem Heft entgegenkommen würde.
Wenig später traf er Markus am Kaffeeautomaten.
„Na, Thomas! Schon wieder am Überleben?“
„So ungefähr“, grinste Thomas.
„Alles klar bei dir?“
„Ja. Am Wochenende wird es allerdings aufregend. Lena hat Geburtstag. Sie wird zehn.“
„Zehn schon? Die Zeit vergeht, was?“
Thomas lächelte.
„Allerdings. Ich weiß noch, wie sie kaum über den Küchentisch schauen konnte. Und jetzt wird sie schon zweistellig.“
„Dann gibt’s wohl eine große Feier?“
„Und wie! Anna plant schon seit Tagen. Die Kinder aus ihrer Klasse kommen, wir schmücken den Garten und natürlich gibt’s Kuchen. Ich habe Lena versprochen, dass ich mir das ganze Wochenende freihalte.“
Er nahm einen Schluck Kaffee.
„Ich möchte, dass sie diesen Geburtstag nicht so schnell vergisst. Zehn wird man schließlich nur einmal.“
Markus grinste.
„Dann sorg dafür, dass du pünktlich Feierabend machst.“
„Das habe ich vor.“
Der restliche Vormittag verging mit Besprechungen und technischen Problemen. Am Nachmittag war Thomas gerade dabei, seine letzten Aufgaben abzuschließen, als er auf die Uhr blickte. Kurz nach fünf.
Er speicherte seine Arbeit und packte seine Sachen zusammen.
„Na, schon auf dem Sprung?“, fragte Markus, der neben seinem Schreibtisch auftauchte.
„Ja. Ich wollte heute nicht so spät werden.“
„Ach komm, Thomas. Wir gehen noch eine Runde Karten spielen.“
Thomas schüttelte den Kopf.
„Heute nicht. Jonas wartet auf mich. Ich habe ihm versprochen, bei seinen Hausaufgaben zu helfen.“
„Nur ein paar Stunden.“
„Markus, ich habe es ihm wirklich zugesagt.“
Markus hob beschwichtigend die Hände.
„Schon gut. Aber du hast doch nicht vergessen, dass wir das schon vor Wochen ausgemacht haben? Alle kommen. Sogar der Chef.“
Thomas hielt inne. Er erinnerte sich tatsächlich an den geplanten Kartenabend. Damals hatte er sich darauf gefreut.
„Ich weiß, aber ...“
„Komm schon. Wir sehen uns ohnehin kaum außerhalb der Arbeit. Ein bisschen abschalten tut dir gut.“
Thomas blickte auf seine Tasche und schließlich auf sein Handy. Er öffnete den Chat mit Anna und las seine Nachricht vom Vormittag noch einmal.
Ich freue mich drauf.
Nach kurzem Zögern begann er zu tippen:
Schatz, es wird heute leider etwas später. Die Kollegen haben einen Kartenabend geplant, den ich schon vor Wochen zugesagt hatte. Ich schaffe es heute nicht mehr rechtzeitig nach Hause. Kümmere dich bitte mit Jonas um die Hausaufgaben. Ich hole das nach.
Er schickte die Nachricht ab.
„Na gut“, sagte er zu Markus. „Aber wirklich nur ein paar Stunden.“
Markus grinste zufrieden.
„Wusste ich doch, dass du noch zu überzeugen bist.“
Als Thomas schließlich nach Hause kam, war es spät am Abend. Im Wohnzimmer brannte noch Licht. Anna saß auf dem Sofa und legte ihr Buch beiseite, als sie ihn hörte.
„Hey“, sagte Thomas und gab ihr einen Kuss.
„Wie war der Abend?“
„Ganz gut. Wir haben ein paar Runden gespielt. Der Chef war auch dabei.“
Thomas ging in Richtung Küche.
„Und Jonas? Ist er schon im Bett?“
„Ja.“
„Hat er seine Hausaufgaben geschafft?“
Anna nickte.
„Wir haben sie zusammen gemacht.“
Thomas blieb stehen.
„Ach, schade. Ich hatte ihm doch gesagt, dass ich ihm helfe.“
„Er hat gewartet.“
Ihre Stimme klang ruhig, beinahe müde.
„Er hat mich mehrmals gefragt, wann du kommst. Als es immer später wurde, hat er irgendwann seine Sachen geholt und sich zu mir an den Tisch gesetzt.“
„Ich wollte wirklich früher kommen. Markus hat mich nur daran erinnert, dass wir den Abend schon vor Wochen geplant hatten.“
Anna schwieg kurz.
„Ich weiß, Thomas. Aber Jonas wusste davon nichts. Er wusste nur, dass Papa ihm versprochen hatte, ihm bei den Hausaufgaben zu helfen.“
Thomas senkte den Blick.
„Ich rede morgen mit ihm.“
Anna klappte ihr Buch zu.
„Lena hat heute übrigens auch etwas gesagt.“
„Was denn?“
„Sie hat mich gefragt: ‚Papa schafft es bestimmt auch nicht zu meinem Geburtstag, oder Mama?’“
Thomas hob den Kopf.
Anna hielt seinem Blick stand. Ihre Stimme blieb sanft, doch sie betonte die letzten Worte etwas stärker.
„Sie hat das nicht böse gemeint. Aber Thomas, sie wird zehn. Sie freut sich schon seit Wochen darauf, dass du dabei bist.“
Er sagte zunächst nichts.
„Ich habe ihr gesagt, dass du es versprochen hast. Dass sie sich keine Sorgen machen muss.“
Thomas rieb sich über das Gesicht.
„Ich werde da sein, Anna. Wirklich. Ich habe es ihr versprochen.“
„Das hoffe ich.“
Anna stand auf und nahm ihr Buch.
„Gute Nacht, Thomas.“
„Gute Nacht.“
Als sie gegangen war, blieb Thomas noch einen Moment im Wohnzimmer stehen. Dann blickte er auf sein Handy. Seine Nachricht war noch immer auf dem Bildschirm zu sehen.
Ich schaffe es heute nicht mehr rechtzeitig nach Hause.
Er sperrte das Display und legte das Gerät beiseite.
Im Flur war es still. Die Kinder schliefen längst.
Thomas öffnete vorsichtig die Tür von Jonas’ Zimmer. Sein Sohn lag unter der Decke, das Gesicht halb in sein Kissen gedrückt. Auf dem Schreibtisch lagen sein Matheheft, ein Radiergummi und ein Bleistift.
Thomas betrachtete die Sachen einen Augenblick.
Morgen würde er sich Zeit nehmen. Morgen würde er alles nachholen.
Dann schloss er leise die Tür und ging ins Schlafzimmer.








