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Er & Sie

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Summary

Ein Jahr nach Beginn seines Praktikums in London kehrt James in die Staaten zurück. Mit dabei ist sein neuer Praktikumskollege und Freund Dwight, der das Land kennenlernen möchte. Doch kaum angekommen, muss James sich gegen seinen Bruder behaupten, der an der Spitze der Blackwell-Firma steht, und gegen Max Masters, der versucht, ihn öffentlich bloßzustellen. Auch Olivia, seine Mitpraktikantin aus England, ist ihm gefolgt. Sie hat sich fest vorgenommen, James zu heiraten. Die größte Herausforderung wartet jedoch in Form von Kate: Gemeinsam müssen sie nicht nur die Ereignisse vor James’ Abreise aufarbeiten, sondern sich auch ihrer gemeinsamen Schulzeit stellen – und der Tatsache, dass Kate ihn damals gemobbt hat.

Status
1h ago
Chapters
3
Rating
n/a
Age Rating
16+

Kapitel 1

Überarbeitete Fassung

Die Musik war der Grund, warum James überhaupt bemerkte, dass sein Handy klingelte.

Es war Junipers dritter Anruf innerhalb von zehn Minuten gewesen. Beim ersten Mal hatte er ihn nicht einmal gespürt – nur ein leises Vibrieren an seinem Oberschenkel, das im Bass unterging, der durch den Boden des Festsaals dröhnte. Erst als jemand ihm beinahe ein Glas Champagner über das Hemd geschüttet hatte, war ihm eingefallen, nachzusehen.

Drei verpasste Anrufe von Juniper. Keine Nachricht.

Das war ungewöhnlich genug, um ihn aus dem Gespräch mit einem Geschäftspartner seines Vaters herauszureißen. Mit einer knappen Entschuldigung und einem Lächeln, das er sich antrainiert hatte, lange bevor er verstand, wofür es gut war, verabschiedete er sich.

Vorsichtig schob er sich an einer Gruppe Lachender vorbei, ohne jemandem das Glas aus der Hand zu stoßen, und fand schließlich einen ruhigeren Flur. Hier drang der Bass nur noch als dumpfes Pulsieren durch die Wände. James lehnte sich gegen die kühle Wand und wählte die verpasste Nummer.

Juniper hob nach dem ersten Klingeln ab.

„Juniper.“ Er versuchte, den geübten, glatten Ton aus seiner Stimme zu verbannen, den er im Festsaal brauchte. „Ist alles in Ordnung?“

„James, oh mein Gott, James, du glaubst nicht …“ Ihre Stimme überschlug sich beinahe, so schnell sprudelten die Worte aus ihr heraus. „Es ist vorbei. Es ist vorbei, das Verfahren, Rileys Verfahren. Es ist zu Ende, sie haben – also, sie haben nicht verloren. Es ist einfach … es ist vorbei. Kannst du dir das vorstellen?“

Er drückte das Handy fester ans Ohr, als könnte er dadurch besser verstehen, was sie meinte.

Natürlich konnte er sich das vorstellen. Mrs. Crane war eine hervorragende Anwältin, und die Detektivarbeit, die Mr. Harris hinter den Kulissen erledigt hatte, schien sich ausgezahlt zu haben.

„Das ist eine ausgezeichnete Nachricht“, sagte er. Er meinte es ernst, auch wenn die Worte in seinem Mund immer etwas förmlicher klangen, als er wollte. „Ich freue mich für sie.“

Eine Akte, die geschlossen wurde. Ein Anfang, der nicht länger von diesem einen Fehler überschattet war. Vielleicht bekam Riley die Chance, diese furchtbare Geschichte hinter sich zu lassen und nicht länger als Opfer dieses einen Fehlers weiterzuleben.

„Und das ist noch nicht alles!“ Sie klang, als könnte sie kaum stillsitzen, als würde sie beim Reden im Kreis laufen. „Mein Verfahren – also meins, nicht Rileys – wurde auch eingestellt. Gegen eine Geldzahlung, aber eingestellt, James. Komplett eingestellt. Kein Prozess, nichts. Einfach vorbei!“

Er brauchte einen Moment, um die beiden Nachrichten in seinem Kopf auseinanderzuhalten. Zwei Verfahren, zwei Abschlüsse – und das alles an einem Abend.

„Das wusste ich nicht“, sagte er langsam. „Das ist …“

„Und weißt du, warum?“ Sie ließ ihm keine Zeit, den Satz zu beenden. „Meine Anwältin hat gesagt, dass die ganze Arbeit im Jugendzentrum tatsächlich etwas gebracht hat. Nicht nur so symbolisch, sondern richtig. Es stand sogar in den Unterlagen, dass ich mich – wie hieß das noch? – ‚nachweislich sozial engagiert‘ hätte. Kannst du dir das vorstellen, James? Meine Zeit im Jugendzentrum hat mir wirklich geholfen!“

James schloss kurz die Augen. Es ergab Sinn, natürlich ergab es Sinn. Trotzdem fühlte er sich bei dem Gedanken, dass diese ganze Entwicklung ohne sein Wissen stattgefunden hatte, merkwürdig zurückgelassen. Keine Vorwarnung, kein Hinweis darauf, dass heute der Abend war, an dem sich alles entscheiden würde.

„Das freut mich wirklich, Juniper“, sagte er. Diesmal ließ er die Förmlichkeit etwas zurücktreten und Wärme in seine Stimme. „Du hast dir das verdient. Beide Ergebnisse.“

„Danke“, sagte sie. Zum ersten Mal in dem Gespräch klang sie fast ein wenig verlegen, als hätte sie mit dem Lob nicht ganz gerechnet. Gleich darauf sprach sie wieder schneller: „Wann kommst du eigentlich zurück?“

Die Frage traf ihn unvorbereitet, obwohl sie simpel genug war. Er öffnete die Augen und starrte auf die gedämpften Lichter am Ende des Flurs.

„In ein paar Tagen“, sagte er. Dann wurde ihm bewusst, wie wenig diese Antwort aussagte. „Es sollte eine Überraschung werden.“

„Oh.“ Es entstand eine kurze Pause. Er konnte sich fast vorstellen, wie sie das Gesicht verzog – mit diesem besonderen Stirnrunzeln, das sie immer hatte, wenn sie etwas abwog. „Na gut. Dann vergiss, dass ich gefragt habe.“

„Zu spät“, sagte er trocken.

Sie lachte, kurz und hell. Für einen Moment fühlte sich das Gespräch wieder vertraut an – wie vor Monaten, bevor alles so kompliziert geworden war.

„Wie auch immer“, fuhr sie fort. Ihre Stimme nahm wieder das Tempo an, das sie immer anschlug, wenn sie etwas erzählen wollte, das ihr wichtig war. „Ich habe übrigens angefangen, als freie Mitarbeiterin im Jugendzentrum zu arbeiten. Also richtig, mit Bezahlung und so, nicht nur Sozialstunden. Robin hat gefragt, ob ich dableiben will, nachdem das mit dem Verfahren vorbei war, und ich habe Ja gesagt, bevor ich überhaupt richtig darüber nachgedacht hatte. Aber es fühlt sich gut an, weißt du? Ich habe sogar schon mit ein paar von den jüngeren Kids gearbeitet, die genauso bescheuert sind wie ich früher, und …“

James lauschte und blickte auf die gedämpften Lichter, während Juniper eine Geschichte nach der anderen aneinanderreihte, kaum Luft holend zwischen den Sätzen. Er konnte sich genau vorstellen, wie sie dastand oder hin und her lief und beim Reden die Hände bewegte. Ihr pinkes Haar war viel zu kurz geschnitten, wie immer, wenn sie sich im Gespräch verlor.

Dann, ohne jede Vorwarnung und ohne eine Sekunde Pause zwischen den Sätzen: „Hey, James, Kate hat übrigens gefragt, wann du zurückkommst.“

Er brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass der Satz tatsächlich an ihn gerichtet war und nicht bloß ein weiteres Fragment in Junipers endlosem Redefluss. Unwillkürlich richtete er sich von der Wand auf, als hätte sein Körper schneller reagiert als sein Verstand.

„Es ist besser, wenn sie es nicht weiß“, sagte er – nicht annähernd so beiläufig, wie er es beabsichtigt hatte.

„Ich kann sie nicht immer anlügen“, erwiderte Juniper. „Ich mag Kate wirklich, auch wenn … na ja, sie damals so gemein zu dir war.“

„Das weiß ich, Juni, und ich möchte das auch nicht. Es ist nur … ich habe einfach zu viel falsch gemacht.“

„Ja, das hast du“, gab Juniper zurück. „Aber es sollte doch ihre Entscheidung sein, wie sie damit umgeht.“

James presste die Lippen zusammen. Natürlich sollte es Kates Entscheidung sein. Er wusste das, hatte es die ganze Zeit gewusst. Trotzdem fühlte sich der Gedanke an, als würde ihm jemand den Boden unter den Füßen wegziehen.

„Ich will doch nur …“ Er brach ab und suchte nach den richtigen Worten, während er sich mit der freien Hand über das Gesicht fuhr. Der Flur war leer, doch trotzdem senkte er die Stimme, als könnte jemand aus einem der angrenzenden Räume mithören. „Ich will nicht, dass sie sich auf etwas vorbereitet, das vielleicht ganz anders kommt, als sie erwartet.“

„Du meinst, du willst nicht, dass sie Zeit hat, sich zu überlegen, ob sie dich überhaupt sehen will.“

Das saß. James schluckte. In seiner Brust zog sich etwas zusammen, eng und unangenehm wie ein zu straff geschnürter Kragen.

Dieses Jahr hatte ihn ein wenig verändert. Hier hatte er nicht mehr der sichere James sein müssen, der einen kompletten Plan hatte, um Kate vor Problemen zu schützen.

Hier war er einfach nur ein Student, der sein Bestes gab, um Dr. Halloways Erwartungen zu erfüllen.

Nicht, dass er sich nicht mehr sicher fühlte. Doch bei Kate war er inzwischen nicht mehr so selbstsicher.

Es war fast wie damals in der Schulzeit, als sie ihn drangsaliert hatte. Zwar war da keine panische Angst, aber eine Unsicherheit, die er nicht einfach überspielen konnte.

„Das ist nicht …“ Er hielt inne, weil er selbst hörte, wie hohl das klang, noch bevor er den Satz zu Ende gesprochen hatte. Zur Wand gedreht, fixierte er einen Lichtschalter, als könnte der ihm helfen, die richtigen Worte zu finden.

„Doch, genau das ist es“, sagte Juniper. Zum ersten Mal im Gespräch klang sie nicht mehr aufgeregt, sondern beinahe sanft – was es irgendwie schlimmer machte. „Du willst es einfach nur kontrollieren können. So wie du alles kontrollieren willst.“

„Das stimmt nicht.“ Doch während er es sagte, wusste er, dass es nicht ganz der Wahrheit entsprach. Er dachte an all die Male, in denen er sich zurückgehalten hatte, Kate anzurufen. Stattdessen hatte er sich ausgemalt, wie das Gespräch verlaufen würde, und jede mögliche Antwort vorweggenommen, bevor sie überhaupt gefragt war.

„James.“ Junipers Stimme wirkte plötzlich älter, als er es von seiner kleinen Schwester gewohnt war. „Rede wenigstens mit ihr. Zwischen euch ist so viel passiert. Das verschwindet nicht einfach.“

„Lass uns darüber reden, wenn ich wieder zu Hause bin, Juni“, erklärte er schließlich.

„Okay“, sagte sie. Er hörte das widerwillige Nachgeben in ihrer Stimme. „Aber wir reden wirklich darüber, James. Nicht nur so ein ‚Wir reden darüber‘, das dann doch nie passiert.“

„Versprochen.“ Er meinte es, auch wenn ihm schon jetzt der Gedanke unbehaglich war, was Juniper alles sagen würde, wenn sie erst einmal richtig anfingen.

„Gut.“ Eine kurze Pause, dann raschelte es im Hintergrund, als würde sie das Handy von einem Ohr zum anderen wechseln. „Ach, warte, Jen ist auch hier. Sie sagt, ich soll dich grüßen. Und außerdem soll ich dir ausrichten, dass sie dich lieb hat.“

Etwas in seiner Brust löste sich ein wenig – auf eine Weise, die nichts mit Kate, den Verfahren oder Kontrolle zu tun hatte. Allein im leeren Flur lächelte er, während das gedämpfte Pulsieren der Musik durch die Wand drang.

„Sag ihr, ich hab sie auch lieb“, sagte er. „Und sag Riley … sag ihr, dass ich mich für sie freue.“

„Mach ich.“ Juniper klang jetzt zufrieden, als hätte sie zumindest für den Moment bekommen, was sie wollte. „Pass auf dich auf, okay? Und denk an dein Versprechen.“

„Werde ich. Gute Nacht, Juni.“

„Nacht.“

Das Klicken, mit dem sie auflegte, kam fast überraschend schnell, nachdem sie ihn minutenlang kaum zu Wort hatte kommen lassen. James ließ das Handy sinken und betrachtete einen Moment lang den dunklen Bildschirm, bevor er es in die Innentasche seines Jacketts steckte. Der Stoff lag glatt über der Wölbung, kaum sichtbar, so wie es sein sollte.

Er atmete tief durch, richtete die Manschetten seines Hemdes, die sich beim Telefonieren leicht verschoben hatten, und stieß sich von der Wand ab. Dann ging er zurück zu der Tür, hinter der die Musik lauter wurde.

Der Festsaal empfing ihn mit einer Wand aus Wärme und Lärm: klirrende Gläser und das Gemurmel Hunderter Gespräche, die sich übereinanderschichteten. Er blieb einen Moment im Türrahmen stehen und ließ seine Augen sich an das Licht gewöhnen. Genau in diesem Moment hörte er seinen Namen.

„James.“

Er drehte sich zu der Stimme um und sah Olivia Princton auf sich zukommen. Sie hielt ein Glas Weißwein in der Hand und schien genau in diese Richtung geblickt zu haben, noch bevor er aufgetaucht war. Ihr Kleid war makellos, ihre Haare in jener sorgfältigen Unordnung, die mehr Arbeit erforderte als ein straffer Dutt. Ihr Lächeln erschien einen Moment, nachdem ihr Blick ihn bereits erfasst hatte.

„Olivia.“ Er richtete sich auf. Während das Gespräch mit Juniper noch in ihm nachhallte, straffte sich seine Haltung ganz von selbst. Die jahrelange Übung hielt seinen Rücken gerade und sein Gesicht ruhig.

„Ich habe dich schon überall gesucht.“ Sie blieb vor ihm stehen, nah genug, dass er den süßlichen Duft ihres Parfüms wahrnahm, mit einer Vanillenote darunter. Ihr Blick wanderte kurz über ihn, als würde sie prüfen, ob irgendetwas an ihm nicht an seinem Platz war. „Du kannst nicht einfach so verschwinden, James. Das macht man nicht mitten auf einer Veranstaltung wie dieser.“

„Ich musste mit meiner Schwester telefonieren“, sagte er. Er hörte selbst, wie glatt und geübt die Worte aus ihm herauskamen, beinahe automatisch. „Es gab Neuigkeiten, die nicht warten konnten.“

„Hoffentlich nichts Schlimmes.“ Ihr Ton klang interessiert, auch wenn sie es nicht war.

Das sollte nicht heißen, dass sie sich nicht für ihn interessierte. Das tat sie – sehr sogar. Das hatte er bei mehreren Gelegenheiten bemerkt und stets höflich abgelehnt.

„Nein“, sagte er. „Eigentlich gute Neuigkeiten.“ Mehr führte er nicht aus. Olivia schien einen Moment abzuwarten, ob er noch etwas hinzufügen würde, bevor sie sich mit seinem Schweigen abfand.

Er ließ den Blick kurz durch den Saal wandern, über die Köpfe hinweg, auf der Suche nach etwas, das ihm half, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. Dwight hatte vorhin noch neben ihm gestanden und sich über die Krawatte beschwert, die er für den Abend hatte anziehen müssen. Jetzt war er nirgends zu sehen.

„Weißt du, wo Dwight ist?“, fragte James. Die Frage sollte beiläufig klingen, nur eine kleine Bemerkung am Rande. Doch er merkte selbst, wie schnell sie ihm über die Lippen kam – schneller, als er geplant hatte.

Olivias Lächeln veränderte sich kaum merklich und wurde zu etwas, das er nicht ganz einordnen konnte.

„Nebenan“, sagte sie und machte eine kleine, lässige Handbewegung in Richtung der Tür zum angrenzenden Salon. „Er hat sich, glaube ich, mit ein paar anderen über irgendwelche Aktienfonds unterhalten. Oder war es Immobilien? Ich habe aufgehört zuzuhören, nachdem zum dritten Mal das Wort ‚Portfolio‘ gefallen ist.“

Sie lachte leise über ihren eigenen Scherz – genau im richtigen Maß, um charmant zu wirken – und trank einen Schluck Wein, ohne den Blick von ihm zu nehmen.

„Du hättest ihn gerettet, wenn du früher gekommen wärst“, fügte sie hinzu. Diesmal lag etwas Spielerisches in ihrer Stimme, und der Satz klang, als könnte er eigentlich etwas ganz anderes bedeuten.

James nickte und lächelte. Es war jenes geübte Lächeln, das er für Momente wie diesen aufbewahrte: wenn er nicht ganz bei der Sache war, aber niemand es merken sollte. „Vielleicht sollten wir zurückgehen. Sonst fragt man sich noch, wo wir stecken.“

„Natürlich.“ Olivia legte leicht den Kopf schief. Ehe er richtig begriff, was geschah, hatte sie ihren Arm durch seinen geschoben und die Finger auf seinen Ärmel gelegt, als wäre es das Natürlichste der Welt. Diesmal erschien ihr Lächeln sofort, ohne die kleine Verzögerung von vorhin. „Dann lass uns ihn nicht länger warten lassen.“

James ließ es geschehen. Sich von ihr zu lösen, hätte mehr Erklärungen gekostet, als es wert war, und der Flur war ohnehin zu eng, um sich unauffällig von ihr zu entfernen.

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Good Writing

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