Prolog - Die Wahrheit unter der Kapelle
Zwölf Jahre vor Beginn der Handlung
1 - Der Fund
Stimmen unter der Erde
Die Kapelle stand seit Jahrzehnten leer. Ihre Fenster waren zerbrochen, Efeu hatte sich um die Säulen gelegt, und über dem Altar hing noch immer das verblasste Zeichen eines Königs, dessen Name aus den offiziellen Chroniken getilgt worden war. Elara hatte die Stimmen bereits seit Tagen gehört.
Nicht draußen im Wald. Nicht in ihren Träumen.
Unter der Erde. Severin begleitete sie widerwillig. Er war als junger Eidwächter ausgesandt worden, um Gerüchten über verbotene Magie nachzugehen. Er hätte Elara nach Hause schicken sollen. Stattdessen folgte er ihr durch eine schmale Öffnung hinter dem Altar. Dort fanden sie eine Treppe, die in die Tiefe führte. Am Ende lag ein Raum voller schwarzer Steinplatten. In jede Platte waren Namen eingeritzt. Manche leuchteten silbern, andere waren beinahe vollständig ausgelöscht.
Als Elara eine davon berührte, hörte sie eine Frau weinen. Sie sah ein Haus, das in Flammen stand. Einen Vater, der ein Kind an sich drückte. Menschen, die um Hilfe riefen – und dann plötzlich verstummten, als hätte die Welt beschlossen, dass es sie nie gegeben hatte.
Elara zog die Hand zurück.
„Sie sind nicht tot“, flüsterte sie.
Severin betrachtete die Namen. „Was meinst du?“
„Sie sind vergessen worden.“
Und zum ersten Mal in seinem Leben bekam Severin Angst vor etwas, das er nicht mit seinem Schwert bekämpfen konnte.
2 - Die Erkenntnis
Elaras Mutter war keine Verräterin
In der Mitte des Archivs fanden sie eine steinerne Tafel. Darauf war die Geschichte eines Volkes festgehalten, das lange vor der Gründung Veyrs in den Wäldern gelebt hatte.
Die Gründer des Königreichs hatten dieses Volk ausgelöscht. Anschließend hatten sie seine Existenz aus den Erinnerungen der Überlebenden und aus den Chroniken entfernt.
Die geraubten Erinnerungen waren in der Krone gebündelt worden. Seither hielt sie den alten Pakt aufrecht, indem sie das Vergessen immer wieder erneuerte. Unter den Namen der Menschen, die versucht hatten, die Wahrheit aufzudecken, fand Elara den Namen ihrer Mutter. Sie verstand nun, weshalb ihre Mutter sie immer davor gewarnt hatte, den Stimmen im Wald zu folgen. Sie hatte Elara nicht vor einer bösen Macht schützen wollen.
Sie hatte versucht, sie vor der Wahrheit zu bewahren. Severin entdeckte unterdessen das königliche Siegel am Eingang des Archivs. Er erkannte es sofort. Es war dasselbe Zeichen, das er auf seinen Befehlen trug. Seine Familie hatte nicht nur dem König gedient. Sie hatte geholfen, das Geheimnis zu bewahren.
„Wir müssen hier weg“, sagte er.
Elara sah ihn an. „Wusstest du davon?“
„Nein.“
Sie glaubte ihm. Nicht, weil sie ihn gut kannte, sondern weil sie in diesem Moment dieselbe Angst in seinen Augen sah, die sie selbst empfand. Das war der Anfang ihres Vertrauens.
3 - Die Verfolgung
Severins erste Entscheidung
Noch bevor sie das Archiv verlassen konnten, ertönten Schritte auf der Treppe. Die Männer der Krone hatten sie gefunden. Severin kannte einige von ihnen. Einer war derjenige gewesen, der ihm beigebracht hatte, dass ein Eid mehr wert sei als ein Menschenleben. Er befahl Severin, Elara zu ergreifen und das Mädchen auszuliefern. Severin gehorchte nicht.
Er stellte sich vor Elara. Diese eine Bewegung veränderte alles. Die Männer griffen an. Severin konnte sie aufhalten, aber nicht lange. Hinter ihnen begann das Archiv zu erwachen. Die Namen auf den Steinplatten glühten auf, und die Stimmen wurden so laut, dass Elara kaum noch ihre eigenen Gedanken hören konnte.
Sie begriff, dass die Krone sie finden würde, solange sie die Erinnerung an diesen Ort in sich trug. Doch sie wusste nicht, wie sie die Erinnerung entfernen sollte.
Dann hörte sie die Stimme ihrer Mutter.
„Elara.“
Sie stand oben auf der Treppe. Und sie wusste bereits, was ihre Tochter entdeckt hatte.
4 - Die Entscheidung
Zwei Kinder gegen ein Königreich
Elaras Mutter stieg zu ihnen hinab. Sie hatte die alte Magie studiert und wusste, dass das Archiv nur durch einen freiwilligen Gedächtnisbund verborgen werden konnte. Doch sie wusste auch, dass die Kinder die Folgen nicht verstehen würden. Ein solcher Bund konnte Erinnerungen nicht einfach löschen. Er musste sie aus den Menschen lösen, die sie bewahrten, und in einen anderen Träger überführen. Wurde der Vorgang unterbrochen, würde die Magie die Beteiligten verschlingen. Es gab nur eine Möglichkeit, das Archiv zu verschließen, bevor die Männer der Krone es erreichten. Elara und Severin mussten ihre Erinnerungen an das Archiv und aneinander freigeben. Ihre Verbindung würde als Verschluss dienen und die Spur zu den gestohlenen Erinnerungen unterbrechen.
„Wird es wehtun?“, fragte Elara.
Ihre Mutter antwortete nicht sofort.
„Ja.“
„Werden wir uns vergessen?“
Diesmal sah ihre Mutter zu Severin.
„Ich fürchte, ja.“
Severin hätte gehen können. Er hätte Elara den Männern überlassen und sein eigenes Leben retten können. Niemand hätte ihm vorgeworfen, seine Pflicht erfüllt zu haben. Aber er sah das Mädchen an, das ihm vertraute, obwohl er aus einer Familie stammte, die an diesem Unrecht beteiligt war.
„Wenn wir es nicht tun“, fragte er, „was passiert dann?“
„Dann finden sie euch. Und irgendwann finden sie jeden, der sich an die Wahrheit erinnert.“
Elara sah auf die Namen im Stein. Sie dachte an die Menschen, deren Existenz ausgelöscht worden war. Sie wollte nicht, dass ihnen dasselbe geschah wie den Toten, deren Namen sie später als Totenhüterin bewahren würde.
Sie streckte Severin ihre Hand entgegen.
„Dann machen wir es gemeinsam.“
Er nahm sie. Sie entschieden sich nicht dafür, einsnder zu vergessen. Sie entschieden sich dafür, die Wahrheit zu schützen - und verstanden nicht, dass sie dabei einen Teil ihrer eigenen Geschichte opfern würden.
5 - Die Opferung
Was Elaras Mutter zurückließ
Der Zauber begann.
Silbernes Licht kroch über den Boden. Die Namen auf den Steinplatten lösten sich aus dem Gestein und wirbelten durch den Raum wie Asche im Wind. Elara und Severin hielten einander an den Händen. Zwischen ihren Handflächen entstand ein schmaler Lichtfaden, der sich um ihre Handgelenke legte. Dann brach die Magie auseinander. Die Männer der Krone hatten das Archiv erreicht. Einer von ihnen trug ein königliches Siegel, das den Schutzkreis durchdringen konnte. Elaras Mutter begriff, dass der Bund nicht rechtzeitig geschlossen werden würde. Sie hätte den Vorgang abbrechen können. Dann wären die Kinder vielleicht entkommen, aber die Spur zum Archiv wäre offen geblieben. Die Krone hätte sie gefunden, ihre Erinnerungen aus ihnen herausgerissen und die Wahrheit endgültig vernichtet. Also tat sie etwas, das in keinem erhaltenen Buch beschrieben war.
Sie trat in den Schutzkreis und übernahm den Teil des Zaubers, den die Kinder nicht tragen konnten. Sie wurde zum letzten Anker des Verschlusses. Die Magie erfasste sie. Für einen kurzen Moment sah Elara das Gesicht ihrer Mutter ganz deutlich. Dann wurde das Licht so hell, dass sie nichts mehr erkennen konnte.
Severin schrie Elaras Namen. Der Boden bebte. Die Stimmen verstummten. Das Archiv verschloss sich. Als das Licht erlosch, lag Elaras Mutter reglos auf dem Stein.
Die Kinder lebten. Aber die Erinnerungen an die Kapelle begannen bereits zu verblassen.
Elaras Mutter hatte gewusst, dass sie den Tod nicht überleben würde. Bevor sie den Schutzkreis betreten hatte, hatte sie einen letzten Satz auf ein Stück Papier geschrieben. Sie schob es in den Ärmel ihrer Tochter.
„Vergiss nicht, wem du dein Schweigen versprochen hast.“
Es war kein Befehl, für immer zu schweigen.
Es war eine Bitte, die Wahrheit eines Tages wiederzufinden. Dann schloss Elara die Augen.
Und vergaß.








