Chapter 1
Manchmal ist das Wiedersehen schlimmer als der Abschied.
Milan
Ein Jahr.
Dreihundertfünfundsechzig Tage, in denen ich mir eingeredet hatte, dass es die richtige Entscheidung gewesen war.
Dreihundertfünfundsechzig Tage, in denen ich gelernt hatte, mit einem Leben zurechtzukommen, das ich mir niemals ausgesucht hätte. Ein Leben, in dem mein Name Türen öffnete, Menschen verstummen ließ und andere dazu brachte, mir Dinge zu versprechen, die sie niemals halten würden.
Ich hatte gelernt, Menschen anzusehen und zu wissen, wann sie logen. Ich hatte gelernt, meine Gefühle dort zu verstecken, wo niemand sie finden konnte. Ich hatte gelernt, dass Vertrauen ein Luxus war, den man sich nur selten leisten konnte.
Und trotzdem hatte ich etwas behalten.
Ein einziges Bild.
Es lag in meiner Brieftasche, hinter den Karten und zwischen Dingen, die für mein heutiges Leben wesentlich wichtiger waren. Zumindest behauptete ich das.
Meine Finger glitten über die Kante des Fotos.
Zwei Menschen. Ein Augenblick, der damals nichts Besonderes gewesen war. Wir hatten gelacht, herumgealbert und nicht einmal daran gedacht, dass dieser Moment irgendwann alles sein würde, was mir von dieser Zeit geblieben war.
Ich schloss die Augen.
Liora.
Ihr Name fühlte sich noch immer seltsam vertraut an. Als hätte ich ihn gestern zum letzten Mal ausgesprochen und nicht vor einer Ewigkeit.
„Du bist ungewöhnlich still.“
Ich öffnete die Augen.
Silas lehnte im Türrahmen meines Arbeitszimmers. Dunkles Haar, ordentlich sitzende Kleidung und dieser beinahe gelangweilte Gesichtsausdruck, den er immer dann aufsetzte, wenn er längst wusste, was in meinem Kopf vorging.
„Bin ich das nicht immer?“
„Nein. Normalerweise tust du wenigstens so, als würdest du mir zuhören.“
Ich steckte das Foto zurück in meine Brieftasche.
„Was willst du?“
Silas hob eine Augenbraue. „Du hast heute Abend einen Termin.“
„Ich weiß.“
„Du hast mir vorhin noch gesagt, dass du nicht hingehen willst.“
„Dann weißt du ja, wie meine Entscheidung aussieht.“
Er trat ein und setzte sich auf den Stuhl gegenüber meinem Schreibtisch.
„Es ist ein Klassentreffen, Milan. Kein Geschäftstermin.“
„Genau deshalb habe ich keine Lust.“
„Du könntest dich wenigstens ein bisschen bemühen, so zu tun, als wäre dir deine Vergangenheit nicht völlig egal.“
Ich sah ihn an.
Er wusste, dass er damit einen Punkt getroffen hatte. Silas kannte mehr von meiner Vergangenheit als jeder andere Mensch in meinem heutigen Leben. Er wusste, woher ich gekommen war. Er wusste, was ich verloren hatte. Und er wusste, dass es einen Namen gab, bei dem ich selbst nach all dieser Zeit nicht einfach weitermachen konnte.
„Es gibt nichts, was ich dort zu suchen habe“, sagte ich schließlich.
„Vielleicht nicht.“
„Dann ist die Sache ja geklärt.“
Silas schwieg einen Moment.
„Ich habe gehört, dass sie wieder in Ebon Hollow ist.“
Es war erstaunlich, wie wenig Worte nötig waren, um einen Raum zu verändern.
Ich bewegte mich nicht. Mein Gesicht blieb ruhig. Zumindest hoffte ich das.
„Wer?“
Silas sah mich an, als hätte ich gerade etwas ausgesprochen, das wir beide besser nicht ernst nehmen sollten.
„Du weißt genau, wen ich meine.“
Ich stand auf und ging zum Fenster.
Unter mir erstreckte sich die Stadt. Lichter spiegelten sich in den Fenstern der Gebäude, Autos bewegten sich durch die Straßen und irgendwo in der Ferne schien jemand ein Leben zu führen, das nicht aus Erinnerungen bestand.
„Seit wann?“, fragte ich.
„Ein paar Wochen, soweit ich weiß. Neuer Job. Sie wohnt wieder hier.“
Ich nickte langsam.
Ein paar Wochen.
Sie war zurückgekommen. Nach allem, was passiert war, nach allem, was sie durchgemacht haben musste, war sie ausgerechnet nach Ebon Hollow zurückgekehrt.
„Du könntest heute Abend mit ihr sprechen“, sagte Silas vorsichtig.
Ich lachte leise, ohne dass auch nur ein Hauch von Belustigung darin lag.
„Und was soll ich ihr sagen? Guten Abend, Liora. Entschuldige, dass ich vor einem Jahr verschwunden bin, ohne mich zu verabschieden?“
„Vielleicht solltest du erst einmal herausfinden, was du selbst willst.“
Ich drehte mich zu ihm.
„Ich weiß, was ich will.“
„Ach ja?“
Ich antwortete nicht.
Denn die Wahrheit war, dass ich es nicht wusste.
Ich wusste nur, dass ich sie nicht vergessen hatte. Dass ich mich manchmal dabei ertappte, in fremden Gesichtern nach ihren Augen zu suchen. Dass ich mich fragte, ob sie noch immer mit den Fingern an ihren Haaren spielte, wenn sie nervös war. Ob sie noch immer lachte, wenn sie eigentlich traurig war. Ob sie den kleinen Teddy noch hatte, den ich ihr damals gegeben hatte.
Und ob sie mich inzwischen hasste.
Vielleicht wäre das sogar leichter gewesen.
„Wir fahren in zwanzig Minuten“, sagte Silas und stand auf.
„Du kommst mit?“
„Natürlich. Irgendjemand muss schließlich verhindern, dass du nach zehn Minuten wieder verschwindest.“
„Ich verspreche nichts.“
„Das habe ich auch nicht erwartet.“
Als er den Raum verließ, blieb ich noch einen Augenblick am Fenster stehen.
Dann nahm ich meine Brieftasche, öffnete sie ein letztes Mal und betrachtete das Foto.
Ich hatte mir so oft vorgestellt, was ich sagen würde, wenn ich ihr irgendwann wieder gegenüberstehen sollte.
Keine dieser Vorstellungen hatte mich auf den heutigen Abend vorbereitet.
Denn manche Menschen verschwinden nicht wirklich aus deinem Leben.
Sie bleiben.
In jeder Erinnerung, in jedem vertrauten Ort und in jedem verdammten Gedanken, den du nicht loswirst.
Und manchmal reicht ein einziger Blick, um ein ganzes Jahr zum Einsturz zu bringen.
Liora
Ich hatte vergessen, wie still Ebon Hollow sein konnte.
Besonders am Abend.
Die Straßen waren beinahe menschenleer, nur vereinzelt brannte Licht hinter den Fenstern der kleinen Häuser. Die Gärten lagen dunkel zwischen den alten Zäunen, und die kahlen Äste der Bäume bewegten sich leicht im Wind.
Es war eine dieser Nächte, in denen die ganze Stadt wirkte, als würde sie den Atem anhalten.
Ich saß auf dem Beifahrersitz meines Autos und betrachtete die Häuser, an denen wir vorbeifuhren.
Einige hatten sich kaum verändert. Die kleinen Vorgärten, die verwitterten Briefkästen, die alten Laternen. Andere waren renoviert worden, hatten neue Fenster oder frisch gestrichene Fassaden bekommen.
Trotzdem erkannte ich die Straßen wieder.
Leider.
„Du bist ziemlich ruhig“, bemerkte meine Freundin am Steuer.
Ich wandte den Blick vom Fenster ab.
„Bin ich das?“
„Seit wir losgefahren sind.“
Ich zuckte mit den Schultern. „Ich bin müde.“
Sie warf mir einen kurzen Blick zu.
„Du bist nervös.“
„Nein.“
„Liora.“
„Was denn?“
„Du musst nicht so tun, als würde dich das alles nicht beschäftigen.“
Ich seufzte und lehnte den Kopf gegen die Kopfstütze.
Sie hatte nicht ganz unrecht.
Das Klassentreffen war meine eigene Entscheidung gewesen. Niemand hatte mich dazu gezwungen. Ich hatte die Einladung bekommen, sie tagelang ignoriert und schließlich doch zugesagt.
Vielleicht, weil ich wissen wollte, was aus den Menschen geworden war, mit denen ich früher einen Großteil meines Lebens verbracht hatte.
Vielleicht auch, weil ich gehofft hatte, dass ein Abend in Gesellschaft dabei helfen würde, mich wieder ein wenig zu Hause zu fühlen.
Ebon Hollow war schließlich einmal mein Zuhause gewesen.
Ein Zuhause, das ich irgendwann nicht mehr ertragen hatte.
„Es ist nur ein Klassentreffen“, sagte ich schließlich.
„Genau. Du wirst ein paar Leute wiedersehen, etwas trinken, vielleicht ein bisschen lachen. Und wenn es dir nicht gefällt, fahren wir wieder.“
Ich lächelte schwach.
„Du machst das, als wäre es ein Besuch beim Bäcker.“
„Beim Bäcker muss man wenigstens nicht mit Leuten reden, die man seit Jahren nicht gesehen hat.“
Ich lachte kurz.
Es tat gut, jemanden dabei zu haben, der nicht bei jedem meiner Blicke in die Vergangenheit sofort nachfragte.
Das Auto bog in eine kleinere Straße ein. Zwischen zwei alten Gebäuden lag die gemietete Veranstaltungshalle. Ein eher unscheinbares Gebäude mit großen Fenstern, vor denen warmes Licht auf den Gehweg fiel.
Vor dem Eingang standen einige Menschen in kleinen Gruppen.
Ich erkannte niemanden.
Noch nicht.
„Da wären wir“, sagte sie.
Ich löste den Sicherheitsgurt und griff nach meiner Tasche.
Für einen Moment blieb ich sitzen.
Meine Hand lag auf dem Türgriff, aber ich öffnete die Tür nicht.
Ich wusste nicht genau, warum mir plötzlich so schwer ums Herz wurde.
Vielleicht lag es an der Stadt. Vielleicht an dem Gedanken, gleich Menschen gegenüberzustehen, die mich einmal gekannt hatten. Oder vielleicht war es einfach dieses unangenehme Gefühl, dass man manche Orte zwar verlassen konnte, sie einen selbst aber nie wirklich losließen.
„Liora?“
Ich sah zu ihr.
„Alles gut?“
Ich nickte.
„Ja. Lass uns gehen.“
Draußen schlug mir die kühle Abendluft entgegen. Ich zog meine Jacke etwas enger und folgte ihr zum Eingang.
Über der Tür hing ein schlichtes Schild mit dem Namen der Veranstaltung. Darunter standen einige Namen ehemaliger Mitschüler.
Ich entdeckte meinen eigenen und musste unwillkürlich schmunzeln.
Es war seltsam, den eigenen Namen zwischen Menschen zu lesen, die man einmal täglich gesehen hatte.
Damals hatte ich mir nie vorstellen können, dass wir uns irgendwann fremd sein würden.
Die Tür öffnete sich, und Musik drang nach draußen.
Drinnen war es deutlich wärmer. Die Halle war größer, als ich erwartet hatte. An den Wänden hingen Lichterketten, auf den Tischen standen kleine Blumenarrangements und an einer Seite des Raumes war ein Buffet aufgebaut worden.
Ein paar Menschen unterhielten sich bereits. Andere standen mit Getränken in der Hand herum und sahen sich suchend um.
Es roch nach Parfüm, Essen und diesem typischen Gemisch aus vielen Menschen in einem geschlossenen Raum.
„Da sind ja schon einige“, stellte meine Begleitung fest.
Ich nickte.
Mein Blick wanderte durch die Halle.
Einige Gesichter kamen mir bekannt vor. Andere musste ich zweimal ansehen, bevor ich sie zuordnen konnte.
Es war merkwürdig.
Man erkannte die Menschen noch an ihren Gesichtszügen, an ihrem Lachen oder an bestimmten Bewegungen. Und doch hatten sie sich verändert.
„Liora?“
Ich drehte mich um.
Ein Mann kam mit einem breiten Lächeln auf uns zu. Er trug ein dunkles Hemd, hatte seine Haare ordentlich gestylt und sah mich an, als hätte er gerade jemanden wiedergefunden, den er schon lange vermisst hatte.
Ich brauchte einen Moment.
Dann erkannte ich ihn.
„Noel?“
„Das gibt's doch nicht!“
Er lachte und blieb direkt vor mir stehen.
Noel.
Natürlich.
Früher hatten wir beinahe jeden Tag miteinander verbracht. Er war einer der Menschen gewesen, mit denen ich die meisten Erinnerungen verband.
Ich lächelte.
„Du hast dich kaum verändert.“
„Das ist gelogen, aber ich nehme es als Kompliment.“
Ich lachte.
„Wie geht es dir?“
„Gut, wirklich gut. Und dir? Ich habe gehört, du bist wieder hier.“
Ich nickte.
„Seit ein paar Wochen.“
„Und? Schon wieder eingelebt?“
Ich sah mich kurz um.
„Ich versuche es.“
Noel musterte mich einen Moment, bevor sein Lächeln etwas weicher wurde.
„Schön, dass du wieder da bist.“
„Danke.“
Er fragte nach meinem neuen Job, meiner Wohnung und danach, was ich in der Zeit außerhalb der Stadt gemacht hatte. Ich antwortete auf die üblichen Fragen, ließ aber vieles aus.
Es war einfacher, von der Arbeit zu erzählen als von den Nächten, in denen ich nicht schlafen konnte.
Von den Tagen, an denen ich mich fragte, ob es richtig gewesen war, einfach zu verschwinden.
Und von einem Menschen, dessen Namen ich in Gesprächen so gut wie nie erwähnte.
„Du musst unbedingt nachher noch mit den anderen sprechen“, sagte Noel schließlich. „Die meisten sind schon da.“
„Mach ich.“
Er grinste.
„Und diesmal verschwindest du nicht einfach wieder, ja?“
Ich wusste nicht, warum mich dieser Satz kurz innehalten ließ.
Vielleicht, weil er mehr in mir auslöste, als er sollte.
„Ich gebe mir Mühe“, antwortete ich.
Noel wurde von jemandem gerufen und verabschiedete sich vorerst.
Ich nahm mir ein Glas Wasser vom Tisch und sah mich erneut um.
Es war nicht unangenehm.
Noch nicht.
Ich konnte sogar über einige alte Geschichten lachen, die ich längst vergessen hatte. Jemand erzählte von einem Lehrer, der einmal während einer Klassenfahrt beinahe den Bus verpasst hatte. Eine andere Person erinnerte sich an eine Schulveranstaltung, bei der alles schiefgegangen war.
Für ein paar Minuten fühlte es sich tatsächlich so an, als wäre nicht so viel Zeit vergangen.
Dann fiel mein Blick auf eine Gruppe am anderen Ende der Halle.
Ich kannte sie.
Natürlich kannte ich sie.
Einige der ehemaligen Mitschüler, die damals immer zusammen gewesen waren. Menschen, die ich in der Schule oft gesehen hatte, mit denen ich aber nie wirklich etwas anfangen konnte.
Mein Lächeln verschwand ein wenig.
Ich wandte mich ab und nahm einen Schluck Wasser.
„Alles okay?“, fragte meine Begleitung.
„Ja.“
Sie folgte meinem Blick.
„Alte Bekannte?“
„Eher alte Erinnerungen.“
Sie sagte nichts weiter.
Und ich war ihr dankbar dafür.
Was ich nicht bemerkte, war der Mann, der seit meiner Ankunft am anderen Ende der Halle stand.
Milan
Ich hatte sie sofort erkannt.
Noch bevor sie die Halle richtig betreten hatte.
Es war nicht ihre Kleidung gewesen oder ihre Haare. Nicht einmal ihr Gesicht.
Es war die Art, wie sie kurz vor dem Eingang gezögert hatte.
Diese winzige Bewegung, bei der sie für einen Moment stehen geblieben war, als müsste sie sich selbst davon überzeugen, weiterzugehen.
Ich kannte sie.
Ich kannte jede noch so kleine Unsicherheit, die sie zu verstecken versuchte.
Und trotzdem war es etwas anderes, sie tatsächlich wiederzusehen.
Sie war da.
Keine Erinnerung. Kein altes Foto. Kein Name, den ich nur in Gedanken aussprach.
Liora stand keine dreißig Meter von mir entfernt und lachte über irgendetwas, das ein anderer Mann gesagt hatte.
Ich spürte, wie sich meine Finger um das Glas in meiner Hand schlossen.
„Du solltest aufhören, sie anzustarren.“
Silas stand neben mir.
„Ich starre niemanden an.“
„Natürlich nicht.“
Ich ignorierte ihn.
Liora trug ihre Haare offen. Sie fielen ihr über die Schultern, und wenn sie lachte, bewegte sie den Kopf noch immer ein wenig zur Seite.
Es waren Kleinigkeiten.
Dinge, die anderen Menschen vermutlich nicht einmal auffallen würden.
Mir schon.
Ich hatte ein Jahr lang versucht, mich daran zu gewöhnen, dass ich sie nie wiedersehen würde.
Jetzt stand sie hier, und plötzlich fühlte sich alles, was ich mir in dieser Zeit eingeredet hatte, lächerlich an.
„Geh zu ihr“, sagte Silas leise.
„Nein.“
„Milan.“
„Nicht jetzt.“
Er sah mich einen Moment an, sagte aber nichts mehr.
Ich wandte mich dem Raum zu und stellte mein Glas ab.
Einige Menschen hatten mich bereits bemerkt. Ich erkannte sie an ihren Gesichtern, an den kurzen Blicken, die sie mir zuwarfen.
Die meisten wussten nicht, wer ich war.
Und das war mir recht.
Ich war nicht hier, um alte Bekanntschaften aufzufrischen.
Zumindest hatte ich mir das eingeredet.
„Ist das nicht der Typ von damals?“, hörte ich plötzlich jemanden hinter mir sagen.
Ich drehte mich nicht um.
„Welcher Typ?“
„Na, dieser Milan. Der Streber.“
Ein kurzes Lachen.
„Der soll sich ganz schön verändert haben.“
Ich nahm mein Glas in die Hand.
Interessant.
Ein Jahr war vergangen, und manche Dinge hatten sich offenbar überhaupt nicht verändert.
„Ich glaube, der ist es“, sagte eine andere Stimme.
Ich stellte mich langsam zu ihnen um.
Drei Männer standen wenige Schritte entfernt. Ich erkannte alle drei.
Einer hatte damals zu den Menschen gehört, die immer mitmachten, wenn andere mich verspotteten. Ein anderer hatte besonders viel Freude daran gehabt, mich vor der Klasse bloßzustellen.
Der dritte war damals kaum mehr gewesen als ein Schatten hinter ihnen.
Sie betrachteten mich.
Einer von ihnen grinste.
„Na, wen haben wir denn da?“
Ich sah ihn ruhig an.
„Schön, dass du dich erinnerst.“
Sein Grinsen wurde breiter.
„Du bist es wirklich. Was ist denn mit dir passiert?“
Ich ließ meinen Blick kurz über ihn wandern.
„Das könnte ich dich auch fragen.“
Die anderen lachten.
Er schien nicht zu wissen, ob er sich beleidigt fühlen sollte.
„Immer noch genauso freundlich, was?“
Ich lächelte schwach.
„Ich habe mich weiterentwickelt.“
„Das sieht man.“
Sein Blick blieb an meinen Händen hängen, dann an meiner Kleidung.
„Muss ja gut laufen bei dir.“
Ich sagte nichts.
„Was machst du jetzt?“
„Verschiedene Dinge.“
„Aha.“
Er wartete offensichtlich auf eine ausführlichere Antwort.
Ich gab sie ihm nicht.
„Du warst damals schon nicht besonders gesprächig“, stellte er fest.
Ich neigte den Kopf leicht.
„Und du warst damals schon nicht besonders einfallsreich.“
Das Lachen verstummte.
Für einen Moment herrschte Stille.
Ich sah, wie sich seine Gesichtszüge veränderten. Er hatte nicht erwartet, dass ich ihm widersprechen würde.
Früher hätte ich vermutlich den Blick gesenkt.
Früher hätte ich versucht, die Situation irgendwie zu überstehen.
Heute war ich nicht mehr dieser Junge.
„Wir haben doch nur Spaß gemacht“, sagte er schließlich.
Ich neigte den Kopf leicht.
„War das so?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Ach komm. Das ist ewig her.“
„Für dich vielleicht.“
Ich ließ den Satz zwischen uns stehen.
Dann wandte ich mich ab.
Ich hatte keine Lust, meine Vergangenheit mit Menschen zu diskutieren, die sie selbst nie ernst genommen hatten.
Mein Blick wanderte erneut durch den Raum.
Liora stand inzwischen etwas abseits der anderen. Sie hielt ihr Glas mit beiden Händen und sah sich um.
Dann trafen sich unsere Blicke.
Nur für einen kurzen Moment.
Ich wusste nicht, ob sie mich erkannt hatte.
Ihre Augen blieben an mir hängen. Sie runzelte leicht die Stirn, als würde sie nach etwas suchen, das sie nicht greifen konnte.
Ich hielt ihrem Blick stand.
Sie sah weg.
Und trotzdem wusste ich, dass sie mich bemerkt hatte.
Liora
Ich hatte keine Ahnung, warum ich plötzlich das Gefühl hatte, beobachtet zu werden.
Es war kein besonders angenehmes Gefühl. Nicht direkt bedrohlich, aber irgendwie intensiv.
Ich stellte mein Glas auf einem der Tische ab und sah mich um.
Dabei blieb mein Blick an einem Mann hängen.
Er stand etwas abseits einer kleinen Gruppe und unterhielt sich nicht mit den anderen. Seine Haltung war ruhig, beinahe selbstverständlich. Er wirkte nicht wie jemand, der sich auf einem Klassentreffen unwohl fühlte.
Eher wie jemand, der jederzeit entscheiden konnte, ob er bleiben oder gehen wollte.
Er trug ein dunkles Hemd, dessen Ärmel leicht hochgeschoben waren. An seinen Unterarmen waren Tattoos zu sehen.
Seine Haare waren braun.
Aber es waren seine Augen, die mich irritierten.
Grün.
Nicht einfach irgendein Grünton.
Ich kannte diesen Blick.
Oder glaubte zumindest, ihn zu kennen.
Ich sah ein zweites Mal hin.
Er schaute mich noch immer an.
Für einen Augenblick hatte ich das Gefühl, als würde die Zeit stehen bleiben.
Dann wandte ich den Blick ab.
Was war das gerade gewesen?
„Liora?“
Ich drehte mich um.
Eine Frau mit dunklen Haaren kam auf mich zu. Ihr Lächeln wirkte etwas vorsichtig.
„Du bist es wirklich.“
Ich brauchte einen Moment, bis ich sie erkannte.
„Alena?“
Sie nickte und umarmte mich kurz.
„Oh mein Gott, ich habe dich so lange nicht gesehen.“
„Das stimmt.“
„Wie geht es dir?“
„Gut, danke. Und dir?“
Wir unterhielten uns eine Weile über unsere Arbeit und darüber, wer inzwischen wo wohnte. Alena schien sich wirklich zu freuen, mich wiederzusehen.
Ich freute mich ebenfalls.
Vielleicht war dieser Abend doch keine so schlechte Idee gewesen.
„Sag mal“, begann sie irgendwann, „hast du eigentlich noch Kontakt zu irgendjemandem von früher?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nicht wirklich.“
„Zu Noel?“
„Den habe ich gerade gesehen.“
Sie nickte.
„Und sonst?“
Ich wusste, worauf sie hinauswollte.
Es gab einen Namen, den Menschen in Ebon Hollow manchmal mit einer gewissen Vorsicht aussprachen.
Milan.
Ich hatte ihn seit meinem Weggang kaum noch gehört.
„Nein“, sagte ich.
Alena musterte mich kurz.
„Verstehe.“
Ich wollte gerade etwas erwidern, als ich erneut diese Anwesenheit spürte.
Ich drehte mich um.
Der Mann mit den grünen Augen stand jetzt näher.
Viel näher.
Er sprach gerade mit einem der ehemaligen Mitschüler, aber seine Aufmerksamkeit schien nicht wirklich bei ihm zu liegen.
Als er sich von dem Gespräch löste, sah er direkt zu mir.
Ich konnte nicht wegsehen.
Er kam langsam näher.
Mein Herz schlug plötzlich schneller.
Ich kannte ihn nicht.
Davon war ich überzeugt.
Und doch hatte ich das Gefühl, dass ein Teil von mir längst wusste, wer vor mir stand.
Er blieb einige Schritte entfernt stehen.
„Liora.“
Meine Welt wurde still.
Es war nur mein Name.
Ein einziges Wort.
Aber etwas daran ließ mich erstarren.
Seine Stimme.
Ich kannte sie.
Ich wusste nur nicht, woher.
„Kennen wir uns?“, fragte ich.
Er sah mich an.
Sein Gesicht zeigte kaum eine Regung. Nur seine Augen verrieten etwas, das ich nicht einordnen konnte.
„Das ist eine interessante Frage.“
Ich runzelte die Stirn.
„Entschuldigung?“
Ein kaum merkliches Lächeln erschien auf seinen Lippen.
„Du hast dich nicht verändert.“
Ich lachte unsicher.
„Ich glaube, du verwechselst mich.“
„Nein.“
Seine Antwort kam zu schnell.
Zu sicher.
Ich betrachtete ihn genauer.
Seine Gesichtszüge waren markanter, erwachsener. Seine Haare anders geschnitten. Die Tattoos an seinen Armen kannte ich nicht.
Aber seine Augen.
Diese verdammten Augen.
„Wir kennen uns“, sagte ich leise.
Er nickte kaum merklich.
„Ja.“
„Von früher?“
„Sehr viel früher.“
Ich spürte, wie sich etwas in meiner Brust zusammenzog.
„Wie heißt du?“
Er sah mich einen Moment lang an.
Dann sagte er:
„Milan.“
Ich hörte den Namen.
Aber mein Kopf schien sich zu weigern, ihn mit dem Mann vor mir zu verbinden.
Milan.
Es gab nur einen Milan, den ich kannte.
Einen Jungen mit braunen Haaren, grünen Augen und viel zu großen Pullovern. Einen Jungen, der in der Schule lieber Bücher gelesen hatte, als sich mit anderen zu streiten.
Einen Jungen, der immer darauf geachtet hatte, dass ich im Winter warme Hände hatte.
Einen Jungen, der mich am See zum ersten Mal geküsst hatte.
Einen Jungen, der irgendwann einfach verschwunden war.
Ich schluckte.
„Milan?“
Er nickte.
Ich sah ihn an, suchte in seinem Gesicht nach etwas Vertrautem.
„Aber …“
„Ich weiß.“
Seine Stimme war ruhig.
Fast zu ruhig.
„Du siehst anders aus“, flüsterte ich.
„Das tun wir wohl beide.“
Ich wusste nicht, was ich sagen sollte.
Es gab so viele Fragen, dass ich keine einzige davon über die Lippen brachte.
Wo warst du?
Warum bist du gegangen?
Warum hast du dich nie gemeldet?
Hast du mich vergessen?
Und die Frage, die ich mir selbst am wenigsten stellen wollte:
Hast du mich vermisst?
„Du bist zurückgekommen“, sagte er schließlich.
Ich nickte langsam.
„Vor ein paar Wochen.“
„Ich weiß.“
Ich sah ihn überrascht an.
„Du weißt das?“
Er hielt meinem Blick stand.
„Ebon Hollow ist nicht besonders groß.“
Das war keine richtige Antwort.
Und irgendwie wusste ich, dass er das genauso sah.
„Wie geht es dir?“, fragte ich.
Seine Mundwinkel bewegten sich kaum.
„Gut.“
Ich nickte.
Natürlich.
Was hatte ich erwartet?
Dass er mir nach einem Jahr erklärte, wie schlecht es ihm gegangen war? Dass er mir erzählte, warum er verschwunden war? Dass er sich entschuldigte?
Ich wusste nicht einmal, ob ich ein Recht darauf hatte, etwas davon zu erwarten.
„Und dir?“, fragte er.
„Auch gut.“
Er sah mich an.
Ein Blick, der mir das Gefühl gab, dass er mir kein einziges Wort glaubte.
Früher hatte er das genauso gemacht.
Wenn ich behauptete, alles sei in Ordnung, obwohl ich kurz davor war zu weinen, hatte er mich nur angesehen und gewartet.
Er hatte nie viele Worte gebraucht.
Das war vielleicht das Schlimmste daran.
Für einen kurzen Moment war er wieder da.
Nicht der fremde Mann vor mir.
Sondern der Junge, der mich besser gekannt hatte als jeder andere.
„Du hast immer noch dieselbe Angewohnheit“, sagte er.
Ich runzelte die Stirn.
„Welche?“
„Du sagst, dass es dir gut geht, wenn es nicht stimmt.“
Mir blieb die Antwort im Hals stecken.
Ich sah ihn an.
„Und du hast immer noch die Angewohnheit, so zu tun, als würdest du alles wissen.“
Sein Blick veränderte sich.
Ganz kurz.
Fast so, als hätte ich etwas in ihm berührt, das er lange nicht mehr gespürt hatte.
Dann lächelte er.
Es war kein richtiges Lächeln.
Aber ich erkannte etwas darin.
Etwas, das ich vermisst hatte, ohne es mir einzugestehen.
„Manche Dinge ändern sich eben nicht“, sagte er.
Ich wollte antworten, doch in diesem Moment trat jemand zwischen uns.
„Liora?“
Ich drehte mich um.
Noel stand neben mir. Sein Blick wanderte von mir zu Milan und wieder zurück.
„Ach, ihr habt euch schon kennengelernt.“
Milan sagte nichts.
Noel grinste.
„Das ist ja schön. Ist wirklich lange her.“
Ich nickte langsam.
„Ja.“
Noel legte mir kurz eine Hand auf die Schulter.
„Komm mal mit. Die anderen wollten dich auch noch sehen.“
Ich sah zu Milan.
Er erwiderte meinen Blick.
Für einen Moment hatte ich das Gefühl, dass er etwas sagen wollte.
Doch dann schien er sich anders zu entscheiden.
„Wir sehen uns“, sagte er.
Es klang nicht wie eine Frage.
Ich nickte.
„Ja.“
Noel führte mich ein paar Schritte weiter.
Ich drehte mich nicht sofort um.
Erst als wir beinahe am anderen Ende der Halle waren, sah ich noch einmal zurück.
Milan stand noch immer an derselben Stelle.
Silas war inzwischen zu ihm getreten und sagte etwas, das ich nicht verstehen konnte.
Milan antwortete nicht.
Er sah nur in meine Richtung.
Ich wandte mich wieder nach vorne.
„Alles gut?“, fragte Noel.
„Ja.“
„Du wirkst etwas durcheinander.“
Ich lachte leise.
„Ist ja auch ein seltsamer Abend.“
Noel nickte.
Dann blieb er plötzlich stehen.
Sein Blick hatte sich verändert.
Er sah an mir vorbei, direkt zu Milan.
„Warte mal“, sagte er.
Ich folgte seinem Blick.
Noel schien für einen Moment nachzudenken.
Dann wandte er sich wieder mir zu.
„Du weißt schon, wer das ist, oder?“
Ich sah ihn verwirrt an.
„Milan?“
„Ja.“
„Natürlich weiß ich, wer Milan ist.“
Noel zögerte.
„Ich meine … du weißt, was aus ihm geworden ist?“
Ich schüttelte langsam den Kopf.
„Nein. Ich habe ihn ein Jahr lang nicht gesehen.“
Noel sah mich einen Augenblick an.
Dann senkte er die Stimme.
„Liora, ich glaube, du solltest vorsichtig sein.“
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenzog.
„Womit?“
Er antwortete nicht sofort.
Sein Blick wanderte wieder zu Milan.
„Mit ihm.“
Ich verstand nicht.
Oder wollte nicht verstehen.
„Noel, was soll das heißen?“
„Ich kann dir das nicht hier erklären.“
„Dann erklär es mir später.“
Er nickte, aber sein Gesicht verriet, dass er noch etwas zurückhielt.
Ich wollte nachfragen, doch bevor ich dazu kam, hörte ich hinter mir eine Stimme.
„Liora?“
Ich drehte mich um.
Ein Mann stand wenige Schritte entfernt. Er war etwas größer als ich, hatte dunkle Haare und ein freundliches Gesicht, das mir zunächst nur vage bekannt vorkam.
Er lächelte vorsichtig.
„Du erinnerst dich wahrscheinlich nicht mehr an mich.“
Ich betrachtete ihn genauer.
Dann fiel es mir ein.
Ein Junge aus meiner damaligen Stufe.
Einer, der nie besonders laut gewesen war. Einer, der meistens für sich geblieben war.
„Brian?“
Sein Lächeln wurde breiter.
„Tatsächlich.“
Ich musste ebenfalls lächeln.
„Das ist ja ewig her.“
„Allerdings.“
Er sah kurz zu Noel.
Dann wieder zu mir.
„Ich wollte dich schon die ganze Zeit sprechen.“
„Warum?“
Sein Blick wurde ernster.
„Wegen Milan.“
Ich spürte, wie mein Lächeln verschwand.
„Was ist mit ihm?“
Brian schwieg einen Moment.
Dann sagte er leise:
„Ich glaube, es wird Zeit, dass du erfährst, was damals wirklich passiert ist.“
Ich sah ihn an.
Die Musik spielte weiter. Menschen lachten, Gläser klirrten und irgendwo wurde jemand laut begrüßt.
Doch für mich war die Halle plötzlich wieder still.
„Was meinst du damit?“
Brian warf einen kurzen Blick über meine Schulter.
Ich folgte ihm nicht.
Ich wollte nicht schon wieder zu Milan sehen.
Nicht, solange ich nicht wusste, was hier eigentlich vor sich ging.
„Nicht hier“, sagte Brian schließlich. „Aber bitte, Liora. Hör mir zu, bevor du irgendwelchen anderen Leuten glaubst.“
„Wem soll ich denn glauben?“
Er sah mich lange an.
„Das ist genau das Problem.“
Dann wandte er sich ab und ging.
Ich blieb stehen.
Mit einem Kopf voller Fragen, einem Namen, der sich wieder in mein Leben geschlichen hatte, und dem Gefühl, dass dieser Abend etwas in Bewegung gesetzt hatte, das ich nicht mehr aufhalten konnte.
Ich sah auf meine Hände.
Sie zitterten leicht.
Ein Jahr lang hatte ich versucht, Milan zu vergessen.
Und jetzt war er wieder da.
Nur wusste ich nicht, ob ich den Menschen, der mir gerade gegenübergestanden hatte, überhaupt noch kannte.








