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Die Flucht vor dem Erbe

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Summary

Zwei Reiche, zwei Erben. Und ein Schicksal, dem beide nicht entkommen können. Anouk flieht vor ihrem Erbe und sucht im fremden Reich der Frostwinde ein einfaches Leben in Freiheit. Doch ausgerechnet dort kreuzt sich ihr Weg mit Kronprinz Sverre, der selbst nichts sehnlicher möchte, als seiner vorherbestimmten Rolle zu entkommen. Was als zufällige Begegnung beginnt, wird zu einer Verbindung, die keiner von beiden geplant hat. Und manchmal führt eine Flucht nicht weg vom Schicksal, sondern direkt in die Katastrophe.

Status
6 mins ago
Chapters
1
Rating
n/a
Age Rating
18+

Kapitel 1: Nur eine Idee

Getrennt durch verschiedene Reiche und einem erdrückenden Erbe. Und doch wandeln zwei einsame Seelen in einer Zeit lange vor der Unseren auf ihrem vorherbestimmten Pfad, um stets zueinander zu finden. In der Kälte findet sich die Wärme.

• Anouk •

1. Tag des dritten Monats, Jahr 999 nach der vierten Eiszeit.

Ich mache, was die Erbin der königlichen Familie der Grabwächter nicht tun sollte: Mit einem Rucksack voller Sachen für ein einfaches Leben fliehe ich vor meiner Bestimmung.

Vor dem Erbe, das mein Vater mir vor einigen Monaten bei seinem Tod hinterließ. Die Krone des Königreichs der Totenstille und die damit verbundene Aufgabe, die Geister der Toten zu sehen, zu hören und zu leiten.

Zu diesem Zweck ist meine Familie mit der „Gabe der Toten“ gesegnet, denn normale Menschen können die Geister weder sehen noch hören. Im Übrigen eine Fähigkeit, die ich sehr gerne an die erstbeste Person abgebe, die sich freiwillig meldet.

Von meiner Familie bin nur noch ich übrig, Anouk Grabwächter.

Eine 19-jährige, eher unscheinbare Frau, die zwischen weißen Lilien und schwarzen Rosen aufgewachsen ist. Mein Vater hat mich natürlich alles gelehrt, unter anderem wie angrenzende Königreiche leben und ganz banal auch, wie man spricht.

Genau das werde ich bald brauchen, denn ich mache mich aus dem Staub. Vor mir ragt einer der Wachtürme auf, in denen die Totenwächter die Grenze zwischen dem Reich der Totenstille und dem Reich der Frostwinde überwachen. Kein Lebender ist jemals so lebensmüde, um hier hineinzuspazieren.

Allein in den ersten Sätzen meiner Erzählung kam bisher sooft das Wort „Tod“ vor, dass dies das beste und abschreckenste Beispiel ist, genau hier nicht einbrechen zu wollen.

Reichtümer oder anderen Besitz haben die Toten nicht. Sie leben in ihrer ganz eigenen Art der Realität, haben sowas wie einen Alltag und scheinen von Luft und Liebe zu leben. Lediglich die Struktur meiner Hauptstadt, die den unauffälligen Namen „Ewige Stille“ trägt, gibt ihnen Häuser und eine Struktur. Wahrscheinlich erkunde ich das Geheimnis erst, wenn ich selbst übertrete. Sofern mein Geist dann unerledigte Aufgaben oder den Wunsch des Verweilens hat, bevor es in das Reich der Ewigkeit geht.

Ob das wirklich so heißt, weiß ich nicht, aber in den Chroniken und Lehrbüchern meiner Familie steht das so. Man soll nicht immer alles glauben, was man liest, aber da habe ich keine Ambition überhaupt irgendetwas zu hinterfragen.

Schließlich ziehe ich die Kapuze meines schwarzen Umhangs ins Gesicht und schleiche entlang der ganzen kahlen Bäume, die passend zum dritten Monat noch kurz vor den ersten Knospen stehen. Der Boden unter meinen Füßen ist kalt, in der Luft liegt der zarte Hauch von Kälte. Nicht, weil es in meinem Königreich Jahreszeiten gäbe, sondern weil die Frostwinde ihre Temperatur über die Grenze weht.

Zu meinem Vorteil ist es hier zudem immer Nacht. Während der „schwarzen Sonne“ gilt die richtige Nachtzeit, denn dann ist alles außerhalb der Hauptstadt vollständig Finster und ohne eines der portablen Totenlichter wäre ich blind. Dies steht bereits seit „Tagesanbruch“ an meinem Nachtlager, in dem ich bis vor kurzem noch neue Kraft geschöpft habe. Auf der anderen Seite der Grenze wirft es unangenehme Fragen auf und ich bin nicht bereit, diese zu beantworten. Es gibt noch genug andere Probleme, die mich als Erbin identizifieren, wenn ich nicht aufpasse. Nun während der „weißen Sonne“ ist es noch immer recht dunkel, doch in der Luft liegen zahlreiche schimmerne Partikel, die die Umgebung erhellen und mir somit die Möglichkeit zur Orientierung bilden.

Im Schutze der ganzen Schatten schleiche ich mich so verdammt nah an die Grenze heran, dass ich mein Herz kräftig im Brustkorb schlagen spüre. Ich nehme dennoch all meinen Mut zusammen und husche von einem Waldrand hinüber zum anderen.

Genau über die Grenze, die exakt mittig zwischen den beiden Wälder liegt.

Und der Unterschied ist wie Tag und Nacht. Wortwörtlich, denn ich hebe meine Hand und kneife fest die Augen zusammen, weil das echte Sonnenlicht mir beinahe die Netzhaut wegbrennt. Ich brauche mehrere Anläufe, um überhaupt richtig sehen zu können.

Beim Blick nach hinten staune ich nicht schlecht, denn mein Königreich ragt wie eine dunkle Front in die Höhe und strahlt ein eindeutiges „Wenn du mich betrittst, bist du selbst Schuld“ aus.

Mehr Zeit bekomme ich dafür nicht. Ich beeile mich nun nämlich schnellstmöglich weiter voranzukommen, ehe meine Toten noch feststellen, dass die einzige Grabwächterin verschwunden ist.

Ja, in der Theorie ist das eine mordsmäßig schlechte Idee. In der Praxis dauert es jedoch sehr, sehr lange, ehe in der „Ewigen Stille“ der Weltuntergang losbricht.


Bis dahin findet sich vielleicht sogar eine andere Grabwächterin. Oder?

Schließlich eine ich weiter und weiter, bis ich nach geraumer Zeit ein grenznahes Gehöft entdecke. Ich stehe wie eine Schwerstkriminelle versteckt hinter einem hohen Zaun und beobachte die Menschen mit großen Augen. Noch nie habe ich echte Menschen gesehen und schon gar nicht bei der Arbeit beobachtet. Eine Frau sitzt neben einer Feuerschale, bei ihr zwei Kinder. Über dem Feuer rührt sie in einem verbeulten Kessel aus Eisen, aus dem bereits Dampf aufsteigt. Das jüngere Kind wirft geschälte Kartoffeln hinein, während das ältere Kind zerhackte Kräuter mit den Fingerspitzen darüber verteilt. Die Frau lächelt den beiden zu und einen langen Moment denke ich wehmütig an meine Mutter, die vor knapp drei Jahren leider von uns gehen musste. Mein Vater hat diesen Tod nie verkraftet, auch auf meiner Seele lastet er noch schwer. Es war einer der Gründe, warum er so stark abgebaut hat

Und mich mit dem Erbe alleine ließ.

Am Rand kommt ein Mann mit einem kleinen Karren herbeigefahren, darauf liegt geschichtetes Holz und ich sehe eine Axt, die ziemlich in die Jahre gekommen ist. Ich bin natürlich nicht vom Mond und weiß, dass sie das bei diesen noch kalten Temperaturen zum Wärmen brauchen. Diese Kälte kriecht selbst mir den Rücken hinauf und ich bin froh über die dicke Winterkleidung, die ich extra mitgenommen habe.

Im Reich der Totenstille gibt es keine Jahreszeiten. Hier schon. Und ich weiß, dass es nur im Sommer drei Monate gibt, die wärmere Temperaturen haben und auf die sich die gesamte Landwirtschaft stützt. Für alles andere gibt es Wintergemüse und Winterobst. Im Sommer aber einmal was anderes essen, stelle ich mir befreiend vor.

Schließlich spähe ich zu der Stallung hinüber, aus der gerade ein drahtiger Bursche kommt. Er ist übersäht mit kleinen Strohhalmen und klopft sich den Staub des Ausmistens von der Kleidung. Die Harke stellt er seitlich an den Holzrahmen, der erstaunlich robust gebaut ist. Diese hölzerne Bauweise mit einfachem Lehmputz, aus dem hier und da ausgefranste Halme herausgucken, habe ich bisher nur in Büchern gesehen. In meinem Reich ist alles dunklem Gestein gefertigt und mit Ornamenten versehen, die den Tod und den Frieden zu sich einladen.

Ich schleiche mich in einem unbeobachteten Moment zur Stallung und entschuldige mich innerlich tausende Male, ehe ich eines der drei Pferde nehme. Ein Bauernhof wie dieser braucht jedes Tier, doch ich brauche auch eine schnelle Reisemöglichkeit

Es ist kein Moment der Ehre, dennoch ziehe ich es mit mir aus dem Hinterausgang zur Weide hinaus und schwinge mich hinauf. In meinem Königreich gibt es keine lebende Pferde, dafür vom Tod angetriebene Überreste. Nicht immer appetitlich, aber definitiv zum Reitenlernen geeignet. Und so springe ich mit dem dunkelbraunen Ross über den Zaun und verschwinde zwischen den Bäumen.

Die ganze Aktion ist mehr Glück als Verstand, das sehe ich ein.

Nach einem halben Tagesritt gelange ich mit zunehmend schwer werdenden Gliedern an einer baufälligen und eindeutig verlassenen Hütte mitten im Wald an. Hier muss einst jemand gelebt haben, der weit Abseits vom Leben seine Ruhe gesucht hat.

Ich leine das Pferd an, versorge es mit frischem Wasser aus dem nahen Bachlauf und ernte passend dazu noch einige Pilze, die ich gleich mit den Abbildungen meines Buches für Überlebenskunst abgleichen kann.

Schließlich betrete ich die Hütte und mir kommt ein staubiger, morscher Geruch entgegen. Aus einigen Rissen und Ecken strahlt Sonnenlicht hinein und lässt die staubigen Partikel in der Luft schimmern.

Direkt neben der Tür steht ein altes Eisengestellt für den Umhang und einem Hut, oder wofür auch immer das Ding benutzt wird. Ich hänge den Stoff jedenfalls säuberlich dort auf und blicke einen langen Moment in den daneben hängenden Spiegel.

Mein dunkelblondes Haar geht in langen Wellen über meinen unscheinbaren Körperbau. Für eine Frau bin ich nicht gerade groß, darum werde ich in der Großstadt bestens untertauchen können. Aus meiner Hosentasche hole ich ein kleines Behältnis hervor und schaue im Spiegel noch einen Augenblick lang meine blauvioletten Augen an, ehe ich die dunkelbraunen Kontaktlinsen zur Probe einsetze.

Nur die Grabwächter haben exakt diese Augenfarbe. Aber mit den Linsen sehe ich so gewöhnlich und normal aus, dass mein Lächeln wie das meiner neuen Persönlichkeit aussieht: Anouk Steinweber.

• Sverre •

Ich streife tief in Gedanken versunken durch das königliche Schloss, welches ich eines Tages als das meine ansehen werde.

Aber jetzt gehört es noch meinem Vater: König Magnus von Frostmark. Und als sein erstes und einziges Kind bin ich der Kronprinz, auf dem die gesamte Bürde des Reichs liegt.

Mein Blick geht aus dem bodentiefen Fenster, von dem aus ich einen wundervollen Blick auf die Dächter unserer Hauptstadt Frostmark haben kann. Das einfache Volk ist optisch deutlich vom Adel getrennt. Kein Mann von Wert will so ein schlichtes Arbeitergebäude neben seinem großzügigen Anwesen haben.

Es lebe die Dekadenz, die für den königlichen Rat meines Vaters mit Sicherheit ein stummes Gesetz ist.

Eine kräftige Hand, dessen Fingerspitzen sich unsanft in meine Schulter krallen, zieht mich aus meinen Gedanken. Ich habe es nicht einmal bis zu den Tagträumen einer anderen Zukunft geschafft, in die ich sonst gerne versinke.

„Du verpasst dein Training, mein Sohn“, dröhnt die warnend tiefe Stimme meines Vaters in meinem Ohr.

Er ist der beste Schwertkämpfer der ganzen Stadt und das nicht nur, weil ihn niemand ernsthaft verletzen würde. Sein Vater hat ihn seit Kindesbeinen an darauf trainiert und offenbar setzt er diese Tradition fort.

Ich folge ihm und bemühe mich kein langes Gesicht zu machen. Während mein Vater schon in seiner schwarzen Rüstung mit den goldenen Verzierungen steckt, stehe ich noch vor dem Rüstungsständer und kann mein Antlitz beinahe in der polierten, schwarzen Oberfläche sehen

Genauso schwarzes Haar wie mein Vater, nur dass er es lang und geflochten trägt und ich kurz und wild. Er hasst es, ich liebe es. Seine eisblauen Augen, die auch die meinen sind, schauen mich schon vernichtend an.

Besser ich trödle jetzt nicht.

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