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Dark Worlds - Die Welt die fehlte

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Summary

Renswick ist eine Stadt, in der man lieber über Motoren, Rechnungen und das Wetter spricht als über die Vergangenheit. Zwischen stillgelegten Fabriken und dem Hafen am Vardensee geht das Leben seinen gewohnten Gang. Paul führt die Third Shift Garage. Er ist zweiundvierzig, wortkarg, verdammt gut mit Werkzeug und nicht immer stolz auf das, was hinter ihm liegt. Der siebzehnjährige Nate Mercer ist neugierig, eigensinnig und seit Jahren mehr als nur ein Besucher seiner Werkstatt. Was die beiden verbindet, ist keine einfache Freundschaft: Sie vertrauen einander, streiten miteinander und stehen füreinander ein. Dann fehlen Nate plötzlich elf Sekunden. Was er in diesem Augenblick wahrgenommen hat, lässt sich weder leicht erklären noch vergessen. Gleichzeitig stoßen Menschen am Hafen auf rätselhafte Messwerte und Spuren, die Jahrzehnte zurückreichen. Während die Fragen wachsen, holt Paul seine Vergangenheit ein. Alte Feinde, offene Schuld und neue Drohungen stellen alles auf die Probe, was er sich aufgebaut hat. Noch ist Renswick eine ganz gewöhnliche Stadt. Genau das macht die ersten Risse so beunruhigend. DARK WORLDS – DIE WELT, DIE FEHLTE ist der Auftakt einer düsteren Mystery-, Thriller- und Horrorreihe über Loyalität, Schuld, Mut und eine Wirklichkeit, die vielleicht nie so sicher war, wie sie schien.

Status
1h ago
Chapters
20
Rating
n/a
Age Rating
18+

Chapter 1

Der Geruch von Benzin und Regen

Dienstag, 6. Oktober 2026

Renswick war eine Stadt, die sich Mühe gab, nicht an ihre besseren Zeiten zu denken.

Die stillgelegten Förderbänder am südlichen Ufer des Vardensees standen noch immer zwischen den Lagerhallen, als warteten sie auf eine Schicht, die irgendwann vor Jahren nach Hause gegangen und nie zurückgekehrt war. An manchen Gebäuden waren die Firmennamen übermalt worden. An anderen blätterten sie langsam von selbst ab. Nur im Hafen, dort, wo die Frachter zwischen den Kränen festmachten, schien die Stadt noch an etwas zu glauben. Tagsüber dröhnten Lastwagen über die Uferstraße; nachts leuchteten die Positionslichter weit draußen auf dem Wasser. Wenn der Wind aus Norden kam, konnte man selbst in Millward den Diesel riechen.

An diesem Dienstagnachmittag roch es hauptsächlich nach Regen.

Nathan Mercer hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Seine rechte Hand steckte in der Jackentasche, und er versuchte, die Finger möglichst wenig zu bewegen. Die Knöchel schmerzten bei jedem Schritt, als wollte sein Körper ihn daran erinnern, dass eine gute Absicht nicht automatisch eine gute Entscheidung war.

Er blieb an einer Fußgängerampel stehen. Auf der gegenüberliegenden Seite warf jemand die Rollläden eines kleinen Elektronikgeschäfts herunter. Daneben hing in einem leer stehenden Schaufenster ein Schild: WIR DANKEN FÜR 34 JAHRE TREUE. Das Schild hing dort seit zwei Jahren.

Sein Telefon vibrierte.

Owen: »Meine Mutter hat dich im Schulflur gesucht. Was ist passiert?«

Nate tippte mit der linken Hand: »Eine Meinungsverschiedenheit.«

Die Antwort kam fast sofort: »Eine mit Verband und Gespräch beim stellvertretenden Schulleiter?«

»Du bist erschreckend gut informiert.«

»Du warst laut genug, dass der halbe Jahrgang es gesehen hat. Geht’s dir gut?«

Nate betrachtete die aufgerissene Haut. Er dachte an den vielleicht vierzehnjährigen Jungen mit dem grünen Rucksack, an die Schließfächer und das Gelächter. Er hatte eingegriffen, als einer der drei Älteren den Jungen gegen das Blech drückte. Zuerst mit Worten, dann mit den Händen. Als der Erste schlug, hatte Nate zurückgeschlagen. Danach waren die Lehrer gekommen. Der Junge, um den es gegangen war, war irgendwann verschwunden.

»Ja«, schrieb Nate. »Bin auf dem Weg zu Paul.«

Owen: »Du weißt, dass du nicht jedes Problem mit der Faust lösen musst?«

»Wenn ich das nächste Mal eine moralische Unterweisung brauche, rufe ich dich an.«

»Mach das. Und lass deine Hand ansehen.«

Nate steckte das Telefon weg. Das Ärgerliche an Owen war, dass er meist genau dann vernünftig wurde, wenn Nate am wenigsten Lust hatte, Vernunft zu hören.

Der Verkehr setzte sich in Bewegung. Nate überquerte die Straße und bog in die Foundry Lane ein. Zwischen zwei alten Fabrikhallen verlief eine schmale Gasse. Eine rostige Feuertreppe hing über Mülltonnen, deren Deckel der Wind aneinanderklappern ließ. Unter dem Abflussrohr stand eine Pfütze, dunkel wie Motoröl.

Nate verlangsamte die Schritte.

Er ging diesen Weg oft. Seit drei Jahren sogar. Trotzdem war dieser Anblick manchmal genug, um ihn in einen anderen November zurückzuversetzen.

Damals war er vierzehn gewesen und hatte eine viel zu dünne Jacke getragen.

Sein Vater war vier Monate zuvor ausgezogen. Die Winterjacke, ein Pullover und ein paar andere Dinge lagen noch in dessen Wohnung, zusammen mit einer Spielekonsole, um die Nate inzwischen nicht mehr bat. Anfangs hatte sein Vater jeden Abend angerufen. Später einmal die Woche. Irgendwann hatte Nate aufgehört, auf den Bildschirm zu sehen, wenn das Telefon klingelte. Das machte es leichter, nicht enttäuscht zu werden, wenn niemand anrief.

Seine Mutter arbeitete Spätschicht. Auf dem Küchentisch wartete wahrscheinlich ein Teller unter Frischhaltefolie und ein Zettel: Hab dich lieb. Bin gegen elf da. Elaine tat alles, um die Wohnung und ihr gemeinsames Leben zusammenzuhalten. Nate wusste das. Dass es sich trotzdem manchmal anfühlte, als wäre er überall nur derjenige, auf den gerade niemand Zeit hatte, machte ihn wütend. Vor allem auf sich selbst.

Er hatte den Nachmittag in der Bibliothek vertrödelt und lief jetzt mit Musik auf den Ohren durch Millward. Als jemand »Hey, Kleiner« rief, ging er schneller.

Eine Hand riss ihm den Rucksack von der Schulter.

Drei ältere Jungen standen hinter ihm. Einer war vielleicht neunzehn, die anderen etwas jünger. Nate kannte keinen. Sie wollten sein Telefon. Er sagte Nein. Einer lachte, ein zweiter schob ihn gegen die Wand. Nate stieß zurück, weil er sich nicht vor ihnen kleinmachen wollte, und wurde dafür in den Bauch geschlagen. Als er sich zusammenkrümmte, traf ihn ein weiterer Schlag seitlich am Kopf.

Das Schlimmste war nicht der Schmerz. Es war die Erkenntnis, dass er am Boden knien konnte, mit zitternden Händen, während fremde Menschen über ihn lachten und niemand einen Grund sah, damit aufzuhören.

»Gib ihm das Telefon zurück.«

Die Stimme kam von der Straße. Tief, ruhig und so wenig an einer Diskussion interessiert, dass alle drei sich umdrehten.

Am Eingang der Gasse stand ein breitschultriger Mann mit kahlrasiertem Schädel, schwerem grauschwarzem Bart und einer schwarzen Arbeitsjacke. Er hielt eine kleine Papiertüte und einen Autoschlüssel in der Hand. Der Mann betrachtete den Jungen auf dem Boden, dann die drei anderen.

»Ihr habt mich gehört.«

Der Größte grinste. »Kümmer dich um deinen eigenen Scheiß, Opa.«

Der Mann stellte die Papiertüte auf einen trockenen Mauervorsprung. Nate erinnerte sich später besonders daran, wie ruhig er das tat.

»Eigentlich hatte ich genau das vor. Dann seid ihr mir dazwischengekommen. Also gebt ihm seine Sachen, und geht nach Hause.«

Einer der Jüngeren versuchte, den Mann zu schlagen. Was danach geschah, war weder besonders elegant noch irgendwie schön. Der Fremde wich aus und traf ihn mit einem kurzen, harten Schlag. Der andere taumelte gegen die Wand. Der Große stürmte vor, erwischte den Mann an der Lippe und fand sich im nächsten Augenblick unsanft gegen einen Müllcontainer gedrückt. Blech schepperte. Der dritte lief davon. Wenig später verschwanden auch die beiden anderen, fluchend und ohne Nates Telefon.

Der Mann verfolgte sie nicht. Er hob das Gerät auf, prüfte das gesprungene Display und ging vor Nate in die Hocke.

»Kannst du aufstehen?«

Nate nickte. Als er es versuchte, gaben seine Knie nach. Der Mann fasste ihn am Unterarm, ohne daran zu reißen, und half ihm auf den niedrigen Betonpoller.

»Langsam. Du musst niemandem mehr irgendwas beweisen.«

Nate blickte auf sein Telefon. »Ich hätte mich wehren sollen.«

»Hast du doch.«

»Hat wahnsinnig viel gebracht.«

Der Mann betrachtete die Richtung, in die die Angreifer verschwunden waren. »Es waren drei. Du warst allein. Das ist keine Prüfung, bei der es Punkte für einen schönen Kampf gibt.«

Nate lachte kurz auf, obwohl er am liebsten geweint hätte. Dann begann sein ganzer Körper zu zittern. Er presste die Hände zwischen die Knie. Dem Fremden wollte er auf keinen Fall zeigen, wie viel Angst er gehabt hatte.

Der Mann bemerkte es und tat etwas Unerwartetes: Er setzte sich neben ihn und sagte erst einmal gar nichts.

Erst als Nate wieder halbwegs regelmäßig atmete, fragte er: »Wie heißt du?«

»Nathan. Nathan Mercer.«

»Paul.«

»Paul was?«

»Für heute reicht Paul.« Der Mann deutete auf die aufgeplatzte Hose. »Ich hab zwei Straßen weiter eine Werkstatt. Wir machen die Knie sauber, rufen jemanden von zu Hause an und überlegen dann, was mit den dreien ist. Einverstanden?«

Nate wollte erklären, dass seine Mutter arbeiten musste und dass er keinen Ärger wollte. Aber Paul hatte nicht gefragt, ob er Ärger verdiente. Er hatte gefragt, ob er Hilfe annahm.

In der Third Shift Garage roch es nach Kaffee, Gummi und warmem Metall. Nate hatte sich sofort umgesehen: Werkzeuge in geordneten Reihen, eine halb zerlegte Maschine, ein alter Rocksong im Radio. Er erkannte Motörhead und bemerkte zum ersten Mal ein angedeutetes Lächeln unter Pauls Bart.

Aus dem hinteren Raum kam eine blonde Frau mit zwei Bechern. Sie blieb stehen, als sie Nate und Pauls blutige Lippe sah.

»Paul. Sag mir bitte, dass du diesmal nicht selbst angefangen hast.«

»Drei Kerle haben einen Jungen ausgeraubt.«

Ihr Blick fiel auf Nates Knie. Sofort stellte sie die Becher ab. »Das wollte ich gar nicht wissen, um dich zu beschuldigen. Wie heißt du?«

»Nathan.«

»Ich bin Tessa. Komm, setz dich. Ich hol den Verbandskasten. Und du«, sie warf Paul einen Blick zu, »siehst dir deine Lippe an, bevor du wieder behauptest, das sei nur ein Kratzer.«

Paul hob die Hände. »Ja, Chefin.«

Tessa war vorsichtig mit dem Desinfektionsmittel. Sie fragte, bevor sie ihn berührte, und hörte auf, wenn es zu sehr brannte. Während Paul die Polizei und Elaine verständigte, versuchte sie nicht, Nate mit aufgesetzter Heiterkeit abzulenken. Sie erzählte stattdessen von einem Theaterstück aus ihrer Schulzeit, bei dem sie vor versammelter Aula ihren Text vergessen hatte.

»Und?«, fragte Nate schließlich, obwohl er sich vorgenommen hatte, kein Interesse zu zeigen.

»Ich habe geheult. Vor allen. Hinterher wollten drei Leute besonders nett zu mir sein, was eigentlich noch schlimmer war.«

»Das klingt ziemlich furchtbar.«

»War es auch. Aber inzwischen kann ich darüber lachen. Meistens sogar, wenn Paul dabei ist.«

»Hat er es gesehen?«

»Nein. Er behauptet bloß, es sei wahrscheinlich der Höhepunkt meiner Schauspielkarriere gewesen.«

Paul rief vom Telefon herüber: »Ich hab Beweise, dass sie später nicht besser geworden ist.«

Tessa verdrehte die Augen, und Nate lachte zum ersten Mal an diesem Tag, ohne dass es wehtat.

Als Elaine kam, hatte sie noch ihre Dienstkleidung an. Ihr Gesicht verlor jede Farbe, als sie ihren Sohn sah. Sie zog ihn an sich, und Nate brach in Tränen aus, die er seit Monaten zurückgehalten hatte. Seine Mutter hielt ihn, als könnte sie ihn allein damit vor allem schützen, was ihm jemals passieren würde. Paul trat zur Hebebühne, um ihnen einen Moment für sich zu lassen. Tessa stellte wortlos frisches Wasser auf den Tisch.

Später bedankte Elaine sich so oft bei den beiden, dass Paul sichtbar nicht mehr wusste, wohin mit den Händen.

»War das Selbstverständlichste der Welt«, murmelte er.

»Nein«, sagte Elaine, die plötzlich sehr fest klang. »Das war es offensichtlich nicht. Sonst hätte mein Junge nicht allein dort gelegen.«

Paul widersprach nicht.

An der Tür blieb Nate stehen. »Darf ich wiederkommen? Irgendwann?«

Paul sah von ihm zur Werkbank, auf der ein kleiner Motorradmotor lag. »Hier wird gearbeitet, Nathan. Wenn du nur rumstehen und dumm fragen willst, wird’s teuer.«

»Ich könnte helfen.«

»Kannst du einen Schraubenschlüssel halten?«

»Denke schon.«

»Damit hätten wir die halbe Qualifikation. Samstag, zehn. Frag vorher deine Mutter. Und vernünftige Schuhe, keine Turnschuhe, die nach dem ersten Tropfen Öl auseinanderfallen.«

Tessa lächelte Nate über Pauls Schulter hinweg zu. »Das bedeutet übrigens Ja.«

Aus einem Samstag wurden viele. Zunächst sortierte Nate Schrauben, lernte Werkzeugnamen, fegte den Boden und fragte so viel, dass Paul irgendwann behauptete, er müsse seine Antworten künftig in Rechnung stellen. Später durfte er einen Motorradmotor zerlegen, Messgeräte anschließen, Fehler suchen. Einmal schickte Paul ihn nach Hause, weil er eine Sicherheitsanweisung ignoriert hatte. Nate blieb drei Tage beleidigt und kam dann zurück, um sich zu entschuldigen. Paul nahm die Entschuldigung an, erklärte noch einmal den Grund seiner Wut und gab ihm Arbeit. Keine große Versöhnungsrede. Die Tatsache, dass er wiederkommen durfte, war die ganze Antwort.

Tessa begann gelegentlich einen Teller mehr zu decken, wenn Nate nach der Schule vorbeikam. Sie fragte nach Owen und Ruben, nach den Noten und danach, ob Elaine Bescheid wusste. Wenn Nate über seinen Vater nicht reden wollte, wechselte sie das Thema, ohne beleidigt zu sein. Als Paul ihm Monate später einen alten roten Werkzeugkasten schenkte, behauptete er, Nate solle endlich seine eigenen Nüsse verlegen statt seine. Nate stellte den Kasten abends neben sein Bett, als wäre etwas Kostbares darin.

Die Erinnerung verblasste, als in der Foundry Lane ein Laster durch eine Pfütze fuhr. Wasser spritzte gegen den Bordstein. Nate war wieder siebzehn, hatte eine aufgeschürfte Hand und war gerade dabei, dieselbe Dummheit zu begehen, vor der Paul ihn jahrelang gewarnt hatte: Er verwechselte Helfen mit Gewinnen.

Er betrachtete die Gasse noch einmal. Dann ging er weiter.

✦ Die Third Shift Garage lag am Ende der Straße, zwischen einem leer stehenden Großhandelsgebäude und einer alten Maschinenfabrik. Das T in THIRD saß etwas schief. Paul behauptete, es sei Absicht. Tessa behauptete, er sei zu bequem, die Leiter zu holen. Nate hielt beides für möglich.

Drinnen stand ein dunkelroter Chevrolet Silverado mit offener Motorhaube. Paul beugte sich über den Motorraum, die Unterarme dunkel von Öl, die Schutzbrille auf die Stirn geschoben. Als die Tür zufiel, sah er auf.

»Du bist spät. Und bevor du dir eine Ausrede einfallen lässt: Deine Mutter hat angerufen.«

Nate zog die Kapuze herunter. »Dann weißt du ja mehr als ich. Wie schlimm war’s?«

Paul betrachtete seine rechte Hand. Sein Gesicht wurde ernst. »Setz dich. Zeig her.«

Nate seufzte, setzte sich aber auf den Hocker. Paul nahm vorsichtig seine Hand und drehte sie ins Licht.

»Drei ältere Schüler?«

»Die haben einen Jüngeren gegen die Schließfächer gedrückt. Seine Tasche weggenommen. Ich bin dazwischen.« Nate merkte, wie er schneller sprach. »Ich wollte keinen Streit anfangen. Aber einer meinte, er müsste mich wegschubsen, und dann ist es eben passiert.«

Paul ließ seine Hand los, holte den Verbandskasten und stellte ihn vor Nate. »Erzähl mir die Reihenfolge. Ohne die Stellen auszulassen, bei denen du selbst schlecht aussiehst.«

Nate tat es widerwillig. Paul hörte zu und fragte nur nach, wenn etwas unklar blieb.

»Und der Junge?«, fragte Paul schließlich.

»Was ist mit ihm?«

»Ist er in Ordnung? Hat er seine Tasche wieder? Haben die drei einen Grund, morgen wieder auf ihn loszugehen?«

Nate starrte auf die aufgeschürften Knöchel. »Weiß ich nicht. Die Lehrer kamen, alle haben geredet, und irgendwann war er weg.«

Paul nickte langsam. »Dann ist das der Teil, um den du dich noch kümmern musst. Wenn du einem hilfst, darfst du ihn nicht aus den Augen verlieren, nur weil dir selbst das Blut in den Kopf schießt.«

»Du hast damals auch zugeschlagen.«

»Stimmt. Und ich hatte verdammtes Glück, dass keiner ein Messer zog. Ich war erwachsen, du warst vierzehn. Ich hab’s riskiert, weil du Hilfe brauchtest. Aber glaub bloß nicht, dass ich stolz auf jeden Schlag bin, den ich in meinem Leben ausgeteilt habe.« Er zeigte auf den Verband. »Eine Verletzung macht aus einer Entscheidung keine bessere.«

Nate erwartete eine Standpauke. Stattdessen reichte Paul ihm ein sauberes Tuch und wartete, bis er die Hand versorgt hatte. Danach deutete er auf den Silverado.

»Und jetzt suchst du mir bitte heraus, warum dieser Anlasser dreht, als hätte er den letzten Winter im See verbracht. Nur messen und nachdenken. Die verletzte Hand bleibt von der Arbeit weg.«

»Klingt nach einem ausgesprochen herzlichen Willkommen.«

»Ich könnte dir auch die Rechnung für das Desinfektionsmittel schicken.«

Nate musste lächeln. »Du bist ein schlechter Mensch.«

»Sagen viele. Jetzt an die Arbeit.«

Sie maßen die Batteriespannung und den Spannungsabfall beim Startversuch. Nate prüfte die Masseverbindung. Das geflochtene Band war an mehreren Stellen korrodiert und beschädigt. Er zeigte Paul den ungewöhnlich hohen Messwert, ohne den Fehler gleich als endgültig bewiesen auszugeben.

Paul sah das Display an, dann das Band. »Sauber gedacht. Ersatzteil bestellen, nach Einbau erneut messen. Dem alten Herrn verkaufen wir keinen neuen Anlasser, solange seiner keinen Grund dazu liefert.«

Nate war gerade dabei, seine Messleitungen aufzuwickeln, als es an der Seitentür klopfte.

Ein Mädchen mit kastanienbraunem Haar und einer regennassen Jeansjacke trat ein. Über der Schulter hing ein Rucksack; in einer Außentasche steckte ein Notizbuch, das an den Ecken aufgequollen war. Sie blickte vom Chevrolet zu Paul und dann zu Nate.

»Mercer? Du bist hier tatsächlich freiwillig?«

Nate legte die Messleitungen ab. »Sullivan. Ich hätte gedacht, du bist um diese Uhrzeit damit beschäftigt, irgendeinen Lehrer vorzuführen.«

»Nur an Tagen, an denen er es verdient. Hallo, ich bin Mara Sullivan. Tessa hat mit mir wegen des Interviews gesprochen.« Sie wandte sich Paul zu. »Ich hoffe, Sie wissen Bescheid.«

Paul blickte zur Wanduhr, dann zur Tür. »Ich weiß vor allem, dass meine Frau Termine vereinbart, die sie mir in einer auffallend freundlichen Tonlage mitteilt.«

Mara lächelte. »Sie hat gesagt, Sie würden möglicherweise so reagieren.«

»Dann kannte sie mich wenigstens gut genug.« Er schob einen Hocker vom Motorraum weg. »Setz dich. Aber wenn du mir drei Fragen versprochen hast, werden daraus nicht plötzlich zwanzig.«

»Es sind vier. Die letzte ist kurz.«

Nate lachte, und Paul warf ihm einen öligen Lappen zu.

Mara legte den Rekorder bereit und begann mit einfachen Fragen: Wie lange Paul die Garage betrieb, weshalb er sich selbstständig gemacht hatte, ob kleine Werkstätten in Renswick noch eine Zukunft hatten. Paul antwortete zunächst so knapp, dass sie kaum Material hatte.

Schließlich schaltete sie die Aufnahme aus. »Ich kann Ihnen nicht diktieren, wie Sie antworten sollen. Aber ich versuche herauszufinden, was diese Stadt für Menschen bedeutet, die hier noch etwas aufbauen. Meine Mutter hat ihren Arbeitsplatz verloren, als der Laden in der Innenstadt schließen musste. Bei uns in der Schule erzählen alle, wir sollen nach dem Abschluss weggehen. Dabei wohnen hier immer noch Menschen, die etwas können und etwas versuchen. Das interessiert mich. Nicht, ob Sie Ihren früheren Chef mochten.«

Paul hörte ihr zu. Der Ausdruck in seinem Gesicht veränderte sich. »Du willst wissen, warum ich geblieben bin?«

Mara nickte.

»Weil ich hier Leute kenne. Weil ich irgendwann die Schnauze voll hatte, dass in meiner alten Vertragswerkstatt mehr darüber gesprochen wurde, wie schnell ein Wagen rausmuss, als darüber, ob er richtig repariert ist. Und weil Tessa mich wahrscheinlich umgebracht hätte, wenn ich noch fünf Jahre abends auf dem Parkplatz Motoren repariert hätte, statt einen ordentlichen Laden aufzumachen.«

Mara grinste, aber Paul sprach weiter.

Er erzählte von einem jungen Mechaniker, der sich geweigert hatte, einen Wagen mit einem ungeklärten Bremsproblem freizugeben. Vom Werkstattleiter, der darüber wütend geworden war. Von den ersten Monaten mit zu wenigen Aufträgen und einem Dach, durch das es bei starkem Regen tropfte. Wie Tessa nach der Arbeit Rechnungen sortiert und Freunde beim Umbau geholfen hatten. Der Name Third Shift war aus den nächtlichen Arbeitsschichten entstanden, mit denen Paul sich vor der Selbstständigkeit etwas dazuverdient hatte.

»War es das wert?«, fragte Mara schließlich.

Paul sah über die Werkbank, die zwei Hebebühnen und das leicht schiefe Schild durch das Fenster. »Frag mich an einem Tag, an dem die Steuer fällig wird, und du bekommst eine andere Antwort. Aber meistens ja.«

Mara ließ den Rekorder ausgeschaltet. »Darf ich das später verwenden? Ich würde Ihnen die Stelle vorher zeigen.«

»Kannst du. Solange du aus mir keinen verdammten Volkshelden machst.«

Sie lächelte. »Ich glaube, dafür ist Ihr Tonfall zu eindeutig.«

Nate sah die beiden an und erkannte mit einiger Überraschung, dass sie einander mochten.

Als Mara ihr Gerät einpacken wollte, blieb das Kabel an einer Kante hängen. Es knackte, der Eingangspegel verschwand. Nate untersuchte den Stecker, fand die beschädigte Zugentlastung und bot an, einen neuen anzulöten.

»Das Gerät gehört dem Schülerradio«, erklärte Mara. »Wenn ich es morgen beschädigt zurückbringe, muss ich das Olivia Renner erklären, und ihre Geduld ist nicht unbegrenzt.«

»Meine auch nicht. Lass es hier, und ich bring’s dir morgen mit. Du kannst dabei zusehen, wenn du glaubst, ich löte lieber meine Finger zusammen.«

Mara überlegte. »Ich vertraue deinen Fingern einfach aus Prinzip nicht, solange sie so aussehen.« Sie deutete auf die Hand. »Was ist eigentlich gestern in der Schule passiert?«

»Heute«, korrigierte Nate. »Und es war kein besonders guter Tag.«

Als sie von dem jüngeren Jungen sprach und fragte, ob er inzwischen Hilfe bekam, verflog Nates Ärger. Er hatte gehofft, das Thema für eine Stunde vergessen zu können. Mara bemerkte seine Reaktion, senkte die Stimme und sagte: »Ich finde es nicht falsch, dass du eingegriffen hast. Ich frage nur, ob es ihm jetzt besser geht. Das ist doch eigentlich das Entscheidende.«

Nate nickte widerwillig. »Ich seh morgen nach ihm.«

»Das wäre wahrscheinlich gut.« Sie zögerte, dann lächelte sie etwas vorsichtiger. »Und danke wegen des Kabels. Ich hab morgen die Aufnahme für die Reportage noch mal vorzuführen.«

»Dann hoffe ich, dass Paul ausnahmsweise etwas Verwendbares gesagt hat.«

»Mehr, als du denkst, Mercer.«

Sie ging, und die Tür schloss sich hinter ihr. Paul beobachtete seinen Schützling mit einem Ausdruck, der Nate überhaupt nicht gefiel.

»Was?«, fragte Nate.

»Nichts. Sie stellt brauchbare Fragen.«

»Du kannst Menschen nicht einfach anhand ihrer Fragen mögen.«

»Du bist seit drei Jahren hier, und manchmal gebe ich die Hoffnung trotzdem nicht auf.«

✦ Tessa kam gegen halb sechs mit Einkaufstaschen und einem Gesichtsausdruck, der bereits verriet, dass in ihrem Büro etwas schiefgelaufen war. Paul nahm ihr die schwere Tasche ab und küsste sie, noch bevor er fragte, wie ihr Tag gewesen war.

»Ich habe heute viermal erklärt, weshalb ein bestätigter Scan nicht bedeutet, dass eine Palette tatsächlich auf einem Lkw steht«, sagte sie und setzte sich im Pausenraum. »Und mindestens einer der vier hat hinterher genau das Gegenteil in sein Protokoll geschrieben.«

»Willkommen im modernen Geschäftsleben«, sagte Paul. »Man digitalisiert den Schwachsinn und wundert sich, dass er schneller wird.«

Tessa lachte müde. Dann bemerkte sie Nates Verband, sah ihn an und fragte nach dem Streit. Sie hörte seiner Erklärung ganz zu, auch wenn ihr die Sorge anzusehen war.

»Ich verstehe, weshalb du eingeschritten bist«, sagte sie am Ende. »Wirklich. Aber ich möchte nicht, dass dir dabei etwas passiert. Versprich mir wenigstens, nächstes Mal jemanden dazuzuholen, bevor es so weit kommt.«

»Das verspreche ich«, sagte Nate. Er war sich nicht sicher, ob er es in der Situation schaffen würde. Aber er meinte es ernst.

Beim Essen sprachen sie über Tessas Arbeit, über den Silverado, über eine viel zu hohe Heizkostenrechnung und über Maras Interview. Tessa wollte wissen, ob die Fragen gut gewesen seien. Paul gab widerwillig zu, dass Mara ihr Handwerk verstand.

Nate saß zwischen ihnen und hörte zu. Es waren gewöhnliche Gespräche, die immer mal wieder vom Thema abkamen und zu einer anderen Geschichte führten. Sie mussten nicht besonders wichtig sein, um ihm wichtig zu sein.

Nach dem Essen setzte Nate sich mit dem Mikrofonkabel an die kleine Lötstation. Er arbeitete langsam, weil die rechte Hand bei feinen Bewegungen schmerzte, und ließ Paul zur Sicherheit die letzten Handgriffe kontrollieren. Der neue Stecker saß fest. Die Kontakte waren sauber. Er nahm die kleine Reparatur ernst, gerade weil das Gerät jemand anderem gehörte.

Als Tessa kurz nach sechs ihre Jacke anzog, hielt Paul sie noch einen Moment an der Tür auf. Er fragte, ob er später etwas fürs Abendessen mitbringen solle. Sie sagte Nein und erinnerte ihn daran, nicht wieder bis Mitternacht zu arbeiten. Er versprach acht Uhr. Sie glaubte ihm nicht und küsste ihn trotzdem.

Um Viertel nach sechs fuhr sie los.

Paul blieb noch einen Augenblick vor der geschlossenen Tür stehen. Es war nur ein kurzer Moment. Nate hätte ihn beinahe übersehen.

»Du liebst sie wirklich, oder?«, fragte er.

Paul sah ihn an, als hätte er nach der Farbe des Himmels gefragt. »Was für eine bescheuerte Frage.«

Nate lächelte. »War ernst gemeint.«

Paul schaute noch einmal zur Tür. Seine Gesichtszüge wurden stiller. »Mehr, als sie weiß.«

Er ließ die Worte stehen, ohne einen Spruch hinterherzuschieben. Dann deutete er auf die Werkbank. »Und jetzt sieh zu, dass du dieses Kabel fertigkriegst.«

Nate senkte den Blick, verbarg aber das Lächeln nicht ganz. Er dachte nicht darüber nach, ob er den Satz eines Tages noch einmal brauchen würde. An diesem Abend war er bloß ein seltener Blick auf etwas, das Paul sonst sorgfältig hinter seinem rauen Ton verbarg.

✦ Kurz nach halb sieben prüfte Nate den reparierten Anschluss. Er steckte das Mikrofon ein, startete die Testaufnahme und sprach zwei Sätze hinein. Die Pegelanzeige reagierte gleichmäßig. Er ließ das Gerät auf einem Regalbrett liegen, damit die Aufnahme eine Weile mitlaufen konnte. Paul hatte inzwischen sein schweres schwarzes V8-Motorrad aus der Ecke gerollt.

»Du könntest die Nachbarn warnen«, sagte Nate und trat neben die Maschine.

»Die Nachbarn hatten drei Jahre Zeit, sich daran zu gewöhnen.«

»Das werden sie beruhigend finden.«

Paul kontrollierte die Anzeigen, öffnete das große Rolltor für die Abgase und setzte sich auf die Maschine. Der 6,2-Liter-V8 sprang mit einem schweren, tiefen Grollen an, das Nate in den Fußsohlen spürte. Paul ließ ihn im Leerlauf laufen, nahm behutsam Gas zurück und prüfte aufmerksam das Motorverhalten.

Nate stellte sich neben die Werkbank. Draußen war der Regen beinahe vorüber. Die Fassade der alten Autowaschanlage auf der gegenüberliegenden Straßenseite spiegelte die Hafenlichter und den grauen Himmel. Aus einer Dachrinne löste sich ein Tropfen.

Die Digitaluhr über dem Werkzeugschrank zeigte 18:41:08.

Dann verschwand der Klang.

Nicht allmählich. Nicht wie bei einem Motor, der abstirbt. Die Vibrationen waren für Nate noch zu sehen, aber nicht mehr zu hören. Auch das Rasseln der Dachrinne, das ferne Reifenrauschen, sein eigener Atem waren fort.

Er wollte Pauls Namen rufen. Seine Lippen bewegten sich, ohne dass er etwas hörte.

Der Wassertropfen hing vor dem Rolltor in der Luft. Er fiel nicht. Die Spiegelung der Straßenlaterne ruhte auf seiner gewölbten Oberfläche.

Nates Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Im Glas der Autowaschanlage erschien eine schwarze Linie. Sie verlief durch die Spiegelung des Himmels, vollkommen gerade, dann weitete sie sich zu einem Spalt. Dahinter lag keine gewöhnliche Dunkelheit. Für einen Augenblick glaubte Nate Türme zu sehen, unglaublich hoch, unter einem Licht, das keiner Sonne gehörte. Etwas Gewaltiges bewegte sich zwischen ihnen. Sobald er versuchte, einen Umriss festzuhalten, veränderte er sich.

Dann vernahm er etwas, das kein Schall zu sein schien.

Du bist übrig.

Er spürte die Worte direkt hinter den Augen. Sein Herz hämmerte. Er versuchte, zurückzuweichen, aber seine Beine reagierten zu spät.

Mit einem Schlag kehrte der Lärm zurück. Der Motor grollte, das Wasser tropfte, draußen fuhr ein Wagen vorbei. Nate stolperte gegen die Werkbank. Ein Schraubenschlüssel fiel klappernd auf den Boden.

Paul stellte den Motor ab und war sofort bei ihm. »Nate. Hey, schau mich an.«

Nate suchte nach Luft. »Hast du das gesehen? Auf der anderen Straßenseite, im Fenster ... da war etwas.«

Paul blickte hinaus. Er sah das normale Spiegelbild der Laternen, die nasse Straße und den geschlossenen Himmel. Als er zurücksah, war Nate kreidebleich.

»Setz dich«, sagte er. Keine Schärfe, aber auch keine Einladung zum Widerspruch.

Nate setzte sich. Paul holte Wasser und blieb vor ihm stehen, bis seine Hände weniger zitterten.

»Was war das?«, fragte Nate. »Der Motor war weg. Alles war weg. Und der Tropfen ...«

»Du hast ein paar Sekunden nicht reagiert«, sagte Paul ruhig. »Ich dachte erst, du hörst mir wegen des Motors nicht zu. Dann habe ich dein Gesicht gesehen. Wir lassen das abklären.«

Nate blickte auf die Uhr. 18:41:19.

Elf Sekunden.

»Paul.« Seine Stimme war kaum hörbar. »Ich glaube, mir fehlen elf Sekunden.«

Paul folgte seinem Blick, dann sah er Nate wieder an. »Du erklärst mir gleich genau, was du meinst. Erst rufe ich deine Mutter an.«

Auf dem Regalbrett blinkte die Aufnahmeleuchte des Rekorders noch immer. Nate zeigte darauf. »Das Gerät hat mitgelaufen. Wenn ich mir das nur eingebildet habe, müsste man den Motor doch hören können. Wir müssen uns das anhören.«

Paul beendete die Testaufnahme, legte den Rekorder neben Nate und schob ihm noch einmal den Wasserbecher hin. »Das läuft uns nicht weg. Du bist mir gerade fast vom Hocker gekippt. Da interessiert mich zuerst, ob du in Ordnung bist.«

Nate sah ihn an. Paul wirkte ernsthaft beunruhigt. Ein Teil von Nate wollte zurücknehmen, was er gesagt hatte, nur damit dieses Gesicht verschwand.

»Was, wenn ich es mir nicht eingebildet habe?«

Paul setzte sich neben ihn. Er suchte nicht nach einem besonders klugen Satz. »Dann finden wir heraus, was es war. Aber nicht, indem wir jetzt beide den Kopf verlieren.«

Draußen begann es wieder zu regnen.

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