1. Hier bleibt man
Die Frau am Empfang wusste, dass Nora keinen Zimt mochte.
Das hätte ihr früher auffallen sollen.
Später würde sie sich an die Tasse erinnern. An den dünnen Goldrand und den kleinen Sprung neben dem Henkel. An den Milchschaum, der beim Abstellen kaum gezittert hatte.
Zunächst war sie einfach froh gewesen, dass jemand ihr etwas Warmes brachte.
»Ohne Zimt«, sagte die Frau. »Und mit Hafermilch.«
Nora nahm die Hände vom Koffergriff.
»Woher wissen Sie …«
»Die Anreise war bestimmt anstrengend.«
Hinter dem Empfang stand eine Glasetagere mit winzigen Törtchen. Rosa Glasur. Kandierte Veilchen. Auf jedem saß eine silberne Zuckerperle, ein wenig seitlich, als hätte sie jemand mit einer Pinzette in die richtige Schieflage gebracht.
Nora sah auf ihr Handy.
Keine neue Nachricht.
Natürlich nicht.
Sie hatte ihm geschrieben, als der Zug abgefahren war. Noch einmal beim Umsteigen. Die letzte Nachricht war seit zwei Stunden gelesen.
Gut angekommen?hätte gereicht.
Zwei Wörter und ein Fragezeichen. Sie hatte unterwegs längere Hinweise auf einer Zugtoilette gelesen.
»Hier dürfen Sie das ruhig weglegen.«
Die Empfangsdame lächelte auf das Handy hinunter.
Auf ihrem Namensschild stand Sibelle. Darunter, in kleineren Buchstaben, Gästebetreuung.
»Ich warte nur auf eine Nachricht.«
»Selbstverständlich.«
Sibelle schob ihr die Tasse näher. Nora nahm einen Schluck. Die Milch war genau richtig warm.
Das machte es beinahe schlimmer.
Im Zug hatte sie sich vorgenommen, bei der Ankunft nicht zu weinen. Nicht am Bahnhof. Nicht im Taxi. Schon gar nicht vor einer fremden Frau mit einer Frisur, in der vermutlich sogar während eines Erdbebens jedes Haar an seinem Platz blieb.
Sie schluckte noch einmal.
»Sie können erst einmal ankommen«, sagte Sibelle.
Nora nickte und beschäftigte sich mit dem Tassenhenkel.
Die Eingangshalle roch nach Bienenwachs, warmem Gebäck und den weißen Blumen, die in einer hohen Vase neben der Treppe standen. Durch die Fenster sah man den Garten. Runde Buchsbäume. Kieswege. Ein Springbrunnen, dessen Wasser so langsam fiel, dass Nora einen Moment lang stehen gebliebenes Glas zu sehen glaubte.
Über der Garderobe hing ein gestickter Spruch.
Schön, dass du bleibst.
»Wie lange haben Sie für mich gebucht?«
»Vorerst einundzwanzig Nächte.«
»Vorerst?«
»Verlängerungen sind möglich.«
Sibelle nahm eine Karte aus einer schmalen Holzlade.
Zimmer acht.
Am Schlüssel hing ein kleines Stoffherz. Lavendelfarben, mit zwei ungleichen Glasperlen als Augen. Eine rauchviolett, die andere silbern. Aus einer Naht ragte ein weißer Faden.
»Das ist ja …« Nora suchte nach einem Wort, das nichtKindergartenwar.
»Handarbeit«, sagte Sibelle.
Sie legte ihr den Schlüssel in die offene Hand.
Das Herz war warm.
Vermutlich hatte es auf einer Heizung gelegen.
»Ihre Unterschrift fehlt uns noch.«
Das Formular umfasste eine Seite. Name, Geburtsdatum, Notfallkontakt.
Nora setzte den Kugelschreiber an.
BeiNotfallkontakthielt sie inne.
»Sie können das Feld später ausfüllen.«
»Ich kenne die Nummer auswendig.«
»Das meinte ich nicht.«
Nora blickte auf.
Sibelle ordnete drei bereits vollkommen ordentlich liegende Broschüren.
Sie hatte ihm einmal gesagt, dass sie seine Nummer selbst nach einem Schlaganfall noch hersagen könnte.
Er hatte geantwortet, das sei wohl das Problem mit ihr.
Damals hatten sie gelacht.
Zumindest er.
Nora strich die erste Ziffer durch.
»Lassen wir es vorerst leer.«
»Wie Sie wünschen.«
Sibelle nahm das Formular entgegen, ohne hinzusehen.
Der Lift hatte einen gepolsterten Sitz und roch nach Orangen.
Aus einem Lautsprecher spielte eine Klaviermelodie. Nora kannte sie. Irgendwoher. Sie konnte den nächsten Ton beinahe mitsummen, verfehlte ihn aber jedes Mal.
Sibelle stand neben ihr, die Hände übereinandergelegt.
»Frühstück zwischen sieben und zehn. Die Anwendungen besprechen Sie morgen mit unserem Herrn Doktor. Heute ruhen Sie sich aus.«
»Ich würde vielleicht noch spazieren gehen.«
Sibelle sah sie an.
Es dauerte nur einen Augenblick.
Dann öffnete sich die Lifttür.
»Natürlich. Wenn Sie sich danach fühlen.«
Auf dem Gang lag ein dicker cremefarbener Teppich. Nora zog ihren Koffer hinter sich her, hörte aber keine Rollen mehr.
Neben Zimmer sechs stand ein Paar Herrenschuhe.
Die Schnürsenkel waren hineingesteckt.
Nora machte einen Bogen darum.
»Muss die Reinigung die nicht wegräumen?«
»Der Herr findet sie gern dort, wo er sie zurückgelassen hat.«
»Stolpert da keiner drüber?«
»Wir gewöhnen uns aneinander.«
Vor Zimmer acht blieb Sibelle stehen.
Während Nora den Schlüssel ins Schloss schob, streifte etwas ihr Handgelenk.
Sie sah hinunter.
Der weiße Faden hing jetzt zwischen ihren Fingern.
»Oh. Ich glaube, ich habe Ihr Herz kaputt gemacht.«
Sibelle betrachtete das kleine Kissen.
»Das hält mehr aus, als Sie glauben.«
Auf dem Bett lag ein Nachthemd.
Nora blieb in der Tür stehen.
Hellgrün. Kleine weiße Blüten. Am Ausschnitt drei Perlmuttknöpfe.
Sie hatte seit Jahren kein Nachthemd getragen.
»Ist das im Preis inbegriffen?«
»Für Ihren Aufenthalt.«
»Ich habe eigene Sachen mit.«
»Natürlich.«
Sibelle stellte den Koffer neben die Kommode. Dann strich sie mit der flachen Hand über die Bettdecke, unmittelbar neben dem Nachthemd.
»Das Bad ist vorgewärmt. Wenn Sie etwas brauchen, wählen Sie die Null.«
»Auch nachts?«
»Besonders nachts.«
Die Tür schloss sich mit einem weichen Klicken.
Nora wartete.
Schritte entfernten sich über den Gang. Irgendwo klirrte Geschirr.
Dann war es still.
Sie nahm ihr Handy heraus.
Noch immer nichts.
Sie öffnete den Chat, las ihre letzte Nachricht und ärgerte sich sofort über das Ausrufezeichen.
Bin bald da!
Als wäre sie auf einem Kindergeburtstag.
Darunter das Foto aus dem Zugfenster. Verschwommene Wiesen, ein Stück ihres Spiegelbildes. Sie hatte dreimal fotografiert, damit sie nicht so müde aussah.
Nora legte das Handy aufs Bett.
Nahm es wieder.
Alles okay bei dir?
Sie betrachtete den Satz.
Löschte ihn.
Im Bad lief Wasser.
Nora hob den Kopf.
»Hallo?«
Das Plätschern hörte auf.
Sie ging bis zur offenen Badezimmertür.
Eine breite Wanne stand unter einem Milchglasfenster. Dampf stieg aus dem Wasser. Auf einem kleinen Brett lagen ein zusammengefaltetes Handtuch und ein Stück rosafarbene Seife. Daneben eine Glasschale mit zwei geschälten Mandarinen.
Keine Armaturen.
Nora beugte sich über den Wannenrand.
Unter der Wasseroberfläche schimmerte etwas Silbernes. Vermutlich der Abfluss.
Sie steckte einen Finger hinein.
Angenehm warm.
»Bevor ich mich beschwere, dass mir jemand ein Bad einlässt …«
Ihre Stimme klang fremd im gefliesten Raum.
Sie zog sich aus.
Eine halbe Stunde später fühlte sie sich zum ersten Mal seit Wochen satt, obwohl sie außer einem Bahnhofskipferl noch nichts gegessen hatte.
Das Wasser trug ihre Arme. Ihre Knie ragten als zwei blasse Inseln heraus. Sie hatte das Fenster einen Spalt öffnen wollen, aber keinen Griff gefunden.
Auf dem Brett lag jetzt auch ein Waschlappen.
Sie musste ihn vorher übersehen haben.
Nora schloss die Augen.
Er hatte ihr die Reise nicht ausreden wollen.
Das sagte sie sich noch einmal.
Er hatte lediglich gefragt, ob es klug sei, so viel Geld auszugeben, wo sie doch immer behaupte, unabhängiger werden zu wollen. Dann hatte er ihr den Koffer vom Schrank geholt. Sie hatte daneben gestanden und sich undankbar gefühlt.
Beim Abschied hatte er ihre Stirn geküsst.
Versuch dort bitte nicht wieder, überall etwas zu finden.
Nora öffnete die Augen.
Auf der anderen Seite der Badezimmertür raschelte es.
»Ja?«
Nichts.
»Sibelle?«
Etwas schabte über das Holz. Ganz unten.
Nora setzte sich auf. Wasser lief ihr vom Kinn.
Ein schmaler weißer Faden schob sich unter der Tür hindurch.
Er lag einen Moment still auf der Fliese.
Dann spannte er sich.
Ihr Zimmerschlüssel glitt durch den Spalt. Erst der Bart, dann der Ring. Das lavendelfarbene Herz blieb stecken.
Jemand zog von der anderen Seite.
Der Stoff dehnte sich.
»Warten Sie«, sagte Nora. »Ich mache schon auf.«
Sie stieg aus der Wanne, griff nach dem Handtuch und wickelte es sich um den Körper. Als sie die Tür öffnete, fiel ihr das Herz vor die Füße.
Das Zimmer war leer.
Ihr Koffer stand offen auf der Ablage.
Die Kleidung hing im Schrank.
Auch die Unterwäsche war eingeräumt.
Nora sah zur Zimmertür. Abgeschlossen.
Sie hatte selbst zugesperrt.
Einen Moment stand sie nur da, die eine Hand am Handtuch, die andere noch auf der Klinke.
Dann ging sie zum Telefon.
Die Null war die einzige Taste, deren Beschriftung nicht abgenutzt war.
»Sibelle, Gästebetreuung.«
»Es war jemand in meinem Zimmer.«
»Ja, Ihre Sachen sind nun versorgt.«
»Ich war im Bad.«
»Wir wollten Sie nicht stören.«
Nora sah auf die offene Schublade. Ihre schwarzen Slips lagen in einem Fächer neben den hellen.
»Ich möchte das bitte selbst machen.«
Am anderen Ende wurde es still.
Aus dem Hörer drang die Klaviermusik.
Derselbe Ton, den sie im Lift immer verfehlt hatte.
»Selbstverständlich, Frau Winter.«
»Danke.«
»Dann vermerke ich, dass Sie keine Unterstützung wünschen.«
»So habe ich das nicht gemeint.«
»Wie möchten Sie es denn vermerkt haben?«
Nora zog das Handtuch fester.
Sie war müde. Ihre Haare tropften auf den Teppich. Sie wollte nicht fünf Minuten nach ihrer Ankunft eine Diskussion über Unterhosen führen.
»Es geht nur darum, dass ich gern vorher gefragt werde.«
»Natürlich.«
»Sonst war alles sehr schön. Das Bad auch.«
»Das freut uns.«
Nora wartete darauf, dass Sibelle noch etwas sagte.
Schließlich murmelte sie »Danke« und legte auf.
Sie blieb neben dem Telefon stehen.
Schon wieder hatte sie sich bedankt.
Das Nachthemd passte.
Nicht ungefähr. Nicht auf die Art, wie ein großzügiger Schnitt jedem passte.
Die Schulternaht saß genau dort, wo sie hingehörte.
Nora strich über den Stoff. Weich, viele Male gewaschen. Am Saum eine kleine Ausbesserung mit etwas dunklerem Garn.
Ihr Handy vibrierte.
Sie war so schnell am Bett, dass sie mit dem Knie gegen den Koffer stieß.
Du meldest dich auch nur, wenn du was brauchst.
Sie setzte sich.
Oben im Chat standen ihre drei Nachrichten. Die Abfahrt. Das Umsteigen. Das Foto.
Ihre Finger schwebten über der Tastatur.
Ich habe dir doch …
Sie löschte den Satz.
Im Flur lachte jemand. Ein helles, glucksendes Lachen, dem ein zweites antwortete.
Nora drehte das Handy um.
Vom Nachttisch kam ein leises Knacken.
Das Stoffherz lag neben der Lampe.
Sie hatte es im Badezimmer aufgehoben. Oder? Sie sah die Fliese vor sich, den weißen Faden. Danach das Telefon.
Vielleicht hatte sie es mitgenommen.
Zwischen den beiden Glasperlen war eine Falte entstanden.
Es sah gekränkt aus.
»Du auch noch«, sagte Nora.
Das linke Glasauge drehte sich zu ihr.
Nora hielt den Atem an.
Im selben Augenblick klopfte es.
Dreimal. Sehr höflich.
»Frau Winter?«
Sibelle.
Nora stand auf, ohne das Herz aus den Augen zu lassen.
»Ja?«
»Ihr Abendessen. Sie müssen heute nicht mehr hinunterkommen.«
»Einen Moment.«
»Lassen Sie sich Zeit.«
Nora griff nach dem Schlüssel.
Das Stoffherz war fort.
Nur der Faden lag noch da. Er verlief über die Tischkante, den Teppich entlang und verschwand unter der Tür.
Von draußen klirrte ein Löffel.
»Frau Winter?«
Nora beugte sich hinunter. Zwischen Tür und Teppich war kaum ein Fingerbreit Platz.
Der Faden bewegte sich.
»Die Tür ist abgeschlossen«, sagte sie.
Sie wusste nicht, weshalb sie flüsterte.
»Das weiß ich«, antwortete Sibelle.
Unter der Tür schob sich etwas Weiches hindurch.
Zuerst ein lavendelfarbener Zipfel.
Dann ein silbernes Glasauge.
Nora wich zurück.
Das Herz presste sich flach. Die Naht an seiner Seite öffnete sich, und etwas Blasses griff in den Teppich.
Eine winzige Hand.
Sie zog den restlichen Körper nach.
Draußen wartete Sibelle.
Das Wesen setzte sich auf. Zupfte seinen Stoff zurecht. Sein Mund war mit drei rosa Stichen geschlossen.
Es hob die Hand und zog den ersten heraus.
Dann den zweiten.
Nora tastete hinter sich nach dem Bett.
Vom Gang kam Sibelles Stimme, warm und geduldig.
»Bitte hören Sie nicht auf das, was es Ihnen erzählt.«
Das kleine Wesen zog den letzten Stich aus seinem Mund.
»Geh nicht zur Tür«, flüsterte es.




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