Kapitel 1
„Du solltest dir wirklich noch mal überlegen, dir eine Luna zu suchen, Alpha.“
Eyolf blies die Backen auf, blieb stehen und starrte seinen Beta an.
„Nicht schon wieder dieses Thema.“, murmelte er.
Es war ja nicht so, dass er nie nach seiner Schicksalsgefährtin gesucht hätte. Das hatte er. Mehrere Jahre lang.
Aber sein Rudel war nun mal das unbeliebteste in der gesamten Werwolfgeschichte. Zumindest was Frauen anbetraf.
Das war einfach so.
Sie bezeichneten sich selbst als Kriegerrudel. Allerdings auch nur, weil es sonst ziemlich dämlich ausgesehen hätte, wenn sie zugeben müssten, dass sich kaum eine Frau freiwillig zu ihnen gesellte.
Nun ja, mittlerweile waren sie tatsächlich ein Kriegerrudel. Gezwungenermaßen. Die Männer hatten schließlich nicht viel anderes zu tun, als sich zu prügeln. Und er als Alpha war den ganzen Tag damit beschäftigt, sie davon abzuhalten, sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.
Ein ungehobelter Haufen.
Das waren sie.
Nur nach außen hin zeigten sie Disziplin, aber das war es dann schon.
Eyolf hatte buchstäblich aufgegeben.
Mit allem.
Seit seinem achtzehnten Geburtstag hatte seine Mutter darauf bestanden, dass er sich endlich eine Gefährtin suchte. Eine Luna, die etwas Ordnung in seinen chaotischen Clan brachte. Bis zu ihrem Tod hatte sie nicht aufgehört, ihn damit zu nerven.
Allerdings war ihre Mühe vergeblich geblieben.
Zwar hatte er sich zuerst mit Feuereifer daran gemacht, seine Luna zu finden, aber entweder war er sehr hässlich, einfach keine gute Partie oder er stank.
Keine Ahnung.
Zumindest hatte es bei keiner Frau gefunkt. Es gab nicht eine, die freiwillig mit ihm gegangen wäre.
Mal ganz abgesehen von den grobschlächtigen Kerlen lebten sie auch noch hoch oben im Norden. Wenn es hier eines im Überfluss gab, dann Schnee. Sehr viel Schnee. Ach ja, und Eis. Das vergaß er immer gern.
Nur wenige Monate im Jahr wurde es warm genug, um überhaupt den Versuch zu wagen, etwas Gemüse anzubauen.
Hatte er schon erwähnt, dass sie alle Krieger waren?
Ihre Bemühungen, irgendetwas Essbares aus dem Boden zu ziehen, scheiterten meistens kläglich. Gemüse und Obst mussten sie daher einkaufen. Zum Glück besaßen sie dafür reichlich Fisch und wertvolle Bodenschätze. Wenigstens bewahrte sie das davor, auch noch arm zu sein.
Gelegentlich verirrten sich ein paar Wölfinnen in ihr Gebiet, doch meistens verschwanden sie genauso schnell wieder, wie sie gekommen waren.
Was man ihnen irgendwie auch nicht verdenken konnte.
Nur wenige blieben.
Ihre Bodenschätze und die zahlreichen Krieger sorgten immerhin dafür, dass man ihr Rudel nicht völlig abschrieb. Außerdem wurde Eyolf regelmäßig zu irgendwelchen Festen und Versammlungen eingeladen.
Doch selbst dort hatte er seine Schicksalsgefährtin nicht gefunden.
Vermutlich hatte irgendein Urahn es bei der Mondgöttin so richtig verkackt, und nun musste er die Konsequenzen dafür tragen.
Sein Beta stieß ihn unsanft gegen die Schulter.
„Sag mal, pennst du? Was ist nun? Wir könnten wieder ein paar Frauen herkommen lassen.“
Eyolf verzog das Gesicht.
„Ich will aber nicht. Wir haben das schon so oft versucht, und nie war eine dabei, die bei mir bleiben wollte. Außerdem bin ich mir sicher, dass nach der letzten Brautschau keine angemessene Frau mehr herkommen wird.“
Die Brautschau, wie sein Rudel es so einfallsreich genannt hatte, war ein Desaster gewesen.
Natürlich hatten einige Rudel ihre Bräute geschickt. Nette Mädchen in schicken Kleidern. Keine war älter als zwanzig gewesen. Sie kicherten und er langweilte sich so sehr, dass er sie nach einer Stunde wieder nach Hause schickte.
Was sollte Eyolf mit so einem Mädchen?
Er wusste zwar, dass einige Mädchen Romane verschlangen, die so einen Altersunterschied romantisierten, aber er wollte bestimmt nicht für so eine Fantasie herhalten.
Er verlangte ja nicht viel. Wenn er tatsächlich mal eine Frau finden sollte, dann sollte sie zumindest etwas in seinem Alter sein. Und sie sollte sein Rudel im Griff haben. Zumindest etwas. Wenn sie noch kochen könnte und kein Problem damit hatte, dass er statt auf Partys lieber Zuhause vor dem Kamin blieb, dann wäre sie tatsächlich seine Traumfrau.
„Du denkst darüber nach, oder?“
Deagal grinste breit, was ihm prompt einen Schlag in den Magen einbrachte.
„Nein. Vergiss es. Keine Brautschau mehr.“
Lachend krümmte der Beta sich zusammen, richtete sich aber gleich wieder auf.
„Wem willst du denn das Rudel überlassen, wenn du stirbst? Hm, alter Sack?“
Eyolf zuckte mit den Schultern.
„Vielleicht einem deiner Bälger.“
Im Gegensatz zu seinem Alpha hatte Deagal seine Gefährtin längst gefunden. Und wie es sich eben ergab, wenn man die meiste Zeit des Jahres in Kälte und Dunkelheit verbrachte, hatte er mit ihr eine ganze Menge Kinder gezeugt.
„Wie viele Plagen hast du mittlerweile?“
Deagal zuckte mit den Schultern und strich sich über den Bart.
„Ich glaube, es sind sieben. Ella meinte letztens, dass es jetzt reichen würde. Sie hat keine Lust mehr auf eine Schwangerschaft.“
Eyolf fragte sich, wie sie ihren Mann davon abhalten wollte. Schließlich kannte er Ellas Blicke nur zu gut, sobald Deagal auch nur in ihre Nähe kam.
Es war nicht so, dass Eyolf seinem besten Freund sein Glück nicht gönnte. Trotzdem beneidete er ihn darum. Für sich selbst hatte er die Hoffnung allerdings längst aufgegeben.
„Wie dem auch sei. Ich werde wohl ohne Luna auskommen müssen. Und wenn ich sterbe, sitze ich irgendwo als Geist herum und lache mich kaputt, wenn deine Bälger sich um den Alpha-Thron streiten. Bis sie irgendwann merken, dass dieser Posten gar nicht so toll ist, wie alle immer behaupten.“
Deagal schnalzte mit der Zunge.
„So einfach ist das nicht. Das weißt du.“
Eyolf lachte spöttisch.
„Ich bin dann tot. Was interessiert mich das noch?“
„Auch wieder wahr. Ich denke, ich werde dir ziemlich schnell folgen. Dann können wir uns das Spektakel gemeinsam ansehen. Ich hoffe nur, dass es im Jenseits ordentlich was zu saufen gibt.“
Eyolf lachte auf, und gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum Rudelhaus.
Das war tatsächlich ziemlich verwaist, denn Eyolf lebte dort ganz allein.
Gelegentlich tauchten die wenigen Frauen des Rudels auf, machten ordentlich Lärm und sorgten dafür, dass wenigstens einmal gründlich sauber gemacht wurde. Anschließend kochten sie in seiner Küche und verpackten das Essen in irgendwelche Plastikdosen, damit er auch etwas Vernünftiges zu sich nahm.
Erbärmlich.
Wenn er so darüber nachdachte, war er vermutlich der erbärmlichste Alpha seiner Zeit.
Sie betraten das Rudelhaus, und Deagal kickte automatisch seine Stiefel von den Füßen. Eyolf hingegen dachte nicht einmal daran. Wer sollte ihm auch Vorwürfe machen?
„Meine Frau putzt deinen Boden. Zieh gefälligst deine Stiefel aus. Wenn ich sie noch einmal damit auf dem Boden herumrutschen sehe, kann ich für nichts mehr garantieren und mache ihr das achte Baby.“
Eyolf verzog angewidert das Gesicht.
„Sag mir, dass du es nicht hier mit deiner Frau getrieben hast. Das ist eklig.“
Deagal lachte, antwortete jedoch nicht darauf.
Stattdessen nahm er den Ordner vom Küchentresen und schlug ihn auf.
„Dann machen wir uns mal an die Arbeit.“
Eyolf ging zum Kühlschrank und holte zwei Flaschen Bier heraus.
„Was gibt es?“
Gemeinsam arbeiteten sie die Korrespondenz durch. Es war ein ganz gewöhnlicher Tag. Einige Anfragen wegen Problemen an den Grenzen, ein Angebot für die Wintervorräte und allerlei anderer Kram, mit dem er sich als Alpha herumschlagen musste.
„Und hier hätten wir noch die obligatorische Einladung.“ Deagal zog ein Blatt aus dem Ordner und überflog es. „Das Greenwood Pack richtet ein Fest aus. Die Tochter ist wohl gerade achtzehn geworden und sucht ihren Gefährten.“
Eyolf zuckte mit den Schultern.
„Was kann ich dafür? Ich bin bestimmt nicht ihr Gefährte.“
Deagal verdrehte die Augen.
„Ach, komm schon. Ella will mal wieder hier raus. Und dir würde es auch guttun, andere Leute zu treffen.“
Würde es nicht.
Er wollte nicht zum Greenwood Pack. Er wollte sich nicht in diese beschissene Uniform zwängen, die er bei jedem offiziellen Anlass tragen musste. Und er wollte erst recht nicht den anderen Alphas begegnen, die ihre Rudel scheinbar mühelos im Griff hatten und ihm bei jeder Gelegenheit das Gefühl gaben, dass er selbst irgendetwas falsch machte.
„Kannst du nicht allein mit Ella hinfahren? Lass dir irgendeine Ausrede einfallen, warum ich nicht dort sein kann.“
Deagal schüttelte den Kopf.
„Nein. Du wirst mitkommen. Und Bojan ebenfalls.“
Eyolf runzelte die Stirn.
„Warum sollte mein Gamma mitkommen? Ist ein großes Gefolge vorgeschrieben?“
Deagal grinste breit.
„Wenn du schon nicht nach einer Luna Ausschau halten willst, sollte wenigstens er die Möglichkeit bekommen, sich eine Frau zu suchen. Der Kerl ist fünfundzwanzig. Wenn er nicht bald … du weißt schon …, dann flippt er uns noch aus. Nicht jeder ist so stoisch wie du.“
Eyolf starrte seinen Beta einen Moment lang an und nahm einen langen Schluck Bier. Deagal grinste noch immer, und allein das machte die Sache unerträglich. Er kannte diesen Gesichtsausdruck. Sein Freund hatte längst beschlossen, dass Eyolf mitkommen würde. Die Frage war nur, wie lange er noch versuchen wollte, sich dagegen zu wehren.
„Du weißt schon, dass ich dein Alpha bin und nicht umgekehrt?“, fragte er schließlich.
„Natürlich.“ Deagal nickte ernst. „Deshalb überlasse ich dir auch die freie Entscheidung, ob du freiwillig mitkommst oder ob ich Ella erzähle, dass du dich wieder einmal vor gesellschaftlichen Verpflichtungen drückst.“
Eyolf kniff die Augen zusammen.
„Du bist ein verdammter Verräter.“
„Ich weiß. Aber ein verdammt guter Beta.“
„Das behauptest auch nur du.“
Deagal lachte und schob ihm die Einladung über den Tisch.
Eyolf betrachtete das Papier, als wäre es eine besonders widerliche Krankheit, die man ihm gerade diagnostiziert hatte. Schließlich seufzte er und griff nach seinem Bier.
„Na schön. Ich komme mit.“
„Wunderbar!“
Deagal klopfte ihm so kräftig auf die Schulter, dass Eyolf beinahe sein Bier verschüttete.
„Du wirst sehen, es wird bestimmt lustig.“
„Wenn du noch einmal dieses Wort benutzt, werfe ich dich eigenhändig aus dem Fenster.“
„Dann halte ich mich lieber zurück.“
Das glaubte Eyolf ihm keine Sekunde.
Er legte die Einladung beiseite und wandte sich wieder dem Ordner zu. Damit war die Angelegenheit für ihn erledigt. Zumindest nach außen hin.
Innerlich hatte er bereits einen Plan gefasst.
Er würde sich die Sache ansehen, ein paar höfliche Worte mit den anderen Alphas wechseln und anschließend einen strategisch günstigen Platz in der Nähe des Buffets beziehen. Dort konnte er essen, trinken und so tun, als wäre er beschäftigt. Vielleicht fand sich auch eine ruhige Ecke, in der er sich mit seinem Handy beschäftigen konnte.
Und wenn irgendeine achtzehnjährige Wölfin auf die Idee kam, ausgerechnet in ihm ihren Gefährten zu sehen, würde er ihr freundlich, aber unmissverständlich klarmachen, dass sie sich besser jemand anderen suchte.
Er war nicht auf der Suche nach einer Luna.
Und ganz sicher würde sich das nicht ausgerechnet beim Greenwood Pack ändern.
Eyolf nahm einen weiteren Schluck Bier.
Das würde ein verdammt langer Abend werden.









