Crazed
„Platz da, Maus!“
Seine dröhnende Stimme hallte durch die Flure. Natürlich zuckte jeder in seiner Nähe zusammen, denn alle wussten verdammt genau, wen er damit meinte:
Roxie Reynolds ... die schüchterne kleine Maus, die vor drei Jahren an der Schule aufgetaucht war. Sie war ein Niemand, eine Randnotiz, ein kleines Unkraut, das durch einen Riss im Gehweg wuchs. Walker Wells hatte sie seit ihrer Ankunft auf dem Kieker.
Aber nicht, weil er Interesse an ihr hatte.
Sondern weil er ein Mistkerl und ein Ekel war, und das wusste jeder.
„Entschuldigung“, sagte sie, als wäre es ihre Schuld, dass sie ihre Bücher aus dem Spind brauchte, „ich bin...“
„Halt die Klappe, Nager“, Walker stieß gegen ihren Spind, während Roxie geduldig wartete. „Nutze diesen Mund von dir irgendwann mal für was Sinnvolles, Maus – falls du jemals deinen Gefährten findest, lasse ich dich vielleicht in Ruhe.“
„Na ja, du hast deinen ja auch noch nicht gefunden“, murmelte Roxie und bereute es sofort. Walker zog sie am Hemdkragen zu sich heran, während es im Flur mucksmäuschenstill wurde.
„Habe ich dich irgendwas gefragt, Maus?“
„N-nein ...“ Roxie schüttelte den Kopf. Ihr rotbraunes Haar fiel ihr über die Schultern und ihre Nase berührte fast die von Walker.
Walker betrachtete ihre großen grünen Augen, die voller Angst und Neugier waren.
Sie starrte zu ihm zurück. In seinen braunen Augen lag Hass und Abscheu gegenüber dem kleinen Ding, das unter ihm zitterte. Sein dunkelbraunes Haar war streng zurückgegelt und ließ ihn noch stoischer und finsterer wirken.
Sein Atem stockte, als ihr zierlicher Körper seinen muskulösen Bau berührte. Die kleine Maus war gar nicht so übel anzusehen, aber das sollte sie auf keinen Fall erfahren.
„Du bist meine Zeit nicht einmal wert, Maus.“
Und damit schlenderte Walker davon, gefolgt von seiner Clique aus seinem Coven, die bei jedem Schritt an ihm klebte.
„Pass bei ihm auf“, kam eine Stimme von hinten, „man kann nicht vorsichtig genug sein. Er ist dafür bekannt, dass er mit Leuten, die er nicht mag, echt kranke Dinge anstellt.“
Roxie drehte sich um und sah ihre Klassenkameradin Felicity, die ihre Bücher fest an die Brust presste.
„Er ist zwar verdammt heiß, aber auch höllisch durchgeknallt.“
Roxie seufzte: „Ich lebe jetzt seit drei Jahren mit seinem Mobbing. Ich glaube, ich weiß, wozu er fähig ist.“
Als ob Roxie noch mehr Bullshit gebrauchen könnte, knallte sie ihren Spind zu und versteckte sich kurz hinter Felicity, während sie über ihren nächsten Schritt nachdachte.
„Oh, wag es bloß nicht!“, lächelte Felicity. „Du gehst ihm doch nicht etwa nach? Warum? Er ist so gemein zu dir. Er hat es auf dich abgesehen, und dann lässt er es an mir aus. Jesse will ihn jetzt schon von den Cliffs of Midnight stürzen sehen. Geh ihm nicht hinterher.“
„Das werde ich“, sagte Roxie stammelnd, „er muss wissen, dass ich ihn nicht verfickt noch mal in Ruhe lasse.“
„Rox, du wirst noch mehr Ärger bekommen, und dein Coven steht sowieso schon auf der Beobachtungsliste“, tadelte Felicity. „Die Weeper werden es gar nicht mögen, wenn du dich mit Walker einlässt.“
„Das ist mir klar“, erwiderte Roxie, „ich will nur sehen, wo sie hingehen.“
Felicity sah erst amüsiert aus, dann wurde ihr Gesicht blass und sie wich einen Schritt von ihrer Freundin zurück.
„Nein ... ich komme nicht mit“, sie schüttelte den Kopf und umklammerte ihre Bücher noch fester. „Du musst lebensmüde sein oder suchst den Ärger förmlich.“
„Komm schon“, sagte Roxie, während sie den Rest ihrer Bücher in den Spind stopfte und ihn zuschlug, „ich nerve dich mindestens eine Woche lang nicht mehr mit ihnen.“
„Lügnerin ...“
„Vielleicht“, grinste Roxie, „sag bloß, du bist nicht neugierig auf ihre Geheimnisse.“
„Aber Walker ist dein persönliches Monster, Rox ... warum interessierst du dich so für ihn?“
Roxie lächelte, doch tief im Inneren hatte die junge Frau schreckliche Angst vor dem Weg, den sie gleich einschlagen würde – ein Weg, der entweder in Schmerz oder Vergnügen enden würde.
Oder in beidem.
Sie interessierte sich auch deshalb so sehr für Walker, weil sie gelernt hatte: Halte deine Freunde nah bei dir, aber deine Feinde noch näher.