KAPITEL 1: SALVAGE
DAX
Wenn du nach der perfekten Liebesgeschichte suchst, dann bist du hier falsch. Das Leben besteht nicht aus Blumen und Pralinen, die dir nach einem Streit vor die Tür geliefert werden. Das hier ist meine Geschichte. Wenn du Perfektion suchst... dann schnapp dir den Brennstoff, sprüh ihn über die Worte und zünde das Streichholz an. Denn das hier ist verdammt nochmal nichts für dich. Wenn du dich aber entscheidest zu bleiben, erzähle ich dir gerne meine Seite.
Die Welt ist ohne Zweifel völlig am Arsch. Ich glaube nicht, dass es jemals einen Weg zurück zu dem gibt, was auch immer „normal“ sein soll. Hattest du schon mal dieses taube Gefühl? Ich rede nicht davon, wenn man sich Heroin in die Adern gejagt hat oder eine Flasche Whiskey aus dem Barschrank der Eltern geleert hat. Nein.
Ich meine richtig taub. Wenn man für niemanden mehr etwas empfindet, nicht einmal für sich selbst. Es ist auch kein vorübergehendes Gefühl, es ist dauerhaft. Nach dem Sommer, den ich hinter mir habe, könnte es mir egaler nicht sein, wenn mir jetzt jemand eine Waffe an den Kopf halten würde. Verdammt, es würde nur mein Leiden beenden. An diesem Punkt ist es mir scheißegal, was irgendwer denkt. Ich bin ohnehin schon weg vom Fenster.
3 Monate zuvor...
Da ist sie wieder, immer um diese Tageszeit, 12:30 Uhr. Taucht bei diesem alten Wichser auf. Fährt in diese Einfahrt, als wäre sie die Einzige, die hier wohnt. Keinerlei Respekt vor anderen, während sie Slipknot in ihrem klapprigen Honda Civic auf voller Lautstärke dröhnen lässt.
Ich sehe den alten Mann nie sein Haus verlassen. Nur wenn sie vorbeikommt. Was zum Teufel ist sie? Eine verdammte Uber-Nutte? Wahrscheinlich hat keiner von beiden einen Job. Der alte Mann macht einen Scheiß in seinem Haus. Es ist schon peinlich genug, ihr Nachbar zu sein. Das war das Einzige, was in meiner Preisklasse lag, zumindest in diesem Teil der Stadt.
Ich habe das Gefühl, ich wohne neben einem Schrottplatz. Schraubenschlüssel, Bohrer, Kompressoren, Leitern, sogar ein verdammter Kühlschrank sind überall auf dem Grundstück verteilt. Rasenmähen muss er nicht. Was ein Vorteil ist, denn er könnte es sowieso nicht. Das Gras ist bestimmt einen halben Meter hoch, aber es liegt so viel Müll herum, dass man es gar nicht mähen kann. Ironischerweise liegen zwei Rasenmäher und ein Trimmer auf dem Schrottplatz.
Die Stühle auf ihrer Veranda sind völlig im Arsch. Sie bräuchten dringend eine Schweißnaht. Zerdrückte Bierdosen und Zigarettenstummel übersäen das Grundstück, achtlos hingeworfen. Ich will gar nicht wissen, wie es in ihrem Haus aussieht.
Ich würde wahrscheinlich verdammt noch mal kotzen, wenn ich den Anblick sehen müsste, ganz zu schweigen von dem Gestank. Ich kann diese Faultiere einfach nicht verstehen. Mein ganzes Leben musste ich hart arbeiten für das, was ich habe. Es widert mich an zu sehen, wie Leute das, was ihnen in den Schoß gefallen ist, für selbstverständlich halten. Faule Schlampen.
Die anderen Nachbarn erzählen mir ständig irgendeinen Mist über ihre „Ist-mir-doch-alles-scheißegal“-Einstellung. Sie haben mir erzählt, wie sie die mehrmals gemeldet haben, aber Gerechtigkeit gab es nie. Obwohl ich meine Vermutungen habe, halte ich lieber meinen Mund.
Scheiße. Sie steigt gerade erst aus ihrem Wagen, falls die Kiste überhaupt ihr gehört. Nachdem sie die Tür öffnet, setzt ein langes, seidiges Bein in Mandelmilchfarbe einen Fuß auf den Boden. Trägt sie Shorts? Man sieht verdammt viel Haut, und etwas in mir zieht sich zusammen. Mein Instinkt schlägt an, und ich will sie nur noch vor diesem Perversen beschützen, den sie gleich besuchen will.
Nö. Keine Shorts. Etwas noch Schlimmeres. Sie trägt ein verdammtes Kleid. Das geilste Sommerkleid, das ich je an einem Mädchen gesehen habe. Es passt ihr perfekt. Kurz, endet ein paar Zentimeter über dem Knie. Wenn sie sich bücken würde, hätte ich eine tolle Aussicht auf ihren Arsch. Verdammt. Allein der Gedanke lässt meine Leiste hart werden. Ich ertappe mich dabei, wie ich meine Hose richte. Ganz ruhig, Kleiner.
Ein Blumenmuster auf marineblauem Hintergrund, kleine weiße und indigoblaue Blüten. Ein Kleid, das ihr Dekolleté so gut zur Geltung bringt. Als wollte sie sich bedecken, trägt sie irgendeinen verdammten Pulli mit Löchern drin. Sieht aus wie gehäkelt. Keine Ahnung. Was soll der Mist überhaupt? Man sieht trotzdem alles, was sie zu verstecken versucht. Weiße High Heels lassen sie noch größer wirken.
Jeder Schritt ist zögerlich. Nicht so, als würde ihr das Anwesen gehören, sondern als hätte sie Angst davor. Sie geht auf die Tür zu, nestelt an ihren Schlüsseln, die Augen starr auf den Boden gerichtet. Ich merke, dass sie unsicher ist. Keine Ahnung, warum. Sie ist das schärfste Mädchen, das ich seit meinem Umzug hier gesehen habe.
Draußen steht noch der U-Haul und wartet aufs Ausladen. Ich kenne hier niemanden. Außer einen Kumpel, mit dem ich vor langer Zeit mal auf Montage war. Er meinte mal, Caledonia wäre eine gute Gegend zum Wohnen. Jetzt arbeiten wir wieder zusammen. Bei einem gut bezahlten Job für Satelliteninstallationen. Für den Moment reicht das.
Ich habe dafür gesorgt, dass ich irgendwohin ziehe, wo keine Spur von meiner Familie ist. Zum Teufel mit denen. Die Arschlöcher haben mir vorher nie geholfen, jetzt werden sie es auch nicht tun. Das stört mich kein bisschen, ich bin allein besser dran.
Verdammt. Sie hat mich beim Starren erwischt. Völlig in Tagträumereien verloren, während meine Augen ihren Körper scannen. Muss sie erschreckt haben, sie bleibt mitten im Gehen stehen und wirft zwei Blicke in meine Richtung. Gott, ist die hinreißend.
Helles, platinblondes Haar weht im leichten Wind. Genau richtig, um reinzugreifen, während ich sie von hinten durchnehme. Mein Schwanz findet die Idee gut. Sogar so gut, dass er sofort wieder wach wird.
Scheiße. Verdammt. Mist! Sie kommt hierher. Läuft über das hohe Gras und stolpert beinahe, weil ihre Absätze im Boden versinken. Ich lehne mich gegen das Gebäude und lasse sie auf mich wirken. Jetzt ist sie ganz nah. Wahnsinnige Augen.
Ich kann sie gar nicht richtig deuten. Ich habe noch nie solche gesehen, als würden sie einen Ausweg aus diesem Ort suchen. Makellos, so zierlich mit Beinen bis zum Himmel. Sie tritt an die ein Meter hohe Steinmauer, die uns dürftig trennt, und bleibt auf ihrem Grundstück stehen.
„Hi, ich bin Macey“, stellt sie sich vor. Ihre Stimme ist so süß, wie ich es mir vorgestellt habe. Sie streckt mir die rechte Hand hin. Anstatt sie zu ergreifen, starre ich sie nur streng an und beobachte ihre zitternden Lippen. Als sie merkt, dass ich sie nicht berühren werde, lässt sie die Hand langsam sinken. „Ich habe dich... äh, da drüben gesehen. Bist du der neue Nachbar? Brauchst du Hilfe beim Einzug?“
Ihre hohe, engelhafte Stimme klingt so verängstigt. Als würde ich sie gleich fressen oder so. Keine Sorge, Schätzchen, den Teil hebe ich mir für später auf. Ich lasse meine Augen über ihren Körper wandern. Ihre prallen Brüste ziehen meinen Blick auf sich. Sie muss es gemerkt haben, denn sie zieht diesen löchrigen Pulli enger. Als ich ihre fast farblosen Augen treffe, räuspere ich mich.
„Ja, ich ziehe heute ein. Ich schaffe das alleine.“ Keine Regung. Es gibt verdammt noch mal keinen Grund, warum ich zu diesem kitschigen Beziehungs-Bullshit zurückkehren sollte. Sie soll sich bloß keine Hoffnungen machen. Wenn überhaupt, dann ficke ich sie ein- oder zweimal. Wahrscheinlich macht das für sie ohnehin keinen Unterschied. Sie sieht aus wie die Sorte Mädchen, die sich gerne durch die Gegend fickt.
Sie steht unbeholfen da, die Füße fest zusammen. Ich hole eine Zigarette raus. Klemme sie mir lässig zwischen die Lippen. Zünde mir einen langsamen Tod an. Ich merke, wie sie beobachtet, wie ich an der Kippe ziehe. Sie schaut mich an, als hätte ich etwas Schlimmes getan. „Willst du auch eine?“, frage ich, um höflich zu sein. Sofort schüttelt sie den Kopf. Gut. Ich hätte ihr sowieso keine gegeben. Teilen steht nicht in meiner Stellenbeschreibung.
„Nein danke. Also, wenn du keine Hilfe brauchst, bin ich wieder weg.“ Sie dreht sich um und läuft zurück zu dem Haus von dem alten Mann. Seit ich die Gegend hier ausgekundschaftet habe, sehe ich sie ständig. Manchmal bleibt sie, aber meistens geht sie spät in der Nacht. Perverses Stück. Das Mädchen sieht nicht mal zwanzig aus. Dieser alte Wichser sollte ihr nicht zu nahe kommen. Das Gefühl, sie von ihm fernhalten zu müssen, ist beklemmend. Ich sehe ihr nach, wie sie langsam weggeht. Sie hat nicht mal auf meine Antwort gewartet. Muss wohl der Spannung entkommen wollen.
„Hey!“ Ich werde das noch bereuen. „Andererseits, Hilfe könnte ich gebrauchen.“ Sie wirbelt herum und schenkt mir ein Lächeln ohne Zähne. Na warte, dafür werde ich mich noch richtig ins Zeug legen müssen. Ich drücke meine Zigarette aus, bevor sie über die Mauer steigt. Ich werfe den Stummel in einen Topf in meiner Nähe.
Neben der Mauer bleibt sie stehen und überlegt, wie sie hochkommen soll. Ich strecke ihr die Hand entgegen. Sie betrachtet sie, zögert, und dann legt sie ihre Hand in meine. Ihre Hände sind so zart und klein.
Ich ziehe sie hoch, bis wir auf einer Ebene sind. „Danke“, flüstert sie zum Boden. Warum zur Hölle macht sie das? Das macht mich wahnsinnig. Bin ich wirklich so hässlich, dass sie mir nicht mal in die Augen sehen kann?
Richtung U-Haul. Da sie ein Kleid trägt, lass ich sie die Kartons tragen. Ich will nicht, dass sie versucht, ein schweres Sofa in High Heels zu heben. Die Kartons stehen ordentlich neben Matratze und Lattenrost. Kommode, TV-Tisch und Sofa stehen auf der anderen Seite. Gott sei Dank gibt es hier eine Waschmaschine und einen Trockner. Das Mädel könnte beides niemals allein heben.
„Nimm du schon mal die Kartons, während ich die Vordertür aufschließe“, befehle ich. Als sie nickt, gehe ich zur Tür, die Schlüssel klimpern in meiner Hand. Ich hake die Fliegengittertür auf, suche den richtigen Schlüssel und stecke ihn ins Schloss.
Sobald ich die Tür öffne, riecht es nach Zitronen und Farbe. Ein sauberer, neuer Geruch. Wahrscheinlich, weil ich vor ein paar Tagen noch wie ein Verrückter diese Hütte geschrubbt habe. Spricht für mich, wenn man bedenkt, dass ich Putzen hasse. Die Wände sind frisch gestrichen, in einem Dunkelgrau, mit weißen Leisten, die ins Auge stechen.
Blumenmädchen kommt mit einem Stapel von drei Kartons rein. Verdammt, ich habe sie unterschätzt. Sie meint es ernst. Ich mag entschlossene Frauen. Sie scannt den Raum, wahrscheinlich fragt sie sich, wo sie die Kartons hinstellen soll. „Du kannst sie einfach an die Wand stellen“, weise ich sie mit dem Finger an.
Sie gehorcht und huscht an mir vorbei. Ich nehme einen Hauch von ihrem Parfum wahr, das in der Luft hängt. Süße Blumen und Geißblatt, mit einem Hauch von Minze, wahrscheinlich von ihrer Zahnpasta. Das Klackern ihrer Absätze auf dem dunklen Parkett erzeugt das nötige Geräusch, um mich von ihrer lebendigen Schönheit abzulenken.
Als wir alle Kartons drin haben, setzt sie sich draußen auf die Stufe. Die Beine überschlagen, die Hand unter dem Kinn – ich sehe, dass sie fertig ist. „Du kannst jetzt gehen“, sage ich knapp und gehe ins Haus. Ich brauche sie nicht mehr. Ich will keine Gesellschaft und erst recht keine Hilfe. Sie steht nur im Weg. Auspacken will ich lieber alleine.
Nachdem die Tür zufällt, marschiert sie ein paar Sekunden später einfach wieder rein, ohne sie hinter sich zuzuziehen. „Hey, mach die verdammte Tür zu, bevor du die Fliegen reinlässt!“, schnauze ich. Ich hasse diese nervigen Viecher, die einem in den frühen Morgenstunden um den Kopf schwirren und den Schlaf rauben.
Sie steht da und sieht völlig fassungslos aus, als hätte sie noch nie jemand in die Schranken gewiesen. Wir starren uns einen Moment lang an, bevor sie das Wort ergreift. „Was für ein Arschloch“, murmelt sie vor sich hin, dreht sich um und stapft in Richtung Tür.
„Was hast du gesagt, Schätzchen? Sprich deutlicher. Wenn du mit dem Murmeln aufhören würdest, könnte ich vielleicht hören, was du...“ Sie tritt näher, jeder Schritt wirkt trotzig, und sie wirft mir einen undurchdringlichen Blick zu. Sie spricht jetzt noch lauter als zuvor.
„Ich sagte, was für ein Arschloch!“ Sie ballt die Fäuste und sieht aus wie ein süßes Kätzchen, das gleich die Krallen ausfahren will. „Ich opfere meine Zeit, um dir beim Umzug zu helfen, und bekomme nicht einmal ein Dankeschön. Ich fühle mich so respektlos behandelt. Du hast mir verdammt noch mal nicht mal die Hand geschüttelt oder mir deinen Vornamen verraten!“ *Fuck.*
Deswegen lasse ich mich nicht auf Beziehungen ein. Frauen sind wie Aliens. Eine hübsche Hülle, aber sobald man zum Kern vordringt, findet man nichts als kitschige Gefühle und eine verrückte Psycho-Bitch, die nur darauf wartet, rauszukommen. Man könnte meinen, sie kämen von einem anderen Planeten. Ich werde aus ihnen einfach nicht schlau und will es auch gar nicht erst versuchen.
„Ich habe nicht um deine Hilfe gebeten, Prinzessin. Du musst meinen Namen nicht wissen. Und jetzt, bitte sehr, sieh zu, dass du verschwindest.“ Ich beobachte sie gefühlskalt. Es ist besser so, wenn sie mich hasst. Alle anderen tun es auch, und bei ihr soll es nicht anders sein.
Mit offenem Mund steht sie da, in ihrem Kopf rattern sicher tausend Fragen. Anstatt zu streiten, dreht sie sich auf dem Absatz um und knallt die Tür hinter sich zu. Zurück bleibt nichts als das Echo ihrer klackernden Schuhe und ihr süßer Duft, der noch einen Moment in der Luft hängt.
Nachdem sie gegangen ist, beobachte ich, wie sie über den Hof zum Haus des alten Mannes stolziert. Sobald sie drin ist, hole ich mir ein Bier aus dem Kühlschrank und mache mich an die Arbeit. Ich packe alles aus den Kartons aus und bringe danach die leichten Möbel rein. Sachen, die nicht zu schwer sind, um sie allein zu tragen, wie den Küchentisch und die Stühle. Später werde ich Logan fragen, ob er mir bei dem schweren Scheiß hilft. Für den Moment werde ich sie auf die einzige Art aus meinem Kopf kriegen, die ich kenne, ohne sie anzufassen... *eine Dusche*.
Macey
*Für wen hält sich dieses Arschloch eigentlich?*, denke ich bei mir, während ich zum Haus stürme. *Ich fass es nicht, wie rücksichtslos er war!* Ich weiß, ich hätte nicht helfen müssen, und Gott weiß, er hat nicht darum gebeten. Aber ich weiß nur zu gut, dass man Dinge nicht gerne alleine macht, erst recht nicht einen Umzug.
Diese schwarzen Augen haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt, mit diesem tödlich kalten Blick. Das glatte, schwarze Haar, das meine Gedanken durchkreuzt. Die blasse Haut zwingt mich, die Augen zu schließen und diesen Anblick loszulassen. Eine glatte Rasur rund um seine ausdruckslosen, rosigen Lippen.
Ganz zu schweigen von seiner Kleidung, die den Blick auf seine prallen, tätowierten Bizepse lenkt. Die exzellenten Kunstwerke auf seiner Haut sind lebendig und doch tödlich, während ich sie begutachte. Ein schlichtes schwarzes Shirt liegt eng an seiner Brust, die dunklen Jeans hängen tief auf den Hüften und lassen den Boxershort hervorblitzen. Was für ein wunderschönes Geschöpf. Schade nur, dass sein Charakter nicht mithalten kann.
Die Art, wie seine Augen über meine Haut strichen... so hat mich noch nie ein Mann angesehen. Als wollte er mich, aber eben nicht *mich*. Natürlich haben mich Männer schon oft angesehen, als wollten sie mich, aber sein Blick war etwas Urwüchsiges. Als müsste er seinen Anspruch geltend machen.
Der unbekannte Mann dachte, er wäre unauffällig, aber in meinem Augenwinkel habe ich ihn beobachtet. Er hat mich beobachtet. Anfangs war es mir unangenehm, so wie immer, wenn ein Typ mich abcheckt. Aber irgendetwas an der Art, wie er mich wollte, war faszinierend. Ich wollte mich fast schon in Szene setzen, nur um zu sehen, wie sein Blick wieder auf mir ruht.
Dann änderte sich alles, als ich ihn ein Arschloch nannte. Sein Blick wirkte plötzlich verletzt, als wüsste er genau, dass er eines ist. Er bohrte sich in mich und löste Wut aus, aber ich bin es gewohnt, dass Leute laut werden. Seine Worte hallen trotzdem in meinem Kopf nach: *Wenn du mit dem Murmeln aufhören würdest.*
Ich kann nichts dafür, dass ich so schüchtern bin. Ich habe schon oft versucht, aus mir herauszukommen, aber dann dachte ich mir: *Warum sollte ich mich ändern?* Jeder sagt immer, man soll man selbst sein. In meinem Leben habe ich gelernt, dass man sich nicht an Kleinigkeiten aufhängen sollte. Ich habe größere Probleme, und er wird meine Laune sicher nicht ruinieren.
Ich schließe die Tür auf und die Hunde winseln. Zwei schwarze Gestalten tauchen auf. Als sie mich sehen, kratzen ihre großen Pfoten über meine Beine und hinterlassen auf meiner einst glatten Haut rote Kratzer. „Au! Runter, ihr zwei!“ Sie gehorchen, rennen in den Garten und holen einen quietschenden Ball.
Gander und Charlie streiten sich um das Spielzeug. Gander, der Deutsche Schäferhund, schnappt es sich und bringt es mir. Ich nehme den vollgesabberten Ball und werfe ihn. Gander springt und fängt ihn in der Luft. „Feiner Junge! Bring ihn her!“, rufe ich und klatsche in die Hände. Ich lächle, während wir das noch fünfmal wiederholen. Ich halte nur kurz an, um auf die Toilette zu gehen.
Die Welpen werden müde, also geht es zurück ins Haus. Drinnen ist der Gestank unerträglich. Zigaretten, Bier und ungewaschene Hunde hängen in der Luft. Die dunkle Küche ist ein einziges Chaos, das Geschirr stapelt sich in der Spüle. Werkzeuge liegen mitten im Raum und versperren den Weg durch das Haus.
Überall auf den Arbeitsflächen stehen Lebensmittelkartons. Unbezahlte Rechnungen liegen auf dem Küchentisch. Farbdosen sind übereinandergestapelt. Hundehaare kleben in Büscheln auf dem Boden. *Gott, jedes Mal, wenn ich hierherkomme, wird es schlimmer.* Ich putze diesen verfluchten Laden jedes Mal, wenn ich hier bin, und ich habe es so satt.
Er ist nicht da, niemand ist da. Nur das Klicken der zu langen Hundekrallen auf dem Boden ist zu hören. Im Hintergrund läuft leise das Radio, um die Hunde zu beruhigen.
Kein Kabelfernsehen, nur alte DVDs auf dem Fernseher. Er kann sich nicht mal die Stromrechnung leisten, geschweige denn Kabelanschluss. Ich schaue nicht viel fern, aber er tut es. Sein Leben besteht nur aus Trinken, Rauchen und Schnorren. Meine Anwesenheit ist hier für niemanden von Wert.
Alle sagen, wir hätten alle eine Bestimmung, einen Grund, warum wir auf dieser Welt sind. Das sagen die Leute nur, um die kalte, harte Wahrheit zu vertuschen. Wir sind nur aus einem Grund hier. Alles geschieht aus einem Grund. Der Grund war, dass unsere Eltern Sex hatten, und hier sind wir nun.
Die Highschool ist für immer vorbei, ich habe letzten Monat im Mai meinen Abschluss gemacht. *Was ist jetzt meine Bestimmung?* Wie mein Vater bin ich arbeitslos. Wie meine Brüder bin ich nicht auf dem College. Was meine sogenannten Freunde angeht, so habe ich keine. Einen Freund?
*Ha! Der war gut.* Ich wurde noch nie von einem Jungen berührt, es sei denn, man zählt ein Stupsen in die Schulter, um bei einem Test abzuschreiben. Ziemlich skandalös, wenn man mich fragt. Abgesehen von etwas, das tief in meinem Inneren vergraben liegt und das ich nie wieder an die Oberfläche kommen lassen will.
Ich war einmal in der Kirche. Der Prediger sagt, man soll darüber beten und Gott um Führung bitten. Dann gibt es die Leute, die sagen, man solle Gott nicht hinterfragen. *Na ja, wenigstens rede ich mit ihm, oder?* Das ist besser, als ihn zu ignorieren.
Ich bin so verwirrt, was ich mit mir anfangen soll, dass es mich krank macht. Ich bin in eine Depression gefallen, von der ich nicht einmal wusste, dass sie existiert. Keine Freunde, kein Job, keine Familie, kein Leben. *Wofür soll man leben?* Jeden Tag mache ich das Gleiche. Ich wache glücklich auf, komme nach Hause, liege abends alleine im Bett und weine mich in den Schlaf. Meine Augen weinen die Worte, die nicht ausgesprochen werden können. *Warum bin ich hier? Wohin soll ich gehen? Warum bin ich so allein?*
Ich habe so viel geweint, dass es hätte Dürre geben müssen. Mein Kopf schmerzte schlimmer als nach jedem Schlag. Hier bin ich, wieder allein. Es gibt Dinge, die ich tun möchte, von denen ich träume, für die ich sterben würde. Aber als junges Mädchen ist es nicht sicher, loszuziehen und seine Träume zu verfolgen. Manchmal denke ich daran, mein ganzes Erspartes zu nehmen. Alles, was ich in den sechs Monaten gespart habe, als ich tatsächlich einen Job als Kellnerin in einem Diner hier in der Stadt hatte, und einfach zu verschwinden. Raus hier, egal wohin, nur weg aus North Carolina.
So einfach ist es nicht. Früher oder später würde mir das Geld ausgehen. Die Zeit, um meine Zukunft zu planen, würde knapp werden. Selbstmord kam mir nie in den Sinn, aber es gab Momente, in denen die Welt zu dunkel für mich war, um sie zu ertragen. Dämonen gruben ihre Krallen in die Windungen meines Gehirns und rissen mich auseinander. Ich brachte keinen Bissen runter. Schlaf war alles, wonach ich mich sehnte, den ich aber nicht finden konnte. Der Tod war das Einzige, was ich mir wünschte, wofür ich betete, aber nie erhielt.
Ein Junge aus der sechsten Klasse starb mit sechzehn Jahren bei einem Autounfall. Ich hätte ihm mein Leben gegeben, wenn er dafür hätte leben können und ich vergessen worden wäre. Sein Leben war es wahrscheinlich wert, gelebt zu werden. Tage vergingen, an denen ich es kaum erwarten konnte, achtzig zu werden, damit das Sterben schneller ginge. Die Leute wollen nicht altern, aber ich schon. Sagt nicht, man soll sich den Tod nicht wünschen, niemand weiß, wer ich bin. *Was für einen Sinn hat es zu bleiben, wenn nicht einmal jemand weiß, dass man hier ist?*
*Warum sterben unschuldige Kinder?* Ich denke an all die schrecklichen Tragödien, die passiert sind. Ich ertappe mich dabei, wie ich mich frage, warum *ich* noch hier bin. Ich habe keinen Sinn. Ich treibe einfach nur durchs Leben. Diese Kinder hätten Ärzte werden können, sie hätten Leben retten können. *Warum wurden ihnen ihre Leben so früh genommen?* Ich verstehe einfach nicht, warum manche gehen müssen und andere bleiben.
Damit den Rest meines Lebens zu leben, könnte mich umbringen. Es wundert mich, dass es das noch nicht getan hat. In Angst zu leben. Angst davor, nie geliebt, akzeptiert oder gewollt zu werden. Meine größte Angst ist die Angst, nicht an mich selbst zu glauben. Meine Ziele nie zu erreichen. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an die Tragödie denke, die mich für immer verändert hat.
Dax ist kein freundlicher Typ. Er ist ein Einzelgänger. Ich weiß, dass sich die meisten Männer nicht so verhalten. Zumindest hoffe ich das. Ich wollte, dass Dax' Charakter heraussticht. Sein Auftreten ist mies. Ihr werdet verstehen, warum, wenn ihr weiterlest. Macey hat das schnell begriffen. Was hat sie wohl zu verbergen? Bleibt dran und seht, wohin die Reise sie führt.
Vielen Dank fürs Lesen des ersten Kapitels! Lasst mich wissen, ob es euch gefallen hat, indem ihr abstimmt! 😁