Hinke-Thorsten

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Zusammenfassung

Ein soziopathischer Killer auf der Flucht. Nur eine alte, einsame Frau steht zwischen ihm und einer sorgenfreien Zukunft. Das sollte ja nun kein Problem sein ...

Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
1
Rating
n/a
Altersfreigabe
16+

Hinke-Thorsten

Nico Kollmann drehte den Zündschlüssel und der Motor erstarb. Nach kurzer Stille begannen die Vögel im umliegenden Wald wieder zu zwitschern, nur unterbrochen vom leisen Knacken des abkühlenden Motors. Hier würde man die Karre so schnell nicht finden, zumindest nicht, so lange ihr Besitzer im Kofferraum nicht anfangen würde zu stinken. Nico hatte ein Auto gebraucht, der Typ hatte eins gehabt — so einfach war das. So war es immer gewesen.

Menschen hatten für ihn nur so lange einen Wert, wie sie von Nutzen waren. So wie Thorsten Schellenberg, Hinke-Thorsten, der Idiot aus der Nachbarzelle. Hinke-Thorsten fehlte der rechte Unterschenkel. Verdammter Krüppel.

Die Jungs erzählten sich, er hätte einen Juwelier ausgenommen. Aber die Beute hatte man nie gefunden. Und dann hatte er Nico eines Tages erzählt, wo er sie versteckt hatte. Ausgerechnet ihm! Obwohl Nico ihm täglich das Leben zur Hölle gemacht hatte. Vollidiot. Nico hatte gelächelt, ihm brüderlich den Arm um die Schulter gelegt und ihm anschließend mit einer abgebrochenen Zahnbürste sein armseliges Leben aus dem Körper gehackt.

»Tu bitte meiner Mutter nicht weh«, hatte er noch gestöhnt und war dann mit einem seltsam verzerrten Lächeln auf den Lippen krepiert. Jammerlappen. Nico lachte trocken auf. Als ob ihn irgendeine alte Schabracke interessieren würde. Zwei Wochen später war er geflohen und direkt hierher gekommen. Sämtliche Bullen des Landes waren ihm inzwischen auf den Fersen. ›Bewaffnet und gefährlich‹, hieß es. Darauf kannst Du einen lassen, dachte Nico. Aber wenn alles nach Plan lief, wäre er in ein paar Tagen mit neuen Papieren irgendwo in Thailand und hätte genug Kohle, um bis ans Ende seiner Tage durchzusaufen und zu -vögeln.

Er trat aus dem Wald und blickte einen Hügel hinab in das kleines Eifeldorf. Zeit, der alten Dame einen Besuch abzustatten.

Nico betrachtete das Haus. Armseliger Bau. Kein Wunder, dass Thorsten so ein Versager geworden war. Kollmann hob den Finger und drückte den Klingelknopf. Er lauschte auf die Glockentöne hinter der Haustüre und wartete. Sollte die Alte Ärger machen, würde er ihr das schnell austreiben. Schlurfende Schritte näherten sich von innen.

Die Haustüre öffnete sich einen Spalt und ein von grauen Haaren umrahmtes, runzliges Gesicht erschien. Hellblaue Augen musterten ihn abschätzend. Nico Kollmann setzte das auf, was er für ein Lächeln hielt, aber eher an einen zähnefletschenden Wolf erinnerte.

»Hallo Frau Schellenberg …« Er kam nicht weit.

»Thorsten!« Glücklich lächelnd riss Anneliese Schellenberg die Haustüre auf. »Das ist aber schön, dass Du mich besuchen kommst!« Sie breitet die Arme aus, ging auf ihn zu und umarmte ihn herzlich. Das Nico Kollmann sich dabei wie ein toter Baum verhielt, schien sie nicht weiter zu stören. »Komm rein«, rief sie. »Ich mache uns erst mal eine schöne Tasse Kaffee und dann koche ich Dir Dein Lieblingsessen.« Sie marschierte ins Haus. »Es ist so schön, Dich zu sehen«, rief sie dabei fröhlich über die Schulter.

Nico gab ein paar brabbelnde Laute von sich. Dann verstand er: Die Alte war vollkommen dement! Gaga in der Birne. Nur noch Schaum im Hirn. Das könnte die Sache extrem vereinfachen. Abgesehen davon hatte er lange nichts Vernünftiges mehr gegessen und mächtig Kohldampf.

Grinsend ging er ins Haus und schloss die Haustüre. Mal sehen, was der liebe Thorsten für ein Lieblingsessen hatte.

Nico Kollmann schob den Teller von sich und schmatzte zufrieden. Die alte Schachtel war vielleicht weich in der Birne, aber Kochen konnte sie noch.

»Komm, nimm doch noch ein Stück Braten, Thorsten.« Anneliese Schellenberg griff zum Messer und begann, eine weitere Scheibe abzuschneiden, aber Nico wedelte abwehrend mit den Händen.

»Ich kann wirklich nicht mehr, Mama«, sagte er. Anfangs hatte er sich damit etwas schwer getan, aber inzwischen ging ihm das recht leicht über die Lippen. Irgendwie fand er die ganze Sache mittlerweile sogar ziemlich witzig.

»Na gut«, sagte sie und fing an, abzuräumen. »Ich spüle dann mal ab. Schau doch so lange etwas fern.«

Warum eigentlich nicht? Er setzte sich aufs Sofa und ›Mama‹ brachte ihm sogar noch ein Bier. Beinahe hätte er laut aufgelacht. Er schaltete den Fernsehe ein und zappte durch die Programme. Er hatte beschlossen, die Nacht hier zu verbringen. Das war so ziemlich der letzte Ort, an dem man in vermuten würde. Und den Termin mit seinem Hehler hatte er eh erst morgen Nachmittag. Dann wäre die alte Wachtel schon lange kalt und er reich. Zufrieden nahm er einen großen Schluck Bier.

›Der Mann ist überaus gefährlich. Bitte wenden sie sich für den Fall sofort an die Polizei und …‹

Nico Kollmann starrte auf den Fernseher. Sein Gesicht, in all seiner Pracht, groß in den Nachrichten.

»Was ist nur aus dieser Welt geworden?«, fragte Anneliese Schellenberg plötzlich direkt hinter ihm. Nico verschluckte sich. Verdammt. Die Alte bewegte sich trotz ihres Alters leise wie ein Puma. Nico wirbelte herum, bereit, der irren Wachtel den Hals umzudrehen. Aber sie stand nur da und schaute traurig auf den Fernseher.

»Hoffentlich schnappen sie diesen Verbrecher!« Dann lächelte sie auf ihn herab. »Wie gut, dass Du nicht so geworden bist, Thorsten«

»Ja, Mama«, sagte er grinsend. »Da hast Du Recht.«

»Und jetzt: Ab ins Bett, junger Mann! Sonst kriege ich Dich morgen früh wieder nicht wach und Du kommst zu spät zur Schule.« Anneliese drückte ihm einen zweiteiligen, blauen Frotteeschlafanzug in die Hände. »Keine Widerrede und vergiss nicht wieder, Dir die Zähne zu putzen.« Sie gab einem perplexen Nico Kollmann einen Kuss auf den Scheitel.

Nico Kollmann schlug die Augen auf, an der Decke fixierten ihn die Mädels von TLC. Mein Gott, Thorsten. Du warst echt ein kompletter Loser.

Er erhob sich aus dem Jugendbett und lockerte seinen Nacken. Kurz nach 3. Zeit, an die Arbeit zu gehen.

Er schlich in Anneliese Schellenbergs Schlafzimmer, glitt ans Bett und holte mit einer geübten Bewegung ein Rasiermesser aus der Tasche. Kollmann empfand keinerlei Bedauern. Die Ironie, ausgerechnet von Thorstens Mutter umsorgt zu werden, hatte ihn köstlich amüsiert. Aber jetzt war der Spaß vorbei. Er beugte sich vor und riss die Bettdecke zurück. Das Bett war leer.

Wo war die alte Hexe? Wahrscheinlich tappte das debile Reptil irgendwo verwirrt durchs Haus. Er lauschte, konnte aber kein Geräusch wahrnehmen. Egal, darum würde er sich später kümmern. Jetzt wollte er endlich die Klunker in Händen halten.

Er ging in den Keller und fand die Waschküche mit dem Heißwasserboiler. Er quetschte sich hinter den Boiler, fand die Wartungsklappe für den Abwasserkanal und nahm die Abdeckung ab. Dann griff er in die dunkle Öffnung und strich mit seinen Fingern suchend über die glitschigen Innenwände. Wo war das Zeug? Hatte Hinke-Thorsten ihn etwa verarscht? Dann ertastete er den Draht. Er zog daran und spürte das leichte Gewicht am anderen Ende. Die Spannung fiel von ihm ab und er begann euphorisch zu kichern. Zentimeter für Zentimeter zog er den Draht vorsichtig aus der Öffnung, bis er eine metallische Hülse mit Schraubverschluss in Händen hielt. Hektisch drehte er den Deckel ab, warf ihn achtlos zur Seite und griff in den Behälter.

Leer! Das verdammte Ding war leer. Panisch schaute er hinein. Doch, da war etwas. Ein Stück Papier. Hastig zog er es heraus.

›Schäm Dich!‹ stand in krakeliger Handschrift darauf. Nico stieß einen erstickten Laut aus und ließ entgeistert die Hülse fallen. Gedanken rasten durch seinen Kopf, keiner davon klar.

»Ja, schäm Dich!«, erklang plötzlich Annelieses Stimme vorwurfsvoll direkt hinter ihm. »Ich dachte wirklich, Du hättest Dich geändert Thorsten und nichts mehr mit diesen dreckigen Drogen zu tun.« Bedauern lag in den letzten Worten.

Nico fuhr herum, schaute in Annelieses traurige, aber entschlossene Augen und bemerkte erstaunt ihre seltsame Haltung. Wie Babe Ruth, der Baseballspieler, vor einem Homerun, dachte er noch verwundert, dann kam das Schaufelblatt auf ihn zugerast, und für einen Moment kam er nicht umhin, Annelieses brillante Haltung zu bewundern.

Der Waschkeller explodierte in einem orangenen Blitz und die Dunkelheit kam.

Nico Kollmann erwachte. Sein Schädel fühlte sich an, als ob jemand mit einem Lötkolben darin rührte. Der metallische Geschmack von Blut füllte seinen Mund und mit der Zunge überzeugte er sich davon, dass seine Schneidezähne nicht mehr an ihrem Platz waren. Er versuchte sich aufzurichten, aber irgendwas hielt ihn zurück. Über seine seltsam schiefe Nasenspitze erkannte er, dass er auf einer Liege fixiert war. Aber es war der blaue Frotteeschlafanzug, den er trug, der ihn etwas längst vergessen Geglaubtes spüren ließ: Nackte, kalte Angst.

Außerhalb seines Blickfeldes öffnete sich eine schwere Tür, dann stand Anneliese Schellenberg vor ihm.

»Bind mich sofort los, Du alte Hexe!«, rief er, aber aufgrund seines allgemeinen Zustands klang es eher, wie eine Sprachübung mit Kartoffel im Mund.

»Ach, Thorsten …«, begann Anneliese traurig und schaute ihn bekümmert an. »Ich bin sehr enttäuscht. Die dreckigen Drogen, die Du im Rohr versteckt hattest, habe ich schon lange im Klo runtergespült.«

Drogen? Was für Drogen? Was faselte die Alte? Diamanten! Darum ging es doch. Di-a-man-ten!

»Natürlich weißt Du, was jetzt kommt«, fuhr Anneliese fort und stellte heißes Wasser und Verbandszeug auf einen Tisch neben seiner Liege. Dann begann sie, sein rechtes Hosenbein hochzukrempeln. »Ich tue das nicht gerne, aber es muss sein. Damit Du nicht wieder wegläufst und Dummheiten machst.« Sie schob die Ärmel ihrer Bluse hoch und lächelte ihn milde an. »Ich mache das ja nur, weil ich Dich so lieb habe. Das verstehst Du doch.«

Sie beugte sich nach unten und hantierte stöhnend herum. Ein singendes Geräusch erfüllte mit einem Mal den Raum und Anneliese richtet sich wieder auf, eine Handkreissäge in der Hand. Sie schaute auf Nicos beiden Beine und runzelte die Stirn.

»Komisch. Ich war sicher, wir hätten das schon mal gemacht«, sagte sie nachdenklich. Dann richtete sie sich auf, schaute ihn aufmunternd an und sagte: »Was soll’s. Legen wir los.« Sie schob sich eine Schutzbrille über die Augen. »Und nachher koche ich uns was Schönes«, rief sie. Dann senkte sie die Säge.

Nico Kollmann nässte sich ein und schrie sich anschließend in eine gnädige Ohnmacht.

Eine halbe Stunde später verließ eine mit Blut bespritzte und gut gelaunte Anneliese Schellenberg den schalldichten Raum hinter einem Vorratsregal im Keller und machte sich auf den Weg in die Küche, um etwas Leckeres zu kochen.

Die zwei Beamten der JVA Köln betrachten gelangweilt die Überwachungsmonitore.

»Den Kollmann haben die immer noch nicht. Schon vier Wochen weg, der Drecksack. Lässt sich sicher irgendwo die Sonne auf den Pelz scheinen«, sagt der eine und kaut auf einem Bleistift.

»Und Hinke-Thorsten, die arme Sau, liegt massakriert unter der Erde. War kein schlechter Kerl«, erwidert der andere. »Aber vielleicht war es ja besser so.«

»Was meinst Du?«

»Wussteste nicht? Der Schellenberg hatte Krebs im Endstadium. War komplett auf Morphium. Besser schnell und hart, als elendig lange krepieren.«

»Da ist was dran«, sagte der Wachmann und kaute wieder auf seinem Bleistift.