Prolog
Zehn Jahre zuvor
„Gehe niemals in den Wald.“
Die Regel war so einfach, selbst ein Kind konnte sich das merken.
Immer und immer wieder war sie uns eingetrichtert worden. So lange, bis es zu unserem Gebet vor dem Schlafengehen und zu unserem ersten Gedanken bei Sonnenaufgang geworden war. Bis die Angst vor dem, was passieren würde, wenn wir uns nicht an dieses ungeschriebene Gesetz hielten, in unsere Knochen und Seelen vorgedrungen war. Bis die Furcht so real war, dass schon ein Blick auf die düsteren Baumkronen, die uns auf den Talhängen zu beiden Seiten einkesselten, reichte, um unser Herz zum Rasen zu bringen.
Seit ich denken konnte, beherrschte die Angst mein Leben. Sie war mir mit der Muttermilch geradezu eingeträufelt worden.
Wir mussten uns fürchten. Vor der Dunkelheit, vor der Nacht, vor dem Mond und seinen Kreaturen. Wir mussten uns davor fürchten, dass sich die Schatten des Waldes eines Tages ausbreiten und die Sonne und die Wärme der Welt verschlingen würden, wenn die steinernen Mauern, die uns innerhalb unseres Reiches geschützt hielten, zerbröckelten.
„Das Volk des Mondes ist gefährlich, meine Sonnenblume. Wenn du jemals ihre Seite überquerst, wirst du bei Einbruch der Nacht tot sein“, hatte mein Vater mir schon oft erzählt. „Sie schlitzen jedem die Kehle auf, der sich in ihr Reich wagt.“
Seine Worte waren grausam für ein Kind, aber notwendig. Man musste mir diesen Schrecken beibringen, denn es war die Furcht, die mich vor dem Tod beschützen würde. Sie würde mich am Leben halten.
Ich fürchtete mich oft. Jeden Tag mindestens sieben Mal.
Und doch stand ich nun draussen in der Kälte, nur in einem weissen Nachthemd gekleidet und blickte in die düsteren Schatten des Waldes, die sich über mich zu lehnen schienen. Es war der Ruf eines Wolfes, der mich geweckt und zur hohen Steinmauer gelockt hatte, die das Reich des Mondes vom Reich der Sonne trennte. Jene Mauer, die vor Jahrzehnten von meinen Vorfahren errichtet worden war.
Die tödliche Grenze, die niemand überschreiten durfte.
Obwohl die Trockenmauer nicht sonderlich stabil aussah, war die Magie, die sie umgab, unbezwingbar. Niemand konnte sie durchbrechen. Sie hielt die Schatten und ihre Bewohner von uns fern. Der Zauber wirkte allerdings nicht auf die Tiere, die sich ins Zwielicht des Waldes trauten. Sie überquerten die Grenze zwischen Dunkelheit und Licht wann immer sie es wollten.
Sola sei Dank waren die meisten von ihnen harmlos, aber bei weitem nicht alle. Es gab besonders grauenvolle unter ihnen und vor diesen galt es sich zu schützen. Die Männer unseres Dorfes hatten dafür Waffen aus dem härtesten Stahl geschmiedet, den es in unserem Reich gab.
Eine Waffe war das Einzige, was ich in diesem Moment nicht bei mir trug, obwohl ich doch so unfassbar nahe an der Mauer stand.
Ich sei zu jung für einen Dolch, behauptete mein Vater.
Zwölf Sommer waren meiner Auffassung nach bei Weitem nicht zu jung, um sich wehren zu dürfen, aber dem Familienoberhaupt galt es nicht zu widersprechen. Ich sollte mit einem Dolch ausgerüstet werden, wenn ich dafür reif war. Zu meinem Frust war dieser Augenblick noch lange nicht gekommen.
Eine kühle Brise strich über meine Schultern, als wollte der Wind mir sagen, dass ich nähertreten sollte. Ich stand schon eine ganze Weile hier und starrte in die dunkle Leere des Waldes. Meine Haut war unter dem Nachthemd bereits kalt geworden und meine Zähne klapperten laut. Ein sonderbares Kribbeln kroch meine Wirbelsäule hinauf, bis es meinen Hals erreichte und ein Prickeln im Nacken hinterliess. Ich hatte plötzlich das Gefühl, von der Dunkelheit beobachtet zu werden. Als hätte der Wald Augen entwickelt, mit welchen er zurückstarren konnte.
Kalt, furchtlos und auf seltsame Weise verlockend.
Entschlossen nickte ich mir selbst zu und dann begann ich, die Mauer zu erklettern. Mein Griff war fest und sicher.
Ich streckte meinen rechten Arm durch und zögerte nicht, als ich nach der kleinen Holzskulptur griff, die ich von meinem Schlafzimmerfenster aus auf der Mauerkrone erspäht hatte. Meine Finger umschlangen die Figur und dann stiess ich mich ab. Ich landete sicher auf beiden Füssen, trat ein paar Schritte von der Mauer zurück und hielt den Gegenstand ins Licht der Sterne.
Ich musste unverzüglich lächeln.
Es war ein Geschenk der Mondgeister. Das wusste ich von ganzem Herzen.
„Danke“, flüsterte ich noch immer lächelnd, raffte mein Nachtkleid und schlüpfte zurück in die Sicherheit meines Hauses.









ich bin ja eigentlich aus meiner Werwolf Geschichte Phase ein bisschen raus seit dem ich so viel davon gelesen habe.. But now im full back.. 😂
da ich dir als Autorin vertraue bin ich selbst auch gespannt wo es jetzt hinführt 😊
Wow! Was für ein Start in die Geschichte. ❤️
Wunderbarer Einstieg, der mir einmal mehr beweist, wie großartig diese Autorin schreibt und warum ich sie zu meinen absoluten Favoriten zähle! Ich wünschte mir, ich hätte dieses Talent. Voller Vorfreude blättere ich weiter.