Kapitel 1 Ankuft des neuen
Was mache ich hier eigentlich? Bin ich nur ein weiteres Geschöpf im Karussell des Lebens was eigentlich keine Berechtigung hat zu leben? Oder ein missglücktes Experiment eines verrückten Wissenschaftlers? Lebe ich noch oder befinde ich mich an einen Ort jenseits der Realität? Diese Fragen quälen mich seit mir bewusst wurde, dass ich nicht normal bin. Nicht so wie die anderen Kinder in meiner Umgebung. Sie hatten keine Hörner an den Köpfen und kleine Flügel auf den Rücken. Nein sie sahen wie normale Kinder aus. Nichts was aus ihren Köpfen wächst oder aus den Rücken. Nur ich...ich gehörte da nicht hin. Wo auch immer ,,da" gewesen ist. Ich kann mich nicht mehr an vieles erinnern was vor dem hier und jetzt passiert ist, also auch nicht den Grund für mein Aussehen. Wurde ich so geboren oder wurde ich durch eine Krankheit so? Ich weiß es wirklich nicht mehr. Alles was ich weiß, ist das ich an einen regnerischen Tag im Juli vor der Tür einen großen Gebäude stand und meine Kleidung bis auf die Knochen nass war. Mein ganzer Körper zitterte vor Kälte und ich fühlte mich wirklich schlecht. Wie ich es bis vor die Tür geschafft habe weiß ich auch nicht mehr. Ich war...einfach plötzlich vor dieser und starrte wie hypnotisiert auf das Schild, das dort hing. ,,Arisu Kinderheim. Alle sind willkommen" stand dort geschrieben und am Ende war noch ein komisches lachendes Gesicht. Irgendwie machte es mich traurig dieses Gesicht zu sehen. Es sah so viel glücklicher aus als ich mich fühlte, oder je gefühlt habe. Oder stand es auf den Kopf und ist eigentlich traurig und fühlt sich innerlich genauso leer wie ich? Sollte ich es umdrehte damit ich mich besser fühle? Oder lieber so lassen um anderen nicht die Freude zu verderben? ,,Ich...weiß es...nicht...", nuschelte ich vor mich hin und hielt nach einer Klingel Ausschau. Aus irgendeinem Grund bin ich ja hier hergekommen und diesen Grund muss ich herausfinden. Und vielleicht hilft es ja wenn diese Tür auf geht.
Als ich die Klingel fand drückte ich vorsichtig mit all meiner Kraft drauf. Ich war wirklich nicht sehr stark und es dauerte etwas bis ich sie drücken konnte. Leise vernahm ich eine Rhythmische Melodie ,die im Inneren des Hauses ziemlich laut klang, gefolgt von einem lauten und schnellen Gepolter. Ganz so, als würde jemand sich beeilen um rechtzeitig zur Tür zu kommen. Als würde ich weggehen wollen. Wo sollte ich denn auch hin? Ich habe bestimmt keinen Ort wo ich hin kann, da kann ich auch gleich hier stehen bleiben und abwarten was passiert.
,,Ich bin da! Geh bloß nicht weg...ich muss nur diese Tür auf bekommen und dann...", hörte ich eine weibliche Stimme von der anderen Seite der Tür. Danach vernahm ich einige Geräusch die ich nicht ganz zuordnen konnte. Entweder klang es, als sei ihr etwas metallisches auf den Boden gefallen und ich hörte etwas was sich wie ,,Fuck" anhörte. Oder ich hatte es mir eingebildet, da ich schon seit dem ich vor der Tür stand ein kleines klingeln auf dem rechten Ohr hatte. So als würde jemand andauernd auf eine Klingel in meinen Kopf drücken.
,,Ok. Ich hab ihn gefunden. Ich muss die ganzen Schlüssel mal beschriften", nuschelte die Stimme vor sich hin und steckte wohl den Schlüssel in die Tür. Im nächsten Moment ging die Tür mit einen Ruck auf und ich sah...
,,Du sahst Arisu in voller Pracht. Ja, ja Hōn. Die Geschichte kennen wir schon zu genüge". ,,Genau such dir mal ne neue aus für uns. Die kannst du ja den neuen die immer kommen erzählen". Die beiden Zwillinge Yuka und Yaku verdrehten die Augen und zuckten unruhig mit ihren Herzschwänzchen umher. Etwas verdutzt sah ich die beiden an. ,,Wie bitte? Ihr liebt doch die Geschichte. Schließlich hat mit mir alles angefangen", warf ich ein und verschränkte die Arme vor meiner Brust. Die beiden verdrehten nur die Augen und verließen mit hin und her wehenden Herzschwänzchen das Zimmer. ,,Die beiden sind ja gar nicht mehr so süß wie vor 2 Jahren", murmelte ich vor mich hin und spürte ein leichtes drücken an meinen rechten Arm. Als ich an diesen hinunter sah, erblickte ich unser jetziges Nestling: Mok. Ein kleiner Junge mit weißer Haut, einen schwarzen Auge, 2 große gestreifte Hörner auf den Kopf und schwarz weißen Haaren. Und zusätzlich mit einen ziemlich traurigen Blick. Sofort kam ich zu ihm runter, da ich es nicht leiden kann wenn kleine Kinder traurig sind. ,,Was ist los Mok? Soll ich die Geschichte für dich weiter erzählen?". Mok verstärkte seinen Griff um meinen Arm und schüttelte den Kopf. ,,Nein...ich...will....was essen...hab Hunger...", stotterte er ängstlich. Ich nickte und stand langsam auf, dabei nahm ich ihn sanft an die Hand. Alleine würde er sich nur verlaufen, dachte ich und da ich eh in die Küche wollte konnte ich ihn dort auch mit hin nehmen. Er war schließlich das Nestling von uns und ich war dafür zuständig mich um ihn zu kümmern bis er auf eigenen Beinen stehen könnte.
Auf den Weg in die Küche sah ich mir noch die Zimmer der anderen Kinder an. Das Zimmer der Zwillinge war unaufgeräumt wie immer, so wie das von Wolf und Kitsu. Das einzige was neben meinem in Ordnung war, war das von Mok und der ,,lieben" Rose. Insgesamt sind wir zu siebt und unterschiedlicher Art. Die Zwillinge sind kleine Teufel und benehmen sich dementsprechend auch. Mok ist ein Imp, ein sehr kleines Wesen das eigentlich nicht viel zu sagen hat in der Welt in der wir leben, also aus den Erzählungen von Arisu. Ich selbst weiß nicht in welcher Welt wir leben. Wolf ist ein Werwolf und Kitsu ist eine Kitsune, dazu muss ich wohl nichts weiter sagen oder? Und Rose ist von der grüner Daumen Art. Sie kann alles was sie anfasst wunderschön gestalten mit Blumen oder Farben. Sie ist auch die einzige, die so etwas wie Zauberkräfte besitzt. Leider bildet sie sich ganz schön was darauf ein und bezeichnet uns andere als komplett nutzlose Wesen. So als wäre unser Dasein unnütz und ohne Sinn. Na ja...wenn ich ehrlich bin hab ich immer schon so gedacht. Schließlich sehen nicht viele so aus wie wir. Wenn nicht zu sagen, die Chance jemand zu treffen ist fast Null. Aber...trotzdem hab ich welche gefunden. Oder viel mehr haben sie mich gefunden. All diese Kinder sind nämlich nach mir hier angekommen. Und alle erzählen das gleiche: sie wissen nicht wie sie vor die Tür des Heims kamen, aber plötzlich waren sie da und Arisu hat sie aufgenommen. Ist das nicht seltsam und etwas verdächtig? Ich meine: wir können uns alle an nichts was vor diesem Heim war erinnern, unregelmäßig kommt ein neues Kind und danach sieht keiner mehr Arisu. Das ist einfach...so merkwürdig...vielleicht sollte ich dem mal auf den Grund ge....
,,Hōn...ich hab Hunger", nuschelte Mok neben mir und holte mich zurück ins hier und jetzt. Sofort sah ich zu ihm runter und lächelte. ,,Geht klar Moki. Auf was hättest du denn Lust? Toast? Pfannkuchen? Oder doch nur etwas Obst?". Ich hab gar keine Zeit mir darüber Gedanken zu machen. Irgendwann vielleicht aber jetzt geht es um Mok.
In der Küche angekommen setzte er sich auf einen Stuhl und dachte kurz etwas nach. ,,Ich hätte gerne...Pfannkuchen...". ,,Geht klar kleiner. Dann mach ich dir welche", versicherte ich ihm und wollte anfangen. ,,Hey! Wir wollen auch Pfannkuchen! Frag uns doch auch Hōn!". Alle Heimkinder standen vor der Tür und sahen mich finster an. Irgendwie war das lustig. Sie alle gemeinsam mal zu sehen und mit der gleichen Meinung: mich zu verurteilen. Ich nickte sofort und holte die große Pfanne sowie die größte Schüssel die wir hier hatten hervor. ,,Dann helfen aber auch alle mit verstanden? Kitsu und Wolf ihr kümmert euch um die Eier. Rose du füllst die Milch ab und die Zwillinge das Mehl. Ich mach den Zucker und...Mok macht...". Mok sah mich mit großen Augen an und wartete darauf was ich sage. Doch mir kam jemand zuvor. ,,Er macht lieber nichts. Das gibt sonst nur wieder eine Sauerei!", beschwerte sich Rose sofort und holte einen Messbecher aus den Schrank. Die anderen stimmten ihr mit einen kurzen nicken zu bevor sie sich an die Arbeit machten. Mok sah mit einen mal traurig auf den Boden und lies den Kopf hängen. ,,Ich...geh dann...solange spielen...", nuschelte er traurig und ging aus der Küche. Sofort spürte ich wie die Wut in mir hochkam. Ich hasste es wohl schon immer wenn man auf kleinere herumhackte.
,,Was sollte das Rose!? Mok so zu behandeln. Du weißt wie sensibel er ist!", stellte ich deshalb Rose zur Rede und verschränkte die Arme vor meiner Brust. Rose zuckte nur mit den Schultern und holte die Milch aus dem Kühlschrank. ,,Hōn...tut mir leid aber sie hat recht. Mok...ist wirklich ein Riesen Tollpatsch", fing nun auch Wolf an zu sprechen und zuckte etwas unruhig mit seinen Schweif hin und her. Die anderen sagten zwar nichts, trotzdem wusste ich das sie alle gleich von ihm dachten. Sie dachten alle er sei nutzlos. Ein nutzloses Wesen das nichts kann und nie etwas anderes sein wird. Eigentlich hätte man dies auch zu mir sagen können. Ich war wesentlich nutzloser als Mok. Verdammt ich schaffe es ja nicht mal das alle sich gut vertragen!
,,Man kann es nie jedem recht machen, mein lieber Hōn. Du kannst nur das tun was dein Herz dir sagt und nichts bereuen", hörte ich die Stimme von Arisu in meinen Kopf, wie eine Art Echo. Diese Worte sagte sie mir an meinen ersten Tag im Heim und diese halfen mir schon oft durch die letzten Monate. Kurz musste ich etwas schmunzeln. Schon seltsam was für eine Macht Wörter besitzen können, wenn sie von einer besonderen, oder wie in meinem Fall, seltsam mysteriösen Person kommen. Also hörte ich auf mein Herz und dieses sagte mir...
*kling...kling...*
Alle erstarrten bei dem was sie taten. Wolf und Kitsu ließen vor Schreck fast ein Ei fallen und die Zwillinge verschütteten etwas Mehl auf den Boden. Verdutzt sahen wir uns alle an. ,,Ist...es schon wieder so weit?", fragte Rose etwas verunsichert und stellte den Messbecher und die Milch auf den Tisch. Ich stimmte ihr mit einen kurzen nicken zu. ,,Es ist gerade mal 2 Wochen her seitdem Mok hier ist". ,,Fühlte sich aber schon wie 2 Monate an. So viel Mist er immer baut". Ich biss mir auf die Zähne und packte mit einen mal Rose an ihrer Nase und drückte diese leicht. Sofort fing sie an zu schreien und wild um sich zu schlagen und zu kreischen, ich solle sie loslassen. Ich seufzte frustriert auf und ließ sie in dem Moment los, als Arisu plötzlich die Küche betrat. Sie wirkte wie bei jedem klingeln total hektisch und überfordert. Dies konnte ich nie nachvollziehen. Es war schließlich nicht das erste mal und selbst Mok wusste schon genau was dieses Klingeln bedeutet. ,,Kinder. Es kommt eine neue verlasse Seele zu uns ins Heim. Bitte geht in eure Zimmer und wartet bis diese Seele zu euch kommt", informierte uns Arisu wie immer und wir nickten alle nur stumm. Langsam machten wir uns auf in unsere Zimmer, wo ich mich auf mein Bett legte und die Decke anstarrte. ,,Seltsam...es ist doch noch viel zu früh", ging es mir durch den Kopf und ich schloss für einen Moment meine Augen. Wie diese neue Seele wohl aussieht? Vielleicht wie die Zwillinge? Oder...wie Wolf oder Kitsu? Irgendwie war ich doch ziemlich aufgeregt obwohl es schon das achte mal war. So aufgeregt, dass ich aufstand und mich vor meinen großen Spiegel, der mitten in meinen Zimmer stand, betrachtete. Meine weißen Hörner, die aus meinen Kopf ragten, waren nicht viel größer geworden. Das gleiche galt für meine Flügel auf den Rücken. Sie waren immer noch klein und unscheinbar. Doch meine blonden Haare waren wirklich lang geworden. Würde ich sie nicht selbst immer etwas schneiden, würde ich wohl wie ein Chaot aussehen. Ich trat einen Schritt näher an den Spiegel und sah mich erneut an und...da fiel mir etwas auf. ,,Warum...bin ich der einzige, der so aussieht...die anderen sehen so...anders aus..". Zwar hat Mok genauso wie ich Hörner, aber seine sind größer und schwarz. Auch einen Schweif oder Schwanz besitze ich nicht. Bekomme ich...noch einen wenn ich älter bin? Oder bin ich wirklich ganz anders?
Schnell schüttelte ich den Gedanken ab. Ich sehe doch nicht anders aus als die anderen. Wir sind schließlich alle gleich hier im Heim. Aber...irgendwie ließ der Gedanken mich nicht mehr los. Vielleicht war etwas daran tatsächlich seltsam und verdächtig. Vielleicht...
*klopf, klopf*
Ruckartig drehte ich mich zu meiner Tür und sah wie sie sich langsam öffnete. Warte! Hieß das etwa...das die neue Seele zu mir ins Zimmer kommen möchte!? ,,Äh...warte! Du kannst noch...nicht...", wollte ich sagen, doch da war die Tür schon sperrweit offen und vor mir stand...
,,Ähm...hey...Ich bin Teki". Das waren seine ersten Worte, doch diese waren mir in diesem Moment total egal gewesen. Ich starrte nur auf seine Hörner die aus seinen Kopf ragten und seinen großen weißen Flügeln die zu leuchten schienen. Es dauerte einen Moment bis ich meine Stimme wieder fand und sprach: ,,Ich...bin Hōn...was genau bist du?". Vielleicht weiß er ja mehr als ich. Er wusste auch seinen Namen und musste nicht erst einen bekommen wie wir anderen. Doch nach meiner Frage sah er mich nur verdutzt an was in mir Zweifel aufkommen ließ. Was er aber dann sagte änderte alles. ,,Weißt du das nicht? Du bist doch wie ich ein Engel. Oder etwa nicht?".








