Eldur - Die ewige Nacht (Band 2)

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Zusammenfassung

Wo Angst herrscht, ist Hass nicht weit. Inzwischen sind vier Jahre vergangen und die Ewige Nacht nimmt immer mehr an Größe zu. Totgeglaubte Gefahren tauchen auf, Eldur verschwinden spurlos und als wäre dies nicht genug, dringen Menschen in das Land der Ewigen Nacht ein. Bald deutet alles auf kriegerische Auseinandersetzungen hin, die Lore mit allen Mitteln zu verhindern versucht. Doch eine alte Schuld will ebenfalls bald beglichen werden.

Genre:
Fantasy
Autor:
Lucusca
Status:
Abgeschlossen
Kapitel:
51
Rating
5.0 4 Bewertungen
Altersfreigabe
16+

1 - Ausgestorben und doch lebendig

Das Holzkästchen rasselt, schabt und bebt in meiner Hand, dann erstirbt es. Ich ziehe am Zügel meiner Zehnfüßler-Dame, damit Adna inmitten des dichten Waldes anhält, ehe ich die Konstruktion leicht schüttle. Es muss sich etwas verhakt haben.

»Drachenkot«, fluche ich, während Ekene mit seinem Zehnfüßler neben mir zum Stehen kommt. Eigentlich hätte ein Glöckchen erklingen müssen, sobald eine halbe Stunde abgelaufen ist.

»Es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis du es kaputt machst«, kommentiert Ekene.

Mit dem Fingerknöchel schlage ich gegen die Seitenwände, aber es tut sich nichts, also drehe ich am Rädchen, das laut Memri irgendwas aufzieht, das den ganzen Apparat am Laufen hält. Wenn ich ehrlich bin, habe ich ihm bei seinen Erklärungen gar nicht richtig zugehört. Mich hat nur interessiert, dass es funktioniert und nicht wie.

Ein ungesundes Knirschen ertönt, dann ein Schnappen und irgendwas bricht im Inneren des Kästchens. Langsam löse ich die Finger vom Rädchen und werfe Ekene einen verlegenen Blick zu.

»Jetzt habe ich es kaputt gemacht.«

Ekene prustet los.

Ratlos wiege ich Memris mobilen Zeitmesser in der Hand. Es ist bei weitem nicht das erste Mal, dass ich eine seiner Erfindungen aus Versehen beschädige. Das Problem ist nur, dass er gar nicht weiß, dass ich sein neustes Projekt ausgeliehen habe.

Ich stecke das Kästchen in die Satteltasche. »Vielleicht sollte ich ihm vorschlagen, seine Konstruktionen etwas robuster zu bauen.«

»Oder sie gar nicht mehr anfassen.«

»Ein mobiler Zeitmesser, der nur Zuhause rumsteht, ist ziemlich nutzlos«, rechtfertige ich mich halbherzig. Allein beim Gedanken an Memris Reaktion könnte ich vor Unbehagen im Boden versinken.

Ekene schüttelt grinsend den Kopf. »Einer, der kaputt in deiner Satteltasche steckt, auch.«

Ich werfe ihm einen ärgerlichen Blick zu, da treibt er plötzlich seinen Zehnfüßler an.

»Wer zuletzt bei der nächsten Lichtung ist, übernimmt heute Abend meinen Putzdienst!«, ruft er über die Schulter.

Ich muss Adna kaum in die Seiten drücken, da tobt sie dem anderen Zehnfüßler schon nach. Ekene kann vergessen, dass ich irgendwas für ihn übernehme, egal wie das Rennen ausgeht. Das hindert mich trotzdem nicht, Adna zu ihrer Höchstform anzuspornen. Wie ein Blitz schießen wir über die Wurzeln und weichen dicken Stämmen und feuchtem Blattwerk aus. Stetig nähere ich mich Ekene, bis Adna ihn und seinen Zehnfüßler überholt. Im Vorbeischießen grinse ich meinen besten Freund an, woraufhin er mir kindisch die Zunge rausstreckt. Nur kurze Zeit später preschen wir in irrer Geschwindigkeit auf eine neblige Lichtung. Adna läuft aus und bleibt schließlich stehen.

»Gewonnen!«, triumphiere ich und klopfe meiner Zehnfüßler-Dame stolz auf den leicht behaarten Rücken. »Deine Arbeit kannst du schön selbst machen, Ekke.«

Ekene lenkt seinen Zehnfüßler neben mich und zuckt mit den Schultern. »Ich hab sowieso schon damit gerechnet, dass du gewinnen würdest. Niemand ist schneller als Adna.«

Ich lache. »Und trotzdem forderst du mich immer wieder heraus.«

»Na ja, ich hab dir nicht verraten, was der Trostpreis ist.« Er greift in seine Satteltasche, zieht ein gefaltetes Tuch heraus und offenbart mir einen handgroßen Beerenstrudel. Genüsslich beißt er ab und kaut mit seligem Lächeln. Hätte er gewonnen, wäre es sein Siegespreis gewesen.

»Dein wievielter ist das?«

Er schaut mich beleidigt an, antwortet aber nicht.

»So viel Süßes kann nicht gesund sein.«

Ekene springt von seinem Sattel ab und stapft mit seinem Trostpreis zum Waldrand. »Du solltest weniger Zeit mit Kalu verbringen, du klingst schon wie er«, ruft er mir über die Schulter zu.

»Kalu ist doch zurzeit sowieso nicht da.« Ich gleite von Adnas Sattel und beobachte, wie sich Ekene auf einen Wurzelbogen setzt und ein nächstes, großes Stück abbeißt. Unsere Zehnfüßler senken derweil die Köpfe und nagen an dünnen, gelben Grashalmen. Alle drei schmatzen um die Wette.

Ich schlendere zu Ekene und klettere neben ihm auf den feuchten Wurzelbogen. Dünne Nebelschleier wabern über die Lichtung und vereinzelte Tropfen fallen von den Bäumen auf uns. Kurz bevor wir in Tagek aufgebrochen sind, hat es noch geregnet.

»Es ist ein Wunder, dass du noch nicht kugelrund bist«, stichle ich weiter in unschuldiger Kalu-Manier und stoße Ekene grinsend an.

»Hörst du auf, zu nerven, wenn ich dir etwas abgebe?«, fragt er mit vollem Mund. Stumm strecke ich die Hand aus; meine Finger sind von der winterlichen Kälte gerötet. Ekene sieht mich kurz an und zerteilt den Beerenstrudel. Aber nicht in der Hälfte. Etwa ein Fünftel gesteht er mir zu und legt es gönnerhaft in meine Hand.

»Danke.« Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, als ich das Stück im Ganzen in meinen Mund stecke. Die Süße des Gebäcks harmoniert wunderbar mit der Säure der getrockneten Beeren. Ein genießerisches Seufzen entweicht mir, was Ekene schnaubend lachen lässt.

»Mmmh«, äfft er mich übertrieben nach und schlabbert an seinem Beerenstrudel herum. Als ob ich so essen würde. Trotzdem gehe ich auf die Provokation ein und treibe es weiter auf die Spitze, indem ich beim Kauen sinnliche Geräusche von mir gebe. Ekene verpasst mir einen spielerischen Klapps auf den Hinterkopf, als es ihm zu viel wird. Ich lache so sehr, dass ich mich verschlucke und beinahe von der Wurzel falle. Hustend beuge ich mich vornüber.

»Siehst du, das hast du davon.« Ekene grinst mich an. Kaum überwinde ich den Hustenreiz, boxe ich ihm leicht gegen die Schulter.

»Sind wir jetzt eigentlich eine halbe Stunde geritten oder nicht?«, fragt Ekene und verschlingt seinen letzten Happen.

»Weiß ich nicht. Vielleicht. Memris Erfindung ist nicht mehr zum Läuten gekommen.«

Ekene wischt sich mit dem Ärmel über den Mund. »Also kann es auch sein, dass es noch gar keine halbe Stunde war.«

Ich zucke mit den Schultern. »Baraks Regeln sind sowieso albern. Wer weiß denn beim Ausreiten, wie lange er unterwegs ist? Er kann uns schlecht ausschimpfen, wenn wir nicht nach exakt einer Stunde wieder zurück sind.«

Ekene grinst schief. »Na ja, kann er schon.«

»Aber was erwartet er denn? Dass wir immer in Hörweite der Turmglocke bleiben?«

»Wahrscheinlich.«

Ich tausche einen vielsagenden Blick mit ihm und erkenne, dass wir einer Meinung sind: Manche Regeln sind einfach nicht dafür geschaffen, eingehalten zu werden.

Von einem plötzlichen Bewegungsdrang erfasst, springe ich ohne ein weiteres Wort auf und turne über die rutschigen Wurzeln tiefer in den Wald hinein. Es erinnert mich an die Dächer, über die ich in meiner Kindheit balanciert bin. Obwohl es nur vier Jahre in der Vergangenheit liegt, fühlt es sich an, als wäre es in einem anderen Leben gewesen.

Geschickt erklimme ich die höchste Wurzel weit und breit und fühle mich wie der König des Waldes. Es gefällt mir, den Überblick zu haben und zur Abwechslung auf andere hinabsehen zu können, da es sonst immer andersrum ist. Von hier oben sieht Ekene kleiner aus. Er sitzt noch am Rand der Lichtung und leckt sich die klebrigen Finger ab.

Ich lasse den Blick schweifen und entdecke hoch an einem Stamm einen kugelrunden Nemel. Es ist ein igelartiges Tierchen, das im Schneckentempo die Bäume erklettert und sich mit seinen betäubenden Stacheln vor Fressfeinden schützt. Als ich vierzehn war, habe ich Ekene aus Versehen in einen reingeschubst, woraufhin er einen halben Tag geschlafen hat. Er wollte es mir unbedingt heimzahlen, was nur dazu geführt hat, dass wir Tage später beide schlafend im Wald lagen. Barak fand das gar nicht lustig. Ich dagegen muss bei der Erinnerung immer noch lächeln. Nachdem Ekke und ich in unserem Zimmer aufgewacht sind, konnten wir nicht anders, als lachen, lachen und lachen. Nicht einmal während Baraks Standpauke konnten wir damit aufhören.

Ich balanciere lächelnd weiter. Der Wald riecht nach faulendem Holz und feuchten Moos. Im vergangenen Herbst sind einige trockene Knüppel von den Bäumen gebrochen und verrotten nun zwischen den aufgetürmten Wurzelbergen.

In einer Spalte zwischen zwei Wurzeln entdecke ich auf einmal etwas Hellblaues. Voller Elan klettere ich dorthin und bewundere für einen Moment die Blumen, die ihre zierlichen, kelchförmigen Köpfe aus einem Moosbett stecken. Nyah liebt die Ewigkeitsblume und benutzt deren Duft für ihre Seife. Vorsichtig schiebe ich meine Hand in den Spalt und pflücke einen Stängel ab. Der Name dieser Blume ist durchaus ironisch, wenn man bedenkt, dass sie nur innerhalb eines kurzen Zeitraums im Winter blüht. Nicht mehr lang und ihre hellblauen Blütenblätter werden abfallen, daher habe ich keine Hemmungen alle übrigen Hälse ebenfalls mit dem Fingernagel abzuknipsen und sie zu einem Strauß zusammen zu legen. Lächelnd vergrabe ich meine Nase darin, um den süßlichen Duft zu inhalieren.

In Gedanken versunken hocke ich mich auf einen Felsbrocken, der mit glitschigen Moos bedeckt ist und schnüre meinen Strauß mit einem langen Halm zusammen – der im letzten Moment bricht. Fluchend werfe ich das kürzere Ende vom Felsen und probiere es erneut. Es ist ein nervenaufreibendes Unterfangen. Ich halte die Luft an und – der Halm bricht. Obwohl ich den Strauß auch so hätte mitnehmen können, packt mich der Ehrgeiz. Bei Nyah sieht es immer so einfach aus und sie macht ganze Kränze und Gestecke aus diesem furchtbaren Zeug. Ich probiere es erneut, zweimal, dreimal. Nah an der Grenze zur Frustration reiße ich einen weiteren Halm ab und glaube schräg hinter mir etwas zu sehen. Eine flüchtige Bewegung, wie ein Schatten, nur dass es hier keine Schatten gibt.

Alarmiert fahre ich herum und materialisiere in meiner rechten Hand ein kurzes Messer. Es ist hässlich und unentwegt treibt Feze aus den instabilen Kanten. Mein Auge huscht zwischen Wurzeln, Felsbrocken und Farn hin und her. Etwas ist hier.

»Ekene?«, rufe ich vorsichtig. Mein bester Freund ist hinter den Wurzelbergen außer Sicht und falls er antwortet, kann ich immerhin ausschließen, dass er mir einen Streich spielen will.

»Was ist?«, ruft er aus Richtung der Lichtung zurück. Genau in diesem Augenblick springt ein kleines, blaugraues Wesen mit buschigem Schwanz in mein Blickfeld und klettert einen Baumstamm hinauf. Ich zucke heftig zusammen und hätte im nächsten Augenblick über mich selbst lachen können. Ein Shru ist nun wahrlich nicht beängstigend.

»Gar nichts«, antworte ich laut, kann die Anspannung aber nicht so einfach abschütteln. Ganz ohne Grund hat Barak seine ›Bleibt nicht länger als eine Stunde weg‹-Regel nicht aufgestellt. In den letzten Wochen sind in anderen Kachigi Spähtrupps, die die Grenzen unseres Landes kontrollieren sollten, in beängstigender Regelmäßigkeit spurlos verschwunden. Andererseits sind wir hier nun wirklich weit vom Rand der Ewigen Nacht und dem Ödland entfernt. Es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Was soll hier schon passieren?

Ich löse mein unförmiges Messer in schwarzen Nebel auf. Onyek hätte mich für die mickrige Leistung vermutlich entweder mit kühler Ablehnung gestraft oder mich im Keller festgehalten, bis ich die Waffe besser hinbekommen hätte – weil er weiß, dass ich es an guten Tagen besser kann. Vermutlich hätte er beides gleichzeitig. Gut, dass er nicht hier ist. Nicht, dass mich seine Meinung jemals interessiert hätte.

Ich drehe mich zu meinem Blumenstrauß um und fummle weiter an dem Halm. Das blöde Ding will einfach nicht halten, aber wenn ich ihn fester ziehe, wird der Stängel wieder brechen. Am liebsten würde ich das ganze Grünzeug zurück in den Spalt zwischen den Wurzeln schleudern. Nein, sage ich mir, ich habe die Blumen schon abgerissen, dann muss ich sie auch mitnehmen.

Gerade als es mir endlich gelingt, die Blumen zusammenzubinden, höre ich ein zischendes Geräusch, das nicht so recht in die Stille des Waldes passt. Ich lasse den Strauß zu meinen Füßen liegen und richte mich auf. Hier und da tropft der Regen von den Blättern, manchmal knackt es in der Ferne. Ich kann sogar hören, wie die Zehnfüßler schnurpsend die Halme abkauen. Wieder mischt sich ein leises Zischeln hinein, direkt zu meiner Linken, meiner nachtblinden Seite.

Ich drehe den Kopf und dann geht plötzlich alles ganz schnell. Die Farne rascheln und ein Wesen stößt daraus hervor. Noch bevor ich verarbeiten kann, was mich angreift, reagiert mein Körper instinktiv. Ohne zu schauen, wohin, springe ich zur Seite und stürze zwischen die Wurzeln. Im Fallen reiße ich ein Spinnennetz mit und schaffe es nicht, mich rechtzeitig abzurollen. Wie ein Stein krache ich auf Totholz und feuchte Erde. Dreckklumpen spuckend rapple ich mich sofort auf und lenke das Feze in meine Hand. Hektisch fliegt mein Blick zwischen den Wurzelbögen umher, die eine Art Gewölbe um mich bilden.

Und dann sehe ich sie.

Lautlos gleitet eine riesenhafte Schlange nur wenige Schritte von mir entfernt auf den Erdboden und visiert mich mit ihren gelb glühenden Augen an. Ihre schuppige Haut hat die blaugraue Färbung der Wurzeln und der Kopf ist groß wie der eines Menschen. Kraftvoll bewegt sich der mächtige Leib, macht sich bereit für einen neuerlichen Vorstoß. Eine schwarze, gespaltene Zunge stößt zwischen fingerlangen, gebogenen Fangzähnen hervor.

Das Blut rauscht mir in den Ohren, als ich zurückweiche, bis mein Rücken nach nur zwei Schritten gegen eine Wurzel schlägt. Vergeblich versuche ich, mein Feze in eine Form zu pressen. Unkontrolliert entweicht das schwarze Feuer meinen Fingern und schafft es nicht, die Schlange abzuschrecken. Ich sammle noch mehr Feze in meiner Hand und schleudere es auf sie, da stößt sie auf mich zu. Das Feuer scheint an den Schuppen der Schlange abzuperlen wie Wasser.

Im letzten Moment springe ich zur Seite, rolle mich ab und nehme beim Hochkommen einen Knüppel auf. Schützend halte ich ihn mit beiden Händen vor mich und bevor ich weiß, wie mir geschieht, schnellt das Biest erneut vor. Das aufgerissene Maul trifft auf den Knüppel und die bloße Wucht reißt mich brutal um. Im Sturz schlägt das Holz gegen meine Stirn und gleichzeitig schlingt sich der Schlangenkörper um meine Beine. Hart pralle ich auf den feuchten Waldboden und drücke den Schlangenkopf mithilfe des Knüppels von mir weg. Doch sie zieht ihren Leib nur fester um mich, bis hoch zum Bauch, und macht mir das Atmen schwer. Durchsichtige Flüssigkeit tropft von ihren Zähnen in mein Gesicht.

Der Knüppel knirscht.

Mein Herz rast. Ich atme aus und die Schlinge um meinen Bauch zieht sich zusammen.

Meine Arme zittern vor Anstrengung und schließlich bricht der Knüppel in der Mitte durch. Die spitzen Fangzähne schnellen auf mich zu und voller Angst drehe ich den Kopf zur Seite und presse die Augen fest zusammen.

Ein Schmatzen ertönt, dann ergießt sich eine heiße Flüssigkeit über mein Gesicht und meine Brust. Der Schlangenkopf, der direkt über mir war, prallt zwar auf mich, rollt aber im nächsten Moment neben mir auf die Erde. Sofort reiße ich die Augen wieder auf und starre in leblose, gelbe Augen. Feuchte Erde klebt an den gebogenen, spitzen Zähnen.

»Was für ein dämliches Vieh.« Ekenes Stimme erklingt über mir. »Du bist so knochig, davon wäre es nie im Leben satt geworden.«

Er zerrt an dem dicken Schlangenleib herum und schneidet die Schlinge um meinen Bauch letztlich mit seiner Feze-Klinge durch. Im Gegensatz zu meinen peinlichen Versuchen ist seine Waffe lang und kunstfertig. Ich hole tief Luft. Das Blut der Schlange stinkt bestialisch und die Realisation, dass ich eben fast gestorben wäre, macht mich ganz benommen.

Ekene befreit meine Beine und hockt sich dann neben mich. »Bist du verletzt?«

Stumm schüttle ich den Kopf und setze mich vorsichtig auf. Mit dem schmutzigen Ärmel versuche ich, das Blut aus meinem Gesicht zu wischen, verschmiere es aber nur noch mehr.

»Was … war das?«, würge ich heraus. Obwohl die Gefahr mittlerweile gebannt ist, pocht mein Herz noch wie wild.

»Ein Snakur.« Ekene sucht mit den Augen die Umgebung ab, dann bleibt sein Blick wieder an mir hängen. »Hat dich das Vieh gebissen?«

»Nein, nur angesabbert, mit Blut besudelt und halb zerquetscht.« Angewidert zupfe ich an dem mit Blut vollgesogenen Stoff meiner Tunika und komme auf die Beine. Meine Knie fühlen sich weich an und meine Körpermitte schmerzt. Ich suche vorsichtshalber Halt an einer Wurzel, die sich knapp über meinem Kopf zu einem Bogen spannt. »Ich dachte, Snakur sind ausgestorben.«

Ekene zuckt mit den Schultern und wischt sich die mit Blut besprenkelten Hände am Hosenbein ab.

»Und wieso hat mein Feze den Snakur nicht verletzt?«, frage ich weiter.

Mein bester Freund sieht auf den zerstückelten Leib hinab. »Er ist mit den Dreka artverwandt.«

Ich folge seinem Blick. Die Schuppen sind dunkel und matt und etwas länglicher geformt als meine Drachenschuppe. Sie müssen das Wesen also vor natürlichem Feze schützen – aber nicht vor geformten Klingen. Wenn ich mich recht erinnere, war es Onyek, der mir schon vor zwei oder drei Jahren eingetrichtert hat, dass keine Schuppe auf der Welt, vor einem gut geformten Feze-Dolch schützen kann. Bei der Erinnerung, dass ich vorhin nicht einmal einen schlecht geformten Feze-Dolch zustande gebracht habe, steigt mir die Hitze ins Gesicht.

Eigentlich kann ich es besser.

»Ich weiß, dass ich mich wiederhole«, sage ich, »aber sind Snakur nicht ausgestorben? Wie kann es sein, dass er hier so plötzlich auftaucht?«

Ekene stößt den schweren Leib mit dem Fuß an und zuckt erneut mit den Schultern. Wenn man den Schlangenkörper der Länge nach auslegen würde, wäre er sicher mindestens acht Schritte lang, wenn nicht mehr.

»Wir müssen Barak davon erzählen«, bestimme ich. Mein Blick fällt auf den Kopf des Snakurs, dessen Zungenspitze aus dem Maul hervorschaut. Entschlossen bücke ich mich danach.

»Willst du das Ding echt mitnehmen?«

»Als Beweis.« Ich berühre die glatten, kalten Schuppen und schaudere leicht.

»Pass nur auf, dass du dich nicht an den Zähnen verletzt. Die sind bestimmt noch voller Gift.«

Ich halte in der Bewegung inne und sehe Ekene neugierig an. »Gift?«

Er verschränkt die Arme und tritt unruhig auf der Stelle. »Ogech hat doch mal einen sterbenslangweiligen Vortrag darüber gehalten. Warst du da nicht da?«

»Nein. Jedenfalls erinnere ich mich nicht daran.« Ausgestorbene Tiere – abgesehen von den Drachen – haben mich nie sonderlich interessiert. Nun, da die Snakur offenbar doch nicht ausgestorben sind, sieht es allerdings schon ganz anders aus.

»Das Gift hemmt Feze«, erklärt Ekene, »und … ähm … dir wird schwindelig und … ach, keine Ahnung! Frag Ogech, wenn wir zurück sind.«

Nur um sicherzugehen, ziehe ich meine besudelte Tunika in einer fließenden Bewegung aus und wickle den Schlangenkopf darin ein. Ich klemme mir das schwere Bündel unter den Arm und werde mir wieder bewusst, wie knapp ich den Giftzähnen und dem gefräßigen Rachen entkommen bin.

»Danke, dass du mir das Leben gerettet hast.«

Ekene schmunzelt. »Ich hatte nicht vor, mir so bald einen neuen besten Freund zu suchen.«

Wir klettern auf die Wurzeln und wenden uns der Lichtung zu. Die beiden Zehnfüßler wackeln nervös mit ihren Fühlern, die wie Barthaare von ihren Gesichtern abstehen. Auf halben Weg dorthin fällt mir plötzlich etwas ein.

»Halt mal«, sage ich und drücke Ekene das blutige Bündel vor die Brust. Instinktiv greift er danach und ich laufe eilig zurück. Suchend gleitet mein Blick über die Wurzeln und Felsen.

»Reicht dir ein Andenken nicht aus?«, ruft Ekene mir nach.

Endlich fällt mir der unversehrte Blumenstrauß ins Auge. Ich nehme ihn an mich und halte ihn triumphierend in die Höhe. Selbst auf die Distanz glaube ich, Ekene die Augen verdrehen zu sehen. Mit einem breiten Grinsen im Gesicht hole ich ihn wieder ein.

»Sind die für dich oder das Grab des Snakurs?«, fragt er trocken.

»Für Nyah.«

Er wirft mir einen schiefen Seitenblick zu, das blutige Bündel wie ein Baby im Arm haltend. Zu seinem Glück behält er jeden dummen Kommentar darüber für sich. Schweigend balancieren wir über die Wurzelbögen bis zur Lichtung, wo uns die Zehnfüßler verschreckt anstarren. Der penetrante Gestank des Bluts macht sie nervös.

»Du nimmst das eklige Stinkeding«, sagt Ekene und wirft mir unvermittelt den Schlangenkopf zu. Es gelingt mir, ihn mit einer Hand an meiner Brust zu fangen, ohne dass die Blumen dabei Schaden nehmen. Der Stoff der Tunika fühlt sich feucht an und hinterlässt einen deutlichen roten Abdruck auf meinem hellgrauen Hemd.

»Danke, dass du mir das räudige Knäuel nicht einfach normal übergeben hast«, sage ich sarkastisch.

Er legt mir einen Arm um die Schulter und wuschelt mir durchs Haar, wohlwissend, dass ich keine Hand frei habe, um mich dagegen zu wehren. »Gerne doch.«

Ich ziehe den Kopf ein und winde mich aus seinem Arm. »Du ruinierst meine Frisur.«

»Lass sie dir doch von Nyah wieder richten.«

Als Antwort auf seine Stichelei ziehe ich eine Grimasse, die ihn zum Lachen bringt. Ich verdrehe die Augen und gehe zu meinem Reittier. Adna tänzelt nervös, als ich den Schlangenkopf und die Blumen in zwei verschiedene Satteltaschen stopfe. Beruhigend streichle ich die spärlich behaarte Pranke meiner treuen Zehnfüßler-Dame und sitze auf. Ekene tut es mir gleich.

Die Zehnfüßler huschen geschmeidig in den nebelverhangenen Wald und laufen in raschem Tempo über die Wurzeln. Die Bäume verschwimmen zu meinen Seiten und der kühle Gegenwind lässt mich ohne meine gefütterte Tunika frösteln. Eine Weile spiele ich mit dem Gedanken, den Kopf des Snakur wieder auszuwickeln und sie mir umzuhängen, aber allein der Gedanke an den blutdurchtränkten Stoff lässt mich schaudern. Nein, ich halte das schon aus. Ich muss.

Vor uns liegt eine Strecke von knapp einer halben Stunde. Jedenfalls dauert es so lang, wenn man sich Zeit lässt, Pinkelpause macht und sich während des Ritts unterhalten will. Ohne mich mit Ekene darüber verständigen zu müssen, sind wir uns einig, dass wir keine Zeit zu verlieren haben. Die Nachricht, dass die totgeglaubten Snakur zurück sind, wird niemandem gefallen, aber umso aufregender wird es sein, die Neuigkeit zu verkünden.