Kein gewöhnlicher Chef
Wenn ich heute zurückblicke, hätte ich merken müssen, dass mit der Reigns-Agentur etwas nicht stimmte. Es gab Anzeichen, ich habe sie damals nur nicht beachtet.
Dass ich einen Anruf für ein Vorstellungsgespräch bekam, auf das ich mich nie beworben hatte – das hätte mir eigentlich zu denken geben müssen. Ich war einfach nur froh, endlich eine Rückmeldung zu bekommen. Ich habe nicht weiter nachgefragt.
Frisch von der Uni, ohne Berufserfahrung, bekommt man nicht viele Einladungen zu Vorstellungsgesprächen.
Mein zweiter Hinweis war, dass die Stelle in Manhattan war. Da ich auf Long Island lebte, hätte ich mich nie für einen Job in der Stadt beworben. Für mich war die Stadt ein Ort, den ich ein paar Mal im Jahr besuchte – für ein Konzert, um den Weihnachtsbaum zu sehen oder den Times Square. Manchmal ließen mich meine Freunde überreden, für eine überteuerte Nacht mit Saufen und Tanzen in die Stadt zu fahren. Aber ansonsten blieb ich im Osten.
Ich hatte nie Lust, überall mit U-Bahn oder Taxi rumzufahren. Außerdem besaß ich ein Auto – warum sollte ich irgendwohin laufen? Auf Long Island liefen oder fuhren die Kids mit dem Fahrrad, bis sie ihren Führerschein hatten. Dann war das Auto unsere Freiheit.
Doch als der Anruf kam und Alyssa aus der Personalabteilung mir das Gehalt nannte, konnte ich nicht nein sagen. Mit meiner Erfahrung hätte ich nirgendwo sonst auf der Insel so viel Geld verdient.
Mein dritter – und offensichtlichster – Hinweis? Dass sie mir eine Wohnung besorgt hatten. Sie zahlten die ersten sechs Monate Miete in einem Hochhaus. Wenn das kein Warnsignal war, dann hätte es spätestens die Tatsache sein müssen, dass sie im selben Gebäude wie der CEO lag.
Ich bin nicht dumm oder naiv. Ich habe mir nur immer wieder gesagt, dass sich meine harte Arbeit und die Opfer während des Studiums endlich auszahlen. Das Glück war endlich auf meiner Seite.
In gewisser Weise hatte ich wohl Glück.
Jetzt weiß ich nicht, ob sich das alles gelohnt hat – gemessen an dem Preis, den ich dafür zahlen musste.