Kapitel 1 - Unheimlcher Nebel
Ein Ast bewegte sich sachte im Wind, und seine Blätter ließen dabei ein sanftes Rauschen entstehen. Als ein Vogel sich auf ihn setzte, bewegte sich das Geäst einige Male heftig hin und her, was zur Folge hatte, dass einige Blätter von dem Baum herunter fielen, zu dem es gehörte. Der Vogel schien völlig außer Atem zu sein. Jedenfalls sah es beinahe so aus, als würde er tief durchatmen.
Der Vogel blickte sich ein paar Mal um. Dann zwitscherte er vergnügt. Nachdem er einige Minuten so da saß, tapste er etwas schusselig auf dem Ast herum. Schließlich erblickte er einige Blüten. Schnell huschte er in die Höhe – und dabei bewegte er seine Flügel so schnell, dass er wie eine Libelle mitten in der Luft stehen blieb. Er hielt dann seinen langen, dünnen Schnabel in eine der Blüten und trank ihren Nektar.
Erst jetzt konnte man erkennen, dass der kleine Vogel ein Kolibri war, bunt und graziös wie ein Schmetterling. Und so graziös wie er eben noch in der Luft hing und Blütennektar trank, schwebte er wieder hinunter und setzte sich neben eine Wurzel des großen Baumes.
Am Horizont, hinter den Hügeln, ging langsam die Sonne auf. Ein zartes Morgenrot breitete sich im ganzen Tal aus, und im tiefen Osten sah man noch einen Stern, den einzigen, der es mit seinem Schein noch schaffte, gegen das beginnende Sonnenlicht anzukommen.
Nur einige kleine Wolken schwebten am Himmel entlang. Und es war ziemlich warm dafür, dass es erst etwa fünf Uhr morgens war. Das ganze Tal konnte sich sicherlich auf einen herrlichen Tag freuen.
Als der Kolibri ein Eichhörnchen erblickte, welches gerade unter den Wurzeln des Baumes hervor kroch, flog er ganz schnell wieder in die Höhe und setzte sich auf einen Ast sehr weit oben. Wieder verlor der Baum daraufhin einige bereits welke Blätter. Und eins davon traf das kleine Eichhörnchen. Verdutzt schaute es am Baum entlang. Dann schüttelte es seinen Kopf und fing damit an, in der Erde nach etwas zu suchen.
Plötzlich erschrak das Eichhörnchen. Ein Rattern war zu hören, und sachte breitete es sich durch das Tal aus. Die Hügel in der Ferne ließen sein Echo wieder hallen. Schnell versteckte sich das Eichhörnchen unter einer großen Wurzel und spähte dann neugierig hervor, um die Ursache des Ratterns festzustellen.
Ein Mädchen in einem kurzen Sommerkleid fuhr langsam auf einem Fahrrad einen Weg entlang, der neben dem Baum vorbei führte. Als es das Eichhörnchen erblickte, hielt das Mädchen ihr Fahrrad an und stieg ab. Sie streifte sich vorsichtig ihre hellbraunen Haare aus dem Gesicht und schob zwei kleine, wunderschön geflochtene Zöpfe hinter ihre Ohren.
Das Mädchen mochte etwa 17 Jahre alt sein. Sie trug eine moderne Frisur, und ihr Kleid war ebenfalls sehr modisch.
Sachte lief sie auf den Baum zu, unter dem sich das Eichhörnchen versteckt hatte. Dort angekommen, ging sie ganz langsam in die Knie und streckte eine Hand aus. Als das Eichhörnchen neugierig herauslugte, lächelte das Mädchen es an.
Daraufhin vergaß das Eichhörnchen seine Angst. Gekonnt tapste es unter der Wurzel hervor und sprang mit einem Satz dem Mädchen in die Hand. Dann huschte es über ihren Arm und setzte sich auf ihre Schulter.
Das Mädchen kramte dann ganz vorsichtig in einer Tasche ihres Kleides und holte ein paar Erdnüsse heraus. Als sie dem Eichhörnchen eine davon hin hielt, nahm es sie an und fraß sie. Dann hielt das Mädchen ihm eine zweite Erdnuss hin, und auch diese nahm das Eichhörnchen. Auch eine dritte Nuss, die das Mädchen dem Eichhörnchen gab, nahm es an.
Und ganz oben im Baum saß der Kolibri und begutachtete verwundert die Szenerie mit dem Mädchen und dem Eichhörnchen.
Plötzlich gab es einen lauten Knall, der ruckartig die Ruhe im gesamten Tal störte. Der Kolibri erschrak daraufhin. Flugs schnellte er in die Höhe und flog eilig davon. Und auch das Eichhörnchen erschrak so sehr, dass es schnell von den Schultern des Mädchens hinunter hüpfte und in den Boden verschwand.
Das Mädchen konnte vor Schreck kaum mehr atmen. Sie fasste sich an ihr Herz. Dann drehte sie sich langsam um und konnte nicht glauben, was sie dann hinter sich sah. Schneller als ein Blitz lief das Mädchen wieder zu ihrem Fahrrad, setzte sich darauf und begann zu strampeln, was das Zeug hielt. Was um alles in der Welt hatte den Kolibri, das kleine Eichhörnchen und das Mädchen so erschreckt, dass sie alle in Windeseile davonliefen?
Plötzlich, wie aus dem Nichts, entstand eine riesige Nebelwand im Tal. Sie war mehrere hundert Meter hoch und weit, und sie schien so dicht zu sein, dass man nicht durch sie hindurch sehen konnte. Im Morgengrauen sah die Nebelwand absolut gespenstisch, gar gruselig aus. Und sie ließ das ganze Tal in einem merkwürdigen, bizarren Licht erscheinen.
Der Wind bewegte den Nebel. Wie eine riesige Gardine, die vor einem offenen Fenster hängt, wog die Nebelwand langsam hin und her. Und mit jeder Bewegung blitzte das Weiß in merkwürdigen, seltsamen Lichtscheinen – so als bestünde die ganze Nebelwand aus Tausenden von weißen Farben. Und das Licht der aufgehenden Sonne, die sich im Nebel spiegelte, unterstützte diesen Effekt noch zusätzlich. Man könnte beinahe sagen, das ganze Gebilde sähe aus wie ein Polarlicht am Tag – aber das konnte ja nicht sein, denn Polarlichter sieht man nur in der Nacht, und außerdem gab es sie niemals in diesen Gefilden, wo sich dieses große Tal befand.
Plötzlich ertönte ein seltsam klingendes Geräusch, das offenbar auch aus dem Nebel kam. Es war blechern und metallisch. Es hörte sich an wie ein Summen, ein sehr, sehr tiefes Summen. So tief beinahe, dass man es kaum mehr wahrnehmen konnte.
Mit einem Mal – und das geschah innerhalb weniger Sekunden – öffnete sich die ganze Nebelwand plötzlich. Sie teilte sich in zwei voneinander unabhängige Teile, so als habe sie jemand mit einem riesigen Messer säuberlich getrennt. Und dabei wurde das metallische Geräusch, das Summen, lauter und höher. Es änderte sich in immer lautere und höhere Frequenzen. Bis es beinahe wie der Schrei einer Fledermaus klang.
Am unteren Ende der Nebelwand, auf dem Boden, trat plötzlich eine Person heraus. Langsam und im Gleichschritt.
Die Person war eine Frau. Eine sehr schöne Frau. Sie war blondhaarig, hatte schulterlanges Haar und eine eigenartige Hose und eine noch eigenartigere Jacke an. Die Jacke war schwarz und glänzte ganz seltsam, so als sei sie mit Silberstreifen durchzogen. Die Hose hatte ein ähnliches Muster wie die Jacke. Und sie hatte auf beiden Hosenbeinen jeweils einen weißen Blitz aufgemalt. Ein Blitz, wie er auch auf dem Rücken der Jacke zu sehen war.
Die fremde Frau trat gleichmäßig einige Schritte nach vorne. Schließlich blieb sie stehen und drehte sich dann herum – nach dort, von wo sie eben hinaus geschritten war.
Aber kaum dass sich die Frau umgedreht und hingesehen hatte, verschwand plötzlich auf seltsame Weise der ganze Nebel. So geheimnisvoll wie er gerade auftauchte, so geheimnisvoll verschwand er wieder ins Nichts. So als sei die ganze Nebelwand gar nicht da gewesen.
Die Frau schien sich nicht darüber zu wundern. Sie schien vielleicht erwartet zu haben, dass dies geschehen würde. Oder vielleicht dachte sie gar nicht darüber nach.
Das Tal verstummte nun wieder völlig. Einzig und allein das Rauschen des Windes und das Rascheln der Blätter waren noch zu hören.
Die Frau schüttelte kurz ihren Kopf. Sie schien Sand in den Haaren zu haben, den sie sich nun mit ihrer Hand heraus wischte. Dann nahm sie sich eine Bürste aus einer Tasche, die sie bei sich trug. Nachdem sie sich die Haare gebürstet hatte, sah sie weiter vorne eine kleine Holzbank, die direkt neben einem Brunnen lag. Langsam – und jetzt sah es beinahe beschwerlich aus – schlurfte die Frau zu dem Brunnen. Sie zog einige Male am Pumphebel, bis etwas Wasser aus dem Hahn kam. Dann hielt sie ihre Hände darunter. Sie trank mehrere Schluck von dem Wasser und machte sich schließlich das Gesicht nass. Als sie fertig war, setzte sie sich auf die Bank und ruhte sich eine Weile aus.
Die Frau mochte Mitte 50 gewesen sein, so genau konnte man das nicht sagen. In ihrer seltsamen Kleidung sah sie jünger aus. Sie atmete erschöpft.
Alles schien plötzlich wie vorher zu sein, als die Sonne dann schließlich ganz hinter dem Horizont hervorkam, und auch das Licht des letzten hellen Sterns der Nacht verschwand. Leises Vogelgezwitscher kam wieder aus den nahe gelegenen Bäumen hervor – offenbar sind die Vögel, die vor der Nebelwand geflohen sind, nun wieder zurückgekommen.
Einsam und alleine saß die fremde Frau noch immer Gedanken verloren auf der Holzbank und bestaunte und belauschte die Szenerie dieses Morgens.
Plötzlich erhob sie sich wieder. Nun hatte sie offenbar Kraft genug getankt. Sie machte ihre Tasche zu, hing sie sich wieder um, und dann erspähte sie einen Weg rechts von sich, der sich durch unzählige, große Weiden schlängelte. Sie lief zu dem Weg hin. Und dann lief sie langsam los. Langsam und gleichmäßig. Und müde. Etwas muss mit ihr geschehen sein, dass sie so außer Atem war, so müde schien und sich so schwach fühlte.
Und als der Kolibri und das Eichhörnchen wieder zu dem Baum zurückkamen, wo sie sich vorhin aufhielten, war die geheimnisvolle, fremde Frau bereits hinter dem ersten Hügel verschwunden.






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