Prolog: Logan ist ein Stück Scheiße
„Du verdammtes Arschloch!“, schreie ich und werfe das erstbeste Objekt nach dem hässlichsten Gesicht, das ich je kennen- und hassen gelernt habe.
Dem meines Ehemanns.
Die blaue Keramikvase, die er mir zum dritten Hochzeitstag geschenkt hatte, saust an seinem Ohr vorbei und zerschellt an der buckeligen Betonwand dahinter. Natürlich habe ich eine Vase geworfen. Die ganze Situation ist ein einziges Klischee.
Stell dir das vor: Die naive Ehefrau (und Werwölfin) kommt nach Hause und erwischt den Wolf ihres Mannes dabei, wie er es mit einer ihrer engsten Freundinnen treibt. Der besagte Ehemann tut dann total überrascht und rennt hinter seiner Frau her, während er behauptet: „Schatz, das ist wirklich nicht so, wie es aussieht.“
Nur ist es eben genau das. Und er hat sie gefickt. Es spielt keine Rolle, dass beide in ihrer Wolfsgestalt waren. Es spielt keine Rolle, dass man in dieser sogenannten ‚Wolfsgestalt‘ technisch gesehen gar nicht mehr man selbst ist. Es ist mir völlig egal, dass mich die ganze Situation irgendwie anwidert, denn mal ehrlich: Hunde beim Sex sind einfach ekelhaft.
Ich habe gesehen, was ich gesehen habe, und leider kann ich es nie wieder ungesehen machen.
„Schatz, du musst mir zuhören!“ Der idiotische Feigling weicht seinem eigenen Handy aus, das ihn fast an der Kehle getroffen hätte. Wir beide sehen zu, wie es von seinen Knöcheln abprallt und auf den Teppichboden fällt.
„Von wegen! Logan, du Stück Scheiße! Ich werde erst zufrieden sein, wenn ich jeden einzelnen Gegenstand in diesem Raum an deinem dicken Schädel zertrümmert habe.“ Um das zu unterstreichen, greife ich mir eines unserer iPads (ich hoffe inständig, es ist seins, aber die verdammten Dinger sehen alle gleich aus) und schlage es ihm auf die Schulter.
Logan wird blass und versteift sich, während Glassplitter in seine Haut stechen. Sein muskulöser Körper verkrampft sich auf eine Art und Weise, die mich an sein lustvolles Stöhnen beim Sex erinnert.
Er erholt sich schnell, reißt mir das Gerät aus den Händen und zieht mich mit. Ich quietsche auf und drücke meinen Rücken gegen seine breite, nackte Brust, während ich versuche, mich mit aller Kraft zu befreien.
„Lass mich los, du Vollidiot!“
„Nein. Nicht, bevor du dich beruhigt hast.“ Irgendwie schafft er es, mich in eine Art Schwitzkasten zu nehmen, und ich bohre ihm meine blauen Augen wie Dolche in seine braunen, flüssigen Pupillen.
Meine dummen Hormone sind für einen Moment abgelenkt.
So hübsch…
Nein! Sie haben die Farbe von Kacke. Und Schlamm. Falls Schlamm riesige, lange Wimpern und dicke, braune Locken hätte. Ugh, dieser dumme, gutaussehende Idiot! Er macht mich so wütend, ich könnte einfach…
Ich senke den Kopf und beiße so fest ich kann in sein Handgelenk. Das Arschloch zuckt nicht einmal.
„Da musst du dir schon mehr einfallen lassen, Ilsa. Wir sind praktisch zusammen aufgewachsen. Du beißt mich und jeden anderen Dorfbewohner schon, seit du drei bist. Ich bin mir sicher, die haben angefangen, deine Zahnabdrücke als eine Art Wohnsitznachweis zu benutzen.“
Ich muss fast prusten, aber ich gebe ihm nicht die Genugtuung.
„Ich hasse dich.“ Ich hoffe, meine Worte schmecken wie Gift.
„Ja, das merke ich. Aber weißt du, was man über Liebe und Hass sagt?“
„Fick dich.“
„Genau das.“ Er kichert, hebt die Hand, um mir über den Kopf zu streicheln, bevor er mich sanft wegschiebt. „Können wir jetzt reden? Bitte?“
Mein Blick wandert sofort zum Türrahmen, wo ich bereits drei Koffer mit den Resten meines Kleiderschranks aufgereiht habe. Ich würde gerne sagen, dass ich vorausgeahnt habe, dass das passieren würde, aber wie bei einem weiteren von Mutter Naturs grausamen Scherzen hatten wir eigentlich geplant, heute in einen Kurzurlaub zu fahren.
Was ein langer, romantischer Ausflug hätte werden sollen, ist jetzt zu einem dampfenden Haufen Sumpfmüll verkommen. Wie auch immer, ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich wäre nicht ein bisschen erleichtert, dass ich nicht hierbleiben und mir Logans Lügen anhören muss, während ich meine Sachen in den hässlichen, kotzfarbenen Koffer werfe, den uns sein Vater geschenkt hat.
„Denk gar nicht erst daran“, warnt er, und meine Füße nehmen sofort Fahrt auf. Ich sprinte so schnell ich kann zu den Koffern, packe die Griffe mit all meiner Kraft und renne aus der Tür.
Das Geräusch seiner leichten Schritte lässt meine Fersen jucken, und ich lege noch einen Zahn zu.
Nur noch drei Meter bis zum Auto.
Gerade als ich nach dem Griff greifen will, versperrt mir ein muskulöser Arm den Weg, und das aufgewühlte Gefühl in meinem Magen lässt mich schreien. Also schreie ich. Laut, damit es die Nachbarn hören. Wenn es irgendwo auf der Welt noch einen Funken Mitleid gibt, wird die Mondgöttin oder wie auch immer sie heißt, dafür sorgen, dass sich diese Tür öffnet, damit ich mich hier verpissen kann.
„Ilsa. Ist bei euch alles in Ordnung?“
Logans Augen weiten sich, und ich sehe, wie sein Schopf aus braunen Locken wippt, während er verzweifelt nach einem Versteck sucht.
Volltreffer! Es ist unsere neugierige Nachbarin, Mrs. Thompson.
Ihr Mann hat sie vor fünf Jahren für seine Seelengefährtin verlassen, und seitdem ist sie eine erklärte Feindin jedes männlichen Wesens mit einem Penis. Ein breites Grinsen breitet sich auf meinem Gesicht aus, und ich werfe meinem Mann einen verächtlichen Blick zu, bevor ich mich an meine Retterin wende.
Ich lächle sie süß an.
„Ehrlich gesagt, Mrs. Thompson, mir ging es schon mal besser. Wissen Sie, Logan hier hat mich gerade mit einer meiner besten Freundinnen betrogen, und ich würde ihn wirklich gerne verlassen, damit er alleine sterben und auf ewig in der Hölle schmoren kann. Aber verdammt noch mal, er lässt mich einfach nicht!“
Es ist wirklich gut, dass meine innere Wölfin so einen tiefen Schlaf hat. Wenn Scarlet jemals von all dem erfahren würde, müsste ich mir das bis ans Ende meiner Tage anhören.
Ugh, ich höre ihre nörgelnde Stimme schon jetzt.
'Aber Ilsa, er ist dein Gefährte. Ihr seid füreinander bestimmt. Bla, bla, bla.'
Wie auch immer.
Ich mache fast einen Freudentanz, als ich sehe, wie Mrs. Thompson auf uns zukommt, und ich grinse, als Logan zur Seite springt und sich hinter mich stellt. Versucht er sich ernsthaft gerade zu verstecken?
„Heeey, Mrs. Thompson. Sie sehen heute besonders bezaubernd aus. Haben Sie was an Ihren Haaren gemacht?“
Ich mustere die alte Dame kurz und stelle fest, dass sie tatsächlich etwas an ihren Haaren gemacht hat. Sie hat sie blond gefärbt. Aber ich bezweifle, dass das meinem baldigen Ex-Mann irgendwelche Pluspunkte einbringt.
„Komm mir nicht mit ‚hey‘, du verlogener Sack voll Hundemundgeruch! Ich kann nicht glauben, dass du unserer lieben, süßen Ilsa so etwas Schreckliches antust!“
Ihre langen Arme schießen aus dem Nichts hervor und fangen an, auf sein Gesicht einzuprügeln, und ich mache mich aus dem Staub.
Ein Chor aus „Aua, aua, aua! Geh weg, du alte Hexe!“ schallt hinter mir, während ich mich an meine alte Bessie schmiege – einen 1968er Ford Mustang Shelby GT500.
Sie flucht und droht ihm weiter, während ich meinen Autoschlüssel aus der Tasche ziehe und die Tür entriegle. Nachdem ich mein gesamtes Gepäck auf dem Rücksitz verstaut habe, rutsche ich schnell auf den Fahrersitz und starre den Motor, aber nicht, ohne noch das Ende von Mrs. Thompsons Standpauke für meinen Mann mitzubekommen.
„—warte nur, bis Alpha Jordan davon erfährt. Er wird so enttäuscht sein. Er hat dich verdammt noch mal wie seinen eigenen Sohn aufgezogen! Schämst du dich nicht? Du solltest einer von den Guten sein!“
Ich schenke der aufgebrachten Frau ein zahniges Grinsen und winke kurz, bevor ich aus der Einfahrt auf die Straße rolle. Welches Schicksal auch immer Logan erwartet, das müssen die Wölfe in unserem Dorf entscheiden. Sie werden schon wissen, was sie mit ihm machen sollen.
Das Lächeln in meinem Rückspiegel wird immer kleiner, je mehr die Tachonadel steigt. Erst als unser hübsches kleines Haus in Moonlight Corner in der Ferne verschwindet, atme ich tief durch und unterdrücke ein Schluchzen.