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Das Erbe

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Zusammenfassung

Sasha wächst unbeschwert in einem sibirischen Dorf auf. Viele Jahre lebt sie zu Hause in Dunkelheit, weil ihr Großvater nur Nachtschichten in der Fabrik arbeitet um mehr zu verdienen. Zumindest haben ihre Großeltern das immer behauptet. Als sie zum Studium nach Deutschland geht, ändert sich zunächst nichts. Doch als die Abschlussprüfungen, kurz nach ihrem 24. Geburtstag vorbei sind, erhält sie eine schockierende Nachricht, die ihr ganzes Leben, so wie sie es kannte, auf den Kopf stellt. Wird sie die Wahrheit und die damit verbundenen Veränderungen auch nach ihrem 25. Geburtstag noch akzeptieren können?

Status:
Complete
Kapitel:
36
Rating
5.0 (6 Bewertungen)
Altersfreigabe
16+

Kapitel 1: Die Schatten von Narym

Sasha wuchs in dem abgelegenen sibirischen Dorf Narym auf – einem Flecken Erde, der von schier endlosen Wäldern umgeben war und in dem die Zeit einen völlig eigenen Herzschlag zu haben schien. Ihre Eltern verlor sie, als sie kaum mehr als ein Kleinkind war. In ihren zarten drei Jahren war sie schlicht zu jung gewesen, um die düstere Tragweite dieses Verlustes zu begreifen, weshalb ihr bohrende Fragen nach dem Schicksal ihrer Eltern nie in den Sinn kamen. Für sie begann die Welt bei ihren Großeltern.

Ihre Kindheit verlief in einer seligen, fast konservierten Unbeschwertheit. Sie war umhüllt von der mütterlichen Wärme ihrer Großmutter Galina, die Tag für Tag den Haushalt schmiss, und von der tiefen Stille, die Edushka hinterließ. Ihr Großvater war eine Gestalt der Nacht.

Die Vorhänge im Haus hingen stets schwer und dicht zugezogen, als würde die Dunkelheit die Räume wie eine schützende Decke umarmen. Wenn Sasha sich erkundigte, warum der Großvater fast den gesamten Tag in einen tiefen Schlaf gehüllt war, lächelte Galina nur milde und sprach von den harten Nachtschichten in der Fabrik. Dort verdiene er weit mehr Geld als am Tag. Es war eine Erklärung, die Sasha nie hinterfragte. Es war schlicht ihre Realität.

Abends, wenn der Zwielichtschleier langsam über die hölzernen Dächer von Narym kroch, erwachte das Haus zum Leben. Dann setzte sich Edushka zu ihr an den Küchentisch, um ihr bei den Matheaufgaben zu helfen. Während draußen der Mond als stummer Wächter über den dunklen Tannen stand, verbrachten sie diese kostbaren Stunden bei sanftem Lampenlicht – bis Edushka schließlich seine schwere Jacke anzuziehen pflegte, um mit leerem Blick in die Dunkelheit aufzubrechen.

Die Jahre verstrichen, und eh Sasha sich versah, stand das Abitur bevor.

An einem kühlen Morgen kurz vor den Prüfungen saß sie mit ihrer Großmutter am Frühstückstisch. Die Vorhänge waren wie gewohnt dicht gezogen, doch ein einzelner, vorwitziger Sonnenstrahl fand seinen Weg durch eine Ritze und tanzte an der Decke. Sasha nahm all ihren Mut zusammen.

„Oma?“, begann sie leise, aber mit fester Stimme. „Ich möchte nach der Schule mein Studium in Deutschland aufnehmen. Ich habe mich an einer Universität in Berlin beworben – für Biologie. Sie haben mir bereits geantwortet! Ich könnte dort sogar im Studentenwohnheim wohnen.“

Galina hielt in ihrer Bewegung inne. Ihr Blick war voller Liebe, doch in ihren Augenbrauen grub sich eine tiefere Falte der Sorge ein. „Berlin? Das ist am anderen Ende der Welt, mein Kind“, sagte sie nach einer langen Pause. „Und wenn man den Nachrichten glaubt, ist es dort alles andere als sicher.“

Sasha senkte kurz den Blick, ehe sie zu ihrer Großmutter aufsah und den wohl herzzerreißendsten Hundeblick aufsetzte, zu dem sie fähig war. „Bitte, Babushka“, bat sie sanft. „Ich habe jeden Rubel gespart und werde dort arbeiten. Es ist meine große Chance.“

Galina entwich ein langer, leiser Seufzer – eine Mischung aus mütterlicher Angst und liebevoller Ergebung. „Na gut“, murmelte sie schließlich und lächelte wehmütig. „Wann wirst du gehen?“

„In der letzten Ferienwoche“, antwortete Sasha rasch und verschränkte die Hände auf der Tischplatte.

Langsam stand die alte Frau auf, trat an Sashas Stuhl heran und zog sie in eine Umarmung, die sich anfühlte, als wolle sie den Moment für immer einfrieren. „Es wird furchtbar still hier sein ohne dich“, flüsterte sie. „Aber Bildung ist wichtig.“

Sasha drückte ihr Gesicht an die warme Schulter ihrer Großmutter. „Ich komme zurück, sobald ich fertig bin. Versprochen.“

Die letzten Schulwochen verflogen wie im Rausch. Sasha büffelte Vokabeln, schrieb Klausuren und hielt schließlich strahlend ihr Abschlusszeugnis in den Händen.

„Babushka! Ich bin Klassenbeste! Hörst du?“, rief sie übermütig, als sie die Haustür aufstieß und ihren Rucksack schwungvoll in die Ecke pfefferte. Doch das Haus schwieg. Leise schlich sie die knarzende Treppe hoch und hörte ein sanftes Schnarchen aus dem Schlafzimmer. Sie schmunzelte. Draußen war es für narymer Verhältnisse ungewöhnlich warm geworden, und Galina mied die direkte Sonne ohnehin wie die Pest.

Als die Großeltern am Abend in die Küche kamen, lag die gewohnte Blässe auf Edushkas Gesicht – was bei dem sonnigen Wetter fast schon absurd wirkte. Doch die Nachtschichten forderten eben ihren Tribut.

„Ich habe als Beste abgeschlossen!“, verkündete Sasha stolz.

Ihr Großvater brummte in seiner gewohnt mürrischen Art ein: „Glückwunsch“, ehe er sich schwerfällig auf seinen Stuhl flätzte. Galina hingegen nahm sie freudig in den Arm. „Das hast du fantastisch gemacht, mein Schatz.“

Um sich das nötige Startkapital für Deutschland zu verdienen, schob Sasha in den folgenden drei Wochen Doppelschichten. Tagsüber schuftete sie im heimischen Garten, abends bediente sie in der einzigen Kneipe des Dorfes.

An ihrem letzten Arbeitstag schnappte sie an der Bar ein Gespräch zwischen zwei Stammgästen auf, die bereits tief ins Wodkaglas geschaut hatten.

„Was machen die Alten bloß, wenn die Kleine weg ist?“, lallte Ivan und stellte sein Glas ab. „In dem Alter braucht man doch Hilfe.“

Fjodor winkte ab und lehnte sich verschwörerisch vor. „Ach was, die sind doch nicht allein. Die gehören doch zu dieser komischen Gruppe. Du weißt schon …“

„Du meinst …?“, hakte Ivan nach.

Fjodor nickte gewichtig. „Man erzählt sich doch schon ewig, dass die nur nachts rausgehen. Weil sie Vampire sind!“

Sasha hielt im Polieren eines Glases inne. Sie wandte sich um, stützte die Hände auf der Theke ab und sah die beiden Männer mit hochgezogener Augenbraue an. „Haben Sie zwei klugen Köpfe vielleicht schon mal in Erwägung gezogen, dass Opa einfach Nachtschichten schiebt, um Geld anzusparen? Und dass Oma womöglich eine stramme Sonnenallergie hat?“

Die beiden Trinker blickten sich betreten an, schluckten den letzten Schluck Wodka herunter, knallten ein paar Scheine auf den Tresen und schlichen davon. Sasha schüttelte schmunzelnd den Kopf. Dorfmärchen von Betrunkenen.

Wenig später rief ihr Chef Vlad sie ins Hinterzimmer. Neben ihrem normalen Lohn schob er ihr einen Scheck über zweitausend Euro über den Tisch.

„Vlad, was ist das?“, stammelte Sasha verdutzt.

Er lächelte väterlich. „Wenn ich eine Tochter hätte, würde ich mir wünschen, dass sie so fleißig wäre wie du. Sieh es als Notgroschen für Berlin.“

Sasha kämpfte augenblicklich mit den Tränen. „Ich … ich weiß gar nicht, was ich sagen soll! Danke!“

„Komm einfach wieder zurück, das reicht mir vollkommen“, ermahnte er sie sanft und drückte sie zum Abschied.

Um Mitternacht war das Gepäck gepackt. Sasha huschte noch einmal unter die Dusche und fiel dann erschöpft ins Bett. Irgendwann in der Nacht schreckte sie kurz hoch, als sie leises Getuschel im Flur hörte. Ein Blick auf die Uhr verriet ihr, dass Edushka wohl gerade von der Arbeit kam. Beruhigt drehte sie sich um und schlief wieder ein.

Am nächsten Morgen erwachte sie mit einem Panikschock. Ein Blick auf die Uhr – Katastrophe! Der Wecker hatte versagt.

„Scheiße, hab ich vergessen, den zu stellen?!“, fluchte sie, sprang aus dem Bett und schoss in ihre Kleider. „Omi! Ich habe verschlafen! Kannst du mir schnell ein Brot machen? Ich muss sofort los!“

„Ja, ja, mein Kind …“, ertönte Galinas gewohnt ruhige Stimme von unten.

Sasha raffte ihre Sachen zusammen, stolperte mit gepacktem Rucksack die Treppe hinunter und polterte direkt in die Küche. Galina wartete bereits. Die Vorhänge waren wie immer dichtgezogen.

„Nun ist es also so weit“, sagte die Großmutter traurig. „Ich werde dich furchtbar vermissen.“

„Omi, es ist doch nur für das Studium!“, erwiderte Sasha und schlang die Arme um sie. „Ich komme doch wieder. Schade, dass Opa noch schläft …“

„Wer behauptet denn so einen Unsinn?“, brummte eine raue Stimme an der Tür. Edushka trat ein, blickte mürrisch, zog seine Enkelin aber mit erstaunlicher Kraft an sich und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Mach keinen Blödsinn in der Fremde.“

„Ich hab euch lieb!“, rief Sasha, schnappte sich Kaffee, Brot und Rucksack und eilte nach draußen zum wartenden Taxi. Ein letzter Winker durch die Heckscheibe auf das alte Haus am Waldrand, dann schluckte der Forst die Vergangenheit.

Im Haus trat Polikarp an das Fenster und nahm seine Frau stützend in den Arm. „Keine Sorge. Ich habe mit Sergej telefoniert. Er wird in Berlin ein Auge auf sie haben. Lass uns nach oben gehen, die Sonne wandert gleich ums Haus. Die dünnen Küchengardinen halten das Licht nicht ab.“

Galina seufzte schwer, als sie die Treppe ins dunkle Schlafzimmer hinaufstiegen. „Wir hätten es ihr sagen müssen, Polikarp.“

Er schüttelte entschieden den Kopf. „Nein. Sie soll ihr Leben unbeschwert genießen. Du weißt genau, dass nur wir Alten von diesem Fluch betroffen sind.“