Willkommen in Lycaconia
Ich starrte aus dem Fenster, während der alte Bus über die lange, kurvige Straße tuckerte. Bisher gab es nicht viel zu sehen, außer Wald. Das war bei der Lage unseres Rudels hoch in den Altalune Mountains allerdings wenig überraschend.
Aber ich wusste, dass wir jetzt nah waren. Ganz nah an der Hauptstadt Lycaconia – ein Ort, den ich noch nie besucht hatte und auf den ich sehr gespannt war.
Das Freki Pack, mein Rudel, war klein und einfach, tief in einem Gebirgstal versteckt. Wir hatten zwar viele Annehmlichkeiten eines modernen Rudels, lebten aber eher rustikal.
Unsere Häuser waren klein und aus Holz gebaut. Sogar unser Rudelhaus war eher unbedeutend und wenig beeindruckend, besonders im Vergleich zu größeren Rudeln. Unser Strom war unzuverlässig und fiel bei jedem Gewitter aus. Es gab einen einzigen Klamottenladen, einen Supermarkt und nur ein Restaurant.
Aber um ehrlich zu sein… mehr brauchten wir auch nicht. Wir waren nicht genug Leute im Rudel, als dass es sich gelohnt hätte, mehr zu verlangen. Außerdem waren wir glücklich mit dem, was wir hatten. Es war ein friedliches Dasein in einer idyllischen Umgebung.
Für die nächste Woche würden wir uns jedoch davon verabschieden, um Lycaconia zu besuchen. Nicht, dass mich das störte. Ich war neugierig auf die Stadt und darauf, für eine kurze Zeit ein anderes Leben kennenzulernen.
Ich sah das Ganze als Abenteuer, um etwas über eine andere Lebensweise zu lernen, und genau das war der einzige Grund, warum ich überhaupt zugesagt hatte.
„Ich bin so aufgeregt, dass wir endlich zum Feray Festival gehen!“, ruft Daisy aus und lehnt sich über die Rückenlehne des leeren Sitzes neben mir.
„Ich auch! Ich habe das Gefühl, wir haben ewig darauf gewartet!“, quietscht Lily, die ebenfalls auftaucht und sich hinter meinem Sitz vorbeugt.
Ich musste mich auf meinem Platz bewegen, um den Kopf zu drehen und beide anzusehen. Sie hatten die Plätze hinter mir genommen, damit sie zusammen sitzen konnten. Das überraschte mich nicht und tat mir auch nicht weh. Obwohl sie meine besten Freundinnen waren, machten sie immer alles zusammen.
Sie verhielten sich gleich, redeten gleich und kleideten sich gleich. Sie sahen sogar exakt gleich aus. Viele, die sie oder ihre Familien nicht kannten, hielten sie oft für Zwillinge. Aber in Wahrheit waren sie nicht einmal Schwestern, sondern Cousins.
Ihre Mütter jedoch waren Zwillingsschwestern und hatten am selben Tag zur exakt gleichen Zeit entbunden. Die Hebammen hatten sie sogar ein paar Mal vertauscht. Glücklicherweise konnten ihre Eltern sie auseinanderhalten, denn ein Wolf erkennt seine Jungen immer und hatte sie einfach wieder zurückgetauscht.
Bis heute sind nur ihre Eltern und ich diejenigen, die sie problemlos unterscheiden können. Eine Fähigkeit, die ich mir mit der Zeit angeeignet habe, nachdem sie mich als Welpen ein paar Mal reingelegt hatten. Sogar ihr Geruch war gleich, fast unmöglich zu unterscheiden.
Ziemlich schräg, wenn du mich fragst. Aber sie wollten es nicht anders. Sie waren fest davon überzeugt, dass sie dazu bestimmt waren, Schwestern zu sein.
„Bist du nicht gespannt auf das Festival, Aylin?“, fragte Daisy, nachdem ich nicht reagiert hatte.
„Nicht wirklich“, brummte ich.
„Wie meinst du das? Willst du etwa deinen Gefährten nicht finden?“, bohrte Lily nach, enttäuscht von meiner Antwort.
„Natürlich will ich das. Ich glaube nur nicht, dass das auf dem Festival passieren wird.“
Zumindest hoffte ich, dass es nicht so war.
Das Feray Festival fand alle fünf Jahre beim königlichen Rudel von Lycoan in der Hauptstadt Lycaconia statt. Es wurde ursprünglich vom Großvater des jetzigen Alpha-Königs, dem verstorbenen König Odin Aegenwulf, ins Leben gerufen.
Es sollte Wölfen im richtigen Alter ohne Gefährten die Möglichkeit bieten, andere Wölfe kennenzulernen, mit denen sie sonst nicht in Kontakt gekommen wären. Das ursprüngliche Ziel war es, den Singles zu helfen, ihre Schicksalsgefährten zu finden.
Über die Jahre war es jedoch weniger um Schicksalsverbindungen und mehr um Dekadenz und Lust gegangen. Es hatte sich zu einer einwöchigen fuck fest voller Orgien und Experimente entwickelt.
Heutzutage wurden nur noch selten Paare gefunden. Es war fast unmöglich geworden, seinen Gefährten inmitten des Chaos zu finden, zu dem das Festival geworden war. Und wenn du deinen Gefährten doch gefunden hattest… dann ließen dich die Aktivitäten, bei denen er gerade mitgemacht hatte, vielleicht wünschen, du hättest es nie getan.
Es gab die Geschichte eines Mädchens aus unserem Rudel, das beim letzten Festival vor fünf Jahren dabei war. Sie hatte ihren Gefährten irgendwie inmitten des Wahnsinns gewittert und war dem Geruch in ein nahegelegenes Zelt gefolgt.
Sie fand ihn eingeklemmt zwischen einem anderen Mann und einer Frau. Ihre Körper wanden sich vor Vergnügen. Sie wagte es, ihn zu berühren, um ihre Vermutung zu bestätigen, und er war tatsächlich ihr Gefährte. Das Schlimmste war jedoch, dass er selbst nachdem er sie bemerkt und als seine Gefährtin erkannt hatte, nicht aufhörte. Stattdessen lud er sie ein, mitzumachen, und als sie ablehnte – da wies er sie einfach ab und machte weiter.
Unnötig zu sagen, dass sie dieses Jahr nicht im Bus zum Festival saß. Sie hatte geschworen, nie wiederzukommen, aus Angst, ihrem Gefährten erneut zu begegnen. Letztendlich lief es gut für sie. Vor einem Jahr wurde sie mit einem gewählten Gefährten verpaart – einem etwas älteren Wolf, der die Suche nach seiner Schicksalsgefährtin aufgegeben hatte –, und sie erwarteten ihr erstes Junges.
Aber genau solche Geschichten waren der Grund, warum ich hoffte, meinen Gefährten nicht auf dem Feray Festival zu finden.
Ich wollte anfangs gar nicht hin. Aber meine Mutter hatte darauf bestanden, da die Aussichten in unserem Rudel mager waren. Daisy und Lily hatten es auch nicht besser gemacht, als sie ankündigten, dass sie hingehen würden, und mich anflehten, mitzukommen.
Sogar mein Vater war keine Hilfe; er meinte, ich sollte es zumindest einmal erleben. Er war in seiner Jugend selbst einmal dort gewesen. Gleich im Jahr darauf wurde meine Mutter erwachsen, und er beanspruchte sie, sobald er sie gewittert hatte, da beide das Glück hatten, aus demselben Rudel zu stammen.
Eine Seltenheit, wie es scheint.
Meine Mutter hatte oft gesagt, sie wünschte, sie wäre zumindest einmal dort gewesen. Nicht, weil sie mit meinem Vater unglücklich war. Sie liebten sich sehr. Aber sie hatte eine Erfahrung verpasst, die fast jeder andere Wolf im Königreich erleben durfte. Das gab ihr das Gefühl, ein wenig außen vor zu sein.
Also gab ich nach. Und deshalb war ich jetzt hier. Ich saß in diesem klapprigen, alten Bus mit anderen unverpaarten Wölfinnen aus meinem Rudel und dem Amoux Pack. Die einzigen zwei Rudel in unserer Gegend der Altalune Mountains.
Deshalb hielt es das Lycoan Pack für sinnvoll, nur einen Bus für beide Rudel zu schicken. Ich konnte mich allerdings nicht zu sehr beschweren. Die Mädchen aus Amoux waren zuerst eingestiegen und saßen schon fast zwölf Stunden in diesem Bus fest. Das war eine lange Zeit, besonders für Wölfe, die daran gewöhnt waren, von Natur umgeben zu sein.
„Ich habe überhaupt nicht vor, nach meinem Gefährten zu suchen“, durchschnitt eine schrille, weibliche Stimme die Luft.
Ich sah mich um und bemerkte eine Wölfin mit langem, dunklem Haar, die mit ihrer Freundin am Gang saß. Ich erkannte keine der beiden, also mussten sie aus dem Amoux Pack sein.
„Ich habe nur Augen für einen einzigen Wolf“, fuhr sie fort. „Ich ziele direkt nach ganz oben, wo ich hingehöre, und verführe Alpha-König Titan“, kündigte sie so laut an, dass es der ganze Bus hören konnte, als würde sie ihr Revier markieren.
„Als ob…“, spottete ich leise.
Anscheinend war ich doch nicht leise genug, denn sie und ihre Freundin drehten sich beide wütend in unsere Richtung.
„Hast du was zu sagen, Köter?“, zischte sie und ließ ihren Blick zwischen mir, Daisy und Lily hin- und herwandern.
Ich wollte eigentlich nichts sagen. Wirklich nicht. Ich hatte fest vor, der souveränere Wolf zu sein und mir auf die Zunge zu beißen. Aber aus irgendeinem unerklärlichen Grund sprudelten die Worte aus mir heraus, bevor ich sie aufhalten konnte.
„Nur, dass es so gut wie unmöglich für dich ist, den Alpha-König zu verführen. Jeder weiß, dass er sich auf dem Festival nicht unter die einfachen Wölfe mischt. Er wurde noch nie auf dem Festival gesehen, nicht einmal, bevor er die Krone übernahm. Was lässt dich glauben, dass du jemals nah genug an ihn herankommst?“
„Jeder weiß, dass König Titan seine Berater zum Festival schickt, um die schönsten Wölfinnen auszusuchen und sie für ihn ins Schloss zu holen“, konterte sie, warf ihr Haar zurück und reckte die Nase in die Luft.
„Das ist nur ein Gerücht. Niemand hat jemals bestätigt, dass das wirklich passiert.“
„Das liegt daran, dass sie eine Geheimhaltungsvereinbarung unterschreiben“, antwortete sie in einem „Du-Dulli“-Tonfall, als wäre ich die Verrückte. „Und zumindest habe ich eine größere Chance als du jemals haben wirst“, fuhr sie fort und musterte mich mit angewidertem Blick. „Ein Runt vom Freki Pack. Du kannst von Glück reden, wenn du überhaupt irgendeine Action auf dem Festival abbekommst.“
Ich war kein Runt. Ich hatte eine vollkommen respektable Größe für eine durchschnittliche Wölfin, aber es war klar, dass diese Wölfin dachte, sie wäre besser als alle anderen, und sich das bewies, indem sie andere fertig machte.
„Hey!“, fuhr Daisy sie an. „Aylin ist die hübscheste Wölfin im ganzen Freki Pack. Der Alpha-König könnte sich glücklich schätzen, sie zu haben!“
„Ja!“, stimmte Lily zu.
Nicht gerade der Punkt, auf den ich hinauswollte, aber ich schätzte es, dass sie hinter mir standen.
„Ja… dem kann ich sogar zustimmen“, spottete die dunkelhaarige Wölfin, während sie meine Freundinnen ansah.
„Hey! Red nicht so mit meinen Freundinnen! Sie sind von innen und außen wunderschön, was man von dir wohl kaum behaupten kann!“, knurrte ich und erhob mich von meinem Sitz.
„Und wer will mich aufhalten?“, forderte sie mich heraus. „Jeder weiß, dass Freki-Wölfe nicht kämpfen können.“
Auch das stimmte nicht. Unsere Krieger waren hochangesehen. Aber mittlerweile hatte sie mich so weit, dass ich knurrte, und mein Wolf drohte, die Kontrolle zu übernehmen.
Doch bevor die Situation eskalieren konnte, stand die Vertreterin von Lycoan, die uns begleitete, vorne im Bus auf und warf uns beiden einen angewiderten Blick zu.
„Das reicht jetzt, meine Damen! Wenn ihr kämpfen wollt, könnt ihr das bei einem offiziellen Match tun, sobald wir das Festival erreicht haben. Aber bis dahin gibt es kein Blutvergießen in diesem Bus!“, tadelte sie.
Ich setzte mich wieder und murrte vor mich hin. Ich wollte keinen Ärger. Ich wollte keine Aufmerksamkeit erregen. Ich wollte einfach nur diese Woche genießen und an den vernünftigeren Aktivitäten teilnehmen, die das Festival zu bieten hatte.
„Es ist es nicht wert, Edith“, sagte ihre Freundin und zog das dunkelhaarige Mädchen zurück auf ihren Sitz. „Wenn du eine Chance bei dem Alpha-König willst, kannst du es dir nicht leisten, die Vertreter des Lycoan Packs zu verärgern. Sie werden dich niemals bei ihm empfehlen, wenn du das tust.“
Es war ein lächerliches Argument, aber es funktionierte, um Edith wieder unter Kontrolle zu bringen. Sie drehte sich von mir weg und konzentrierte sich darauf, Make-up aus ihrer Handtasche zu kramen.
„Super, wir sind noch nicht mal da und sind schon unserer ersten ‚Mean Girl‘ begegnet“, witzelte Lily über unsere Gedankenverbindung, woraufhin Daisy ein Lachen unterdrückte.
Ein paar Minuten später stand die Lycoan-Vertreterin wieder auf und sah uns an. Diesmal hatte sie ein breites Lächeln im Gesicht, als sie das Wort ergriff.
„Meine Damen, willkommen in Lycaconia“, kündigte sie an. „Wir vom Lycoan Pack hoffen, dass ihr euren Aufenthalt genießt. Denkt daran, direkt zur Registrierung zu gehen, wenn ihr aussteigt. Danach werdet ihr zu euren zugewiesenen Quartieren für die Dauer eures Aufenthalts gebracht. Viel Erfolg bei der Suche nach euren Gefährten!“
Ich starrte ehrfürchtig aus dem Fenster, während ich die schiere Größe der Stadt aufnahm. So etwas hatte ich noch nie gesehen. Ich war zwar schon etwas aus Freki herausgekommen, aber die anderen Rudel, die ich besucht hatte, waren bestenfalls große Städte, die meisten mit Dörfern, die nicht viel größer waren als unseres.
Aber Lycaconia war anders als alles, was ich mir hätte vorstellen können. Es war riesig und geschäftig. Fahrzeuge flitzten die Straßen rauf und runter. Die Gehwege waren voller Wölfe aller Formen und Größen, die hastig von einem Ort zum nächsten eilten.
Und die Gebäude waren so hoch, dass sie den Himmel berührten. In der Mitte von allem, umgeben von einem prächtigen Park, thronte ein massives Schloss mit spiralförmigen Türmen auf einem Hügel und überblickte sein Reich.
Auf dem Parkgelände würde das Feray Festival stattfinden, wobei ein riesiger Teil rund um das Schloss für die Öffentlichkeit gesperrt war, um sicherzugehen, dass sich keine einfachen Leute auf das königliche Gelände verirrten. Man konnte die Zelte in allen möglichen Größen und Farben über die Landschaft verteilt sehen.
In Kürze würden wir da sein. Sobald wir das Feray Festival betraten, gab es kein Zurück mehr, bis die Veranstaltungen vorbei waren. Und ich hatte das seltsame Gefühl, dass gleich etwas Großes passieren würde.
Ich hatte nur keine Ahnung, was.









she was getting ready to beat that heifer down...💜
THIS IS FABULOUS 😍..
very nice plot 😄