1. Eid-Gebunden
Der leblose, gefrorene Körper von Chief Bjõrn lag in einer Lache aus geronnenem Blut auf dem eisigen Boden. Sein Haar war steif gefroren. Es war über und über mit Eiszapfen bedeckt, da er die ganze Nacht draußen im Sturm gelegen hatte. Seine Haut war totenblas, glänzte aber im Licht. Das Eis darauf funkelte unter den letzten Sonnenstrahlen.
Es gab eine klaffende Kopfwunde und einen tiefen Schnitt im Bein, der heftig geblutet hatte. Es war jedoch klar zu erkennen, was den Tod herbeigeführt hatte. Der Dolch in seinem Auge war der tödliche Treffer gewesen.
Um die Leiche des mächtigen Anführers herum lagen die Körper seiner Gefolgsleute. Alle bis auf zwei Männer waren tot.
Nicht weit entfernt lagen die erschlagenen Leichen seiner beiden ältesten Söhne. Ihre Körper waren von Speeren durchbohrt, als wären sie Nadelkissen. Sie mussten tapfer gekämpft haben, obwohl sie so stark in der Unterzahl waren. Man konnte fast den Zorn spüren, mit dem die Schwerter durch ihre hageren Körper getrieben worden waren.
Der Feind war auf Nummer sicher gegangen. Er hatte dafür gesorgt, dass auch Björns Söhne getötet wurden. Sie wären durch einen Eid verpflichtet gewesen, den Mörder ihres Vaters zur Strecke zu bringen.
Gunnar schritt über den Schauplatz des Gemetzels. Sein bester Freund und Chief war von seinem Ausflug nicht zurückgekehrt. Sobald sich das Wetter gebessert hatte, führte Gunnar einen Suchtrupp an. Doch sie brauchten den ganzen Tag, um die kleine Bucht zu finden. Dort waren der Chief und seine Männer in die Enge getrieben worden. Die Mörder hatten geschworen, ihren eigenen Vater zu rächen und den Chief zu töten.
Der Wind frischte wieder auf. Die herbstliche Kälte stach Gunnar in die Haut, als er seinen Rundgang durch die blutige Lichtung beendete. „Ladet die Toten auf, um sie zu ihren Familien zu bringen“, befahl er seinen Dienern. Er kehrte zu der Stelle zurück, an der Björn lag.
Neben der leblosen Leiche seines Vaters kniete Björns jüngster Sohn, Magnus. Auch für Gunnar war er wie ein eigener Sohn. Der Junge verbrachte so viel Zeit auf Gunnars Hof, dass er zurückgeblieben war, als Björn über die Lavafelder ritt. Der Chief wollte Hochzeiten für seine älteren Söhne arrangieren. Jetzt wussten sie alle, dass es eine Falle war.
Nach der Tragödie war der zwölfjährige Junge nun der einzige männliche Überlebende seiner Familie. Er war anders als seine Brüder. Er war nicht nur stark und gutaussehend wie sein Vater. Er war auch klug und intelligent wie seine Mutter. Und genau das machte ihn für Gunnar so besonders.
Die Diener bewegten sich langsam und beobachteten alles aus den Augenwinkeln. Endlich streckte der letzte Sohn die Hand aus, um den Dolch aus der Brust seines Vaters zu ziehen. Seine kleinen Hände zitterten und sein Körper wurde von Schluchzern geschüttelt. Doch seine Entschlossenheit war ungebrochen. Er wollte den Dolch entfernen und derjenige sein, der den Tod seines Vaters rächte.
Gunnar wurde von Gefühlen überwältigt, als er sah, welches blutige Ende dem Jungen bevorstand. Wenn er diesen Dolch berührte, war sein Schicksal besiegelt. Der Junge war dem hinterlistigen Gunnar wichtiger als seine eigenen drei Töchter. Er war der Kern von Gunnars gesamten Zukunftsplänen. Fast hätte die Ehre Gunnars Bestimmung zerstört.
Gunnar schritt schneller ein als je zuvor und befahl kurz: „Halt! Fass ihn nicht an.“
Der Junge hielt inne. Doch sein Gesicht verzog sich vor Schmerz, als Gunnar sich neben ihn kniete. Er ließ ihn bitterlich weinen, damit er um seine Familie trauern konnte. Er ließ ihn um den großen Mann trauern, der durch Feigheit und Tücke getötet worden war.
Der Junge war noch nicht bereit für diese Aufgabe. Gunnar hatte zu viel Zeit und Mühe in die Beziehung investiert, um Magnus' frühen Tod zu riskieren. Aber wenn nicht der Junge, wer dann? Denn wer auch immer diesen Dolch herauszog, wäre per Eid verpflichtet, den Tod des mächtigen Chief Björn Nijalsson zu rächen.
Die Diener und anderen Schaulustigen versammelten sich. Gunnar spürte die Last der Verantwortung, vor der er sein Mündel bewahrt hatte. Seine Gründe waren jedoch alles andere als edel. Die Last der Ehre und einer Fehde, die Generationen zurückreichte, wollte er eigentlich nicht tragen. Doch seine Zukunft stand auf dem Spiel. Er war kurz davor, sein Schicksal an diese Fehde zu binden. Er wusste, dass es der einzige Weg war. Es war einfach der klügste Schachzug.
Vor den Augen aller Anwesenden streckte er langsam die Hand aus und zog den Dolch heraus.
Magnus starrte Gunnar fassungslos mit offenem Mund an. „Warum? Er war für dich doch nur ein Nachbar“, flüsterte der geschockte Junge.
Gunnar lächelte trotz der schrecklichen Lage. Der Junge dachte einfach und kurzsichtig, ganz im Gegensatz zu ihm. Er passte perfekt in seine wohlüberlegten Pläne.
Gunnar legte eine Hand auf die Schulter des Jungen und setzte seine ehrlichste Miene auf. „Ich habe es nicht für ihn getan, Magnus. Ich habe es für dich getan. Denn du, mein Kind, wirst einmal ein mächtigerer Chief werden als er. Und zusammen werden wir unaufhaltbar sein. Du wirst schon sehen, Magnus. Eines Tages werden du und ich über dieses Land herrschen.“









Great start 🪝
It’s definitely a different storyline but I like it 🩷
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This is a great start to a story! WOW