Kapitel 1
ARIADNA
Ich war früher nie gut im Kochen. Aber wenn man seit seinem zwölften Lebensjahr jeden Abend das Abendessen zubereiten muss, bleibt einem nichts anderes übrig, als es zu lernen. Inzwischen koche ich regelmäßig. Es macht mir sogar Spaß. Doch es wurde immer schwieriger, Gerichte zu finden, die sowohl meinem kleinen Bruder als auch meinem sehr mexikanischen Papa schmeckten. Der eine wollte nur Sachen essen, die voller E-Nummern steckten, während der andere auf eine strikte, ausgewogene Ernährung achtete. Musstest du wirklich fragen, wer wer war?
Leider ging das Ganze meistens auf meine Kosten. Papa konnte nicht kochen, um sein Leben zu retten, obwohl er ein mexikanisches Kartell leitete. Mein kleiner Bruder half allerdings manchmal mit.
„Brauchst du Hilfe, Sis?“
Ich blickte über die Schulter zu meinem kleinen Bruder.
„Ich bin fast fertig, aber beim Abwasch könnte ich Unterstützung gebrauchen.“
Isaiah, mein kleiner Bruder, verzog das Gesicht und krempelte widerwillig die Ärmel hoch, um sich an die Arbeit zu machen. Er hasste es, Geschirr abzuwaschen, aber er bot mir immer seine Hilfe an, wenn es sein stressiger Stundenplan in der Highschool zuließ.
„Ist das Salsa, die du da machst?“, fragte er.
„Ja, genau.“
„Was gibt es dazu?“
„Enchiladas und einen Beilagensalat.“
Ich musste mich nicht umdrehen, um zu wissen, dass er bei unserem heutigen Speiseplan erneut das Gesicht verzogen hatte.
„Keine Sorge“, versicherte ich ihm. „Ich habe deine Enchiladas separat gemacht. Ohne Bohnen.“
Unsere Mama war gestorben, als Isaiah noch ein Kleinkind war. Deshalb hatte er nicht so viel von der mexikanischen Küche mitbekommen wie ich. Mama liebte es zu kochen, und ich liebte alles, was sie zubereitete. Nach ihrem Tod versuchten Freunde und Verwandte uns zu helfen, aber Papa wies alle ab. Er behauptete, wir drei seien eine Einheit und könnten auf uns selbst aufpassen. Als Kind war das für mich nur schwer zu begreifen, aber heute weiß ich, dass Papa sich so an uns klammerte, um mit dem Verlust fertigzuwerden.
Mein Papa war vieles – meistens schlecht, abscheulich und grausam –, aber er liebte meine Mama von ganzem Herzen. Er hatte all ihre Sachen behalten, ihr Schlafzimmer so gelassen, wie es zu ihren Lebzeiten war, und trug immer ein Bild von ihr in seiner Brieftasche.
Wenn das keine Liebe war, dann wusste ich auch nicht weiter.
Isaiah war zu jung, um sich zu erinnern, aber nach Mamas Tod wirkte Papa wie betäubt. Er arbeitete nur noch, und wir wurden oft seinen Wachen und engsten Männern überlassen. Sie waren zwar nett, weil wir die Kinder ihres Jefe waren, aber kochen konnte von ihnen niemand. Gelegentlich brachten ihre Frauen oder Mütter etwas für uns mit, aber Isaiah wollte das nie probieren.
Als ich dann in der Highschool war, entdeckte ich meine Leidenschaft für das Kochen, ganz wie Mama. Ich fing an, in der Küche zu experimentieren. Papa war erleichtert, weil er nicht mehr ständig Essen bestellen musste. Wir gewöhnten uns daran, die meisten Abende gemeinsam am Esstisch zu sitzen, wie eine richtige Familie. Doch Isaiah wurde mit unserem traditionellen Essen einfach nicht warm. Ich fand das amüsant, aber Papa hasste es. Es war wahrscheinlich der einzige Teil an meinem Bruder, auf den er nicht stolz war.
„Danke, Sis.“
„Sag es nur nicht Papa, okay? Er wird mich wieder zur Schnecke machen, weil ich für dich extra koche. Erinnerst du dich noch ans letzte Mal?“ Ich schüttelte mich bei dem Gedanken daran. Vor ein paar Monaten hatte Papa herausgefunden, dass ich für Isaiah separat kochte, und ihn gezwungen, einen ganzen Topf Bohnen zu essen. Es flossen Schweiß und Tränen, und der Teppich war völlig ruiniert, weil Isaiah Bohnen am Ende nur noch mehr hasste als zuvor.
„Keine Sorge“, gluckste er. „Ich habe meine Lektion gelernt. Den Fehler mache ich nicht noch mal.“
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„Diese Enchiladas sind fantastisch. Fast so gut wie die von deiner Mama.“ Papa beugte sich über den Tisch und küsste meine Schläfe. „Danke fürs Kochen, querida.“
Meine Brust schwoll vor Stolz bei diesem großen Kompliment.
„Gern geschehen, Papa.“
„Papa hat recht. Die Enchiladas sind wirklich klasse“, sagte Isaiah, der mir gegenüber am Tisch saß. Er saß zu Papas Rechten, ich zu seiner Linken. Mamas Platz gegenüber von Papa blieb leer, genau wie in den letzten 13 Jahren.
Wir hatten einen großen Esstisch im Esszimmer, den wir nur nutzten, wenn die weitere Verwandtschaft oder einige von Papas Männern zum Essen vorbeikamen. Meistens aßen wir jedoch an dem kleinen Vier-Personen-Tisch in unserer Küche. Genau wie wir es früher taten, als Mama noch lebte.
Ich strahlte ihn an, als Papa nicht hinsah.
„Wie war die Schule, Isaiah?“, fragte ich meinen Bruder.
„Ganz okay.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich habe da noch eine Englischaufgabe, die ich noch nicht erledigt habe.“
„Wann ist Abgabetermin?“
„Morgen“, gab er kleinlaut zu.
Ich warf ihm einen halb ernst gemeinten, strafenden Blick zu. „Warum schiebst du deine Aufgaben immer bis zur letzten Minute auf?“
„Ich weiß es auch nicht. Kannst du mir nach dem Essen helfen? Du weißt, dass ich in Englisch eine Niete bin. Ich komme gerade so durch.“ Seine Augen flehten mich an.
„Na gut“, seufzte ich theatralisch. Natürlich nervte es, dass Isaiah seine Hausaufgaben immer auf den letzten Drücker machte, aber ich half ihm gerne. Isaiah und ich standen uns sehr nahe und genossen die gemeinsame Zeit.
„Mach dir wegen der Aufgabe keine Sorgen, nino. Erledige sie, wann immer du kannst. Wenn deine Lehrer ein Problem damit haben, sag ihnen, sie sollen zu mir kommen und mit mir darüber sprechen“, sagte Papa. „Du wirst nach der Highschool für mich im Kartell arbeiten. Hausaufgaben bringen dir da herzlich wenig.“
„Hör auf, so was zu sagen, Papa“, seufzte ich, diesmal aber sichtlich genervt. „Isaiah geht nach der Highschool aufs College. Er wurde bereits über die Vorabzulassung an der NYU angenommen, weißt du noch?“
Ich war so stolz gewesen, als Isaiah die E-Mail von der NYU bekam, dass er vorzeitig für das Studium der Betriebswirtschaftslehre zugelassen wurde.
„Was nützt ein College-Abschluss einem Kartellboss?“
„Isaiah wird kein Kartellboss werden.“
„Noch nicht“, grinste Papa auf die charmante Art, die er so an sich hatte. „Du musst schon warten, bis dein alter Herr den Löffel abgibt, bevor du als Boss übernehmen kannst, Isaiah.“
„Ich weiß, Papa“, kicherte Isaiah, doch der Klang war gezwungen. Er warf mir einen panischen Blick zu, als Papa nicht hinsah, aber ich presste nur die Lippen zusammen und sagte nichts weiter dazu.
Ich selbst war an der NYU gewesen, um Marketing zu studieren, und arbeitete heute remote für ein Start-up, dessen Kunden vor allem Influencer sowie ein paar aufstrebende Künstler und Prominente waren. Ich hatte ein paar verlockende Angebote in LA, die eigentlich mein Traumjob gewesen wären, aber ich brachte es nicht übers Herz, meinen Bruder allein bei Papa und dem Rest des Kartells zu lassen. Nicht, weil ich ihnen nicht traute, sondern weil ich nur zu gut wusste, wie sie waren.
Es würde mir das Herz brechen, meinen süßen, freundlichen und liebevollen kleinen Bruder unter dem Einfluss des mexikanischen Kartells zu sehen. Ich fürchtete, dass das eines Tages unvermeidlich war, da Papa Isaiah immer als seinen Nachfolger vorgesehen hatte. Aber ich wollte versuchen, das Gute in ihm so lange wie möglich zu bewahren.
Papa räusperte sich recht laut. „Ich muss mit euch beiden über etwas sprechen.“ Er aß den Rest seiner Enchiladas auf und wischte sich den Mund mit einer Serviette ab. „Ich hätte euch beide schon früher darüber informieren sollen, aber ich habe es immer wieder vor mir hergeschoben. Leider kann ich es nicht mehr länger aufschieben.“
Isaiah und ich tauschten einen Blick aus. Was auch immer es war, es konnte nichts Gutes bedeuten.
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Layla Knight
25.04.2024
querida – Liebling
jefe – Chef
nino – Sohn/Junge