Zimmer 37

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Zusammenfassung

Das mysteriöse Zimmer..

Genre:
Adventure
Autor:
Nicole_a8
Status:
Complete
Kapitel:
1
Rating
n/a
Altersfreigabe
16+

Nummer 37


Elyas:

Sie nennen es Heilung.

Ich nenne es Stille.

Diese Wände sind zu weiß, zu glatt, als würden sie das Leben aus jedem Gedanken ziehen, bis nur noch das Summen der Neonröhren bleibt. Ich spreche nicht. Ich beobachte.

Sie denken, ich sei gebrochen. Aber sie wissen nicht, dass ich nur warte.

Jede Nacht zählt ein Herzschlag mehr, jeder Tag ist ein Atemzug näher. Ich höre Schritte auf dem Flur, immer dieselben – dumpf, gleichmäßig, fremd.

Doch irgendwann, wenn das Schicksal wieder lächelt, werden andere Schritte kommen.

Leiser. Weicher. Bekannter.

Und wenn sie kommen, werde ich wissen, dass sie es ist.


Nicole:

Der Regen fiel wie flüssiges Glas vom Himmel. Langsam, schwer, lautlos in seiner Monotonie.

Ich stand vor dem Gebäude, das meine neue Arbeitsstelle sein sollte, und fragte mich, wann ein Ort aufhörte, nur aus Mauern zu bestehen – und begann, zu atmen.

Die Klinik ragte vor mir auf wie ein vergessener Gedanke: alt, mit grauen Steinen, deren Risse sich wie feine Narben über die Fassade zogen. Die Fenster – lang, schmal, vergittert – erinnerten an Augen, die zu viel gesehen hatten und sich weigerten, noch einmal zu blinzeln.

Ich atmete tief ein. Der Geruch nach Regen, Metall und Desinfektionsmittel hing in der Luft, als hätte jemand die Welt steril gewaschen.

Ein Flackern ging durch die Neonröhren über dem Eingang, und für einen Moment sah es aus, als würde das Gebäude selbst leben.

„Nicole Weber?“, fragte eine Stimme hinter mir.

Ich drehte mich um. Eine Frau mit strengem Dutt, schmalem Mund, klinisch weißer Uniform. Ihre Haltung war so gerade, dass selbst ihr Schatten aufrecht stand.

„Ja“, sagte ich und versuchte zu lächeln. „Mein erster Tag.“

Sie nickte kaum merklich. „Stationsleitung Dr. Reimann. Ich zeige Ihnen die Abteilung.“

Ihre Stimme klang, als wäre jedes Wort vorher desinfiziert worden.

Wir gingen durch gläserne Türen, die sich mit einem dumpfen Zischen schlossen. Dahinter veränderte sich die Welt – die Luft war kälter, dichter. Die Flure waren zu hell beleuchtet, das Licht brannte in den Augen. Auf dem Boden glänzten Fliesen so sauber, dass man sich darin hätte spiegeln können, wäre da nicht die sterile Leere in ihrem Weiß gewesen.

„Sie werden auf Station 3B eingeteilt“, sagte Dr. Reimann. „Geschlossene Abteilung. Schwerpunkt: schweigende Patienten.“

Schweigende.

Das Wort blieb an mir hängen wie Staub.

„Ich habe Erfahrung mit Traumapatienten“, antwortete ich, bemüht ruhig.

„Das werden Sie brauchen.“

Wir kamen an einem Fenster vorbei, das zum Innenhof führte. Dort stand eine alte Linde, kahl, vom Regen durchnässt. Ein einzelner Vogel saß auf einem Ast, zitternd, aber unbeirrbar.

Ich fragte mich, ob man hier irgendwann vergaß, dass draußen noch eine Welt existierte.

Dr. Reimann blieb vor einer dicken Stahltür stehen. Eine kleine Kamera blinkte darüber, rot und stetig.

„Ab hier beginnt der Bereich mit Isolationszimmern“, erklärte sie. „Kein Patient darf ohne Begleitung. Kein Gespräch ohne Aufsicht. Und kein Vertrauen, ohne Regeln.“

Ich nickte, und mein Herz schlug ein bisschen zu laut.

Wir gingen weiter. Türen reihten sich an Türen, jede mit einer Zahl. Manche hatten kleine, quadratische Fenster. Hinter manchen war Bewegung – Schatten, Gestalten, Stimmen, die zu flüstern schienen, ohne Worte zu formen.

Dann blieben wir stehen.

Nummer 37.

Dr. Reimann legte kurz die Hand auf das Klemmbrett. „Hier ist Elyas Winter untergebracht.“

Ich hob den Blick zu dem schmalen Sichtfenster. Dahinter: Dunkelheit. Nur das matte Licht einer Lampe, die über ein Bett fiel. Kein Geräusch. Keine Bewegung.

„Er spricht nicht“, sagte sie leise. „Seit seiner Einweisung kein einziges Wort. Weder zu Ärzten noch zu Pflegern.“

„Wie lange ist das her?“

„Sechs Wochen.“

Sie wandte sich zu mir. „Wir haben beschlossen, Sie für seine Betreuung einzuplanen. Sie wirken… ruhig.“

Ruhig. Wenn sie wüsste, wie laut meine Gedanken manchmal waren.

„Was wissen wir über ihn?“, fragte ich.

„Nicht viel. Früher war er Fotograf. Dann… ein Vorfall. Danach nichts mehr. Schweigen. Er isst, schläft, reagiert kaum. Keine Medikamente. Nur Stille.“

Ich sah noch einmal durch das kleine Fenster. Irgendetwas an diesem Raum zog mich an. Vielleicht, weil dort nichts passierte – und trotzdem alles vibrierte, wie eine gespannte Saite, kurz bevor sie reißt.

„Ab morgen beginnen Sie mit der Beobachtung“, sagte Dr. Reimann. „Kein direkter Kontakt in den ersten Tagen. Nur Anwesenheit. Routine.“

Ich nickte. Routine.

Aber nichts an diesem Ort fühlte sich nach Routine an.

Als sie mich allein ließ, blieb ich noch stehen. Der Flur war leer, die Luft unbeweglich. Irgendwo tropfte Wasser – regelmäßig, wie ein zweiter Herzschlag.

Ich trat näher an die Tür von Raum 37.

Hinter dem kleinen Fenster: Dunkelheit.

Aber für den Bruchteil einer Sekunde hatte ich das Gefühl, dass dort jemand stand – still, fast unsichtbar, und mich ansah.

Ein Schauer kroch mir über den Rücken, leise wie kalter Atem.

Als ich blinzelte, war das Fenster leer.

Der nächsteMorgen begann zu still.

Selbst das Ticken der Uhr im Aufenthaltsraum klang wie ein Eingeständnis, dass Zeit hier nichts bedeutete. In der Klinik schien alles zu stehen – die Luft, die Minuten, manchmal sogar die Gedanken.

Ich saß vor den Überwachungsmonitoren. Acht Bildschirme, acht Leben, eingefangen in kaltem Grau. Einer davon gehörte zu Raum 37.

Elyas Winter.

Auf dem Bildschirm war kaum Bewegung zu erkennen.

Er saß auf dem Bett, den Rücken zur Kamera, still wie Stein. Kein Zucken, kein nervöses Tippen der Finger. Nur die gleichmäßige Linie seiner Schultern, die sich manchmal beim Atmen hoben und senkten, als würde selbst das ihm schwerfallen.

Ich hatte mir vorgestellt, Stille sei leer.

Aber in seiner Nähe fühlte sie sich an wie etwas, das atmete.

„Sie können Notizen machen, wenn Sie möchten“, sagte Schwester Anne, die neben mir saß. Ihre Stimme klang müde, routiniert.

Ich nickte. „Hat er… jemals reagiert?“

„Nicht wirklich. Manchmal bewegt er den Kopf, wenn jemand den Raum betritt. Aber keine Worte. Kein Blickkontakt. Es ist, als wäre er halb hier, halb woanders.“

Ich schrieb:

Patient zeigt keine sichtbare Reaktion. Körperhaltung aufrecht. Kein Augenkontakt.

Aber innerlich dachte ich: Er weiß, dass wir ihn ansehen.

Ich konnte es nicht erklären – dieses Gefühl, als würde er die Kamera spüren.

Manchmal drehte er den Kopf ein wenig, kaum merklich. Nicht genug, um sein Gesicht zu zeigen, aber gerade so, dass man sicher war: Das war Absicht.

Als ich gegen Mittag allein war, blieb ich länger vor dem Monitor sitzen.

Der Raum war leer, das Licht auf dem Bildschirm zu hell. Ich hörte den Regen draußen gegen die Fenster schlagen – dumpf, rhythmisch, fast beruhigend.

Und dann hob er den Kopf.

Langsam.

Gezielt.

Ich konnte sein Profil erkennen – scharfe Konturen, dunkles Haar, Haut so blass, dass sie im Licht fast durchsichtig wirkte. Seine Augen waren im Schatten verborgen, aber ich wusste, dass sie offen waren.

Er sah nicht direkt in die Kamera, und doch hatte ich das Gefühl, dass er mich ansah.

Nicht das Gerät. Nicht den Raum. Mich.

Mein Herz schlug schneller. Ich beugte mich unbewusst näher an den Bildschirm, als könnte ich dadurch etwas erkennen, was das Licht verbarg.

Aber da war nur er – still, unbewegt, und doch voller Bewusstsein.

Ein Rascheln hinter mir ließ mich zusammenzucken.

„Alles gut?“, fragte eine Stimme.

Ich drehte mich um. Dr. Reimann stand in der Tür, ihr Blick neutral wie immer.

„Ja“, sagte ich schnell. „Ich beobachte nur.“

„Tun Sie das nicht zu lange“, antwortete sie. „Er zieht einen hinein, ohne dass man es merkt.“

Ich lachte leise, um die Spannung zu überspielen, aber sie lächelte nicht zurück.

Nachdem sie gegangen war, sah ich wieder zum Monitor. Elyas hatte sich nicht bewegt.

Und doch hatte ich das Gefühl, dass er wartete.

Ich machte weiter Notizen:

Augen geöffnet. Keine verbale Reaktion. Kein Aggressionsverhalten. Keine Auffälligkeiten.

Aber das stimmte nicht.

Etwas war auffällig.

Ich spürte es, ohne es benennen zu können – dieses unsichtbare Ziehen, als hätte etwas in seiner Stille einen Rhythmus, dem man unbewusst folgte.

Später, als ich in der Pause allein in der Teeküche stand, starrte ich auf mein Spiegelbild im Fenster.

Draußen war es inzwischen dunkel. Die Regentropfen zogen Spuren über das Glas, und für einen Moment meinte ich, hinter meinem Spiegelbild eine Bewegung zu sehen – nur einen Schatten, der zu schnell verschwand.

Ich sagte mir, dass ich übermüdet war.

Dass die Stille dieser Orte einem manchmal Streiche spielte.

Aber als ich am Abend durch den Flur ging, kam ich wieder an Tür 37 vorbei.

Und diesmal war das Sichtfenster nicht dunkel.

Das Licht in Elyas’ Zimmer brannte.

Er saß auf dem Boden, den Rücken an die Wand gelehnt. Seine Hände lagen locker auf den Knien.

Er starrte geradeaus – und diesmal direkt zum Fenster.

Ich blieb stehen. Ein Teil von mir wollte weitergehen, ein anderer konnte nicht.

Sein Blick war leer und doch so fokussiert, dass ich mich fragte, ob er wirklich mich sah oder etwas hinter mir.

Ich hob unbewusst die Hand – eine minimale Bewegung. Nur ein Reflex, vielleicht aus Mitgefühl, vielleicht aus Neugier.

Und in genau diesem Moment – hob er auch die Hand.

Nicht abrupt. Langsam. Spiegelgleich.

Die Gänsehaut kroch mir bis in den Nacken.

Es war, als hätte er mich kopiert – oder als wäre ich nur eine Reflexion von ihm.

Dann ließ er die Hand sinken, drehte den Kopf und schloss die Augen.

Ich trat einen Schritt zurück.

Und schwor mir, dass ich am nächsten Tag versuchen würde, rational zu bleiben.

Aber in dieser Nacht, als ich allein in meinem kleinen Dienstzimmer saß, konnte ich das Gefühl nicht abschütteln, dass jemand – irgendwo – noch wach war.

Und dass seine Augen nicht geschlossen waren.