Whispers in the Dark
Sie verfolgten seit Stunden Flüstern. Keine Fußspuren. Kein Geruch. Nur Flüstern.
Seit Wochen machten Gerüchte die Runde – Kinder verschwanden nahe der Grenzen, kaum alt genug für ihre erste Wandlung. Die Ältesten taten das Gerede als Unglück oder Streiche ab, doch Elyria hatte das Muster erkannt. Immer bei Nacht. Immer kurz nach ihrer ersten Verwandlung. Immer dann, wenn die Welt sich zu groß für kleine Körper anfühlte, die gerade erst lernten, zwei Dinge gleichzeitig zu sein.
In Hollow Creek wurden die Fensterläden schon vor der Dämmerung verriegelt. Eisenägel wurden in Holz geschlagen, das sie früher nie gebraucht hatte. Mütter hängten Glücksbringer über die Wiegen – geflochtenes Schilf, Flusssteine, sonnengebleichte Knochen. Talismane, die noch nie zuvor gebraucht worden waren und es auch nie hätten werden sollen. In der Schänke ging es ruhiger zu, und die Gespräche verstummten, sobald der Mond aufging, als ob die Nacht selbst lauschte.
Sie konnte das Mädchen aus Hollow Creek nicht vergessen. Die Tunika des Kindes war blutbefleckt und zerrissen gefunden worden, noch warm, als die Späher sie entdeckten. Es gab keine Kratzspuren. Keine Duftspur. Als hätte der Wald sie einfach verschlungen.
Das war es, was Elyria am meisten verfolgte. Nicht der Tod – um die Toten konnte man trauern. Aber diese Kinder waren einfach … verschwunden.
Und etwas tief in ihren Knochen sagte ihr: Das war kein Zufall.
Etwas holt sie sich.
Deshalb hatte sie nicht auf die Abstimmung des Rats gewartet. Deshalb hatte sie nicht auf Cassian gehört, als er sie vor dem Pfad warnte. Wenn es auch nur die kleinste Chance gab, eines zu retten – nur eines –, dann würde sie dem Flüstern in die Dunkelheit folgen.
Deepwood empfing sie wie eine Kathedrale aus Schatten. Die Äste wuchsen dicht über ihren Köpfen zusammen, und der Mond fädelte sein bleiches Licht wie eine Nadel durch das schwarze Geflecht. Die Luft schmeckte nach feuchter Erde, Eisen und der leichten Süße von zerdrückten Kiefernnadeln. Elyria duckte sich neben Cassian und ließ zu, dass der Wald ihr seine kühlen Hände auf die Haut legte. Ihr Herz schlug hier draußen in einem uralten Rhythmus, ein Echo von etwas, das sie eher erinnerte als gelernt hatte.
Sie durften eigentlich gar nicht so tief hier sein. Selbst die Jäger blieben nicht ohne triftigen Grund und ein Gebet hinter dem dritten Ring.
„Spuren“, murmelte Cassian und deutete mit zwei Fingern darauf. Ein aufgewühlter Fleck im Nadelboden. Der Abdruck einer Ferse. Die Spur kleiner Zehen, die erst halb gewandelt waren – deren Ballen noch nicht hart genug für den Boden waren. Er berührte sie nicht, sondern beobachtete nur, wie die aufgewühlten Nadeln versuchten, sich wieder zu legen, so wie sich ein Atemzug nach einem Sprint beruhigt.
Cassian war schon immer ihr Schutzschild und ihr Schatten gewesen. Er hatte sie aufgezogen, nachdem ihre Eltern unter verdächtigen Umständen gestorben waren – irgendetwas mit einem Erbe von Blutlinien, das keiner von ihnen voll verstand. Sie erinnerte sich nicht an alles, was in jener Nacht geschah, aber sie erinnerte sich an die Flammen. Und den Geruch von Eisen. Sie erinnerte sich daran, wie sich Cassians Hand im Rauch um ihre geschlossen hatte, fest wie ein Schwur. Seitdem hatte er sie trainiert – nicht, um ihre Gaben anzunehmen, sondern um sie zu verbergen.
„Ich halte das immer noch für eine Falle“, sagte er jetzt, seine Stimme leise zwischen den Blättern. „Wenn sie jemanden mit Macht als Köder nutzen wollen …“
„Dann hätten sie Erfolg“, antwortete Elyria und blickte zurück. „Aber ich löse lieber die Falle aus, als zuzulassen, dass sie weiter andere fängt.“
Er widersprach nicht. Er rückte nur näher, als wäre Nähe selbst ein Schutz. Schatten kräuselten sich um seine Schultern, wenn er unruhig war – Elyria glaubte, niemand sonst bemerkte, wie die Dunkelheit ihn bevorzugte, wie sie sich um ihn legte, als würde sich ein Wolf an einen alten Freund schmiegen.
Sie gingen weiter. Der Wind strich durch die Nadeln mit einem Flüstern, das wie ein Atemzug klang. Irgendwo weit entfernt testete eine Eule einen einzigen Ton und verstummte dann, als hätte die Nacht sie zurechtgewiesen.
Die Luft veränderte sich.
Nicht kälter. Nicht wärmer. Einfach … aufmerksam. Die Stille wurde erwartungsvoll, so wie ein Raum verstummt, wenn sich die Tür für jemanden Wichtiges öffnet. Elyria spürte, wie sich die Nackenhaare aufstellten. Sie berührte mit zwei Fingern den Mondstein an ihrem Hals, eine Gewohnheit, an deren Ursprung sie sich nicht erinnerte, und schmeckte einen metallischen Nachgeschmack auf der Zunge.
„Zu still“, flüsterte sie.
Cassians Hand war bereits am Messer an seinem Gürtel. Er schob sich zwischen sie und den tieferen Schatten. „Bleib nah bei mir.“
Sie schlüpften unter die verdrehten Äste einer knorrigen Esche. Der Boden gab sanft nach, und Moos verschluckte ihre Schritte. Elyrias Sinne waren gespannt wie ein Draht. Sie zählte ihre Atemzüge: vier ein, zwei halten, vier aus. Der Wald war schon immer ihr Zufluchtsort gewesen, doch heute fühlten sich die Schatten näher an. Eine Warnung summte in ihren Knochen wie ein tiefer Ton, der auf einer großen Glocke angeschlagen wurde.
Sie hörte es, bevor sie es sah – ein scharfes Jaulen, hoch und panisch. Ein Kind.
Elyria handelte, bevor sie nachdenken konnte. Sie rannte, als hätte sich das Unterholz für sie geteilt, als würde die Erde die Form ihrer Füße erkennen. Zweige peitschten an ihr vorbei, Mondlicht zerriss in silbernen Bändern vor ihrem Blick. Sie brach auf eine Lichtung vor, die von schwarzen Farnen gesäumt war, und sah sie: zwei vermummte Gestalten und ein kleines Wolfskind, mitten in der Wandlung, das Fell schimmerte auf den dünnen Armen, die Augen in der Dunkelheit unnatürlich hell.
Jäger.
Die Gestalt, die näher stand, hob eine Klinge, die nach Eschenwurzel und Silber stank – der Geruch war so beißend, dass er ihr im Hals brannte. In den Rücken der Klinge waren Symbole eingebrannt – krumme Sigillen, die das Mondlicht um sie herum wie Hitze flimmern ließen. Die andere Gestalt schwang ein beschwertes Netz, das mit einem unbekannten Staub glitzerte. Jeder Knoten war mit einem winzigen Messingglöckchen versehen, das keinen Ton von sich gab.
Alles in Elyria wurde ganz, ganz ruhig.
Keine Stille der Angst. Eine Stille der Konzentration, hart und rein. Ihr Körper wusste, was zu tun war, bevor sie es selbst begriff.
Sie schrie nicht. Sie kündigte sich nicht an. Sie hob ihre Hand.
Es begann als ein Zittern unter der Haut, ein leises Prickeln – wie das Gefühl, bevor ein eingeschlafener Körperteil erwacht. Dann entfesselte sich ein Blitz in ihrem Blut, hell und unbarmherzig. Er rollte sich in ihrer Wirbelsäule auf, wand sich um ihre Rippen und zuckte durch ihre Nerven bis in die Fingerspitzen, bis ihre Nagelbetten brannten. Die Welt verengte sich auf einen einzigen Punkt: die herabsausende Klinge, die Pupille im linken Auge des Kindes, ein Tropfen Feuchtigkeit, der an einem Farnblatt herunterglitt.
„Elyria“, zischte Cassian irgendwo hinter ihr, zu spät und zu weit weg.
Das Licht gab die Antwort.
Ein Puls aus Mondsilber schoss aus ihrer Handfläche, mit der Kraft einer Welle, die gegen Stein schlägt. Er traf die Lichtung und zerschmetterte alles Weiche: Die Jäger taumelten zurück, ihre Umhänge brannten an den Rändern, der Eschenwurzelgestank wurde zerfetzt und davongeblasen. Vögel schossen aus dem Blätterdach empor. Das beschwerte Netz schepperte gegen einen Baumstamm, die Glöckchen schrien nun auf, als Metall auf Borke traf.
Das Welpenkind kippte um und blinzelte sie dann an, als hätte sich die Welt gedreht. Elyria deutete mit einer Geste: Lauf. Es floh, ein Aufwirbeln von Blättern und ein Streifen Fell. Am Rand der Lichtung zögerte ein zweites Kind – älter, halb verborgen. Elyria sah es nicht, aber das Kind sah Elyria und vergaß die Form ihres Gesichts nicht mehr.
Die Stille kehrte auf die Lichtung zurück. Das Licht in Elyrias Händen wurde zu glühender Asche und erlosch dann. Ihr Herz hämmerte. Ihre Fingerspitzen sprühten einmal trotzig Funken, dann wurden sie ruhig. Sie roch verbrannte Kiefer. Sie schmeckte wieder Eisen, schärfer als zuvor. Sie fühlte sich zerbrechlich, als hätte sie den Mond verschluckt und er würde nun hinter ihren Rippen feststecken.
Hinter ihr ein Rascheln. Ihr Instinkt formte eine Klinge, noch bevor sie merkte, dass sie sich bewegt hatte.
„Elyria.“
Cassian.
Er trat ins Sichtfeld, die Schatten lösten sich von ihm wie Stoff. Seine Augen hatten das Gold des Winters – wunderschön und wütend. Er musterte die verbrannten Ränder der Lichtung, die mit Sigillen versehene Klinge, die kopfüber im Matsch steckte, und den Geisterrauch, der von Elyrias Knöcheln aufstieg.
„Was hast du getan?“, fragte er, nicht unfreundlich, aber auch nicht sanft.
„Ich …“ Ihre Stimme brach. Sie stabilisierte sie. „Ich wollte das nicht. Ich … ich war es nicht allein. Etwas – hat geantwortet.“
„Genau das beunruhigt mich. Du hast den halben Wald in Licht getaucht.“ Er ging in die Hocke und hob einen Fetzen des Umhangs auf, roch an der Sengspur. „Dieser Ausbruch war nicht natürlich.“ Er beschuldigte nicht sie. Er beschuldigte die Welt, die sie zu dem gemacht hatte, was sie war. „Du weißt nicht, was da geantwortet hat.“
Die Worte hingen schwer zwischen ihnen.
„Oder wer es sonst noch gespürt hat.“
Elyrias Hände zitterten. Sie drückte sie gegen ihre Rippen, ihre Handflächen kühlten schmerzhaft ab. „Es fühlte sich an, als wäre etwas Uraltes in mir. Als hätte es nur gewartet.“
Cassian berührte ihre Schulter. Es war eher ein Befehl als Trost.
Elyria blickte noch einmal zurück.
Die Lichtung war unnatürlich still geworden. Rauch kräuselte sich in dünnen silbernen Bändern von der versengten Erde und wand sich zwischen den Bäumen wie ein Lebewesen, das nicht gehen wollte. Die Jäger stöhnten leise dort, wo sie gefallen waren, doch selbst dieses Geräusch wirkte fern unter der bedrückenden Stille, die sich über den Wald legte.
Es fühlte sich jetzt beobachtet an.
Nicht von Augen, die sie finden konnte – von der Aufmerksamkeit selbst.
Ihre Haut prickelte heftig. Die verbliebene Kraft unter ihren Rippen pulsierte einmal als Antwort, so scharf, dass es ihr den Atem raubte.
Cassian bemerkte es sofort. Seine Hand schloss sich fester um ihr Handgelenk.
„Hör nicht darauf“, sagte er leise.
Angst sickerte kalt durch ihre Brust. „Worauf hören?“
Doch Cassian antwortete nicht.
„Wir gehen. Jetzt.“
Sie verließen die Lichtung und ließen den Wald sich hinter ihnen schließen.
Hinter ihnen regte sich etwas tief unter der Erde.








