Theo Carter-Friseure, und ihre Unannehmlichkeiten

Gibt es Menschen dort draußen, die alte Leute wirklich leiden können? Wenn ja, gehören sie für mich an einen Neurologen überwiesen. Irgendwas stimmt mit ihrem Gehirn nicht, da bin ich der festen Überzeugung – wer hört sich denn gern jeden Tag dasselbe an und meistens nur negative Aussagen?
Diese Annahme begründet sich nicht nur in meinem jungen Alter, nein, ich habe über die Jahre mehr faltige Gesichter gesehen, als mir lieb ist. Und eines dieser Gesichter sitzt gerade auf dem Stuhl vor mir und kaut mir ein Ohr darüber ab, wie schlimm ihr Mann ist.
Wenn es nach mir ginge, würden Friseure definitiv mehr Ansehen genießen. Dabei helfe ich meiner Mom nur aus und muss nicht jeden Tag die gleichen Storys ertragen. Keine Ahnung, wie meine Mutter das schafft, aber ich habe jetzt schon abgeschaltet und gehe mit routinierter Handbewegung meiner Arbeit nach. Es reicht aus, hier und dort zu nicken, dann zu lächeln oder das Gesicht zu verziehen. Der Trick dahinter ist, dass man auf die Stimmlage hört. Alte Menschen neigen dazu, zu gestikulieren oder ihre - meist radikale - Meinung laut kundzutun. Heißt, erhebt sie ihre Stimme, schau schockiert und entsetzt. Wird die Stimme leiser, dann nicke artig. Wenn die Kundin dich über den Spiegel ansieht, dabei eine Augenbraue leicht hochhebt, dann bestätige sie. Meistens suchen sie dann nach Zustimmung.
Friseure sind nichts weiter, als gute Beobachter, wir registrieren, wie sich die Leute verhalten und handeln dann so, dass sie sich in unserer Obhut wohl fühlen.
Man kann uns nicht direkt als Heuchler bezeichnen, doch nur in wenigen Fällen – vielleicht 10 von 100 – berühren uns ihre Geschichten tatsächlich.
Aber auch ich bin nur ein Mensch, irgendwann wird die nervige Kundin zu einer vertrauten Person. Außerdem gebe ich ja zu, dass mir manche auch leidtun, wirklich. Viele suchen uns nicht auf, um ihre Haare gestylt zu bekommen. Sie kommen zu uns, um jemanden zu haben, mit dem sie reden können. Gerade alleinstehende ältere Männer oder Frauen besuchen uns öfters. Einfach, weil wir da sind, nicht wegkönnen und ihnen zuhören müssen. Sie wollen sich mitteilen, dabei spielt es nicht mal eine Rolle, ob wir richtig hinhören.
Ich bezeichne es gerne als Dampf ablassen.
»Dieser Kerl macht mich wahnsinnig, immer lässt er seine Schmutzwäsche auf dem Boden liegen!«, schimpft Frau Olsen.
Sie ist schon Kundin bei uns, seitdem meine Mutter den Laden eröffnet hat. Jede Woche kommt sie hierher und lässt sich ihre Haare eindrehen oder föhnen. Je nach Wetterlage muss es mal mehr und mal weniger gut halten. Dabei frage ich mich wirklich, womit alte Menschen ihre Zeit so verbringen. Ich könnte mir Besseres vorstellen, als den Wetterbericht zu analysieren und anhand der Vorhersagen zu erörtern, ob ich lieber unter der Haube sitze oder den Friseur damit nerve, dass er aktiv an meinem Kopf herumfummeln muss.
»Weißt du Jungchen, ich bin seit sechzig Jahren mit ihm verheiratet, und der Kerl verhält sich, als wäre er noch derselbe Grünschnabel wie damals!«, erklingt die alte rauchige Stimme über den Lärm des Föhns hinweg. Ich löse gerade das nächste Passé und nicke artig. »Letztens hat er doch wahrhaftig gemeint, ich würde mich zu sehr reinsteigern!« Erneut ein Nicken von mir und ich blende sie wieder aus, während ich mich in meiner Routine verliere und sie in ihrer.
Es ist zwar immer ganz abwechslungsreich, da sie entweder über die Unfähigkeit ihrer Ärzte schimpft, sich dann beim nächsten Termin über ihre beste Freundin aufregt, welche immer in ihren Rezepten rumpfuscht, ehe sie zu ihrem ach so schrecklichen Mann kommt. Der im Übrigen auch bei meiner Mom Kunde ist.
»Honey, ich kann übernehmen«, trällert die warme Stimme meiner Mutter, die mich in ebendiesem Moment, mit ihrer Hüfte leicht anstupst und mir dann schon den Föhn und die Bürste aus der Hand nimmt. Dankbar nicke ich ihr zu und entferne mich ein paar Schritte nach hinten.
»Frau Olsen, um Himmels willen! Sie sollen doch nicht immer so viel Haarspray nehmen«, meckert meine Mom, da Frau Olsen dazu neigt, so viel zu verwenden dass selbst das intensivste Shampoo weiße Reste im Haar übrig lässt. »Ah, kassierst du Mister Collins ab, wenn er von der Toilette wiederkommt?«, fragt mich meine Mom und taxiert mich mit einem breiten Lächeln auf ihren roten Lippen. Artig wie ich bin, nicke ich nur stumpf und schlender nach vorne zum Kassenbereich, wo Lexi gerade dabei ist, eine Farbkarte auszufüllen.
Sie ist Moms Auszubildende und teilt mit ihr denselben Spleen: Ordnung. Die Akten der Kunden, oder, besser gesagt ihre Farbkärtchen, sind immer auf dem aktuellsten Stand und fein säuberlich in die Ordner sortiert die unter dem Tresen stehen. Dabei müssen sie natürlich akribisch nach dem Alphabet sortiert sein.
Ich stupse ihr in die Seite, sie zuckt zusammen und macht mit ihrem Hintern Platz, sodass man an ihr vorbei kommt.
Ich schnappe mir den Rollhocker und lasse meine schweren Glieder darauf sinken, während ich mit ein paar Klicks am Bildschirm den Kassiervorgang starte.
Mister Collins, ein älterer Herr, der sich sein Alter nicht ansehen lassen will, bezahlt immer mit Karte. Also schwebe ich mit dem Curser schon über die Auswahl, während er langsam und gemächlich die Treppe mit seinem Gehstock erklimmt. Er färbt seine Haare, was ungewöhnlich in seinem hohen Alter ist. Aber egal was meine Mom sagt, er lässt sich nicht davon abbringen, auch wenn diese mittlerweile so licht sind, dass seine Kopfhaut mehr Farbe abbekommt, als die drei grauen Strähnen darauf.
»Na, Großer«, begrüßt er mich und streckt mir seine Karte entgegen. Ich wickle alles schnell ab, halte ihm die Karte wieder hin, sodass er diese wieder an ihrem angestammten Platz sortiert, was man gut an den ausgeblichenen Abdruck im Leder erkennen kann. »Im Übrigen, mein Enkel ist in der Stadt, er ist in deinem Alter«, fängt er an zu reden, ohne auch nur davon auszugehen, dass ich gar kein Interesse daran haben könnte, jetzt noch ein Gespräch zu führen. Sag ich ja, wir sind halt da und müssen es ertragen, auch wenn ich gerade am liebsten weglaufen würde. Zwar fühle ich mich nicht ausgelaugt oder brauche gar eine wirkliche Pause, aber mir juckt es in den Fingern, eine Zigarette rauchen zu gehen. »Er wird auf dieselbe Uni wie du gehen. Frisch aus Kanada, direkt aufs Eis für die Huskies.« Okay, ab jetzt schalte ich komplett ab. Mein Interesse für Eishockey ist ungefähr so groß wie eine Ameise. Wobei ein Spieler davon eine Ausnahme bildet. »Ich rufe ihn gleich mal an, vielleicht braucht er ja einen neuen Haarschnitt. Dann könnt ihr euch kennenlernen. Damit er wenigstens einen Freund hat.«
Ich lächele, so aufgesetzt, dass es in zehn Meilen Entfernung zu erkennen ist. Aber es ist besser, als Mr. Collins zu sagen, wie wenig ich mit dem gepuderten Arsch seines Enkels zu tun haben will.
»Auf Wiedersehen Miss Carter«, ruft er noch nach hinten, wo meine Mutter Miss Olsen gerade ein Vogelnest toupiert.
Was alte Menschen nur immer mit ihrem Hinterkopf haben.
Sie winkt ihm mit einem breiten Lächeln zu und erst als die Türe mit einem Klingeln ins Schloss fällt, springe ich auf. Diesmal achtet Lexi darauf, nimmt ihre Hüfte ein wenig vor und lässt mich vorbei.
»Wie süß ist er bitte, will direkt für seinen Enkel einen Freund finden«, flötet sie und blickt unter ihren schwarz getuschten Wimpern zu mir auf.
»Ältere Menschen verstehen keine Privatsphäre, bei mir als Sohn seiner Friseurin noch weniger.«
»Ach was. Lern seinen Enkel doch erstmal kennen. Vielleicht ist er ja ganz nett?«
»Er ist Sportler und spielt Eishockey, das reicht, um ihn als überheblich abzustempeln.«
»Du bist so voller Vorurteile, Carter.«
»Sagt das Puckbunny schlechthin.«
»Hey, lass meine Jugendsünden außen vor! Ich bin jetzt erwachsen. Sowas mache ich nicht mehr. Aber ... wenn er ein Schnuckelchen ist, hab ich kein Problem “Go Huskies“ zu jubeln.«
»Während du auf seinem Schwanz reitest oder was?«
»Theodor Evans Carter!«, erklingt es entrüstet von meiner Mutter, die mir einen warnenden Blick zuwirft. Dabei kann es Miss Olsen ohne ihre Hörgeräte ohnehin nicht gehört haben.
»Genau Theo, du unartiger Bengel«, kichert Lexi, die sich ihre blonden Wellen über die Schultern wirft und mich mit einem frechen Grinsen ansieht und die Zunge rausstreckt.
»Du auch Lexi!«
»Du auch Lexi…«, säusel ich zu ihr und zwinker, bevor ich nach hinten eilen will.
Meiner Mutter gebe ich ein kurzes Zeichen, dass ich Rauchen gehe, während sie mir tadelnd einen Klaps auf den Hinterkopf gibt. Dabei habe ich nur Fakten genannt.
Lexi war bis vor zwei Jahren noch auf meinem College und dort redet man sehr viel. Ihr Name ist mir nicht unbekannt.
Behutsam ziehe ich den Vorhang beiseite, der den Pausenraum vom Kundenbereich abschirmt. Mit einer routinierten Bewegung ziehe ich die Schachtel aus meiner Gesäßtasche, greife nach einem Feuerzeug vom Tisch und stoße schließlich die Tür zum Hinterhof auf.
Kalte Herbstluft schlägt mir entgegen und ein Frösteln ergreift meinen Körper. Doch selbst ein Schneesturm würde mich nicht davon abhalten, die Zigarette anzuzünden, damit ich meine Lunge verpesten kann. Mir ist bewusst, das Rauchen scheiße ist. Aber das heißt ja nicht, dass ich damit aufhören will. Schlechte Angewohnheiten legt man nicht so einfach ab. Mal davon abgesehen, dass ich es gar nicht ablegen will, da nur das Nikotin es schafft, mich zu erden. Und Sex. Ja der ist auch gut, um runterzufahren, allerdings ist das gerade weder die richtige Zeit noch der richtige Ort. Ich könnte ja mein Social Media checken, um meine Gedanken ein wenig schweifen zu lassen.
Mit einer lässigen Bewegung ziehe ich das Handy aus der vorderen Tasche, entsperre es per Daumenabdruck und kaum öffne ich die Benachrichtigungen, springt mir Instagram entgegen. Bla bla bla hat dir eine Nachricht gesendet. Der hat das geteilt und so weiter. Ich wische diese Nachrichten weg und will noch kurz meine Mails checken. Die Gebühr für das neue Semester steht an. Außerdem haben sie die Rechnung meiner Unterkunft beigefügt. Meine Augen fliegen über die paar Zeilen und ich mache mir in Gedanken die Notiz, dass ich es heute Abend überweise. Schnell schließe ich meine Mails und will mein Handy gerade zurück in meine Hosentasche sinken lassen, als eine neue Benachrichtigung auftaucht.
K_Six hat ein neues Video hochgeladen.
Hell, yes! Meine Laune katapultiert sich schlagartig in die Höhe.
Ich werfe einen kurzen Blick über die Schulter, lasse meinen Blick über den Hof gleiten und stelle dann die Medienlautstärke meines Handys so ein, dass die Musik kaum zu hören ist.
Das Video startet direkt und als ein Sixpack auf dem Bildschirm auftaucht, fange ich fast an zu sabbern. Ich drücke auf Pause, lasse meinen Kopf in den Nacken sinken und beiße mir auf meine Lippe.
Dieser Kerl hat den Körper eines Gottes, und ich muss es wissen, immerhin kenne ich jedes beschissene Video von ihm. Kurz gebe ich mir selbst die Zeit, die ich brauche, um mich mental auf das vorzubereiten, was ich gleich zu Gesicht bekomme, immerhin will ich keinen Ständer bekommen. Zumindest nicht hier.
Es folgen drei tiefe Züge an meiner Zigarette, bevor ich mich dazu in der Lage sehe, Mister Six anzugaffen, und starte das Video von Anfang an.
Basslastige Musik dringt aus den Lautsprechern, während dieser perfekte Body einen der beliebten Tiktok-Tänze performt, doch eben in seinem ganz eigenen Stil. Ich kenne die Bewegungen, doch er passt sie an die Musik an, macht daraus seine eigene Performance, während langgliedrige Finger über seinen Körper streichen.
Ich wünschte, es wären meine.
Ich wünschte, ich würde jede Furche dieser Muskeln mit meinen Fingerspitzen nachfahren. Wie immer zeigt er sein Gesicht nicht, muss er auch nicht, denn meine Augen hängen sowieso an der deutlichen Beule, die man in der engen Jeanshose sehen kann. Der Content ist seicht, dennoch zieht mich irgendwas daran an. Wobei er bloß ein wenig seine Muskeln spielen lässt und sich selbst über seine Haut streift.
Die Tanzbewegungen sind nebensächlich. Jeder, der seine Videos schaut, will seinen Augen einfach nur einen Orgasmus bescheren. Er ist keiner dieser billigen Kerle, die mit Motorradhelm oder Maske halbnackt vor der Kamera turnen. Nein, sein Hintergrund ist in ein tiefes Schwarz getaucht, einzig allein ein paar Umrisse sind zu erkennen, während die perfekte Beleuchtung von oben seinen Adoniskörper in Szene setzt.
Tiefe Schatten unterstreichen die Furchen seiner Muskeln und lassen ihn nur noch heißer wirken. Ja, ich simpe und das so hart, dass mir ein genervtes Brummen entweicht, als das Video endet.
Tja, dann starte ich es eben nochmal.
Diesmal fällt mein Blick auf das kleine Muttermal unterhalb seines Bauchnabels, es hat die Form einer Sechs. Deswegen auch sein Name, zumindest vermute ich das.
Ich blicke gebannt auf den Bildschirm, lasse das Video in einer Endlosschleife laufen und kann kaum den Blick abwenden, bis der Moment kommt, als ich eine körperliche Reaktion von mir spüre. Ich stoppe den Clip und werfe einen neugierigen Blick in die Kommentare, die hauptsächlich dieselben wie immer sind.
»Ride me, Daddy.«
»This…This is what i need!«
»Gimme ur thick c***.«
Hinzukommen unzählige Flammenemojis und Kommentare, die meine Gedanken formulieren.
Ich scrolle einmal durch und entdecke darunter noch ein paar Hater, dann welche, die ihn anbetteln, ihnen in den DMs zu antworten. Nichts Besonderes, also schließe ich die Kommentare und lese mir die Caption unter dem Video durch. Ich erwarte wie immer nur ein paar Sätze, doch diesmal promotet er etwas und das lässt mir die Kinnlade nach unten fallen. Okay, nein, es war meine Zigarette, aber dennoch!
Er hat Onlyfans!?!? Zumindest liest sich das so heraus. Er darf ja nicht für eine andere Seite offensichtlich Werbung schalten, ohne es genau anzugeben.
Never ever.
Ich schließe die App so schnell ich kann und gebe im Browser ein: K_six OF. Und tatsächlich, es wird mir etwas angezeigt. Er hat es also wirklich getan. Bitte kneift mich jemand.
Ich tippe auf das Suchergebnis und werde auf ein Profil weitergeleitet und wie erwartet wird mir der Zugriff ohne Account verweigert. Klasse. Sinke ich jetzt wirklich so tief und erstelle mir ein Onlyfans Profil, weil ich diesen Typen so hart simpe, dass ich mir seine Videos als Wichsvorlage nehme? Jap, ich sinke so tief. Aber nicht jetzt. Denn wenn ich es tue, dann privat, wenn ich allein bin und vor allem nicht auf dem Hinterhof vom Salon meiner Mutter.
Nein, so tief bin ich noch nicht gesunken.
Außerdem bin ich mir sicher, dass ich für diesen Content bezahlen muss, eine weitere Sache die mich davon abhalten sollte, was aber das kleinere Problem darstellt. Ich lasse das Handy diesmal endgültig in der Hosentasche verschwinden, hebe den letzten Rest der Zigarette auf und lege ihn ordentlich in den Aschenbecher, ehe ich ins Innere zurückkehre.
Die Tür fällt krachend ins Schloss, und kaum bin ich drinnen, schallt mir die Stimme meiner Mutter entgegen: »Honey, bist du wieder da? Komm mal her!« Sie klingt ungewöhnlich aufgeregt, fast schon nervös, was selbst in mir Neugier weckt. Eine willkommene Ablenkung, denn meine Gedanken beginnen gerade in eine nicht ganz jugendfreie Richtung abzudriften.
Ich weiß gar nicht ob man das noch macht. Aber Hei!
Willkommen in der Welt von Theo Carter. Oder Theodor Evans Carter. Ja ja, ich weiß, er ist sehr, uhm, sarkastisch unterwegs. Das wird sich im Verlauf der Story auch nicht wirklich ändern. Dieser Boy ist einfach speziell und mein spirit animal. Ich sags euch! Wenn euch das Kapitel nicht abgeschreckt hat, dann freut euch auf eine spannende aufregende Zeit mit ihm und natürlich mit dem Doc!
Eure A. C. Winter <3









Hey, der Anfang liest sich ja schonmal gut und ich fühl ihn. Kundenkontakt ist eine Pein. Bin gespannt, wie es weitergeht :)