Kapitel 1 – Sham Shui Po: Der Junge mit den zwei Vätern
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1 – Sham Shui Po: Der Junge mit den zwei Vätern
Kapitel 2 – Die Faust der Straße
Kapitel 3 – Blut und Versprechen
Kapitel 4 – Der Schatten des Vaters
Kapitel 5 – Die rote Linie
Kapitel 6 – Klingen im Nebel
Kapitel 7 – Blut & Beton
Kapitel 8 – Der Mann ohne Schatten
Kapitel 9 – Rückkehr nach Hongkong
Kapitel 10 – Der Brief
Kapitel 11 – Im Herz der Glut
Kapitel 12 – Rückkehr ins Inferno
Kapitel 13 – Die Spur im Staub
Kapitel 14 – Alto Hama
Epilog – Ruhiger Strand, scharfer Blick
Danksagungen

Kapitel 1 – Sham Shui Po: Der Junge mit den zwei Vätern
Hongkong, Sham Shui Po – 21.12.1967
Der Tag kommt mir vor, als wäre er gestern gewesen. Die feuchte Kälte drang durch die Ritzen der Wellblechhütten, während draußen die Rufe der Straßenhändler mit dem Knistern alter Radios um Aufmerksamkeit rangen. Es handelte sich um meinen achten Geburtstag. Und ich hätte mir nichts mehr gewünscht als Ruhe – doch Sham Shui Po kannte keine Ruhe. Nicht 1967 da kannte man sowas nicht.
Die Luft war erfüllt von Reismehlstaub, Fischsoße und einem subtilen Hauch von Blut. Die Angst lauerte an jeder Straßenecke, gleich einem alten Bettler mit einem Messer unter dem Mantel. Der Distrikt war fest im Griff der Unruhen – Bomben in Bussen, Schlägereien zwischen roten Kommunisten und pro-britischer Polizei, und irgendwo dazwischen: ich.
Mein Name ist Christian Browny. Mein Vater war ein Unbekannter mit blauen Augen, einer hohen Stirn und einem immer wachen Blick, wahrscheinlich europäischer Abstammung. Meine Mutter, eine Kantonesin, hatte samtbraune Haut, mandelförmige Augen und tiefschwarzes Haar, das sie immer zu einem straffen Knoten band. Meine Haare waren dunkelbraun und leicht gewellt. Sie fielen mir oft ins Gesicht. Meine Augen changierten im Licht zwischen Braun und Blau – eine seltsame Mischung, die mich stets auffällig machte.
Tagsüber arbeitete meine Mutter, Jinjin Chen, zwölf Stunden in einem kleinen Straßenrestaurant in der Fuk Wing Street, wo sie als Küchenhilfe dampfende Suppen zubereitete und sich in der Gluthitze der Garküche die Finger verbrannte. Sie sagte stets, mein Vater sei „auf Geschäftsreise“. Ich habe aufgehört zu glauben, dass sie das je selbst glaubte.
Wir lebten in einem Käfig. Es ist nicht anders zu bezeichnen. Acht Quadratmeter, ein rostendes Metallgitter, das uns vom Rest der Wohnung abtrennte, in der zwei weitere Familien lebten. Die Geräusche des Alltags – wie Furzen, Husten, Beten und Weinen – bildeten unsere permanente Hintergrundmelodie. In Sham Shui Po fand das westliche Konzept der Privatsphäre keinen Platz.
Mein erster Stiefvater trug den Namen Lau Tak. Ein Betrunkener, grob wie ein verrosteter Schraubenschlüssel. Er kam und ging, hatte einen Geruch nach Reiswein und gebrochenen Versprechungen. Ich erinnere mich, dass er mich einmal mit einem Gürtel schlug, nur weil ich ihn beim Schnarchen geweckt hatte. Mein Alter war damals sechs. In einer Seitengasse wurde er zwei Jahre später mit aufgeschlitzter Kehle gefunden – ein Messer steckte in seiner Brust, und er hielt einen Mah-Jongg-Stein in der Hand. Er hat sich mit den Falschen eingelassen und verloren.
Der zweite Mann unterschied sich. Sein Name war Meister Kwan. Obwohl das möglicherweise nicht sein wahrer Name war, nannten ihn alle so. Er war über fünfzig Jahre alt, hatte eine schmale Statur, war drahtig, mit blasser Haut und einer Stirn, auf der sich die Jahre wie Schnittlinien eingegraben hatten. Er hatte kurz geschnittene Haare, eisgraue Schläfen, und seine Augen – pechschwarz und kalt wie polierter Obsidian – zeugten von einer Vergangenheit, die man besser nicht ansprach. Er trug stets eine Mao-Jacke, rauchte Zigaretten, die er selbst drehte, und hatte eine Vorliebe für süßen Tofu. „Kung-Fu beginnt im Herzen“, erklärte er mir, während er mir beibrachte, wie man steht, fällt und schlägt, ohne zu zerstören – außer es ist notwendig.
Mit acht Jahren habe ich zum ersten Mal einen anderen Jungen niedergeboxt. Er war älter, kräftiger und hatte mir das Essen weggenommen. Ich traf ihn im Bereich des Solarplexus. Er fiel zu Boden wie ein nasser Sack. Es war der erste Augenblick, in dem ich fühlte: Ich kann mich zur Wehr setzen. Ich muss nicht die Rolle des Opfers einnehmen.
Auf dem Dach eines Resettlement-Gebäudes trainierte mich Meister Kwan – auf einer windgepeitschten Betonfläche mit rostigen Wassertanks und flatternden Drachen. Er lehrte mich Wing Chun und anschließend Choy Li Fut. Er kannte die Schwächen der Stile und demonstrierte mir, wie ich sie kombinieren konnte. Nicht aus Ehrgeiz, sondern um zu überleben.
Oft lag ich nachts wach, während die Triaden in der Straße unter uns ihre Runden drehten. Männer in Anzügen, deren Zähne geschwärzt sind, Dolche in ihren Ärmeln stecken und Geldscheine in ihren Taschen liegen. Ich erkannte rasch, vor wem man besser nicht in die Nähe kam. Und wenn man besser begrüßte.
Im Jahr 1967 fanden die Aufstände statt. Arbeiter des Kommunismus warfen Bomben in Abfallbehälter, britische Polizisten feuerten in die Menschenmenge. Ich sah einen Jungen, der in meinem Alter war und Flugblätter austeilte – fünf Minuten später lag er mit blutendem Gesicht in einer Pfütze. Ich lernte, meine Augen zu senken und meine Faust zu behalten, bis ich sie tatsächlich benötigte.
In einer Nacht – es muss Ende Dezember gewesen sein – vernahm ich Schreie im Innenhof. Eine Frau wurde geschlagen. Ich rannte nach draußen und sah einen Mann in einem Hemd und mit Hosenträgern, der mit seinem Gürtel auf seine Frau einschlug. Niemand wagte es, dazwischenzugehen; einige der Vorbeigehenden schauten einfach weg und beschleunigten ihren Gang. Ich nahm wahr, dass mein Herz raste und meine Handflächen feucht wurden – und dann setzte ich mich in Bewegung. Mein linker Fuß stieß sich vom Boden ab, und der Körper vollzog eine fließende Bewegung, wie ich es hundertmal bei Meister Kwan gesehen hatte. Mit einem einzigen Schritt überbrückte ich die Distanz und traf mit vollem Schwung den Unterkiefer des Mannes mit meinem Knie. Ein gedämpfter Knall, als würde Holz brechen. Sein Kopf zuckte zurück, und der Gürtel fiel mit einem Klirren zu Boden.
Die Dauer, in der ich ihn schlug, ist mir nicht mehr klar. Nur meine Knöchel waren blutend, das weiß ich. Und dass Meister Kwan mir danach einen langen Blick zuwarf. Kein Lob. Keine Rüge. Nur mit dem Kopf nicken.
Am Abend dieses Tages wurde mir klar: Ich war nicht mehr nur ein Kind.
Ich hatte mich verändert.
Etwas, das in Sham Shui Po entstand – zwischen Reissäcken und Blut, zwischen Dampf und Stahl, zwischen dem Verlangen nach einem Vater und dem Geräusch brechender Knochen.
Das war der Beginn.
Der Beginn von Christian Brownys Geschichte – dem jungen Mann, der zum Krieger wurde.