Chapter 1 - The Wild Hunt
Mondlicht flutete den verschneiten Wald. Silberne Lichtstreifen drangen durch die schweren Äste der alten Bäume, die träge das Land zwischen Mount Custer und Mount Richards bewachten. Frost bedeckte Rinde und Nadeln gleichermaßen und verwandelte die Wildnis in eine Kathedrale aus blassem Licht und Schatten.
Sie rannte.
Der Wald breitete sich unter ihren Pfoten aus. Jedes Geräusch war scharf und lebendig – das Knacken von Zweigen, das sanfte Knirschen des Schnees, das Rauschen ihres Blutes in den Ohren. Die kalte Luft brannte bei jedem Atemzug in ihrer Lunge, und der stete Sog der Nacht sang durch ihre Muskeln. Das war die Stunde, die ihr Körper am besten verstand. Kein Gedanke. Kein Zweifel. Nur Bewegung.
Die wundervolle weiß-graue Wölfin hielt kurz an einem der Seen inne. Dampf stieg in geisterhaften Schwaden aus ihren Nüstern auf. Eis überzog das Ufer und war zerbrochen wie Glas. Sehnige Muskeln spielten unter ihrem schimmernden Fell und zuckten vor rastlosem Adrenalin – Kraft, die sich aufstaute und nur darauf wartete, entfesselt zu werden.
Einmal im Jahr organisierte der Alpha-King dieses Ereignis. Es sollte Wölfen helfen, endlich ihren fated mate zu finden, falls sie einander nicht innerhalb ihrer eigenen Rudel erkannten. Die Jagd war Tradition, Spektakel und Versprechen zugleich. Mit sechsundzwanzig galt Amber als alt dafür, noch immer allein zu sein – doch sie weigerte sich, einen Gefährten nur um der Bindung willen zu akzeptieren.
Sie hatte den Glauben an die Mondgöttin nie verloren. Sie würde sich mit ihrem fated mate binden – oder allein sterben.
Selbst wenn sie ihn bei dieser Jagd nicht finden sollte, genoss sie den Nervenkitzel, mit so vielen ihresgleichen zu rennen. Die Luft war erfüllt von fernen Herzschlägen und dem Heulen, das zwischen den Bergen widerhallte. Als Kriegerin ihres Rudels war Amber auf dem Höhepunkt ihrer Kraft: explosive Stärke gepaart mit scharfem Verstand und der Ausdauer, stundenlang zu rennen, wenn es nötig war.
Sie atmete tief ein und genoss die Luft hier weit im Norden. Frost und Kiefernnadeln vermischten sich mit dem Duft von offenem Wasser – klar, scharf und berauschend.
Ein nahes Heulen ließ sie aufhorchen – und als sie sich drehte, um zurück in den Wald zu sprinten, roch sie es plötzlich.
Zimt und Eiche. Rauch und etwas Süßeres – wie Honig, der über einem Feuer erwärmt wurde.
Amber wusste es sofort. Er war es.
Wärme breitete sich tief in ihrem Rücken aus, unmittelbar und unbestreitbar. Eine Anziehungskraft, gegen die sich kein Wolf je gewehrt hatte. Der Duft hüllte ihre Sinne ein – richtig, richtig, richtig – und irgendwo hinter ihr verstummte sein Heulen.
Er hatte sie ebenfalls gerochen.
Ihr Kiefer öffnete sich und sie antwortete mit einem Heulen – eine Neckerei, eine Herausforderung, durchzogen von einem Lachen, das nur Wölfe hören konnten.
Adrenalin durchflutete ihren Körper, als sie ihre Beine streckte und ihre Pfoten auf dem frostigen Boden donnerten. Schnee wirbelte hinter ihr auf, als sie vorwärtspreschte. Jeder Schritt raubte Distanz. Sie spürte, wie er aufholte – stetig und unerbittlich.
Sie drehte sich nicht um.
Keine so törichten Fehler.
Wenn er ihr fated mate war, musste er das Rennen gewinnen. Er musste beweisen, dass er es wert war.
Ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Wilde, urzeitliche Freude strömte bei jedem Schritt durch ihre Adern. Sie spürte, wie er versuchte, sie nach Norden zu drängen. Er trieb sie subtil in eine bestimmte Richtung, um ihre Instinkte zu testen.
Sie gab nicht nach.
Sie zickzackte durch die Bäume, sprang über Wurzeln und Klüfte. Sie weigerte sich, wie Vieh getrieben zu werden. Schneebedeckte Zweige peitschten gegen ihre Flanken, als sie tiefer in die dichtesten Teile des Waldes vordrang.
Sie wählte einen schmalen Pfad, der sich eng durch die Bäume schlängelte, schnell wie ein Zauber – sie vertraute auf ihre Wendigkeit und Schnelligkeit, um seiner größeren Kraft im schwierigen Gelände entgegenzuwirken –
—und dann spürte sie seinen heißen Atem an ihren Fersen.
Gewissheit vibrierte durch ihre Brust.
Sie brachen gemeinsam auf eine Lichtung. Ihr Schwung ließ nach, als sie sich verwandelten – Knochen, Atem und Haut ordneten sich in einem Wimpernschlag neu, der sich so alt anfühlte wie der Mond über ihnen. Sie taumelte, ihre Stiefel gruben sich in den gefrorenen Boden. Sie war wieder ein Mensch, ihr Herz hämmerte.
Er stand ihr gegenüber, die Augen hell, der Atem schwer. Erkenntnis loderte zwischen ihnen wie ein Brandzeichen auf Fleisch und Seele gleichermaßen.
„Mate“, flüsterte sie, das Wort entriss sich ihr ohne nachzudenken.
Seine Lippen kräuselten sich, besitzergreifend. Triumphierend.
„Mein.“
Der Wald hielt den Atem an.